Slopaganda : Propaganda zum Mitmachen

Beim Wort Propaganda denken wir meist an die totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts. Deren Propaganda funktionierte vertikal: Sie wurde von oben gelenkt, ihr Ziel war die Indoktrination und Mobilisierung der Massen. Die Massen selbst wurden zwar ins Bild gesetzt, in Aufmärschen und Grosskundgebungen inszeniert, doch die Produktion und Verbreitung der Bilder war Angelegenheit staatlicher Apparate und professioneller Akteur:innen. All das gilt im Social-Media-Zeitalter immer weniger – und mit KI-generierter «Slopaganda» erst recht nicht. Sie entsteht horizontal, indem sie in sozialen Netzwerken massenhaft geteilt und endlos variiert wird.

«Slopaganda» ist Propaganda, die sich selbst vermehrt. Die weltweit geteilten Lego-Clips, mit denen das iranische Regime Trump ins Lächerliche zieht (und antisemitische Verschwörungstheorien verbreitet), werden zwar im staatlichen Auftrag produziert. Doch ihr Social-Media-Erfolg hat längst auch andere Akteure motiviert. So feiert ein Berliner Youtuber Erfolge mit einem KI-Clip, in dem Trump mit Modern-Talking-Frisur zur Melodie des Eighties-Synth-Pop-Hits «Voyage, Voyage» über die Strasse von Hormus singt: «Blockade, Blockade». Der Krieg ist zum Meme-Material geworden – zur Freude des iranischen Regimes, das auch dieses Video über einen seiner Botschaftsaccounts teilte und damit erst zum viralen Hit machte.

Das Beispiel zeigt: Die Grenze zwischen kommerziellem Slop, der bloss Aufmerksamkeit und Clicks generieren soll, und politischer Propaganda ist fliessend. Was zunächst als harmloser Clickbait erscheint, kann im Krieg der Memes zur Waffe werden. Kommerzielle Intentionen und politische Instrumentalisierung schliessen sich nicht aus, sie können sogar voneinander profitieren: Der Berliner Youtuber verkauft jetzt T-Shirts, Tassen und anderes Merchandise mit Bildern des Eighties-Trump in seinem Onlineshop.

Die erfolgreichste «Slopaganda» ist jene, die scheinbar von selbst entsteht. Kaum jemand weiss, wer die unzähligen Bilder von Trump als Gladiator, Papst oder Jesus generiert hat. Der US-Präsident teilt auf seinem Truth-Social-Account, was Leute aus seinem Umfeld in den Weiten des Internets gefunden haben. Nur in Ausnahmefällen, wie dem berüchtigten «Trump Gaza»-Video, lässt sich die Urheberschaft rekonstruieren. Der KI-Clip, der ein ethnisch gesäubertes Gaza als Tourismusparadies imaginiert, war von zwei Filmemachern aus L.A. produziert worden – angeblich als Satire, wahrscheinlicher als Werbung für die eigene Produktionsfirma. Vermutlich über Trumps Hollywood-Botschafter Mel Gibson gelangte der Clip ans Weisse Haus.

Trump wie die iranische Botschaft, die Filmemacher aus Hollywood und der Youtuber aus Berlin sind miteinander vernetzte Accounts, die denselben Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie unterliegen. Staatliche Stellen wie kommerzielle Accounts agieren unter Social-Media-Bedingungen gleichermassen als Content-Producer: Sie reagieren auf Themenkonjunkturen, spekulieren auf Clicks, adaptieren und variieren Inhalte und passen sie den Reaktionen des Publikums an, um konkurrierenden Content zu verdrängen. Denn «Slopaganda» ist nur als Slop wirksam – wenn es ihr nämlich gelingt, die Feeds und Timelines zu dominieren.

Der Bild- und Medienwissenschaftler Roland Meyer ist Brückenprofessor für Digitale Kulturen und Künste an der Universität Zürich und der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). In seiner sechsteilgen WOZ-Onlinekolumne «Slopaganda» rückt er gezielt KI-generierte Propaganda in den Fokus.