Nr. 16/2012 vom 19.04.2012

Das Leben des Jungen Mentor

Das Kind auf dem umstrittenen «Weltwoche»-Titelbild lebt im Westen des Kosovo. Die WOZ hat ihn dort gefunden. Wie lebt er? Was denken seine Eltern über das Foto? Eine Reportage über die Lebensumstände in einer Romasiedlung bei Gjakova.

Von Carlos Hanimann (Text) und Fabian Biasio (Fotos)

Man erkennt sie an ihren Händen: schwarz wie die Krähen, die von den Abfallbergen in den Himmel steigen. Frühmorgens, wenn Sonne und Konkurrenz noch schlafen, brechen die MüllsammlerInnen von Gjakova auf in die umliegenden Städte und Dörfer auf der Suche nach verwertbarem Schrott. Ihre Schätze sind die Abfälle der anderen. Die Arbeit ist mühsam und hart, aber für die Roma im Westen des Kosovo ist sie eine der wenigen Möglichkeiten, sich ein Einkommen zu sichern.

Vor einer Woche ist er mir das erste Mal begegnet: ein kleiner Junge, dunkle Haut, dunkle Augen, dunkle Haare – in der Linken hielt er eine Spielzeugpistole und zielte auf mich, auf uns, auf jeden, der in der Schweiz an einem Kiosk vorbeiging. Sein Blick: War er ernst? Traurig? Bedrohlich? Der Junge zielte nicht auf uns. Die Zeitschrift, die das Foto veröffentlichte, zielte auf ihn – und auf seine Gemeinschaft. Unter dem Bild titelte sie: «Die Roma kommen: Raubzüge in die Schweiz».

Jetzt schaut Mentor M. etwas ratlos in die Runde: Der Haarwirbel über dem rechten Auge, die fallenden Augenwinkel, der leichte Silberblick – er ist ohne Zweifel der Junge vom «Weltwoche»-Titelbild.

Es ist Freitagnachmittag, der 13. April, kurz nach vier Uhr, als wir das kleine Haus von Mentors Familie betreten. Vater Rexhep und Mutter Teuta begrüssen uns herzlich, Mentor und seine zwei Schwestern Sinita und Shkurte setzen sich schüchtern neben ihre Eltern. Wir hocken in einem knapp zwölf Quadratmeter grossen Raum im Romaghetto bei Gjakova im Westen des Kosovo. Die Wände sind rosafarben gestrichen, ein Herd steht in der Ecke, im Hintergrund läuft ein kleiner Fernseher, ein alter Computerbildschirm flimmert. Als wir dem Vater die Zeitschrift geben, schlägt er die Hände vors Gesicht, im Bewusstsein, dass eine Kamera auf ihn gerichtet ist, und sagt dann: «Ich bin schockiert. Mein Sohn – jeder kann ihn so sehen, mit einer Pistole in der Hand. Die Leute werden denken, wir seien Kriminelle, Diebe.» Rexhep zeigt Mentor das Heft: Er sieht uns fragend an, unsicher, und schüttelt dann den Kopf. Am nächsten Tag wird mir seine Tante Shyhrete erzählen, Mentor habe deswegen in der Nacht geweint. «Wir sind keine Verbrecher», sagt Rexhep. Mentors jüngere Schwester Sinita lutscht an einem Plastikstängel, den sie zuvor in ein Tütchen mit Zucker gesteckt hat. Rexhep zeigt mit der Hand in den mit Teppichen ausgelegten Raum, der der fünfköpfigen Familie als Wohn- und Schlafzimmer dient: «Wir sind ehrliche, einfache Leute. Sie sehen ja, wie wir hier leben: Wir haben kaum zu essen, keine Arbeit, nichts …»

