Die abwesende Mutter In «Königin der Nacht» schreibt Lukas Bärfuss seine Familiengeschichte weiter: in autobiografischen Skizzen und politischer Reflexion.

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«Er kennt seine Mutter nicht.» So lesen wir schon auf der zweiten Seite von «Königin der Nacht». Und weiter: «Sie war keine Mutter. Sie hatte ihn mit fünfzehn auf die Strasse gejagt.»

Das Buch könnte mithin enden, bevor es begonnen hat. Tatsächlich trägt der Autor dann einiges vom prekären Leben der fremden Mutter zusammen. Vor allem aber schreibt Lukas Bärfuss in seinem neusten Buch, «Königin der Nacht», von sich selbst: Es ist nach «Koala» (2014) und «Vaters Kiste» (2022), in denen er sich mit seinem Bruder beziehungsweise seinem Vater auseinandersetzt, das dritte Buch, in dem Bärfuss anhand eines Familienmitglieds seine Kindheit und Jugend verhandelt.

Ein Konto mit sechzig Franken

Nachdem Bärfuss 2018 die Nachricht erhält, dass seine Mutter gestorben ist, reist er nach Santo Domingo, wohin sie Jahrzehnte zuvor wegen der tieferen Lebenshaltungskosten mit dem Stiefvater ausgewandert war. Als letzte Botschaft findet er einen Bankauszug über gerade mal sechzig Franken. Der Sohn bezichtigt sich der Blindheit und des Geizes, weil er sie finanziell nicht unterstützt hat, beruhigt aber sein schlechtes Gewissen: «Mutter hat nicht erlaubt, dass ihr Sohn sie rettet.» Ein letzter Besuch auf Hispaniola fünfzehn Jahre vor ihrem Tod war gescheitert, ein Gespräch war unmöglich: «Er musste sich damit abfinden. Seine Mutter wollte keine Beziehung zu ihm.»

So bilanziert der Erzähler früh: «Er brauchte keine Mutter», aber auch: «Eine Mutter ist, was man nicht loswird. Auch nicht mit dem Tod.» Und er umreisst sein poetisches Vorhaben so: «Das Einzige, worauf er sich verlassen will, ist seine Erinnerung. Er, der Sohn, der Schriftsteller, ich.»

Was dann folgt, meist in der dritten, aber auch in der ersten Person erzählt, ist ein kühner Mix aus Recherche, biografischer Erzählung und politischem Pamphlet – wie man es von seinem «Bruderbuch» und seinem «Vaterbuch» kennt: Kritisierte Bärfuss in «Vaters Kiste» das Erbrecht sowie den Sozialdarwinismus und in «Koala» die brutale Kolonisierung Australiens, prangert er in seinem «Mutterbuch» den offenen Rassismus in der Schweiz und die hier betriebene Eugenik an. Er thematisiert im dritten und letzten Teil des Buchs namentlich den «Kriegszug gegen die Fahrenden» – da seine Mutter die Tochter eines Sattlers war, der wiederum ein Kind von Fahrenden war.

Doch zuvor fokussiert er auf das, was er als Kind und Jugendlicher unter der Mutter erlitten hat. Sie bezeichnete das Kind als «Betriebsunfall» und liess es meist allein: «An eine zärtliche Geste dieser Königin kann ich mich nicht erinnern, auch an keine Fürsorge, an keine Berührung […]. Wir waren nie gemeinsam im Theater, nie im Schwimmbad, in keinem Konzert. Sie las mir niemals aus einem Buch vor, brachte mich nie auf einen Spielplatz», resümiert der Autor.

Vom delinquenten Vater des Jungen früh geschieden, führt seine Mutter ein Doppelleben im Dunstkreis von Kleinkriminalität und Prostitution. Tagsüber als Reinigungskraft, später in einer Munitionsfabrik beschäftigt, verwandelt sie sich am Abend in die «Königin der Nacht» – ein Bild, in dem sie sich selber sehen will und das das Kind bewundert.

