Slopaganda : Mehr als nur Desinformation
Eine traurige Kleinfamilie mit Vater, Mutter und zwei blonden Kinder. Auf gepackten Koffern, die Hände in den Schoss gefaltet, sitzen sie auf der Strasse, oder genauer: auf einer Bank vor einem grauen Wohnblock. Solche und ähnliche Bilder von besorgten Familien, die ihre Rechnungen nicht bezahlen können, von überfüllten Krankenhausfluren und verzweifelten Ärzt:innen und immer wieder auch von riesigen Menschenmengen mit dunkler Hautfarbe werden mir seit einiger Zeit regelmässig in meinen Linkedin-Feed gespült. Sie werben für die «10 Millionen»-Initiative der SVP, und es handelt sich durchweg um KI-generierte Slopaganda.
Typisch für KI-generierte Bilder sind dabei nicht nur die vielen seltsamen Verzerrungen, die sich beim Blick auf die Details offenbaren. Typisch ist vor allem die extreme Übereindeutigkeit der Bilder. Trotz ihrer fotorealistischen Anmutung geben sie gar nicht vor, die Realität abzubilden. Es sind Symbolbilder, auf maximale Lesbarkeit hin optimierte Visualisierungen von Slogans. Sie nehmen diffuse Vorstellungen auf, die latent bei vielen vorhanden sind, und verdichten sie zu Bildern, die vor allem affektiv wirken sollen. So schaffen sie Identifikations- und Deutungsangebote: Wenn ich Angst vor Mieterhöhung oder Kündigung habe, kann und soll ich mich mit der Kleinfamilie identifizieren – und meine alltäglichen Sorgen finden in der Kampagne nicht nur ein Echo, sondern auch einen Schuldigen und ein Ventil.
Daran ist zunächst nichts Neues: So hat Propaganda schon immer funktioniert. Neu ist, dass mit KI die Grenze zwischen Symbolbildern und solchen, die wie authentische Aufzeichnungen der Wirklichkeit erscheinen, immer mehr verschwimmt. Jüngst sorgten KI-generierte Tiktok-Videos für Aufregung, in denen wütende Proteste gegen Zuwanderung im ganzen Land zu sehen waren – sie waren ebenso falsch wie die synthetischen Nachrichtensprecherinnen, die von achtzig Prozent Zustimmung zur Initiative berichteten. Meist ist im Zusammenhang mit solchen Clips von Deepfakes und Desinformation die Rede. Doch das erfasst nur einen Teil des Problems. Denn auch hier geht es nicht primär darum, ob diejenigen, die solche Clips liken und kommentieren, tatsächlich alles glauben, was sie sehen. Es geht vor allem darum, dass sie sich damit identifizieren und ihre Weltsicht bestätigt finden.
Selbst wenn manche tatsächlich davon überzeugt sein sollten, dass überall in der Schweiz riesige Demonstrationen stattfinden, die von den Medien totgeschwiegen werden – für den Erfolg der Slopaganda-Clips ist das zweitrangig. Die Zustimmung, die sich in den Kommentaren unter diesen Clips findet, gilt weniger dem faktischen Wahrheitsgehalt als der affektiven Resonanz. Das Angebot, das solche Slopaganda macht, hat daher weniger mit Desinformation als vielmehr mit Worldbuilding zu tun. Slopaganda verdichtet Erzählungen und Weltbeschreibungen, die es erlauben, sich als Teil einer unterdrückten, von allen Seiten bedrohten Mehrheit zu fühlen.
Weil diese Erzählungen so grosse affektive Resonanz finden, ist es nicht einmal ausgemacht, dass sie allein aus politischen Motiven gestreut werden. Auch kommerzielle AI-Slop-Accounts, die auf monetarisierbares Engagement setzen, bedienen mittlerweile ähnliche Muster. Dagegen, so ist zu befürchten, helfen Faktenchecks und Aufklärung allein nichts. Auch mit Regulierung und Verboten ist es nicht getan. Vielmehr braucht es ein kollektives Worldbuilding, das nicht auf Ausschluss und Ressentiment setzt, und alternative Erzählungen, die echte Antworten auf die alltäglichen Sorgen und Ängste aller Menschen formulieren.
Der Bild- und Medienwissenschaftler Roland Meyer ist Brückenprofessor für Digitale Kulturen und Künste an der Universität Zürich und der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). In seiner sechsteilgen WOZ-Onlinekolumne «Slopaganda» rückt er gezielt KI-generierte Propaganda in den Fokus.