Frag die WOZ : Darf man Liveticker boykottieren?

«Ist es in Ordnung, aus Selbstschutz Nachrichtenseiten mit Liveticker zu boykottieren?»

L. B., per Mail

Vielen Dank für diese Frage, mit der Sie keinesfalls alleine dastehen.

Das Bedürfnis, einen Teil der Medienberichterstattung zu boykottieren oder dieser – zumindest für eine gewisse Zeit – gar völlig den Rücken zu kehren, verspüren Millionen von Menschen. Es nimmt seit Jahren zu. Zu diesem Schluss kommt die Denkfabrik Reuters Institute der Universität Oxford, die in ihrem jährlichen «Digital News Report» das Mediennutzungsverhalten in knapp fünfzig Ländern untersucht. Im Jahr 2025 gaben ganze 40 Prozent der Befragten an, zumindest manchmal Nachrichten bewusst aus dem Weg zu gehen – ein Wert, der seit Beginn der Erhebung noch nie so hoch war.

Die Schweiz, daran ändert auch das weitverbreitete Selbstverständnis als Sonderfall nichts, ist hier keine Ausnahme: 46 Prozent der Bevölkerung haben hierzulande im vergangenen Jahr selten bis gar nie Nachrichten konsumiert. Das zeigen Forscher:innen der Universität Zürich im «Jahrbuch Qualität der Medien». Die Wissenschaft hat für das Verhalten sogar einen eigenen Begriff entwickelt: Die Rede ist von «Nachrichtenvermeidung». Oder, um es in doch professioneller klingendem Englisch zu sagen, von «News Avoidance».

Gründe dafür gibt es viele. Ganz vorne stehen negative Auswirkungen der Nachrichten auf die eigene Stimmung. Eine Überforderung mit der Masse an News, die tagtäglich auf uns einprasselt, und ein Ohnmachtsgefühl gegenüber den aktuellen Entwicklungen rangieren bald dahinter. Es gehe ihnen besser, seit sie sich nicht mehr über das Weltgeschehen informierten, hört man von Nachrichten­vermei­der:in­nen oft. Weniger Stress, weniger Angst, weniger Sorgen.

Wer kann es ihnen verübeln?, möchte man denken, überkommt einen angesichts der täglichen Schreckensmeldungen von Kriegen, Tod, Zerstörung doch selbst als Journalist:in bisweilen der Wunsch, den Laptop zuzuklappen, Smartphone, Radio und Fernseher auszuschalten, die Zeitung im Briefkasten liegen zu lassen und sich unter der Bettdecke zu verkriechen. Das Problem: Besser macht das die Weltlage nicht. Im Gegenteil. Wer nicht informiert ist, beteiligt sich in der Regel auch weniger an demokratischen Prozessen, hat weniger Vertrauen in die Politik und ist empfänglicher dafür, online in problematische Echokammern abzudriften. «News Avoidance» ist also definitiv keine Lösung.

Für das eigene psychische Wohlbefinden empfehlen Expert:innen stattdessen einen bewussteren und entschleunigten Nachrichtenkonsum: klar definierte Medienzeiten, das Deaktivieren von Pushnachrichten, mehr Hintergrundberichte und Analysen, weniger Doomscrolling in Nachrichtenfeeds.

Und genau hier kommen wir auf Ihre Frage zurück. Ist es in Ordnung, Liveticker zu boykottieren? Ich würde sagen: Ja, auf jeden Fall. Das Risiko, länger als beabsichtigt im Strudel mehrheitlich negativer Nachrichten hängen zu bleiben, ist gross, der Erkenntnisgewinn meist ohnehin überschaubar. Wieso also seine Zeit nicht lieber anders nutzen und später eine gute Analyse lesen? Das spart Bildschirmzeit und hilft, auch die grösseren Zusammenhänge zu verstehen.

Ob nun gleich ganze Nachrichtenseiten, die Liveticker zu ihren Beiträgen zählen, auf eine rote Liste müssen, ist wohl zuvorderst eine Frage der Selbstbeherrschung: Ich kann mich dort schliesslich auch auf andere Inhalte konzentrieren.

Bei der WOZ braucht man sich diese Frage aber gar nicht erst zu stellen.

Immer montags beantworten wir in der Rubrik «Frag die WOZ» jeweils eine wirklich (un)wichtige Leser:innenfrage. Noch Fragen? fragdiewoz@woz.ch!