Slopaganda : Brandbeschleuniger
In derselben Woche, in der der Börsengang von SpaceX ihn zum ersten Billionär der Welt machen sollte, war Elon Musk auf X vor allem damit beschäftigt, ein rassistisches Pogrom in Belfast anzustacheln. Immer wieder teilte er mit seinen 240 Millionen Follower:innen Hassbotschaften Tommy Robinsons, dem mehrfach verurteilten Gründer der «English Defence League», und anderen rechtsextremen Accounts. Ohne Musks aktive Verstärkung, so haben Forscher:innen des Center for Countering Digital Hate (CCDH) nachgewiesen, hätten Robinsons kaum verdeckte Aufrufe zur Gewalt, sich nicht so rasch millionenfach verbreiten können.
Mitten im Strom des Hasses teilte Musk auch ein vergleichsweise harmlos wirkendes KI-generiertes Video, das zunächst nichts mit dem gewalttätigen Mob auf den Strassen Belfasts zu tun zu haben scheint. Es zeigt die prominente linke Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez, kurz AOC, einsam in einem nächtlichen Apartment. Der Strom fällt aus, und im Schatten der Dunkelheit lauert die Bedrohung: ein Ökonomie-Lehrbuch. Die Grundlagen von «Angebot und Nachfrage», so die schlichte Pointe des im Stil klassischer Horrorfilme geschnittenen Clips, reichten aus, um linke Politiker:innen in Panik zu versetzen.
Musk teilte den Slopaganda-Clip, den die rechtsevangelikale Satire-Website «Babylon Bee» produziert hatte, mit dem schlichten Kommentar: «Video made with Grok Imagine». Jenseits seines politischen Inhalts war das Video, dessen filmischer Realismus sich kaum noch von dem einer Hollywoodproduktion unterscheidet, für Musk also vor allem eine Demonstration der technischen Fähigkeiten des aktuellen KI-Modells seiner Firma xAI. Und doch ist es natürlich alles andere als ein Zufall, dass mit der Demokratin AOC ausgerechnet eine weibliche Politikerin of color zum Opfer dieser technischen Demonstration wurde. Denn in Musks Welt lässt sich technische Überlegenheit kaum von Demonstrationen weisser, männlicher Dominanz trennen.
Nachdem Musk im Dezember 2025 den Grok-Chatbot mit seinen Bildbearbeitungsmöglichkeiten zu einem Standardfeature von X gemacht hatte, wurden dort Millionen hochgradig sexualisierter bis pornographischer Bilder von Frauen und jungen Mädchen generiert. Aktiv angefeuert von Musk wurde die Plattform zu einem Ort alltäglicher sexualisierter Gewalt – und ist es, trotz gewisser Einschränkungen, bis heute geblieben. Sich weiblicher Körper und Gesichter virtuell zu bemächtigen und über sie zu verfügen, das scheint für Musk und seine Follower ein zentrales Versprechen generativer KI zu sein.
Digitale Gewalt bedient offenbar eine riesige Nachfrage, und vor diesem Hintergrund wirkt die Rede von «Angebot und Nachfrage» im von Musk geteilten Slopaganda-Video umso perfider. AOC ist schon lange Opfer sexualisierter Gewalt im Netz, und bereits 2024 entdeckte sie, dass auf X pornographische Deepfakes mit ihrem Gesicht zirkulierten. Seitdem treibt sie eine Gesetzesinitiative voran, die es den Opfern virtueller Übergriffe möglich machen soll, gegen Urheber und Verbreiter vorzugehen. In Grossbritannien läuft sogar bereits eine Klage, die xAI für Deepfakes juristisch verantwortlich machen will. Bislang blieben die täglichen Gewaltdemonstrationen auf X für Musk weitgehend folgenlos. Doch das muss nicht so bleiben.
Der Bild- und Medienwissenschaftler Roland Meyer ist Brückenprofessor für Digitale Kulturen und Künste an der Universität Zürich und der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). In seiner sechsteilgen WOZ-Onlinekolumne «Slopaganda» rückt er gezielt KI-generierte Propaganda in den Fokus.