Licht im Tunnel: Frühlingsblüten
Michelle Steinbeck über sich schliessende Kreise
Im Frühling 2025 stehen wir in Mailand in einer dilettantisch wirkenden Ausstellung zum 100. Todestag von Anna Kuliscioff. Als unfreiwillig komische Pappfigur lehnt die junge Anna an der Heizung, in den Händen zerreisst sie ihr Zeugnis der Zürcher ETH – als Akt des Widerstands gegen den Zaren. Als Jüdin durfte sie in Russland nicht studieren, also kam sie nach Zürich, wo sie sich als eine der ersten Frauen an der ETH einschrieb. Hier politisierte sie sich in Anarchist:innenkreisen, später wurde sie Ärztin und Aktivistin und eine der wichtigsten Sozialistinnen Italiens. Ich stelle mich neben die Papp-Anna: Auf dem Foto trage ich eine schwarze FFP2-Maske gegen den Smog, für das Baby im Bauch. Auf einem schräg geschnittenen Papier in der Vitrine lesen wir, wie die tuberkulöse Kuliscioff unter der schon damals katastrophalen Mailänder Luft litt.