Der Brief als «Hilfskonstruktion» Ulrike Ulrichs bestechendes neues Buch ist ein Coronaroman, eine Reflexion über Macht und geht den Spuren beinahe vergessener Autorinnen nach.
Mitten in der Coronapandemie und während der Fussballeuropameisterschaft im Sommer 2021 verbringt die Autorin Liane Steffen zwei Monate in Paris. Sie will hier nach einer längeren Schaffenspause an einem neuen Projekt arbeiten, das sich jedoch von Anfang an als tückisch erweist. «Ich habe mit Die Bücher der Mutter begonnen, essayistisch auch, aber vor allem autobiografisch, dieses Buch, in dem ich nun also Ich sage. Und mich meine. Ich hänge darin fest.»
Die ursprüngliche Idee, sich selbst zu jenen Büchern in Beziehung zu setzen, die sie von ihrer früh verstorbenen Mutter geerbt hatte, erscheint Liane bald schon als zu eng. Aus «Die Bücher der Mutter» wird «Die Bücher der Mütter» und schliesslich ein «Autorinnen*Alphabet», das ihr die Freiheit gibt, eine Vielzahl von vergessenen, verkannten, unentdeckten, ignorierten, marginalisierten, widerständigen, queeren Schriftstellerinnen in ihren autobiografischen Essay einzubeziehen.
Vielleicht eine Pose?
Eine hat es ihr besonders angetan: die beinahe in Vergessenheit geratene Louise Crombach, Näherin, Feministin, Gefängniswärterin und Autorin, die in engem Austausch mit namhafteren Zeitgenossinnen wie George Sand oder Marceline Desbordes-Valmore stand und 1845 verurteilt wurde, weil sie einer Inhaftierten zur Flucht verholfen hatte. Durch hartnäckige Recherchearbeit versucht Liane, Crombachs Geschichte zu rekonstruieren, sie vor dem Verschwinden zu retten, indem sie ihr in ihrem «Autorinnen*Alphabet» Raum gibt.
Doch gibt sie all diesen marginalisierten Stimmen wirklich Raum? Handelt es sich nicht vielmehr um eine Aneignung, eine Vereinnahmung, vielleicht sogar eine Pose, durch die Liane ihren eigenen Text vom Makel reinwaschen will, dass er aus einer privilegierten Position, aus der Perspektive einer erfolgreichen, weissen Intellektuellen geschrieben wurde? Auf einem Podium zum Thema «Writing Against Oppression» wird sie von einer jungen Autorin kritisiert – und gibt ihr später heimlich recht: Selbst wenn eine wie sie «sich verbinde, vernetze, solidarisiere», so lebe doch in ihr «all das kolonialistische Denken und Handeln weiter, das könne ich nicht loswerden, ich könne nur Platz machen».
Ulrike Ulrichs neuer Roman «Zeit ihres Lebens» ist eine Hommage an Paris, eine feministische Überschreibung von Rilkes «Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge», ein Coronaroman, eine archäologische Suche nach Spuren beinahe vergessener Autorinnen, eine Reflexion über Macht, Widerstand und Solidarität, eine Erinnerung an die Pariser Kommune, ein Roman übers Schreiben, über Freundschaft, Liebe und Verrat, über Herkunft und Familie, über Verantwortung und Freiheit – ein unmögliches Buch eigentlich, in dem unzählige Fäden zu einem dichten Text verwoben und komplexe Themen auf vielfache Weise zueinander in Beziehung gesetzt werden.
Überbordende Fülle
Den Roman so faszinierend macht, dass Ulrich eine denkbar einfache Form für diese überbordende Fülle findet: Sie inszeniert den Text als Brief. Weil Liane mit dem «Ich-Sagen» nicht weiterkommt, schreibt sie an ihre Freundin Jana. Jana ist schon vor acht Jahren gestorben und ist doch immer noch Lianes «Lebensmensch». «Du fehlst», schreibt sie, «ich vermisse dich.» Der Brief wird schliesslich das geplante Projekt ersetzen, doch zu Beginn dient er vor allem als «Hilfskonstruktion»: «Weil ich Ich sagen will. Und weil du immer diejenige warst, der gegenüber ich am leichtesten Ich sagen konnte.»
Die Briefform hat zwei bestechende Effekte: Durch die ständige Anrede als «liebe Jana» werden wir beim Lesen zum Du: zur Vertrauensperson, die in einer engen Beziehung zu Liane steht. Vor allem aber wird durch den Brief deutlich, dass dieses «Ich», von dem aus Liane scheinbar spricht, überhaupt erst durch die Kommunikation mit der Freundin entsteht.
Der Roman liefert damit einen wichtigen Beitrag zu einer hochaktuellen Debatte um Macht, Wissen, Situiertheit und Identität, indem er deutlich macht, dass das «Ich» kein statischer Ausgangspunkt ist, keine Referenz auf ein mit sich selbst identisches Subjekt, sondern immer nur das vorläufige Ziel auf einem Weg, den wir nie alleine gehen.
Veranstaltungen mit der Autorin in Solothurn am Fr, 15. Mai 2026, 15 und 19 Uhr, Sa, 16. Mai 2026, 11.30 und 20.30 Uhr, und So, 17. Mai 2026, am Literatur-Parcours (literatur.ch)