Was dem Heranwachsenden hilft: Lesen. Als ein Nachbar stirbt, übernimmt er ein dreissigbändiges Lexikon; er schlägt es zu Hause auf, «in diesem Moment erwacht der Junge aus seinem Schlaf, macht die Augen auf und steht in einer wunderbaren Welt». Er saugt das gesammelte Wissen auf und erkennt, wie «auf der Welt alles mit allem verbunden» ist.

Daneben kommt auch er früh auf Abwege, er schwimmt durch die Flussschleusen – obwohl ein Freund dabei ertrunken ist. Er steigt auf Baukräne, vandaliert und landet vor dem Jugendrichter. Nach Abschluss der Schulpflicht schickt die Mutter den Fünfzehnjährigen für ein Jahr zu einem groben Milch- und Tabakbauern in der Waadt. Ein Freund, der das Lehrerseminar besucht, gibt ihm Unterlagen zur Aufnahmeprüfung, und der Junge beginnt, verbissen zu lernen. Als er einmal vom Hof heimkommt, ist die Wohnung – bis auf sein eigenes Zimmer – leer. Ohne ihm etwas zu sagen, ist die Mutter in eine andere Stadt zum Stiefvater gezogen.

Bärfuss berichtet oft nüchtern, aber immer wieder gelingen ihm poetische Sätze, die die Gefühlslage des Erzählers spiegeln: «Die Welt, in die sie gehörten, ist verschwunden, das Zimmer eine Scholle in einem Meer, die vom Festland abgebrochen ist.»

Wider Erwarten besteht er die Aufnahmeprüfung fürs Seminar, doch weil die Mutter seine Stipendiengelder einsackt, wird nichts aus der Ausbildung. Da noch zwei Jahre bis zur Volljährigkeit fehlen und er Angst vor einer Heimeinweisung hat, lebt er lange ohne festen Wohnsitz.

Wie in seinen anderen Büchern variiert Bärfuss’ Erzähltempo stark. Während das verfehlte Lehrjahr beim Bauern fast als Novelle innerhalb des Buchs erscheint, rafft der Autor die Jahre danach in wenigen Sätzen: «Er wird von allen guten Engeln behütet. Kein Kratzer. Keine Verhaftung. Kein Eintrag. Gesund. Unverdient. Glückhaft. Wie alles in seinem Leben. Der Junge wird erwachsen. Findet eine Arbeit. Schreibt. Lebt. Liebt. Wird Vater. Verliert seine Mutter. Reist auf die Insel.»

Geschichte der Unterdrückung

Im letzten Teil des Buchs weitet er schliesslich den Blick von der Familiengeschichte auf die ihr zugrunde liegenden gesellschaftlichen Verhältnisse aus und fächert – etwas unvermittelt – die Geschichte der Unterdrückung der Fahrenden in der Schweiz auf und die der Gewalt, die seine Mutter als Tochter eines Jenischen und als Frau erlebt hat.

Er formuliert sarkastisch die Lektion, die sie ihm weitergeben wollte: «Das Land, in dem du lebst, verfolgt die Schwachen. Hüte dich! Sei stark! Wenn du eine Frau bist, sei doppelt stark! Wenn du homosexuell bist, sei doppelt stark! Wenn du eine falsche Nationalität hast – verschwinde! Wir machen den Schwachen das Leben zur Hölle!» Der Einblick in die schwierigen Lebensumstände der inexistenten Mutter bringt dem Sohn keine Versöhnung. Weder mit ihr noch mit sich; jedoch das Wissen, dass sie ihn geprägt hat und damit auch «alles, was ich tat und schrieb und dachte, gezeichnet von ihrem Fehlen».

Buchcover von «­Königin der Nacht. Ein ­kurzes Buch über meine ­Mutter»
Lukas Bärfuss: «­Königin der Nacht. Ein ­kurzes Buch über meine ­Mutter». Rowohlt ­Verlag. ­Hamburg 2026. 127 Seiten.

Veranstaltungen mit dem Autor in Solothurn am Fr, 15. Mai 2026, 20.30 Uhr, Konzertsaal; Sa, 16. Mai 2026, 10 Uhr, Wengisaal, 13 Uhr, Theatersaal.