Gefährliche Bücher Was schwule Pinguine und Kanarienvögel in der Kohlemine mit rechtem Kulturkampf zu tun haben
Ein Kulturstaatsminister als Bücherfeind? Wer während der letzten Monate nach Deutschland blickte, kam aus dem Kopfschütteln nicht heraus. Wolfram Weimer, stockkonservativer oberster Kulturzuständiger der Regierung Merz, schien ausgerechnet einem der traditionellsten Kulturgüter überhaupt den Krieg erklärt zu haben: dem Buch. Zuerst, indem er eigenmächtig drei linke Buchhandlungen entgegen den Empfehlungen einer Fachjury von einer Preisverleihung ausschloss. Kurz darauf sprach er sich auch noch gegen den Ausbau einer Bibliothek aus: Man könne die Bestände doch einfach digitalisieren. Irrsinn? Gefährliche Ignoranz? Oder doch berechnende Strategie eines eingefleischten Kulturkämpfers?
Sicher ist so viel: Weimers autoritäres Auftrumpfen ist nur ein kleines Puzzleteil in einer viel weiter verzweigten rechten Attacke auf Bücher. Namentlich in republikanisch dominierten Gliedstaaten der USA wie Florida und Texas wurden in den letzten Jahren immer wieder Bücher aus Schulzimmern und Bibliotheken verbannt; seit Trumps erster Amtszeit haben diese Eingriffe stark zugenommen.
Ein Muster ist dabei klar zu erkennen: Die «book bans» treffen auffallend oft Werke mit nichtheterosexuellen, nichtweissen, nichtchristlichen Protagonist:innen oder Lebenswelten. Darunter etwa «And Tango Makes Three» von Justin Richardson und Peter Parnell, ein geradezu rührend harmloses Bilderbuch, in dem zwei unzertrennliche männliche Pinguine gemeinsam ein Junges aufziehen – inspiriert übrigens von einem realen Pinguinpaar im New Yorker Central Park Zoo. Betroffen waren aber auch gleich mehrere Romane zu Sklaverei und Rassismus der Schwarzen Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison (wegen Fluchen, Sex, «kontroverser Thematik»), die Harry-Potter-Saga (unchristliche «Zauberei»), eine Graphic Novel zum «Tagebuch der Anne Frank» («unkeusche Fragen» eines Teeniemädchens).
Fortpflanzung ohne Sex
In Afghanistan wiederum hat die Talibanregierung nicht nur alle Frauen aus den Unis, sondern vor etwa einem halben Jahr auch alle Bücher von Frauen aus den Lehrplänen verbannt. Und in Viktor Orbáns Ungarn musste eine Buchhandelskette 2023 eine Busse zahlen, weil sie ein Buch mit queeren Protagonist:innen nicht säuberlich in Plastikfolie verpackt hatte, um so das neugierige Blättern im Laden zu verhindern. Der Tatbestand: Jugendliche würden hier mit homosexuellen Inhalten konfrontiert. «Propaganda für Homosexualität» ist auch in Putins Russland eine Straftat, und überhaupt sind queere Sexualitäten ein grosses Feindbild für fast alle rechten Kulturkämpfer:innen.
Auch Margaret Atwoods Science-Fiction-Albtraum «A Handmaid’s Tale» wird immer wieder verboten, in den USA, aber etwa auch in Schulen der kanadischen Provinz Alberta. Die Begründung: Die Geschichte einer theokratischen Diktatur, in der die übrig gebliebenen fruchtbaren Frauen als Gebärmaschinen missbraucht werden, enthalte «explizite sexuelle» Motive. Der Druck kam von konservativen Elterngruppen. Die kanadische Bestsellerautorin selbst quittierte den Vorfall mit einer online verbreiteten sarkastischen Kürzestgeschichte, «geeignet für Siebzehnjährige in Alberta». Sie handelt von John und Mary, die beide «sehr, sehr brav» und christlich waren, heirateten und «fünf perfekte Kinder produzierten, ohne je Sex zu haben».
