Politlabor : Stadt der Underdogs

Nr. 32 –

Eine Bundesrätin, mehrere Nationalrät:innen und die Politrapper der Stunde: Alle kommen sie aus der Kleinstadt Wil. Eine Erkundung vor den Lokalwahlen.

 Lukas Reimann (SVP, links) und Michael Sarbach (Die Grünen, rechts)
Ein offenes Rennen: Lukas Reimann (SVP, links) und Michael Sarbach (Die Grünen, rechts) konkurrieren um einen Sitz im Wiler Stadtrat.

Pünktlich um 14.15 Uhr schliesst Michael Sarbach den «Adler» auf. Mike, wie ihn hier alle nennen, hat in Wil schon viele Räume geöffnet: Mit siebzehn Jahren veranstaltete er das erste Konzert, «und wo immer wir in der Jugend einen Raum fanden, machten wir zusammen weiter». Heute ist Sarbach 45 Jahre alt, und ohne den passionierten Öffentlichkeitshersteller wäre in Wil wenig los: Sarbach leitet das Kulturzentrum Gare de Lion unten am Bahnhof, und weil es wegen des geplanten Umbaus einen Ersatz braucht, jetzt auch noch den «Adler» oben in der Altstadt. Beruflich unterrichtet der Familienvater Musik an einer Sekundarschule, seit zwanzig Jahren engagiert er sich für die Grünen im Stadtparlament. An der Fasnacht spielt er jeweils die Rolle des Herolds. Ein Grüner im Fasnachtskostüm, der bei den Wahlen regelmässig Panaschierkönig wird: Sarbach ist ein bunter Hund, wie ihn Kleinstädte hervorbringen. Jetzt will er in den Stadtrat.

Dasselbe Ziel hat sich ein fast Gleichaltriger gesetzt. Im Gegensatz zu Sarbach hat der die letzten zwei Jahrzehnte nicht in Wil politisiert, sondern in Bern: Lukas Reimann, 43 Jahre alt. Auch der SVP-Nationalrat ist eine schillernde Figur. Zu den Machtzentren der Partei blieb er immer etwas auf Distanz – oder wurde auf Abstand gehalten. «Mir ist die Unabhängigkeit wichtig», betont er in der «Trinkstube zum Hartz», nur einen mittelalterlichen Torbogen vom «Adler» entfernt. Seine Vorstösse, etwa für die Legalisierung des Mundtabaks Snus oder gegen das Verbot von Pokerturnieren, sind durchaus eigenwillig. Wobei er «zu 95 Prozent» mit der SVP stimme, wie Reimann sagt. Was für den fremdenfeindlichen Kurs der Partei unbestritten zutrifft: Wegen eines geplanten Minaretts in Wil lancierte er einst die Anti-Minarett-Initiative mit.

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