Frag die WOZ! : Wo genau liegt Grönland?
Wo genau liegt Grönland? B. A. per Instagram
Die einfacheren Fragen sind ja oft die interessanteren, weil sie die Fantasie nicht von Anbeginn mit unnötigen Details beschweren. Das gilt auch für Ihre Frage, danke dafür.
Vermutlich haben die meisten sogleich eine Weltkarte im Kopf, wenn sie eine Frage wie diese hören. Eine Anordnung von Ländern und Ozeanen, mit deren Hife die Welt vorstellbar werden soll. Grönland, ein riesiger weisser Keil, der zwischen Kanada und Island von oben in den Atlantik herabragt. Blickt man auf eine der gängigen Karten, etwa auf Google Maps, erscheint Grönland unfassbar gross: als eine Fläche, die in nordsüdlicher Ausdehnung gar den afrikanischen Kontinent überragt. Dabei ist die Insel in Wahrheit ein Stück kleiner als die Demokratische Republik Kongo. Wie wollen wir denn wissen, wo Grönland liegt, wenn wir nicht einmal wissen, wie gross es ist?
Die verzerrte Darstellung liegt an der Mercator-Projektion. Sie ist eine mögliche Antwort auf das Problem, wie die Oberfläche einer Kugel auf eine Fläche übertragen werden kann. Bei der Mercator-Methode wird ein Blatt als Zylinder um den Äquator gelegt und dann jeder Punkt geradlinig darauf übertragen. Der Vorteil: Alle Winkel sind korrekt. Der Nachteil: Je weiter ein Land vom Äquator entfernt liegt, desto stärker verzerrt ist seine Fläche. Afrika erscheint im Vergleich zu Europa und den USA so zum Beispiel deutlich kleiner, als es tatsächlich ist.
Die Projektionsart widerspiegelt nicht nur koloniale Verhältnisse, sondern auch technologische Anforderungen. Sie wurde für die Seefahrt mit Kompass entwickelt: Wenn die Karte winkeltreu ist, lässt sich der am Kompass ausgerichtete Kurs als gerade Linie darauf ablesen.
Haben Sie schon einmal von den mikronesischen Stabkarten oder dem polynesischen Sternenkompass gehört? Ich zumindest nicht, bis ich kürzlich Rachel Kushners letzten Roman «Creation Lake» gelesen habe. Darin gibt es die Figur Bruno Lacombe, einen enttäuschten 68er-Revolutionär aus Paris und Schüler von Guy Debord, der sich in einer Höhle verschanzt hat und der Faszination für das verschüttete Potenzial des prähistorischen Menschen erliegt. Man kann die Figur als Parodie auf eine aus dem Ruder gelaufene Gesellschaftskritik lesen, aber die Faszination ist auch ansteckend. Zum Beispiel für die schier unglaublichen Seefahrtkünste, über die Bewohner:innen pazifischer Inseln einst verfügten.
Im Westen erfuhr man 1862 durch einen christlichen Missionar von der Existenz der Stabkarten – und verstand zunächst nur Bahnhof. Solche Karten sind etwa aus Bambusstäben gefertigt, die zu einem Netz verknüpft sind. Sie zeigen nicht Positionen auf einer Fläche an, sondern den Weg zu einem Ziel. Anhand von Strömungen und Wellenbewegungen sowie deren Brechung an Inseln konnten diese Seefahrer:innen vor Tausenden von Jahren Hunderte Kilometer von Atoll zu Atoll durch den südlichen Pazifik navigieren. Polynesische Seefahrer:innen konnten unter zusätzlicher Zuhilfenahme von Sternenkonstellationen, Wolkenbildung oder Flugrouten von Vögeln vermutlich bereits um 1500 vor unserer Zeitrechnung unglaubliche Strecken von 4000 Kilometern zurücklegen. Vermutlich haben sie sogar schon 500 Jahre vor Kolumbus die Küste Südamerikas erreicht – in Auslegerkanus mit kleinem Segel, eigentlichen Nussschalen.
Wie der Weg vom Basler Rheinhafen nach Grönland auf einer Stabkarte aussehen würde? Vielleicht eine interessante Denksportaufgabe für die prähistorische Archäologie.
Aber eigentlich interessiert uns Grönland derzeit ja vor allem darum, weil es politisch gesehen einer der heissesten Orte der Welt ist: zwischen dem kolonialen Erbe Europas, mit einer Landschaft, die sich mit dem Klima transformiert und begehrte Rohstoffe freigibt, zwischen den imperialen Gelüsten nach diesen Rohstoffen, der trumpschen Kastrationsangst, dem möglichen Zusammenbruch der Nato und der Frage, ob Europa sich noch mal aufraffen kann. Etwa dort liegt Grönland.
Immer montags beantworten wir in der Rubrik «Frag die WOZ» jeweils eine wirklich (un)wichtige Leser:innenfrage. Noch Fragen? fragdiewoz@woz.ch!