Frag die WOZ : Darf ich als Rentner nichts machen?

«Darf ich als Rentner eine ganze Woche lang nichts machen, um mich zu langweilen?»

R. B., per Mail

Das ist eine sehr gute Frage! Aber es ist auch eine vielschichtige Frage, die Sie sicher auch im Namen anderer Rentner:innen stellen, denn die haben meines Wissens ähnliche Probleme.

Um uns einer Antwort anzunähern, müssen wir zuerst ein paar Einzelheiten klären: Was verstehen Sie unter «nichts machen»? Ausschliesslich das Fehlen von allgemein als nützlich betrachteten Tätigkeiten? Denn nur schon das ruhige Beobachten einer tickenden Uhr kann als Handlung gelten, obwohl sich ganz sicher schnell eine zufriedenstellende Langeweile einstellt. Das fällt meines Erachtens unter passive Langeweile.

Zu dieser Kategorie kann auch das stundenlange Herausschauen aus dem Küchenfenster gezählt werden, es sei denn, in Ihrer Umgebung ist zu viel los: spielende Kinder, streitende Nachbar:innen, Autos, deren Marken Sie registrieren und aufschreiben könnten.

Vielleicht fühlen Sie auch ein Bedürfnis nach aktiver Langweile, zum Beispiel beim Fernsehen oder Lesen, aber auch im Internet. Das funktioniert erfahrungsgemäss immer dann hervorragend, wenn man etwas schaut oder liest, das einen nicht im Geringsten interessiert. Ich verzichte hier auf Beispiele, bei denen ich mich ganz schön langweile, weil ich niemandem zu nahe treten möchte, der gerade diese Stoffe schätzt.

Zudem scheinen Sie über eine rücksichtsvolle Wesensart zu verfügen, da Sie sogar fragen, ob Sie sich überhaupt langweilen dürfen. Neigt Ihr Umfeld zu Aktionismus? Will man Sie seit Eintritt in die Rente ständig zu Kreuzfahrten und Wandertouren verlocken? Sollen Sie einem Sportverein beitreten oder ins Fitnesscenter gehen? Oder sich wenigstens bei «Rent a Rentner» anmelden?

Aber vielleicht erwartet gar niemand irgendetwas von Ihnen, nur Sie selbst fragen sich in schlaflosen Nächten, ob Sie das alles müssten. Was wiederum auf eine anerzogene protestantische Ethik verweisen würde.

Zu guter Letzt bleibt offen, warum Sie sich Ihr dringendes Bedürfnis nur für eine Woche gönnen möchten. Sie sind schliesslich der Herr über Ihr Dasein, und wenn Sie sich bis an Ihr Ende langweilen wollen, ist das Ihr gutes Recht.

Sollten dann eines Morgens beim Erwachen aus Ihrem tiefsten Innern Wünsche hervorbrechen, mit denen Sie niemals gerechnet hätten – eine Kreuzfahrt (egal welches Virus dort grade grassiert), ein Fitnessabo oder der Einstieg in die Politik –, ist das kein Problem: Auch dabei wird sich zuverlässig bald eine gediegene Langeweile einstellen. Viel Glück!

Immer montags beantworten wir in der Rubrik «Frag die WOZ» jeweils eine wirklich (un)wichtige Leser:innenfrage. Noch Fragen? fragdiewoz@woz.ch!