Ein Aufbruch : St. Gallens wilde Jahrzehnte
In den achtziger Jahren beseitigen Aktivist:innen fulminant den Mehltau, der sich über die Stadt gelegt hat. Vom veränderten Lebensgefühl erzählen zwei neue Bücher.
Um 1900 ritt die Ostschweiz die erste grosse Globalisierungswelle ziemlich erfolgreich, ehe sie dann in der Zwischenkriegszeit brutal abgeworfen wurde. Dank der Textilindustrie boomte die Region. Die Textilindustrie deckte rund die Hälfte der weltweiten Produktion ab und machte beinahe ein Fünftel des schweizerischen Exportvolumens aus. Im Zentrum des Aufschwungs: die Stadt St. Gallen. Ihre Bevölkerung wuchs bis 1912 – in den heutigen Grenzen – von 60 000 auf 75 000. Sie war damit deutlich grösser als die von Bern und spielte zahlenmässig in einer ähnlichen Liga wie Genf, Zürich oder Basel. Der Wohlstand befeuerte einen Bauboom, der mit seinen Jugendstilvillen und Prachtbauten das Stadtbild bis heute prägt.
In der Zwischenkriegszeit verwelkt diese Blüte wegen der grossen Abhängigkeit von einem einzigen Industriezweig rasch. Das Exportvolumen bricht zwischen 1919 und 1935 von rund einer halben Milliarde dramatisch auf bloss noch 12 Millionen Franken ein. Die Bevölkerung schrumpft auf etwa 60 000 Einwohner:innen. Die Folge sind eine hohe Arbeitslosigkeit und vor allem: ein angeschlagenes Selbstbewusstsein, das noch Jahrzehnte weiterwirkt. Der hämische Spruch, die Schweiz ende nach Winterthur, könnte in dieser Zeit geprägt worden sein.