Alpine Wunden
Im Grunde ist es eine Horrorgeschichte, die der Vater seit fünfzig Jahren erzählt. Er ist noch ein Bub, als er mit seinem Onkel auf der Alp Kühe hütet. Die beiden finden ein totes Kalb; davon könnten sie nun den Sommer lang essen, meint der Onkel. «Spätestens zwei Wochen nach dem Absturz ringelten sich die Maden im Teller, aber der Onkel sagte immer noch: ‹Du musst essen!› ‹Du musst essen!›» Verweist die Geschichte auf etwas, das der Vater nicht erzählen will – oder nicht erzählen kann?
Um diese Geschichte dreht sich Asa Hendrys Theatertext «Archiv», dieses Jahr mit einem Literaturpreis des Bundesamts für Kultur ausgezeichnet. In einem inneren Monolog denkt ein Ich-Erzähler über seinen Vater nach. Eigentlich spricht dieser kaum, er kommuniziert nur mit Gesten und Lauten. Im Gegensatz zur Mutter, die pausenlos spricht, ohne wirklich jemanden anzusprechen. Die sehr unterschiedlichen Unzulänglichkeiten der Sprache von Vater und Mutter liest der Erzähler als Prägung durch vergangene Abgründe, als traumatische Symptome. Und merkt, wie sich die unbekannten Erinnerungen auch im eigenen Leib bemerkbar machen.
Hendry erzählt diese Gedanken in schlichten, präzisen Sätzen. Statt Gewalt direkt zu beschreiben, sucht der Text nach den feinen Erschütterungen auf der sprachlichen Oberfläche gelebter Beziehungen. Das ist nicht nur ein poetischer Genuss, es hat auch einen politischen Hintergrund. Für Hendry, im Val Lumnezia in Graubünden aufgewachsen und gut vertraut mit der harten Arbeit in der alpinen Landwirtschaft, ist die Literatur auch ein Raum, um die zumeist verdrängten und kaum aufgearbeiteten Gewalterfahrungen sichtbar zu machen, die die ältere Generation im Kindesalter auf der Alp gemacht hat.
Am Schluss von «Archiv», das in Sursilvan und Deutsch gedruckt ist, hat Hendry Gedanken über ein romanischsprachiges Theater für die Gegenwart notiert. Dazu müsse es sich von der Abwertung als Dorftheater lösen und ein Theater sein, «das den Finger behutsam auf die rätoromanischen Wunden legt und sich jener Geschichten annimmt, die bis jetzt auf keiner Bühne verhandelt oder erzählt worden sind».
Veranstaltungen mit Asa Hendry in Solothurn am Fr, 15. Mai 2026, 11.30 Uhr und 13 Uhr, Sa, 16. Mai 2026, 17.30 Uhr. Die Preisverleihung findet am Fr, 18 Uhr, im Konzertsaal statt.