Slopaganda : Slopaganda von links?

«Cuffing Season», das meint im amerikanischen Slang die Suche nach einer romantischen Bindung für die kalte Jahreszeit. Zum populären Tiktok-Meme wurde der Ausdruck durch den Song «Big Boy» der R-’n’-B-Sängerin SZA. Und genau mit diesem Song ist auch ein Video unterlegt, das das Weisse Haus im Dezember 2025 auf X postete. Begleitet vom zynischen Kommentar «WE HEARD IT’S CUFFING SZN» interpretiert es den Song wörtlich: Es sei an der Zeit, Handschellen anzulegen. In rascher Szenenfolge zeigt der Clip die paramilitärische ICE-Truppe bei der Menschenjagd auf Migrant:innen: Vermummte Beamte stürmen Häuser, verfolgen Flüchtende und fesseln sie mit Handschellen. Trotz Protesten von SZA ist der menschenverachtende Clip noch immer online.

«It’s cuffing season» – so steigt auch ein KI-generiertes Video ein, das Gavin Newsom, der demokratische Gouverneur von Kalifornien, wenig später teilte. Auch dieser Clip ist mit SZAs Song unterlegt, doch sind es hier Donald Trump, Pete Hegseth und Heimatschutzberater Stephen Miller, denen Handschellen angelegt werden. Schon zuvor hatte Newsom regelmässig Slopaganda gepostet, mit der er auf Trumps Social-Media-Posts parodistisch zu reagieren versuchte: Newsom erscheint darin als muskelbepackter Patriot und gekrönter König, Trump dagegen als trotziges Kleinkind oder als Wiedergänger von Marie Antoinette, dem Ballsäle wichtiger sind als Krankenversicherungen für den Pöbel.

KI-generiertes Bild: Donald Trump als Königin Marie-Antoinette

Nicht nur von US-Medien wurde Newsom dafür als «Trump-Troll» gefeiert – endlich, so hiess es, setze jemand der Social-Media-Dominanz der Maga-Bewegung etwas entgegen. Und die Strategie schien aufzugehen: Newsom generierte Klicks und Follower:innen, unzählige andere Accounts produzierten ihrerseits Newsom-Slopaganda, und auch das Weisse Haus schien ihn nicht länger ignorieren zu können. Doch der Hype hat sich inzwischen abgekühlt. Immer deutlicher wurde, dass der Kampf um virale Aufmerksamkeit allein noch keine politische Strategie ist – vor allem, wenn er sich darauf beschränkt, die Methoden des Gegners zu spiegeln.

Denn die Reaktionsökonomien sozialer Medien befeuern eine Eskalationslogik, die letztlich vor allem reaktionären Kräften nutzt. In Los Angeles liess sich das jüngst am Wahlkampf von Spencer Pratt, einem republikanischen Kandidaten für das Bürgermeisteramt, beobachten. Der ehemalige Reality-TV-Star verdankt seinen Überraschungserfolg bei den Vorwahlen nicht zuletzt Slopaganda. Viral verbreitete sich ein Clip, der Newsom und andere prominente Demokrat:innen als abgehobene aristokratische Elite zeigt, die Kuchen isst, während L. A. in Flammen untergeht. In Blockbuster-Optik verbindet das Video apokalyptische Untergangsszenarien mit populistischen Rachefantasien: Pratt selbst tritt als Batman auf, der einen wütenden Mob anführt.

Der Social-Media-Erfolg solcher KI-generierter Inhalte lässt regelmässig die Frage aufkommen, ob sich Slop nicht auch für emanzipatorische Zwecke nutzen liesse. Doch gegen «Slopaganda von links» sprechen nicht allein der Ressourcenverbrauch generativer KI und die Ausbeutung menschlicher Arbeit und Kreativität beim Training der Modelle. Slopaganda ist auch, das war in dieser Kolumne immer wieder Thema, kein neutrales Werkzeug. Um maximale Resonanz zu erzeugen, reproduziert sie dominante Klischees, zielt auf die Erniedrigung des Gegners und reduziert die Welt auf reaktionäre Muster: apokalyptische Konfrontationen zwischen dunklen Bedrohungen und rettenden Lichtgestalten. Sie ersetzt die konkrete Realität durch generische Fiktionen, deren Erfolg sich allein an der viralen Verbreitung bemisst.

Viralität allein bedeutet jedoch nicht politische Wirksamkeit. Erfolgreiche linke Kampagnen der jüngsten Zeit, sei es der Wahlkampf von Zohran Mamdani in New York oder die Kampagne gegen die «10-Millionen-Schweiz»-Initiative, nutzen soziale Medien nicht als Selbstzweck, sondern als Verstärkung konkreter Arbeit auf der Strasse, in Nachbarschaften und Communitys. Statt auf synthetische Klischees setzen sie auf echte Menschen und ihre wahren Geschichten. Slopaganda dagegen ist immer auch Propaganda für eine Welt, in der die Algorithmen die öffentliche Sphäre beherrschen. Gegen diese KI-getriebene Entwirklichung gilt es umso mehr, eine gemeinsam geteilte Realität zu verteidigen.

Der Bild- und Medienwissenschaftler Roland Meyer ist Brückenprofessor für Digitale Kulturen und Künste an der Universität Zürich und der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). In seiner WOZ-Onlinekolumne «Slopaganda» hat er gezielt KI-generierte Propaganda in den Fokus gerückt. Mit diesem Beitrag endet die Serie. Wir bedanken uns bei Roland Meyer ganz herzlich.