Frag die WOZ : Wie verschleiere ich online meine Identität?

«Wie verschleiere ich online meine Identität?»

K. B., per Mail

Das ist eine sehr gute Frage! Für dieses Vorhaben gibt es plausible Gründe: Es gibt genug Beispiele von linken Aktivist:innen, die staatliche Repression erfahren; von Personen, die wegen einer Onlinesuche nach «Schwangerschaftsabbruch» angezeigt werden; von solchen, die aufgrund von Doxxing zu Hause von komischen Typen aufgesucht werden. Das wollen wir natürlich alles tunlichst vermeiden!

Nun: Mit jeder Verbindung zu einer Website oder einem Internetdienst hinterlassen Sie eine Spur – Ihre IP-Adresse. Diese identifiziert eindeutig Ihren Internetanschluss und ist für jeden Dienst sichtbar, den Sie aufrufen. Melden Sie sich bei einem Dienst dazu noch an, werden diese Verbindungsdaten zusätzlich mit Ihrer E-Mail-Adresse verknüpft – und immer häufiger auch mit Ihrer Telefonnummer. Twint weiss, wem Sie jeden Monat hundert Franken für Gewürze überweisen, und die SBB-App zeichnet Ihren Arbeitsweg auf. Und selbst wenn Sie kein Whatsapp nutzen, teilen Ihre Freund:innen Ihren Namen und Ihre Nummer mit Meta. Hinzu kommen biometrische Daten: Gesicht und Ausweisdokumente landen auf Servern – etwa bei der Fahrausweiskontrolle für Mobility oder beim Abschluss eines Handyabos. So entsteht mit der Zeit ein detailliertes Bild Ihres Onlineverhaltens, das sich verschiedenen Akteur:innen – Behörden, Unternehmen, aber auch Angreifer:innen – erschliessen kann.

Diese bereits gemachten Aufzeichnungen lassen sich im Nachhinein logischerweise nicht mehr verschleiern. Es bringt wenig, nach einer unbewilligten Demonstration eine Sonnenbrille aufzusetzen – man muss sich schon vorher vermummen. Das Ziel ist also, sich im Internet zu bewegen, ohne dass Rückschlüsse auf die bereits über Sie gesammelten Daten möglich sind. Wie geht man vor? Dafür braucht es eine neue Identität – und die lässt sich online zum Glück vergleichsweise einfach aufbauen, jedenfalls verglichen mit plastischer Chirurgie, gefälschtem Pass und gestohlenem Fluchtwagen.

Werden wir also konkret: Installieren Sie Tails auf einem USB-Stick, um Ihren Laptop dann mit diesem sicheren Betriebssystem zu starten. Bei Unsicherheiten fragen Sie ein:e Hacker:in Ihres Vertrauens um Rat und Tat. Um Ihre Identität online langfristig zu verschleiern, gibt es eine unverhandelbare Grundregel: Die eigene IP-Adresse muss in jedem Fall verborgen bleiben. Bei Tails ist das dank des Tor-Browsers voreingestellt.

Da Sie Ihre übliche E-Mail-Adresse – mit der Sie bereits allerorts registriert sind – nicht verwenden können, brauchen Sie eine neue, anonyme Adresse. Für Dienste, die Sie nur kurz ausprobieren möchten, genügt eine Wegwerfmailadresse. Bei Google, Microsoft und Co. kommen Sie damit allerdings nicht weit: Nach Dutzenden von Captchas werden Sie blockiert oder müssen eine Telefonnummer hinterlegen. Bei kleineren Anbietern haben Sie vielleicht mehr Glück – oder Sie suchen Unterschlupf bei Techkollektiven wie immerda.ch, systemli.org oder ähnlichen Projekten. Unverschlüsselte Kommunikation ist in jedem Fall zu vermeiden und daher auch das Schreiben von Mails. Verschlüsselt kommunizieren kann man beispielsweise mit den Apps Threema und Signal. Beide sind relativ einfach zu bedienen, benötigen aber ein Smartphone. Threema kann immerhin ohne Telefonnummer genutzt werden. Sogenannte Matrix-Clients können alternativ auch auf dem Laptop genutzt werden, und ein dezentraler Account dafür ist bei Techkollektiven oft inbegriffen.

Sollten Sie vorhaben, etwas öffentlich ins Internet zu stellen, sollten Sie einiges beachten. Entfernen Sie bei Bildern alle Metadaten – sie enthalten Angaben zu Kamera, Erstelldatum und mitunter GPS-Koordinaten – und prüfen Sie, was im Hintergrund zu sehen ist. Noch besser: Verzichten Sie ganz auf echte Fotos. Auch Ihre Sprache kann Sie verraten; verwenden Sie deshalb ungewohnte Formulierungen und schalten Sie die Rechtschreibprüfung ein, um forensisch-linguistische Analysen zu erschweren. Achten Sie zudem auf Publikationszeitpunkte: Die Tageszeit lässt Rückschlüsse auf Ihre Zeitzone zu, längere Pausen auf Ferien oder andere Aktivitäten Ihrer realen Identität. Auch hier gilt: Einmal veröffentlichte Indizien lassen sich nicht zurücknehmen – und mit KI wird deren Auswertung zunehmend schneller und präziser.

Online seine Identität zu verschleiern, braucht einiges an Aufwand. Falls Sie nicht eine Million Bitcoins besitzen und auch nicht den sofortigen Umsturz des Systems planen, müssen Sie dabei nicht alles perfekt machen. Es lohnt sich aber grundsätzlich, sensible Daten über sich und sein Umfeld zu reduzieren, damit sie nicht in die falschen Hände geraten. Vergessen Sie nicht: Auch digitale Überwachung ist ein Machtinstrument zur Unterdrückung von widerständiger Meinung. Und sollten Sie mit dem Patriarchat oder der Machtverteilung im Kapitalismus nicht einverstanden sein, haben Sie wahrscheinlich etwas zu verbergen. Gut also, dass Sie solche Fragen stellen!

Immer montags beantworten wir in der Rubrik «Frag die WOZ» jeweils eine wirklich (un)wichtige Leser:innenfrage. Noch Fragen? fragdiewoz@woz.ch!