Frag die WOZ : Wieso wird so viel Hässliches gebaut?

«Wieso wird in der Schweiz so viel unsäglich Hässliches gebaut? Was lernen Architekt:innen eigentlich an den Hochschulen?»

S. L., per Mail

Das sind zwei sehr gute Fragen! Vorab: Architekt:innen lernen durchaus Nützliches, Schönes und Wahres an den Hochschulen. Stolpern sie danach in die Welt, stiften sie das Unheil mit, das zur Antwort der ersten Frage führt: Es wird so viel unsäglich Hässliches gebaut, weil Bauherr:innen keine Zeit und keinen Verstand für das Schöne haben und auch keine Lust darauf. Sie wollen bauen, nicht Schönheit machen, sie wollen Geld verdienen, sie wollen ihren Willen und Wahn umsetzen – sie befehlen, denn sie zahlen. Und pariert die Architekt:in nicht, ist sie rasch nicht mehr die Architekt:in. Kurz: Es ist unrecht, den Sack zu prügeln, wenn die Prügel doch dem Esel gelten müssen.

Drei von zehn Bauherr:innen aber sind neugierig auf das Gute und Wahre – auf ein klimavernünftiges Haus, auf ein künstlerisch wohl geratenes gar. Bei einem von den dreien versagen die Architekt:innen, weil sie trotz langer Ausbildung schlicht ihr Handwerk nicht können; sie verlieren sich im endlosen Meer der Möglichkeiten und den Verführungen der Bauindustrie. Für die anderen zwei guten Bauherr:innen gelingt der Architekt:in das schöne Haus. Es ist wie in der Musik, der bildenden Kunst und der Literatur, wo es auch viel Schmarren gibt, aber dennoch immerhin zwanzig Prozent Freude spenden. Trost ist das keiner, zumal viele Häuser für eine mittlere Ewigkeit die hässliche Schweiz zeichnen, schlechte Musik aber verklingt.

Gute Architektur braucht nebst guten Bauherr:innen auch gute Baugesetze. Wir haben viele, dichte und demokratisch flott legitimierte. Sie verhindern allerhand Schmarren und bändigen die Gier. Sie fördern alles Mögliche von der Energiekennzahl bis zur Ausnutzungsziffer, aber die Schönheit taucht selten als Wort, Metapher oder Umschreibung in einem Baugesetz auf.

Und – ach je – in meinem Nachbardorf wurde kürzlich ein Haus fertig gebaut, das ich apart finde, baukünstlerisch gar wohl geraten vom grossen Ganzen bis zu den Details der Plättlifugen, ohne Parkplatz und mit klimavernünftigen Vorzügen wie minimierter grauer Energie und Holzheizung. Ein schönes Wohnhaus für drei Generationen – schön nicht nur fürs Gemüt, sondern auch für den Verstand. Aber – oha lätz – Pech und Schwefel möchten etliche über es leeren, weil abgrundtief hässlich sei, was ich schön finde. Doch ich bin zuversichtlich, dass die unerträgliche Zumutung in ein paar Jahren Sujet für eine Postkarte wird, denn etliches, was heute hässlich ist, ist morgen schön.

Köbi Gantenbein hat 1988 «Hochparterre» mitgegründet und war viele Jahre dessen Chefredaktor und Verleger. 

Immer montags beantworten wir in der Rubrik «Frag die WOZ» jeweils eine wirklich (un)wichtige Leser:innenfrage. Noch Fragen? fragdiewoz@woz.ch!