Der Italiener Livio Mancini hatte 2008 als eingebetteter Fotograf der KFOR-Truppen die Romasiedlung bei Gjakova besucht. Dort fotografierte er den Jungen mit einer Spielzeugpistole. Ein Sujet, das überall leicht zu finden ist. Auch wir begegnen während unseres zweitägigen Aufenthalts in der Siedlung einem Jungen, der ein Spielzeuggewehr auf uns richtet. Die «Weltwoche» verwendete Mancinis Bild als Illustration für einen Artikel über kriminelle Roma in der Schweiz. Nur: Weder der abgelichtete Mentor (der laut «Weltwoche»-Autor Philipp Gut als Symbol dafür stehe, «dass Roma-Banden ihre Kinder für kriminelle Zwecke missbrauchen») noch dessen Familie haben den Kosovo je verlassen. Als Mancini das Foto schoss, war Mentor gerade vier Jahre alt. Am 9. März dieses Jahres feierte er seinen achten Geburtstag. An den Tag, an dem er mit der Spielzeugpistole in der Hand fotografiert wurde, erinnert er sich nicht mehr. Er war noch zu klein damals.

Auf dem Gelände der alten Tabakfabrik

Anfang letzter Woche fanden wir heraus, dass der Slum bei Gjakova teilweise noch immer existiert, aber die Roma unter anderem vom Schweizer Hilfswerk Caritas, dem Bund, der Gemeinde Gjakova, der Regierung des Kosovo und anderen unterstützt werden: Die rund 800 Roma in der «Kolonie», wie die BewohnerInnen die illegale Siedlung nennen, sollen in neue Häuser umziehen, auf eine Landparzelle in unmittelbarer Nähe, die die Stadt zur Verfügung gestellt hat. Insgesamt 120 Häuser sollen in drei Phasen gebaut werden: Die ersten 29 Häuser stehen schon, die nächste Bauetappe soll demnächst beginnen und bis im Herbst abgeschlossen sein.

Der Fotograf Fabian Biasio und ich entschieden, in den Kosovo zu fahren, um den Jungen zu suchen, und baten die Caritas um Hilfe. Am Tag vor unserer Abreise in den Kosovo teilte mir die lokale Caritas-Mitarbeiterin telefonisch mit, ein Kollege habe die Familie gefunden. Diese sei bereit, uns zu empfangen.

Erste Tropfen fallen, als wir kurz vor Gjakova sind. Am Strassenrand steht ein altes Postauto mit kaputten Scheiben. Eine Abzweigung führt uns nach «Ali Ibra», so nennt die Caritas die neue Siedlung, die derzeit gebaut wird. Die Teerstrasse ist hier zu Ende. Petflaschen, Plastiksäcke, Papierschnipsel säumen den schmalen Streifen Schlamm, der uns in die Kolonie bringt.

Hinter einem Stacheldrahtzaun erinnert eine Ruine daran, dass hier einst eine Tabakfabrik stand. Bröckelnder Beton und verlassene Metallbaracken zeugen von besseren Zeiten. Bis in die späten achtziger Jahre wurde in den Fabrikhallen Tabak verarbeitet, der auf den umliegenden Feldern angepflanzt wurde.

«Mit Holz arbeiten, wie mein Vater»

Ende der sechziger Jahre zogen die ersten Roma hierher. Sie arbeiteten in der Fabrik und wohnten in den Baracken, die die Fabrikbesitzer für ihre ArbeiterInnen hatten bauen lassen. Wenn sie Kinder bekamen oder Verwandte herzogen, bauten sie einfach an. So entstand langsam der illegale Wildwuchs an Häusern und Hütten bei Gjakova. Aber mit dem Kosovokrieg 1999 wurde die Produktion in der Fabrik eingestellt. Heute ist sie geschlossen, das Gelände gesperrt. Geblieben sind die Roma und die Ruinen. Zäune sollen verhindern, dass neue Roma in die geräumten Baracken ziehen.

Der achtjährige Mentor lebt mit seiner Familie am Ende der Siedlung, dahinter liegt eine grosse Wiese, ein ehemaliges Tabakfeld, und alle paar Meter: nasse Kartons, zerrissene Säcke, rostende Büchsen. Gleich neben dem Haus befindet sich das Mülldepot K-Ambienti, wo Plastik- und Papierabfälle sortiert, gepresst und gebündelt werden. Die alte, illegale Deponie befindet sich am anderen Ende der Siedlung. Dort hätten die Kinder früher gespielt, sagt Rexhep, Mentors dreissigjähriger Vater. Aber seit einem Jahr besucht Mentor eine öffentliche Schule in Gjakova, keine zwanzig Minuten von der Kolonie entfernt. Zuvor hat er den Kindergarten der Caritas in Ali Ibra besucht.

