Slopaganda : Reaktionäre Muster
Slop ist überall. Vor allem auf Tiktok. Wer heute einen neuen Account auf der Plattform anlegt, so fand jüngst eine Studie heraus, bekommt zu fast sechzig Prozent KI-generierte Inhalte auf der «For You»-Page angezeigt. Besonders hoch ist der Slop-Anteil bei Clips, die sich an Kinder richten. Sie sind mittlerweile fast ausschliesslich KI-generiert und nicht selten voller gruselig verzerrter Figuren, fragwürdiger Inhalte und hanebüchener Fehler: Da zählt das Krümelmonster dann fünf Kekse, wo deutlich sichtbar sechs im Bild zu sehen sind.
Anders als bei der echten Sesamstrasse lernen Kinder von solchen Clips kaum etwas über die wirkliche Welt – aber umso mehr werden sie an die typische Ästhetik der Plattform gewöhnt. Slop imitiert die dominanten Muster menschengemachten Contents und übersteigert dabei alles, was virale Tiktok-Clips auszeichnet: grelle Reize, starke Emotionen, schockierende Überraschungen, und das alles in einer Frequenz, die die User:innen davon abhält, zum nächsten Clip zu wischen. Slop ist reaktionsoptimierter Content, angepasst an die algorithmischen Bedingungen der Plattformen.
Das Genre, das in den vergangenen Monaten am erfolgreichsten die Aufmerksamkeits- und Reaktionsökonomie von Tiktok bespielt hat, nennt sich «AI Fruit Drama»: grellbunte Animationen im Pixar-Stil, die ungeachtet ihrer Cartoon-Ästhetik keineswegs für Kinder geeignet sind. Kl-generierte, anthropomorphe Früchte tragen hier in wenigen Sekunden klischeehafte Beziehungskonflikte voller überraschender Wendungen aus; die ebenfalls KI-generierten Skripte orientieren sich dabei an den Erzählmustern von Realityshows, übersteigern diese jedoch ins Absurde, bis hin zu grotesken Gewaltexzessen. Das ist nur auf den ersten Blick unpolitischer Quatsch – tatsächlich transportieren diese Clips ein zutiefst reaktionäres Weltbild.
Die Sekundendramen, die sich etwa zwischen vollbusigen Erdbeeren und muskulösen Bananen entspinnen, reproduzieren nämlich all jene misogynen Klischees berechnender, manipulativer und notorisch untreuer, zugleich hypersexualisierter und infantilisierter Weiblichkeit, die seit Jahren in Manosphere- und Incel-Onlinekulturen zirkulieren. Und so inkohärent viele der Plots sind, so zielen sie doch verlässlich auf die Bestrafung und Erniedrigung der weiblichen Figuren. Zudem ist die bunte Welt der Früchte voller rassistischer Stereotype, und als nichtweiss markierte Figuren tauchen regelmässig als Bedrohung hegemonialer weisser Männlichkeit auf. In dieser Welt passiert zwar ständig Schockierendes und Ungeheuerliches – doch darunter verbirgt sich die endlose Wiederholung reaktionärster Muster.
«AI Fruit Drama» ist ein weiteres Beispiel dafür, dass auch kommerzieller Slop selten unpolitisch ist. An der Entstehung des Genres lässt sich zudem der reaktionäre Drift beobachten, der für reaktionsoptimierten Content typisch ist. Ganz am Anfang standen sogenannte «Object talk»-Clips, in denen etwa sprechende Haushaltsgegenstände praktische Alltagstipps gaben. Doch virale Verbreitung fand das Phänomen erst, als die Geschichten begannen, auf kontroverse Plots und affektive Überwältigung zu setzen – was dann in unzähligen Nachahmungen immer weiter ins Extrem gesteigert wurde. Slop ist das Produkt endloser Feedbackschleifen, in denen Inhalte so lange variiert werden, bis sie maximale Reichweite erzeugen.
Slop ist daher im doppelten Sinn reaktionär. Er spekuliert auf Reaktionen, auf Klicks, Likes und Kommentare oder schlicht darauf, User:innen derart zu überrumpeln, dass sie wie paralysiert auf ihre Displays starren. Und das gelingt offenbar am besten mit der Variation reaktionärer Muster, mit misogynen Geschlechterklischees, rassistischen Bedrohungsszenarien und kaum verhehlten Gewaltfantasien. Kein Wunder also, dass auch explizit politische Slopaganda bislang fast ausschliesslich von reaktionären Kräften genutzt wird, seien es nun Musk, Trump, das iranische Regime oder diverse rechtsradikale Parteien in Europa. Welche Antworten darauf möglich sind, darum soll es dann in der letzten Folge dieser Kolumne gehen.
Der Bild- und Medienwissenschaftler Roland Meyer ist Brückenprofessor für Digitale Kulturen und Künste an der Universität Zürich und der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). In seiner sechsteiligen WOZ-Onlinekolumne «Slopaganda» rückt er gezielt KI-generierte Propaganda in den Fokus.