Ukraine: Im sicheren Untergrund

Nr. 27 –

Bis vor wenigen Jahren undenkbar und sogar gesetzlich verboten: In den Kohleminen im umkämpften Osten des Landes arbeiten heute zahlreiche Frauen unter Tag.

Victoria Schytikowa mit Schutzhelm bei der Arbeit im Kohleschacht
«Mein grösster Traum ist, dass dieser Krieg aufhört, dass endlich Ruhe einkehrt»: Victoria Schytikowa. 

Seit einem Jahr und vier Monaten arbeitet Violetta Loewskaja im Kohlebergwerk von Pokrowsk. Ein Ort, der keiner für Frauen sei, so das Vorurteil, mit dem sie aufgewachsen ist. «Am liebsten wäre den Leuten, wenn ich mich nur mit Maniküre beschäftigen würde», sagt die 21-Jährige. Daraus, dass sie sich gerne mit ihren Nägeln und Kosmetik beschäftigt, macht sie kein Geheimnis. Selbst mehr als 500 Meter unter der Erde trägt sie dezentes Make-up und Lipgloss, an den Ohren baumeln strassbesetzte Ohrringe. Sie verdreht die Augen, als sie sich an ihre Anfangszeit zurückerinnert. «Die Leute haben mich mehr oder weniger gefragt, was mit mir nicht stimme, und gemeint, dass ich mich doch um die Familie kümmern solle. Jetzt haben sich alle daran gewöhnt.»

Mit eingeschalteter Stirnlampe läuft Loewskaja in Stiefeln und Schutzkleidung über den sandig-rutschigen Boden, folgt dem Lichtkegel und weicht dabei einigen Löchern aus. In der Luft hängt feiner Staub, der einen schon nach kurzer Zeit husten lässt. Der Job sei anstrengend, aber immerhin interessant und abwechslungsreich, sagt sie. «Am Anfang findet man sich hier natürlich schwer zurecht, man muss die Arbeitsabläufe verstehen und sich an die Dunkelheit gewöhnen.» Neben ihr spuckt ein Förderband laut quietschend die männlichen Kumpel aus der dunklen Tiefe des Tunnels aus, wo die Kokskohle abgebaut wird. An einen der Männer tritt Loewskaja gemeinsam mit ihrer Kollegin Victoria Schytikowa heran.

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