Mentors neunjährige Schwester Shkurte schneidet Scherenschnitte und gibt ihrem Bruder die restlichen Schnipsel, die er bemalt. Mentor geht gern zur Schule, sagt er. Sein Lieblingsfach sei Zeichnen. Aber wenn es nach dem Vater geht, soll Mentor diese Woche zu Hause bleiben. Rexhep sagt, er befürchte, dass Mentor gehänselt und als Krimineller beschimpft werde. «Über das Internet kann jeder das Bild betrachten und den Titel übersetzen.» In der Siedlung haben einige das Bild gesehen. Sie wundern sich auch darüber, was die ausländischen Journalisten bei der Familie tun. Die ganze Geschichte macht Rexhep wütend. Er sagt, er wolle Klage gegen die Verantwortlichen einreichen, die das Bild missbraucht hätten. Dafür benötigt er die Hilfe der Caritas, alleine wird er das kaum machen können. Allein schon wegen der Kosten.

Rexhep M. erhält monatlich 75 Euro Sozialhilfe vom Staat, allerdings nur noch zwei Monate lang. Danach ist Schluss. Seine jüngste Tochter ist eben sechs geworden, und der Staat zahlt nur für Kinder bis fünf Jahre. Jeden Tag fährt Rexhep frühmorgens in die Stadt und sucht Arbeit. Er hat einen Kredit aufgenommen für ein kleines, offenes Gefährt, auf das hinten eine Kreissäge montiert ist. Damit fährt er ins Zentrum und wartet, bis er einen Auftrag erhält. Oder er hilft einem Kollegen, wenn gerade Arbeit anfällt. So läppert sich immer wieder ein wenig Geld zusammen. Mal verdiene er drei Euro am Tag, mal fünf, sagt Rexhep. Ein Arbeitskollege von Rexhep, den ich später in der Stadt treffe, erzählt mir, dass es manchmal auch mehr sei: Zehn, fünfzehn Euro könnten es an einem guten Tag werden. Der monatliche Durchschnittslohn im Kosovo beträgt etwa 200 Euro. Allerdings, sagt der Kollege, hätten sie meistens nur etwa zwei Tage pro Woche Arbeit.

Und trotzdem: Als ich Mentor frage, was er später arbeiten möchte, zögert er erst, zeigt dann auf Rexhep und sagt: «Ich will mit Holz arbeiten, wie mein Vater.» Am nächsten Tag, als wir durch die Romasiedlung spazieren und seine Verwandten besuchen, scheint Mentor Gefallen an Kamera und Notizblock gefunden zu haben. Seine Pläne haben sich geändert. Er sagt, er wolle «Gazetar» werden – Journalist.

Die Wahrscheinlichkeit, dass sein Wunsch in Erfüllung geht, ist klein. Die Arbeitslosigkeit im Kosovo ist hoch, die meisten Schätzungen gehen von über fünfzig Prozent aus. Exakte Zahlen gibt es nicht, da viele Jobs im informellen Sektor angesiedelt sind. Unter den Minderheiten ist die Arbeitslosigkeit gar noch höher: Die Soros Rroma Foundation, eine NGO, geht davon aus, dass von den rund 30 000  im Kosovo lebenden Roma über 90 Prozent arbeitslos sind. Nur 25 Prozent schliessen eine Sekundarschule ab, 1,4 Prozent haben einen Universitätsabschluss.

Die Diskriminierung der Roma im Kosovo sei gravierend, schreibt die Rroma Foundation in einem Bericht von 2008. Den Roma wird im Kosovo vorgeworfen, während des Kriegs mit den Serben kollaboriert zu haben.