Dass Atwood vor ein paar Jahren auch eine teure «feuerfeste Spezialedition» von «A Handmaid’s Tale» auf den Markt brachte und damit gleich selber eine Verbindung zu den Bücherverbrennungen der Vergangenheit herstellte, mag alarmistisch erscheinen. Doch wenn man sich etwas länger mit den diversen Bücherverboten und -verbannungen der Gegenwart befasst, liegt eine Schlussfolgerung sehr nahe: Sie sind der «canary in the coalmine», das im englischen Sprachraum gern metaphorisch evozierte Frühwarnsystem, für das Kanarienvögel in Bergwerken und Minenschächten als Gasalarm benutzt wurden. Hörten die Vögel auf zu zwitschern, drohte Gefahr. Bücherverbote sind ein ganz ähnliches Warnzeichen, sie signalisieren unmissverständlich ein Kippen ins Totalitäre.
Verbannt und verbrannt
Der Zusammenhang zwischen der katholischen Hatz auf die Schriften von Martin Luther (Häresie) oder Galileo Galilei (Verdacht auf Ketzerei) und der Fatwa gegen Salman Rushdie (Blasphemie) ist ziemlich offensichtlich; zumal Luther und Rushdie auch beide für vogelfrei erklärt wurden. Das Verbannen der autobiografischen Graphic Novel «Gender Queer» aus heutigen US-Schulbibliotheken und Lehrplänen (wegen Obszönität und Darstellungen von Homosexualität) und die Zensur von Wilhelm Buschs illustrierter Satire «Der heilige Antonius von Padua» von 1864 (wegen einer derben Marienkarikatur) beruhen auf ähnlichen Motiven. Und auch ein langjähriges Vertriebsverbot für «Ulysses», James Joyce’ Klassiker der modernen Literatur, wegen Obszönität und Gotteslästerung ist verwandt mit der Entfernung von «Adam Bede», George Eliots offenbar allzu realistischem Roman über den bäuerlichen Alltag, aus englischen Bibliotheken 1859; der Vorwurf hier: «ekelhafte Ergüsse aus dem Kopf einer unzüchtigen Frau».
Doch lassen sich jüngere Verbote, bei denen die Verfügbarkeit von Büchern «bloss» und meist temporär eingeschränkt wird, wirklich mit flächendeckenden Zensurmassnahmen oder gar den Bücherverbrennungen der Vergangenheit vergleichen?
Es ist eine etwas längere Geschichte. Man kann sie im 16. Jahrhundert einsetzen lassen, kurz nach der Erfindung des Buchdrucks, um der Einfachheit halber in der frühen Neuzeit zu bleiben, obwohl selbstredend schon viel früher Schriftwerk systematisch oder mutwillig zerstört wurde. Eine der zentralen Akteur:innen dieser Geschichte ist die einst übermächtige katholische Kirche mitsamt ihren späteren Abspaltungen und Reformationen. Im 18. und 19. Jahrhundert traten dann Kaiser, im 20. Jahrhundert vor allem totalitäre Staaten in die katholischen Fussstapfen. Christliche Zensurmotive bleiben aber bis heute omnipräsent, primär als so blühende wie absurde Obsession mit sexuellen Inhalten aller Art. Manchmal erscheint sexuelle Zensur aber auch nur als Vorwand, um politisch Unliebsames aus dem Weg zu räumen.
Staat und Kultur in eins setzen
Kaum waren also die ersten Bücher auf Gutenbergs neuen Maschinen gedruckt, brannten sie auch schon auf den spätmittelalterlichen Scheiterhaufen. Heinrich Heine hat 1823 in seinem wenig bekannten Drama «Almansor» einen sehr bekannten Satz geprägt, der in diesem Zusammenhang fast zwangsläufig zitiert wird: Dort, «wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen». Dieser Satz wird heute meist als unheimlich vorausahnende Vorwegnahme der Bücherverbrennungen und der Menschenvernichtung der Nazis gelesen. Dabei geht vergessen, dass sich Heines Toleranzstück (in der Tradition von Lessings «Nathan der Weise») mit den darin erwähnten Koranverbrennungen vor allem auf eine sehr konkrete Vergangenheit bezog: die christliche Maurenverfolgung in Spanien.
