Bergroman ohne Mief

Ein 29-jähriger Velokurier aus Bern hat mit «Luchs» ein fast erschreckend perfektes Romandebüt hingelegt.

Von Veronika Rall

Der Einband weiss, schemenhaft hebt sich ein Raubtier ab, darunter Autor, Genre, Titel, Verlag: Urs Mannhart, Roman, Luchs, Bilgerverlag. Schon das Cover irritiert, auf dem Buchrücken liest man ein langes Zitat: «Knapp neun Kilometer weiter südlich warteten und hofften andere: Martin von Känel und Alfred Huggenberger, den Waldrand im Rücken, die Flinten im Anschlag, die Schnapsflasche vor ihnen im Gras; auch sie die meiste Zeit wortlos. Hofften, jenes Krüppelvieh, das die Luchsschützer Tito nannten, werde ihnen vor die Zieleinrichtung laufen.» Ein anderes Ziel hat Urs Mannhart erreicht: 1975 geboren, ist «Luchs» sein literarisches Debüt. Jetzt, sagt er, stünde das Buch im Regal, für ihn sei die Geschichte abgeschlossen. Begonnen hat sie, als er seine Gewissensprüfung ablegte und sich auf die Suche nach einer Zivildienststelle machte. Draussen wollte Urs Mannhart sein, das nimmt man dem 29-jährigen Velokurier in grüner Sportjacke, kurzen, engen Hosen, Knieschützern und Patentschuhen sofort ab. So sei er damals auf das Luchsprojekt gestossen und habe ein halbes Jahr mit Peilen, Fallenstellen, Füsseabfrieren, Morddrohungenanhören verbracht.

Der Luchs hat ihn nicht mehr losgelassen, also hat Mannhart zunächst eine Szene geschrieben, die lebendiger nicht sein könnte: Ein Luchs ist von den Biologen gepeilt, man hat eine Futterstelle ausgemacht, Fallen gelegt: «Stockdunkel war es, und alles ging zu schnell. Die Pranke war kaum richtig drin, Metall schnappte hoch, ein Draht zischte, schnürte sich um die Pranke. Und hielt. Das Tier versuchte loszukommen, stemmte die eine Vorderpranke in den Schnee, um mit der anderen heftig zu zerren, suchte mit den Zähnen nach dem Draht, der sich ins Fell grub, konnte ihn nicht fassen, gab auf, wurde ruhig, ganz kurz, um Momente später erneut zu wüten.»

Das sind die ersten Sätze vom «Luchs», und nun lässt er die LeserInnen nicht mehr los. Denn aus der wilden Szene entwickelt Mannhart einen fast erschreckend perfekten Roman: die Dialoge genauso wie die knappen, treffenden Personenzeichnungen, die Handlungslinien und Spannungskurven. Es geht um das Luchsprojekt im Lauenental, um die städtischen Wissenschaftler dort und um die Einheimischen, die die Wiederansiedlung der Raubkatze wenig goutieren, um Frauen und Männer, um Junge und Alte. Luchspranken hat ein Wilderer ans Amt für Natur in Bern eingeschickt, die örtlichen Jäger wollen es ihm gleichtun und schliessen eine Wette ab: Wer zuerst einen Luchs erlegt, soll 3000 Franken kriegen. Gleichzeitig kommen den Biologen immer mehr vermisste Luchse unter, sie finden sie vergiftet, abgeschossen, von Zügen und Autos überfahren. Es beginnt ein Wettlauf um den Luchs und um den Lebensraum in den Bergen.

Urs Mannhart mag eigentlich nicht zu seinem sensationellen Debüt gefragt werden. Zum Interview bringt er zwei Bogen Papier mit: «All die Fragen, die mir niemand stellt (und die Antworten, die mir dann jeweils nicht einfallen).» Da liest man: Macht er sich lustig übers rückständige Berner Oberland? Nein, er neigt dazu, Figuren zu überzeichnen. Und sowieso geht ihm eher die städtische Arroganz auf den Wecker als die Starrnackigkeit der Bergler. Hat der Roman eine moralische Aussage? Nein. Ist die Provinz ein Thema für ihn, der er selbst aus dem Emmental stammt? Die Provinz ist kein Landstrich sondern eine Krankheit, behauptet Mannhart und ist dabei nicht wenig selbstbewusst. Und frech: Mit Peter Bichsel teile er sich das «melancholiefreundliche Literatengilet», einst sei aber Arno Schmidt sein Vorbild gewesen. Und die Namen der Schweizer Literaten und Wissenschaftler aus der Jahrhundertwende (Carl Spitteler, Alfred Huggenberger, Max Pulver, Hans Zulliger), die er für seine Bauernfiguren und Wildhüter benutzt? «Ich habe mir gedacht, statt dass diese Namen nutzlos in irgendwelchen vergessenen Dachkammern und Antiquariaten herumvegetieren, können sie sich wieder einmal in den Arsch klemmen und mir ein paar anständige Figuren abgeben.»

Überhaupt haben sich ziemlich viele Fakten und Handlungsträger «in den Arsch geklemmt», um bei Mannhart Figuren abzugeben, denn sein Roman ist zwar nicht autobiografisch, aber «autofiktional»: Da sind zunächst die Luchse Tito, Raja und Balu, die man ganz authentisch auf der Homepage von Pro Natura besichtigen kann. Da ist das Team vom Luchsprojekt, da sind stramme Militärs und Rivella trinkende Buschauffeure, da gibt es Naturfilmer und schliesslich die Landjugendlichen. Diese wollen eigentlich zum Theater, aber verstehen es schliesslich, Ökologie und Bauernschaft, Wirtschaft und Natur, Stadt und Land zu versöhnen. In diese Auseinandersetzung hat sich Mannhart mit Kraft hineingeschrieben. Er nutzt die Figur des Zivildienst leistenden Julius Leen, um uns ignorante StädterInnen zu Eingeweihten zu machen. Im Zug von Bern ins Lauenental schliesslich, fällt «Leen auf, wie sich das Leben unten in der Stadt auf Kopfhöhe abspielte und wie es hier, in den Bergen, vom Boden geprägt war. Vom Talboden und vom Blick, der vom Talboden aus die Hänge hochzuklettern hatte. (…) Sonderbar, aber er freute sich auf die schweren Bergschuhe. In den Schuhen, die er jetzt im Zug trug, die er in der Stadt getragen hatte, in diesen Allerweltsasphaltschuhen fühlte er sich auf belanglose Art und Weise leicht.»

«Luchs» ist ein Bergroman ohne Mief, ein Heimatroman ohne Schmalz, ein Politroman ohne Besserwisserei und ein Krimi ohne einfache Lösungen. Erste Unterstützung hat Mannhart beim Berner «Autören»-Kollektiv gefunden, als das Manuskript fertig war, bat ihn der Verleger Ricco Bilger zum Nachtessen, ein Vertrag läge in Zürich bereit. Jetzt ist das Buch erschienen, und Urs Mannhart ist es ein wenig mulmig. Nach dem Rummel soll es mit der Schriftstellerei weitergehen, es gibt Pläne, aber da muss erst mal ein freier Abend her, an dem sich Mannhart an einen leeren Tisch setzen will und entscheiden. Sicher bleibt er Velokurier («dann muss ich mich wenigstens nicht prostituieren»). Dass ihm das Fahren Spass macht, dass ihm das Gespräch und das Stillsitzen nicht behagt, sieht man nach dem Interview, wenn er im Spätsommerlicht in Schlangenlinien den Berg hinabsaust, mitten im Verkehr mutig und elegant. Wie ein Luchs in freier Wildbahn, möglicherweise.