Aber davon will der Mann, der sich einfach nur Kapllan nennt, jetzt nichts wissen. Der 60-Jährige ist eine wichtige Person in Ali Ibra. Er ist Geschäftsführer von K-Ambienti, der Müllverarbeitungsfirma in der Siedlung, und zugleich der Chef des siebenköpfigen Siedlungskomitees. Er ist darauf bedacht, ein gutes Bild von der Gemeinde zu zeichnen: «Hier gibt es keine Probleme. Wir Roma sind akzeptiert und gut integriert.» Andere sehen das freilich anders. Hassan etwa. Er erzählt von Prügeleien mit Kosovaren, die seine Kollegen von der alten Mülldeponie vertrieben haben. «Wenn die dort einen von uns erwischt haben, dann sind sie auf ihn los und haben ihn zusammengeschlagen. Aber in Europa sagen sie: Im Kosovo ist alles gut.»

Hassan treibt seine knapp zwanzig Schafe zusammen, zeigt auf die neuen Häuser der Caritas und sagt dann: «Später krieg ich auch so ein Haus.» Mit zehn Jahren sei er nach Deutschland geflüchtet, sagt der 28-Jährige: «Als die Scheissserben kamen.» Elf Jahre lang lebte er da, bevor er in die Schweiz zog. «Wohin?», frage ich ihn. «In den Knast. Raubüberfall.» Sein Bruder habe ihn gebeten, zur Bank zu fahren und im Auto zu warten. «Er müsse nur schnell Geld abheben, hat er mir gesagt.» Der Richter glaubte Hassan die Geschichte nicht und schickte ihn für vier Jahre ins Gefängnis. Dann musste er zurück in den Kosovo. «Als ich herkam und den ganzen Abfall hier sah, fragte ich meinen Bruder: Scheisse, wo bin ich hier? Aber er antwortete nur: ‹Weisst du das nicht mehr? Hier bist du geboren.›»

«Kennen Sie die ‹Krone› in Solothurn?»

Am Samstag besuchen wir Mentors Familie ein zweites Mal. Rexhep ist am Morgen mit seinem blauen Sägewagen in die Stadt gefahren. Viel Arbeit hat es nicht gegeben. Er sagt, er wolle später wieder gehen. Aber jetzt will uns die Familie die Siedlung zeigen. Wir spazieren zu ihrem alten Haus. Eine Ruine, aus der alles Brauchbare abmontiert wurde: die Fenster, die Türen, die Schindeln auf dem Dach. Zu den Umsiedlungsplänen der Caritas gehört auch, dass das Hilfswerk die alten Häuser abbrechen oder unbewohnbar machen lässt, damit nicht neue Roma in die leeren Häuser einziehen. Rexheps Familie konnte vor zwei Jahren das grössere Haus eines Bekannten übernehmen. Jetzt haben sie neben dem Wohnzimmer auch ein Vorzimmer, das als eine Art Küche dient. Die Umsiedlung der Familie ist erst für die zweite, eher sogar für die dritte Bauphase geplant. Die lokalen Caritas-MitarbeiterInnen wählen die Familien vor allem nach Armutskriterien aus – in Ali Ibra gibt es viele Familien, die noch ärmer sind als die von Mentor.

Zum Beispiel Shyhrete, Rexheps Schwägerin. Sie wohnt neben Rexheps altem Haus. «Es ist total beschissen hier», sagt sie in perfektem Deutsch. Als einjähriges Baby nahmen ihre Eltern sie mit nach Deutschland. Sie hat ihre ganze Jugend in der Nähe von Münster verbracht. Als sie volljährig wurde, schob man sie ab. Seit zwei Jahren ist sie in Ali Ibra. «Was soll ich hier? Ich bin in Deutschland zur Schule gegangen, habe meine Ausbildung dort gemacht. Ich habe nie wirklich im Kosovo gelebt. Aber mit neunzehn musste ich weg, hierher.» Rexhep nimmt Shyhretes Kind auf den Arm. Es ist kreidebleich. «Nermin hat über 40 Grad Fieber. Er kann kaum atmen. Ich war vorhin mit ihm im Krankenhaus, da musste er an ein Inhalationsgerät. Aber wie soll ich das bezahlen? Mein Mann findet vielleicht zweimal im Monat Arbeit. Dann kriegt er ein paar Euro. Das reicht nicht. Schon das Milchpulver kostet ja fünf Euro.»

