Frag die WOZ : Sollen sich linke Städte abspalten?
«Sollen sich linke Städte zu eigenständigen Kantonen abspalten?»
M. S., auf Instagram
Danke für die Suggestivfrage, auf die Sie freilich die Antwort bereits selber kennen, Sie unverschämter Agent Provocateur.
Spannender scheint uns die Frage, wie die städtische Sezession gelingen könnte. Klar ist, dass die Kantone nicht freiwillig ihre Macht aufweichen werden. Ein linker Reflex wäre es nun, auf den Druck der Strasse zu setzen. Vorbild Béliers, die für die Unabhängigkeit des Juras vom Kanton Bern gekämpft haben: Mobilisierung über Jahrzehnte, grober Unfug à la Zumauern des Berner Rathauses oder Geiselnahme des Unspunnensteins. Nur haben wir a) dafür die Geduld nicht, und b) hat die Strasse wirklich gerade Dringlicheres zu tun. Ausserdem gibt es eine viel aussichtsreichere Strategie!
Singapur, früher Teil von Malaysia, hat sich nicht etwa mühsam abgespalten, sondern wurde 1965 kurzerhand aus dem Land geschmissen. In anderen Worten: Die Städte müssen den imperialen Kräften aus Höri, Buchs oder Walzenhausen einfach so sehr auf den Wecker gehen, dass diese nichts mehr mit ihnen zu tun haben wollen.
Sind die städtischen Volksvertreter:innen und Behörden mit an Bord, kann das schnell gelingen. Wir schlagen ein sogenanntes Kaskadenmodell zur Vergrämung des Umlands vor. Alles beginnt mit zahlreichen, in der Summe arg nervenden Versäumnissen im Austausch zwischen städtischen und kantonalen Behörden: verschlampte Sitzungen, kantonale E-Mail-Adressen auf städtischen Spamlisten, verzögert ausbezahlte Transferzahlungen («Es war ein IT-Problem!») et cetera.
In weiteren Schritten werden sprachliche Fakten geschaffen («Stadt und Republik Biel/Bienne»), fadenscheinig begründeter Entzug von Bewilligungen für Landwirtschaftsmessen, Absage von SCB- oder GC-Spielen, Bau von Autobahnausfahrten, die unter zwei Meter breit sind … you get the picture.
Schicken Sie nun diese Vorschläge an Herrn Golta (Stadt und Republik Zürich), Frau Kruit (Stadt und Republik Bern) oder Herrn Marbet (Stadt und Republik Olten) und halten Sie uns auf dem Laufenden, welche weiteren Massnahmen denen in den Sinn kommen!
Immer montags beantworten wir in der Rubrik «Frag die WOZ» jeweils eine wirklich (un)wichtige Leser:innenfrage. Noch Fragen? fragdiewoz@woz.ch!