Seifenblasen aus der Sommerfrische
Der neue Roman «Tanzende Frau, blauer Hahn» der 46-jährigen schweizerisch-rumänischen Autorin Dana Grigorcea führt in die Kleinstadt Bușteni in den Karpaten zur Nachwendezeit. Dieser bei Leuten aus Bukarest beliebte Sommerferienort ist in den neunziger Jahren etwas heruntergekommen, nachdem die Papierfabrik im Postkommunismus nicht mehr rentierte. Hier verbringt die in Ich-Form erzählende Protagonistin Roxana jeden Sommer im Ferienhaus ihrer Grossmutter und ihrer Grosstante, die beide als Kind hier gelebt hatten.
Nach der Nachricht vom Tod des gleichaltrigen Camil, der früher mit seiner Mutter in der ärmlichen Eisenbahnersiedlung von Bușteni gehaust hat, beginnt sich Roxana an die gemeinsamen Sommer zurückzuerinnern. Die beiden beobachteten das Liebesleben der von der neuen Freiheit profitierenden Feriengäste und der Einheimischen. Leichtfüssig beschreibt Grigorcea skurrile Paargeschichten und unerhörte Begebenheiten. Camil und Roxana erzählen sich Geschichten, «die den Schluss nahelegten, wir alle hätten ein Schicksal, dem nicht zu entrinnen war». Das Buch hat etwas Traumwandlerisches, elegisch Sehnsuchtsvolles – und bei aller Verspieltheit werden auch Abgründe ausgelotet.
Grigorcea baut eine zusätzliche Ebene ins Buch ein: In einem zweiten Handlungsstrang ist eine Schriftstellerin auf Lesereise in Deutschland unterwegs mit dem Buch, das wir gleichzeitig auch lesen und in dem sie selber als Figur vorkommt. Begleitet wird sie von einem französischen Pianisten. Die beiden beherrschen das Spiel zwischen Anziehung und Abneigung.
Grigorceas luftig-virtuoser Text zeigt, wie literarische Seifenblasen farbig und glänzend zu unterhalten vermögen.
Veranstaltungen mit der Autorin in Solothurn am Fr, 15. Mai 2026, 10 Uhr, Sa, 16. Mai 2026, 15.30 Uhr, So, 17. Mai 2026, 10 Uhr am Literatur-Parcours (literatur.ch).