Mentor und seine Schwestern ziehen uns weiter, zu K-Ambienti. Kapllan sitzt auf einer umgedrehten Bierkiste, zieht an einer Lucky Strike. Dann fragt er in gebrochenem Deutsch: «Kennen Sie das Hotel Krone? In Solothurn? Da habe ich fünf Jahre lang gearbeitet.» Von 1985 bis 1990 war er in der Schweiz, ehe er mit seiner Frau in den Kosovo zurückging, nach Gjakova, wo er aufgewachsen ist. Seit dem Kriegsende arbeitet er im Abfallgeschäft. Zuerst auf der alten, illegalen Mülldeponie neben der Kolonie. 2010 wurde sie geschlossen. Heute wird sie im Auftrag der Stadt von einer privaten Firma betrieben. Die Schliessung der alten Deponie sorgte für Unmut unter den Roma. Rund hundert Leute haben dort gearbeitet. Auch Rexhep, Kapllan und Hassan verdienten dort ihr Geld. Mit der Umsiedlung der Roma und der Legalisierung des Abfallbusiness sei viel Arbeit verloren gegangen, erzählt Rexhep: «Natürlich war ich wütend. Aber das musste sein – auch wegen der Kinder.» Es gab Proteste vor dem Caritas-Büro. Schliesslich fand man eine Lösung: Die Ali-Ibra-Siedlung erhielt ihre eigene Müllverarbeitungsfirma. Kapllan wurde Geschäftsführer von K-Ambienti. Die Caritas leistete Starthilfe, dafür musste Kapllan sein Geschäft ordentlich registrieren und seinen Angestellten einen Arbeitsvertrag ausstellen. Heute hat Kapllan vier Lastwagen, zwei Pressen und beschäftigt zehn Roma aus der Siedlung. Die drei Fahrer verdienen 300 Euro im Monat, die Sammler und Sortierer 200. Kapllan selber kann sich, wenn es gut läuft, 600 bis 700 Euro auszahlen.

Hundekampf bei K-Ambienti

Kapllan mag Journalisten nicht sonderlich. Wir seien hier aber willkommen, weil er von den Caritas-MitarbeiterInnen informiert worden sei. Er weiss Bescheid über das Foto von Mentor, nicht im Detail, aber den Vorwurf, dass die Roma kriminell seien, hat er in seinem Leben oft genug gehört. «Ein ewiges Vorurteil, eine Lüge von Journalisten.»

Ein Lieferwagen fährt an. Graue Blache, grüner Aufdruck: «Kehrli + Oeler Bern» steht drauf. Ein Fahrer steigt aus, schaufelt mit seinen Händen Kartons von der Ladefläche. Florim, ein Sortierer, hilft ihm. Er bückt sich, zieht die Plastikabfälle aus dem Haufen Papierfetzen, seine Arme greifen wie ein Schaufelbagger in den Papierberg, er schleppt die Ladung ein paar Schritte weiter zur grünen Presse – vorbei an einer Büchse Pilze, Marke «Lunch», die er vorher aussortiert hat. Er packt links einen Hebel, die Presse setzt sich in Bewegung, kurz bevor sie unten anlangt, greift er in den Stapel, zieht letzte Plastikfetzen heraus.

Florim wuchtet 1,5 auf 1,5 Meter gepresstes Papier mit einer Eisenstange nach hinten. Mit einem Kollegen versucht er, das Paket weiterzuschieben, Kapllan setzt sich auf den Gabelstapler, der Motor knattert, sicher hebt er das Papierpaket hoch. 250 Kilogramm schwer ist so ein Papierballen, 200 Kilogramm das Paket aus Plastik und Petflaschen. In der Presse bleibt eine Uhr liegen aus dunklem Plastik, ein silberner Rahmen, weisses Zifferblatt. Sie ist stehengeblieben: Es ist 14.45 Uhr.

