Das Wesen der Zuneigung
Der Bürokrat hat einen poetischen Gedanken: Häftlinge marschieren auf ihr Ende zu, über ihnen blühen die Kirschbäume. Der Schreibtischtäter, der Menschen in den Tod schickt und dabei an blühende Bäume denkt: Aus solchen Bildern ist ein Staat gemacht, schreibt Katja Brunner. Er besteht aus «Wunden, Würden, Bürden und Würdenträgern»; aus Industrialisierung, Kinderarbeit und Napalm; aus Gökhan Gültekin, der sein Glas nicht mehr austrinken konnte, und aus allen anderen Namen der Opfer von Hanau.
«Auslegeordnungen um neuralgische Punkte herum, das ist Schreibarbeit bei mir», sagte Brunner einmal. «Die Kunst der Wunde» ist eine düstere, zärtliche, wütende, verspielte Befragung unserer Gegenwart, deren Grundgerüst eine Sprache ist, «die teils normierend und objektiv tut, aber immer Herkunft verrät». Diese Sprache ist für Brunner nichts weiter als aus Machtgesten geformter Lehm, den sie platt walzt und neu formt.
So entsteht ein nie abreissender, ständig über sich hinausweisender Wortstrom; als läse man Virginia Woolfs «Mrs. Dalloway», nur vielfach gebrochen und zerschrieben. Das Buch basiert auf Brunners gleichnamigem Theaterstück, das sie für das Schauspiel Leipzig schrieb und das 2023 für den Mülheimer Dramatikpreis nominiert war. Zur Uraufführung vor vier Jahren liess Regisseurin Katrin Plötner das Ensemble durch eine lamellenartige Hüpfburg taumeln: sinnbildlich für einen Text, der sich jeder festen Form verweigert.
Das alles könnte anstrengend sein. Wären da nicht diese spielerische Freude am Schönen und Absurden, am Sprachwitz, und immer wieder jenes Ich, das mit einer «Wutwurst» in den Wald zieht und dort im Moos versinkt. Vergnügt und etwas verstört lässt man sich treiben. Bis der Text sich noch einmal grundlegend ändert – und sein utopisches Potenzial offenbart.
Die Autorin liest in Solothurn am Sa, 16. Mai 2026, 17.30 Uhr, im Kino im Uferbau.