Frag die WOZ! : Warum ist Liebe so schwer?
Warum ist Liebe so schwer?
E. D., per Instagram
Uff, was für eine vertrackte Frage! Und was für eine gute!
Zunächst wörtlich genommen: Wie schwer ist sie denn eigentlich, die Liebe? Vielleicht 21 Gramm, wie es der gleichnamige Film von Alejandro González Iñárritu nahelegt? Um genau so viel leichter werde der menschliche Körper zum Zeitpunkt des Todes, wollte der US-amerikanische Arzt Duncan MacDougall 1907 per Experiment herausgefunden haben.
Wissenschaftlich bald widerlegt, liess die Gewichtsangabe dennoch generationenweise Menschen wie Iñárritu darüber werweissen, was denn eigentlich dem Körper entweicht, sobald er den irdischen Betrieb einstellt. Die Seele? Schuldgefühle? Rachegelüste? Oder eben: die Liebe? Auch in «Interstellar» wies Regisseur Christopher Nolan der Liebe eine materielle, wenn auch nicht messbare Grösse zu. «Beobachtbar, mächtig» sei die Liebe und als einzige wahrnehmbare Kraft fähig, «die Dimensionen von Zeit und Raum» zu überschreiten, sagt eine Biologin im Film, während sie in einem kleinen Raumschiff auf ein schwarzes Loch zusteuert.
Sehr wahrscheinlich geht es Ihnen mit Ihrer Frage aber gar nicht um das physische Gewicht der Liebe. Sondern um ein mächtiges Gefühl oder einen Cocktail in der Hirnchemie, der uns zu erschüttern vermag. Und vermutlich geht es Ihnen gerade um die Momente, in denen die Liebe einen gerade nicht schmetterlingsgleich über den Dingen schweben lässt, sondern zentnerschwer auf einem lastet. Sei es die romantische oder elterliche, die familiäre oder freundschaftliche Liebe, die Liebe zu einem Kollektiv, einem Projekt, einer politischen Bewegung: Eigentlich ist sie ja immer ein ganz schön wagemutiger Schritt hinaus in die Verletzlichkeit. Sie erfordert Öffnung und Rücksicht, lotet Differenzen aus und erzeugt Reibung, die auszuhalten ins gefühlt Unmögliche abgleiten kann. Und wird vor allem dann zur Last, wenn man sie am Ende ganz allein zu tragen hat.
Liebe ist also darum so schwer, weil sie aus Verbindungen entsteht, die wir abenteuerlicherweise eingegangen sind. Sie spielt sich im Innersten ab, entspringt aber dem bereitwillig zugelassenen Kontrollverlust gegenüber anderen. Wie schön, dass viele sich trotzdem oder genau deswegen immer wieder drauf einlassen. Glaubt man schliesslich Rio Reiser, dann ist die Liebe immerhin schwer genug, um sich in turbulenten Zeiten an ihr festzuhalten.
Immer montags beantworten wir in der Rubrik «Frag die WOZ» jeweils eine wirklich (un)wichtige Leser:innenfrage. Noch Fragen? fragdiewoz@woz.ch!