Es wird langsam Abend. Der Himmel ist in Grautöne zerrissen. Als ich mit Mentor und seinen Schwestern weiterziehe, kommen plötzlich immer mehr Kinder zu uns. Eine kleine Traube bildet sich. Die Kinder fragen und fragen, aber ich bin fremd hier, der Fotograf irgendwo anders in der Siedlung. Die Kinder verstehen nicht, was ich in dieser verlassenen Gegend treibe. Und ich verstehe nicht, was sie von mir wollen. Ein Junge klopft mir mehrmals ungeduldig an den Oberschenkel – genau an die Stelle, wo ich mein Handy habe. Ich will zurück zum Müllplatz, doch die Kinder folgen mir. Es ist jetzt vielleicht ein knappes Dutzend, das vor mir herspringt und durcheinanderredet. Für einen Moment beschleicht mich ein ungutes Gefühl. Dann merke ich, dass nicht ich der Grund für die Aufregung bin, sondern Kapllans Müllplatz. Der hat sich in eine kleine Kampfarena verwandelt. Es ist das Samstagvorabendprogramm: Hundekampf bei K-Ambienti.

Bei der alten Mülldeponie

Etwa einen halben Kilometer von Kapllans Mülldepot entfernt liegt die ehemalige illegale Mülldeponie. Hier irgendwo muss das Foto von Mentor mit der Spielzeugpistole entstanden sein. Vier Kinder wühlen im Abfallberg. Als wir aus dem Auto steigen, werden sie von einem Arbeiter vertrieben. Ein Mädchen bleibt stehen, sie ist im Vorschulalter, zerrt an einem Babywagen, der im Müll steckt. Der Arbeiter ruft ihr etwas zu, sie fasst den dreckigen Wagen mit beiden Händen, ein Ruck, sie zieht ihn heraus, schleppt ihn die Böschung hoch und verschwindet auf dem schlammigen Weg in Richtung der Ali-Ibra-Siedlung.

Schwarze Plastikfetzen hängen am Zaun. Tauben graben mit ihrem Schnabel im Dreck. Ein ständiges Rascheln und Gurren stört die Stille. Irgendwo bellen Hunde. Es riecht nach Verdorbenem. Die Sonne verzieht sich. Regen fällt. Von fern sieht es aus, als würde sich der Abfall in Luft auflösen. Schatten steigen hoch. Krähen fliegen auf.

«Sorgfältig, nicht schnell»: Lesen Sie Carlos Hanimann über seine Recherchen in Gjakova
auf Nation Of Swine.

Weiterer Artikel zum Thema: «Möchten Sie mein schwarzes Gesicht?», Roma in der Tschechischen Republik, von Jan Jirát (WOZ Nr. 3/2012 vom 19.1.2012)

Was weiter geschah: Nachträge vom 7. Juni, 12. Juli und 1. November 2012

Strafverfahren gegen die «Weltwoche»

Es dauerte nicht lange, bis die ersten Anzeigen bei der Polizei eingingen. Am 5. April 2012 veröffentlichte die «Weltwoche» eine Titelgeschichte über kriminelle Roma, tags darauf erstattete der Wiener Journalist Klaus Kamolz Anzeige wegen «Volksverhetzung». In der Schweiz folgten mindestens drei Anzeigen wegen eines möglichen Verstosses gegen die Rassismus-Strafnorm, verschiedene Meldungen beim Presserat und bei der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus. Auch in Deutschland wurden Strafanzeigen eingereicht. Anlass dazu hatte vor allem das Cover der rechtskonservativen Zeitschrift gegeben: Ein vierjähriger Romajunge aus dem Kosovo zielte mit einer Spielzeugpistole auf die Betrachterin. Darunter titelte die «Weltwoche»: «Die Roma kommen. Raubzüge in die Schweiz».

Am Wochenende machte die «SonntagsZeitung» publik, dass sich die Zürcher Staatsanwaltschaft der Sache angenommen und ein Strafverfahren eröffnet hat. Anders in Deutschland: Dort hatte unter anderem Dirk Stegemann von der Kampagne «Zusammen handeln – gegen rassistische Hetze und soziale Ausgrenzung» Anzeige erstattet. Die Berliner Staatsanwaltschaft hat aber bereits im April entschieden, die Ermittlungen einzustellen, weil sie keine Aussicht auf Erfolg gesehen habe, wie Stegemann der WOZ sagt.