Der als Jude selber verfolgte und oft zensierte Heine griff in «Almansor» das auf, was der Literatursoziologe Leo Löwenthal so umschreibt: «Wann immer sogenannte christliche Nationen in Konflikt mit anderen Kulturen geraten sind, stand Büchervernichtung an der Tagesordnung.» Dabei wurden auch Menschen verbrannt und ermordet. Löwenthal benennt in seinem Essay «Calibans Erbe» den historischen Hintergrund von Heines vielzitiertem Satz: Der katholische Kardinal Ximénes liess um 1500 «im Prozess der Ausrottung der maurischen Kultur über eine Million Bücher auf einem öffentlichen Platz in Vivarambla [in Granada] verbrennen. Die Inquisition setzt Aktionen dieser Art periodisch fort.»
Die christlichen Bücherkriege der frühen Neuzeit nahmen so auf dem Feld der Religion modellhaft die «Gleichschaltung» vorweg, die Hanns Johst, Schriftsteller und Direktor der NS-Reichsschrifttumskammer, zum zentralen Ziel der nationalsozialistischen «Kulturpolitik» erklärt hat: «Staat und Kultur» sollten «identisch» werden, schreibt er 1932. Dieses Einswerden hat eine zentrale Voraussetzung: die Auslöschung jeder Widerrede, Abweichung, Erinnerung an eine andere Vergangenheit in Gestalt von Büchern, Menschen und ihren Gedanken zu einheitlich grauer Asche.
Einsortiert in schwarze und weisse Listen
Der Germanist Bodo Plachta, Autor eines empfehlenswerten Reclam-Bändchens zur Geschichte der Zensur, betont, dass Bücherverbote immer auch repressive Reaktionen auf gesellschaftliche Um- und Aufbrüche sind, stets begleitet vom Aufkünden der Pressefreiheit. Und Plachta bezeichnet die antisemitisch, antimodern und völkisch motivierte Zensur in der nationalsozialistischen Diktatur als die weitreichendste der ganzen Weltgeschichte. Die systematische Zerstörung von Menschen und ihrer künstlerischen wie intellektuellen Arbeit unter Hitler war beispiellos. Nach der Machtübernahme durch die Nazis wird insbesondere der gesamte Buchmarkt «gesäubert», überwacht und gesteuert; kritische und jüdische Schriftsteller:innen sperrt das Regime ein, es foltert und ermordet sie oder zwingt sie ins (innere) Exil, verbrennt ihre Bücher. Die leeren Regale und Schriftstellervereine werden mit regimetreuen Werken und Autor:innen aufgefüllt, die gesamte intellektuelle Welt: einsortiert in sogenannte schwarze und weisse Listen.
Bei allen Unterschieden zwischen damals und jetzt: Diese Listen und die simple Naziformel, dass Kultur und Politik deckungsgleich werden sollten, wirken bis heute nach. Autokraten wie Putin, Trump, aber auch Kulturkämpfer wie Weimer streben eine solche Sortierung und Vereinheitlichung zumindest an. Und wer vielleicht die Hoffnung hatte, dass Bücherverbrennungen nach 1945 endgültig Geschichte sein sollten, wird bereits in den fünfziger Jahren enttäuscht. In Deutschland wird an verschiedenen öffentlichen Plätzen sogenannt jugendgefährdende Schmutz- und Schundliteratur – Micky-Mouse-Hefte, Krimis, «Räuberromane» – verbrannt; im Frühjahr 1965 auch im aargauischen Brugg, mit freundlicher Unterstützung von kantonalen Jugendverbänden, die Migros war fürs Catering zuständig, und Ex Libris offerierte «wertvolle Literatur» zum Tausch.
Tagebuch und Giftschrank
Zeit, um alles nochmals auf den Kopf zu stellen. Der rabiate Umgang mit Büchern zeigt ja nicht zuletzt, dass man ihnen eine grosse Macht zuschreibt. Ein paar Dutzend zusammengeleimte bedruckte Papierseiten zwischen zwei Kartondeckeln können offenbar gar einem Diktator gefährlich werden. Von dieser subversiven Kraft erzählt auch die dystopische Literatur der Nachkriegszeit, im Schatten der Diktaturen von Hitler und Stalin. Die Grundaussage von Ray Bradburys «Fahrenheit 451» lautet denn auch schlicht: Jedes Buch ist gefährlich. Die Bibel, Poesiebände, Shakespeare, Platon, Schopenhauer, Jonathan Swift.
