Geschichte : Die «humanitäre Tradition»

Nr. 29 –

Schweizer Hilfswerke engagierten sich für eine Kolonie mit SS-Kriegsverbrechern. Das Projekt galt als gut und sinnvoll.

Mit Schweizer Unterstützung wurde 1951 eine «volksdeutsche» Siedlerkolonie in Brasilien errichtet. Unter den 2500 donauschwäbischen Siedler:innen befanden sich mindestens 16 ehemalige Angehörige der Waffen-SS: potenzielle Kriegsverbrecher. Diese empörende Entdeckung ist der Grund, weshalb die Nachfolgeorganisationen der damals beteiligten karitativen Werke den Berner Historiker Peter Hug mit einer Recherche der Hintergründe beauftragten. In dieser arbeitet Hug minutiös heraus, welche Interessen mit dem vermeintlich humanitären Projekt der Kolonie verfolgt wurden; wer es initiierte und die Siedlerfamilien auswählte; wie das Projekt finanziert und wie der Aufbau durch Schweizer humanitäre Organisationen gestaltet wurde.

Auch interne Konflikte und kritische Stimmen beschreibt Hug. Doch vor allem wird deutlich, dass in der Schweizer Europahilfe, einem damaligen Dachverband verschiedener Hilfswerke – darunter Organisationen der Caritas, des Arbeiterhilfswerks sowie des Bundes –, weitgehend Einigkeit darüber herrschte, dass das Projekt gut und sinnvoll sei. Hier liegt der eigentliche Skandal.

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