Der Vater des Romajungen sagte der WOZ im April, er werde ebenfalls klagen, wenn er von der Caritas unterstützt werde. Die Organisation betreibt in der Stadt Gjakova im Kosovo, wo die Romafamilie lebt, ein Hilfsprojekt. Aufgrund rechtlicher Unsicherheiten lehnte es die Caritas aber ab, den Vater bei einer Klage zu unterstützen. Auch der deutsche Zentralrat der Sinti und Roma, der in Deutschland Anzeige erstattet hat, verzichtet darauf, der Familie rechtlich zur Seite zu stehen. Man halte zwar die Forderung nach Schadensausgleich für «von der Sache her unbedingt gerechtfertigt» und vertrete diese Forderung auch öffentlich. Allerdings fehlten dem Zentralrat die Möglichkeiten und die Mittel für ein juristisches Verfahren: «Wir können deshalb auch nicht selbst einen Anwalt beauftragen und für eventuelle Kosten einstehen, die anfallen, wenn ein Prozess nicht gewonnen wird.»

Carlos Hanimann


Strafverfahren gegen «Weltwoche» eingestellt

Anfang der Woche hat die Zürcher Staatsanwaltschaft entschieden, das Strafverfahren wegen Rassendiskriminierung gegen die «Weltwoche» einzustellen. Die rechtskonservative Zeitschrift hatte Anfang April eine Titelgeschichte über kriminelle Roma veröffentlicht, worauf mehrere Strafanzeigen gegen die Verantwortlichen – Chefredaktor Roger Köppel sowie die Journalisten Philipp Gut und Karl Kälin – eingereicht worden sind.

Anlass für die Anzeigen war insbesondere das Titelblatt der entsprechenden Ausgabe: Es zeigte einen Romajungen, der eine Pistole in die Kamera hielt. Erst später stellte sich heraus, dass das Bild bereits 2008 im Westkosovo entstanden war und die Pistole ein Spielzeug war. Unter dem Bild stand der Haupttitel «Die Roma kommen: Raubzüge in die Schweiz» sowie der in kleinerer Schrift gehaltene Untertitel «Familienbetriebe des Verbrechens».

Jürg Boll, der zuständige Staatsanwalt und frühere FDP-Gemeinderat, hat die Einstellung des Verfahrens wie folgt begründet: «Die Anzeigeerstatter haben das Bild aus dem Zusammenhang gerissen. Wie der Beschuldigte [Roger Köppel, Anm. d. Red.] zu Recht geltend macht, hat er schon auf dem Titelblatt durch die Formulierung ‹Familienbetriebe des Verbrechens› zum Ausdruck gebracht, dass er auf eine bestimmte kriminelle Gruppe fokussiert.»

Diese Begründung offenbart in zweifacher Hinsicht eine eigenwillige juristische Interpretation. Erstens gehören für die Staatsanwaltschaft das Titelbild und die dazugehörige Geschichte weiter hinten im Blatt offenbar untrennbar zusammen. Zweitens misst sie dem viel kleineren Untertitel mehr Gewicht bei als dem Haupttitel «Die Roma kommen: Raubzüge in die Schweiz». Die «Weltwoche» liegt in der Deutschschweiz flächendeckend an den Kiosken auf, wo das Titelblatt für alle gut sichtbar ist. Aber nicht jedeR kauft die Zeitschrift auch oder wirft einen genaueren Blick auf den Untertitel. Was haften bleibt, sind Bild und Haupttitel.

Noch ist das Urteil nicht rechtskräftig. Innert zehn Tagen können unmittelbar Betroffene Beschwerde beim Zürcher Obergericht einreichen. Die bisherigen Kosten übernimmt die Staatskasse.

Jan Jirát


Presserat rügt «Weltwoche»

Selten hat ein Titelbild für mehr Aufregung gesorgt als das Romacover der «Weltwoche» vom 5. April 2012. Der Schweizer Presserat rügt nun die Zeitschrift dafür. Sie habe das Bild des Romajungen nicht als Symbolbild deklariert und so Informationen entstellt. Zudem sei die Titelseite diskriminierend, weil sie «eine (bevorstehende) Masseninvasion einer ethnischen Minderheit» insinuiere und «sowohl die Angst vor dem Fremden als auch herkömmliche stereotype Vorurteile über die Roma» bediene. 41 Einzelpersonen und der Deutsche Zentralrat der Sinti und Roma hatten Beschwerde eingereicht.

Carlos Hanimann

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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