Urs Germann : Justiz versus Psychiatrie

Es war nicht alles besser, früher. Als etwa noch kantonale Strafgesetzbücher galten, war im einen Kanton beispielsweise Prostitution gänzlich verboten, im anderen nur die schwule, nicht aber die lesbische, wobei Frauen damals ja landesweit als hysterisch, asexuell, emotional und unzurechnungsfähig galten. Solche dem Manne untergeordnete Wesen sollte man in eine Irrenanstalt, nicht aber ins Gefängnis stecken. Wobei damit bereits die zweite Institution erwähnt ist, auf deren Geschichte nicht viel Ruhm fällt.

Der Berner Historiker Urs Germann beleuchtet in seiner Dissertation «Psychiatrie und Strafjustiz» die mühsam errungene Zusammenarbeit zwischen Gerichtspsychiatrie und Strafjustiz in der Deutschschweiz von 1850 bis 1950. Es war die Zeit, in der das eidgenössische Strafgesetzbuch entstand und beide Disziplinen sich zu etablieren versuchten, sich deshalb zunächst eher misstrauisch beäugten, um die andere in den Schatten zu stellen. Mit der ebenso langwierigen wie zähen Entstehung des eidgenössischen Strafrechts kam die Einsicht einer fruchtbaren Zusammenarbeit zustande; im Dienste eines humanen Umgangs mit Straftäterinnen und Straftätern, wobei auch dem Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung stets grosses Gewicht beigemessen wurde – und wird.

Wissenschaft hat auch andere Disziplinen zu beachten, will sie wissenschaftlich sein. Urs Germann zeigt auf, wie die forensische Psychiatrie entstand und sich bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelte. Das Werk ist dort besonders stark, nachvollziehbar und auch für LaiInnen verständlich, wo dieser Prozess anhand von konkreten Einzelfällen aus dem Kanton Bern illustriert wird: Ulrich B., der das Verdingmädchen Elise S. vergewaltigte und schwängerte und deshalb 1908 angeklagt wurde, oder Lina H., die 1898 versuchte, sich und ihre Kinder umzubringen. Juristisch geschulten LeserInnen wird hingegen die eine oder andere Ungenauigkeit auffallen, terminologischer sowie inhaltlicher Art.

Urs Germann: Psychiatrie und Strafjustiz. Entstehung, Praxis und Ausdifferenzierung der forensischen Psychiatrie. Chronos-Verlag. Zürich 2004. 594 Seiten. 78 Franken