Bradburys Protagonist arbeitet als «fireman» («Feuerwehrmann» wäre hier exakt die falsche Übersetzung) für die Bücherverbrennungstruppe eines namenlosen totalitären Regimes. Bis er anfängt, Bücher, die er eigentlich verbrennen sollte, zu horten und zu verstecken. Sein Griff zum bei Todesstrafe verbotenen Buch wirkt wie ein mächtiger Hebelarm, der zum Umsturz seiner gleichgeschalteten Gedanken führt und bald zur offenen Rebellion gegen das System.
George Orwell wiederum lässt in «1984» seine Hauptfigur im «Ministerium für Wahrheit» arbeiten, wo alle Bücher streng kontrolliert und vor allem ständig umgeschrieben werden, damit ihr Inhalt nie im Widerspruch zur aktuellen Politik steht. Unter den Tastaturschlägen der Zensor:innen werden einstige Freunde zu Feinden, Krieg mutiert zu Frieden. Die Vergangenheit wird Tag für Tag an die Gegenwart angeglichen, Politik und Buchkultur gleichgeschaltet. Nur im privaten Tagebuch des Protagonisten keimt der Widerstand, bestärkt durch Ausflüge in ein Antiquariat.
Die strategische Lektion aus beiden Romanen: Jedes Unrecht, jedes totalitäre System birgt seine eigene Aufhebung. Ein Schlüssel zum Umsturz liegt in den Bibliotheken, in den gesammelten Büchern der Vergangenheit. Man muss – oder müsste – sie nur lesen können. Dazu passt das Kuriosum, dass die meisten Regimes Giftschränke anlegen: sorgfältig zusammengestellte Kollektionen der Bücher, die sie verboten haben, auch diese Praxis reicht zeitlich weit zurück. Löwenthal fragt in seinem Text, ob der Giftschrank womöglich ein «magischer oder perverser Akt von Rückversicherung» sei. Vielleicht ist er aber auch einfach der materielle Beweis dafür, dass jede Politik des Scheiterhaufens am Ende scheitern muss. Die Täter sabotieren ihre eigene Auslöschungsfantasie gleich selbst, indem sie ein neues Archiv des Gefährlichen anlegen.
Die «Babyficker»-Debatte
Gotteslästerungen, Majestätsbeleidigungen und Machtkritik; Provokationen gegen die herrschende Sittlichkeit; unverblümte Schilderungen von Körpern und ihren Funktionen: Angesichts dessen, was landläufig als bedrohlich und zensurwürdig gilt, ist es für aufgeklärte, weltläufige Menschen einfach, sich überlegen zu fühlen. All die prüden und ideologisch verblendeten Verbotslisten sind meist sehr verlässliche Lektüreempfehlungen.
Anfang der 1990er Jahre kratzte der Text eines Schweizer Autors an solchen Gewissheiten. Der Basler Literaturredaktor Urs Allemann las am berüchtigten Literaturevent in Klagenfurt aus seinem Manuskript «Babyficker» vor. Ein Jurymitglied verliess schon nach wenigen Sätzen den Raum – was in Klagenfurt vorher und seither so nicht vorgekommen ist. In den Monaten danach entbrannte eine laute öffentliche Debatte über den Text, den man als klar artifiziell markierten Versuch beschreiben kann, in den Kopf eines pädophilen Ich-Erzählers einzutauchen, der von seinen Fantasien – oder ist es sein Tun? – erzählt.
