Es brennt
Die Wälder brennen: in Frankreich, Spanien und Griechenland, in Schottland, Deutschland, den Niederlanden. Riesige Rauchwolken ziehen von Kanada nach New York. Auf der Flucht vor Flammen verbrennen Menschen in ihren Autos. Die Allzeithöchsttemperaturen in Europa werden überschritten, der Asphalt bricht auf, Züge bleiben stehen. In der Bretagne vertrocknet die Ernte, in Bayern wird das Wasser knapp.
Und nein, es ist kein Katastrophenfilm made in Hollywood. Es ist Realität. Wir kennen die Ursache. Und verhalten uns doch so, als sei es ein Film, der vorüber ist, wenn wir das Kino verlassen. Wenn der Sommer vorbei ist. Dabei wissen wir, dass es weitergehen wird, unerbittlich, wir sehen es online, wir spüren es am eigenen Leib. Klimawandel, oder auch Klimakatastrophe, als globale Wirklichkeit der vielen subglobalen Katastrophen. Die einen Länder spüren es mehr als andere, viele Menschen mehr als jene in den klimatisierten und zu Abstraktionen verführenden Hallräumen der Macht. Die Redewendung von „den Menschen draußen im Land“ fällt einem da ein. Draußen.
Draußen brennt die Luft.
Vor sieben Jahren sagte Greta Thunberg beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos: „I want you to panic.“ Die Anwesenden klatschten höflich Beifall. In Panik verfiel niemand. Nicht dass Panik ein guter Ratgeber wäre. Aber vielleicht doch ein wirksamer Initialzünder.
Panik bricht aus, wenn 50 000 unerwünschte Menschen den Strand einer EU-Exklave betreten. Da setzen sich sofort die Innenminister zusammen, da wird von Gefahr und von Zukunft geredet. Und was passiert, wenn es an europäischen Stränden brennt?
In den letzten 20 Jahren wurden ein paar Maßnahmen erlassen und noch mehr unterlassen. Und viele neue Wörter erfunden, etwa Technologieoffenheit. Das Wort könnte direkt aus dem Neusprech in Orwells Roman „1984“ stammen. Hinter diesem heiteren, fortschrittlichen Terminus verbirgt sich das Gegenteil von Offenheit, nämlich das Beharren auf alter, zerstörerischer Technologie zum Vorteil mächtiger Wirtschaftsakteure.
Verbotspolitik ist ein weiteres vermeintlich liberales Wort, das als Waffe dient: Es sei ideologisch und damit schlecht, Energienutzung zu verbieten, die den Planeten in Flammen setzt. Ideologisch sei auch ein Tempolimit, das das Klima schonen und zudem tödliche Unfälle verhindern würde. Das Wort Heiz-Hammer, dieser Wutschrei in der Bild im Namen des Volkes gegen die fiesen Unterdrücker der Ölheizung, ging in dieselbe Richtung. Nur dass es in Wahrheit die Fossillobby war, die da schrie.
Nun steht es jeder und jedem frei, langsam zu fahren, aufs Fliegen zu verzichten und so weiter. Aber kaum jemand tut es. Was erlaubt ist, tun wir eben. Warum soll ausgerechnet ich die Person sein, die verzichtet? Und damit den Planeten ja auch nicht rettet. Ich würde ja, wenn alle würden. Aber alle werden nur, wenn sie müssen. Das heißt: wenn eine von uns gewählte Regierung unterbindet, was uns allen schadet.
Doppeldenk, das ist ein weiterer Begriff aus der vergangenen Zukunft von „1984“. Doppeldenk, das ist: wissen, dass die Erde brennt, und die Ursachen als Freiheit feiern. Doppeldenk: umgeben von Bränden weiterhin mit Zunder handeln, des wirtschaftlichen Vorteils wegen.
Es brennt. Das ist ein Befund, keine Ideologie.
Katharina Döbler