Frag die WOZ : Ist Homo sapiens ein Auslaufmodell?

«Ist der Homo sapiens ein Auslaufmodell?»

J. S., per Mail

Das ist eine sehr gute Frage. Viele Linke haben ja Mühe mit der Tatsache, dass wir ein Zufallsprodukt der Evolution sind, eine Tierart unter vielen, wenn auch eine mit sehr speziellen Eigenschaften. Sie, liebe:r Leser:in, offensichtlich nicht.

Aber zuerst ist es wohl nötig zu definieren, was mit «Auslaufmodell» gemeint ist. Homo sapiens lebt seit 300 000 Jahren auf diesem Planeten. In dieser Zeit hat unsere Art viele Krisen erlebt. Vor 70 000 Jahren wäre sie sogar beinahe ausgestorben, möglicherweise wegen eines Vulkanausbruchs auf Sumatra. Dieser «genetische Flaschenhals» ist heute noch in unserem Erbgut erkennbar.

Homo sapiens ist unglaublich anpassungsfähig. Als unsere Art noch in mobilen Kleingruppen unterwegs war, gelang es ihr, sich an praktisch alle Ökosysteme der Welt anzupassen, auch an arktische Tundra, Wüste und tropischen Regenwald. Darum wird sie vermutlich nicht so bald aussterben. Aber wie sie mit den schwierigen Bedingungen zurechtkommen wird, die sie selbst geschaffen hat, ist eine offene Frage.

«Sesshafte Landwirtschaft, Städte, Nationen und Staaten, Informationstechnologie und all die anderen Aspekte der modernen Welt haben sich in einer langen Ära günstiger klimatischer Bedingungen entwickelt. Diese Ära ist vorbei», schreiben der britische Ökonom Raj Patel und der US-Geograf und -Historiker Jason W. Moore im Buch «Entwertung. Eine Geschichte der Welt in sieben billigen Dingen».

Unsere Art hat ihre Umgebung immer verändert, aber lange waren ihre Möglichkeiten dabei begrenzt. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts haben die Veränderungen ein alarmierendes Tempo und Ausmass angenommen. Das betrifft nicht nur das Klima, sondern auch die Zerstörung von Böden, die chemische und nukleare Verseuchung und – als Folge all dieser Entwicklungen – das Aussterben von Arten. Mit gigantischen Mengen Treibhausgasen und mit der Kernspaltung hat Homo sapiens die Geologie dieses Planeten auf Jahrhunderttausende hinaus verändert. Das ist gemeint mit dem Wort «Anthropozän», das der niederländische Meteorologe Paul Crutzen erfunden hat. Patel und Moore stellen diesen Begriff infrage. Nicht «der Mensch» an sich (griechisch «anthropos») habe den Schaden angerichtet, sondern ein ganz bestimmtes Wirtschafts- und Gesellschaftssystem: der Kapitalismus. Moore hat deshalb den Begriff «Kapitalozän» vorgeschlagen.

Es stimmt: Mehr als 95 Prozent der Menschheitsgeschichte haben wir gelebt, ohne allzu grossen Schaden anzurichten. Ob unsere Art mit ihrem komplexen Gehirn und ihrem Expansionsdrang zwangsläufig früher oder später in der heutigen Situation gelandet wäre (der Begriff «Anthropozän» also berechtigt ist), darüber lässt sich lange streiten. Klar ist jedoch, dass viele ungute Entwicklungen lange vor dem Kapitalismus begonnen haben, nämlich vor 10 000 Jahren in den Stadtstaaten Mesopotamiens. Etwa die Idee, Menschen könnten andere Menschen besitzen, oder Frauen und Kinder seien dem Mann untertan.

Klar ist auch (wie Patel und Moore schreiben): Die Stabilität ist vorbei. «Unabhängig davon, zu welchen Entscheidungen die Menschheit kommt, wird das 21. Jahrhundert eine Phase abrupter und irreversibler Veränderungen im Netz des Lebens werden.» Die geologischen Veränderungen, die unsere Art im Kapitalismus angerichtet hat, werden uns selbst das Leben immer schwerer machen. Leider zuerst und am meisten jenen, die am wenigsten dafür verantwortlich sind. Versuche, uns von den Gefahren abzuschotten, ob auf der Erde oder auf dem Mars, werden wahrscheinlich scheitern. Medizinische Versuche in Antarktisstationen zeigen, dass das Immunsystem nicht für ein Leben ohne Kontakt zur Aussenwelt geeignet ist. Wir sind in Koevolution mit unserer Umgebung entstanden, mit den Bakterien, Viren und Pilzen in der Luft, im Boden und im Wasser. Wir können nicht ohne sie.

Abgesehen von diesen biologischen Einschränkungen sind wir, wie gesagt, enorm anpassungsfähig. Wenn nicht gerade das Schlimmste – ein globaler Atomkrieg – eintrifft, wird unsere Spezies wohl noch eine Weile da sein. Aber einfach wird es nicht.

Immer montags beantworten wir in der Rubrik «Frag die WOZ» jeweils eine wirklich (un)wichtige Leser:innenfrage. Noch Fragen? fragdiewoz@woz.ch!