Der rausgelaufene Juror sprach dem Text «jede menschliche und literarische Qualität» ab, ein anderer orakelte, der Text könnte ein Fall für den Staatsanwalt werden. Die Jurymehrheit verlieh Allemann einen Preis. Heftige Angriffe kamen von Exponent:innen der rechtsnationalen FPÖ. Sie ignorierten den literarischen Text weitgehend, instrumentalisierten den Fall aber, um gegen Kultursubventionen zu hetzen. Das Feuilleton zersplitterte in Fraktionen, die politisch nicht eindeutig waren. Auch in der WOZ erschienen heftig ablehnende Texte. Andere argumentierten, es handle sich hier um seriöse avantgardistische Literatur. Als Allemann in der Roten Fabrik auf einem Podium über seinen Text diskutieren sollte, wurde er noch vor Veranstaltungsbeginn mit Farbe übergossen. Die beteiligten Frauen verteilten Flugblätter: «Brechen wir das Schweigen. Benennen wir die Täter. Schlagen wir zurück.»
«Babyficker» lässt einen bis heute ratlos zurück. Die Möglichkeit, dass der Text – gerade auch im medialisierten Kontext von Klagenfurt – eine kalkulierte Provokation des Autors war: kaum von der Hand zu weisen. Am verlässlichsten bleibt die Einschätzung des Zürcher Germanisten Michael Böhler. Seine Analyse läuft auf die These hinaus, dass Allemann einen Text geschrieben hat, der durch seine eigenwillige sprachliche Konstruktion selbst zum Gewaltakt wird – an seinen Leser:innen. Für viele ist «Babyficker» zudem kein reiner Text, sondern er vermischt sich aufgrund seiner aufwühlenden Thematik fast automatisch mit der Realität. Allemanns Roman, von dem übrigens nicht allzu viele Exemplare verkauft wurden, ist ein uneindeutiger, ein unangenehmer, ein aggressiver Text. Die Frage, ob man ihn hätte zensurieren, gar verbieten müssen, lässt sich trotzdem deutlich mit Nein beantworten. Solche Ambivalenzen und Provokationen sind auszuhalten. Dabei hilft auch die damals offen und kontrovers geführte Debatte, die heute ein Stück weit mit dem Text verschmolzen ist.
Wer gefährdet die Jugend?
Aber gibt es denn überhaupt Bücher, die man verbieten müsste? Oder anders gefragt: Wie könnten Zensurvorschriften aussehen, damit sie im Ernstfall Schlimmeres verhindern? Wenn all die Debatten um gefährliche Texte und die Bücherverbote dazu eine vorsichtige Einsicht bereithalten, dann diese, dass von oben verordnete inhaltliche Eingriffe und Verbote kaum der richtige Weg sind. Als ideologisch übersteuertes Machtmittel sind sie oft blind: Sie schützen regelmässig die Falschen. Warum schlüpfte etwa ein fraglos äusserst gefährliches Buch wie «Mein Kampf» durch die rigiden Zensurregeln der Weimarer Republik, wo «jugendgefährdende Schriften» streng verboten waren? Und was sind die blinden Flecken heute?
Einen prophetischen Fingerzeig liefert einmal mehr die alte Literatur. In «Fahrenheit 451» wie auch in «1984» sind Bücher längst aus den Haushalten verschwunden. Sie wurden durch grosse Bildschirme abgelöst. Diese dienen der Ablenkung und Verblödung (bei Bradbury) und der Propaganda und Überwachung (bei Orwell), was – in der Kombination – eine leider fast schon lächerlich treffende Vorwegnahme der problematischen Funktionen unserer heutigen mobilen Endgeräte ist.
Auf diese Bildschirme müssen wir nun wohl oder übel schauen. Und obwohl die Geschichte zeigt, dass Zeitenwenden, aber auch jedes neue Massenmedium einen emsigen Regulierungs- und Zensureifer entfachten: Rund um den Giftschrank Internet blieb es diesbezüglich lange auffallend ruhig. Seit einiger Zeit werden nun Rufe nach Regulierungen immer lauter. Das Bemerkenswerte daran: Diese Rufe kommen hauptsächlich von unten, von betroffenen User:innen selbst. Und das ist immerhin eine vielversprechendere Ausgangslage, als wenn der König von Sachsen 1815 einen Lexikoneintrag über die Schlacht bei Leipzig umschreiben liess – und dafür gleich einen ganzen Brockhausband aus dem Verkehr zog. Oder wenn christliche Elterngruppen heute im Verbund mit rechten Politiker:innen zum Sturm auf bunte Bilderbücher blasen.