Nr. 27/2012 vom 05.07.2012

Grüne mobilisieren in neuer Form

Die Reaktorkatastrophe von Fukushima im März letzten Jahres hat das Umweltbewusstsein in Japan nur leicht erhöht. Grüne Organisationen versuchen nun, endlich Fuss zu fassen.

Von Igor Kusar, Tokio

Jetzt kommt etwas Schwung in die ökologische Bewegung Japans. Seit einigen Wochen wird jeden Freitag vor dem Regierungssitz von Ministerpräsident Yoshihiko Noda demonstriert. Am 29. Juni waren es mehr als 150 000  Menschen, so viele wie nie zuvor. Sie protestierten gegen den Regierungsbeschluss, zwei Atomkraftwerke in der erdbebengefährdeten Präfektur Fukui wieder in Betrieb zu nehmen, nachdem Japan fast zwei Monate lang atomstromfrei geblieben war.

Doch Noda scheint die Stimme der Bevölkerung kaum wahrzunehmen, und die grüne Bewegung Japans steckt selbst sechzehn Monate nach dem AKW-Gau in Fukushima noch in den Kinderschuhen. Zwei grüne Organisationen versuchen das jetzt allerdings zu ändern: Greens Japan und Green Active unterscheiden sich im Vorgehen, doch kämpfen beide vehement für den Atomausstieg und glauben daran, dass sich ein stärkeres Ökobewusstsein auch in Japan schliesslich durchsetzen werde.

Eine grüne Partei für Japan

Mit der Gründung einer grünen Partei, die für den 29. Juli angekündigt ist, will sich die jetzige links-ökologische Organisation Greens Japan direkt in die Politik einmischen. In der Vergangenheit scheiterten alle Versuche, eine grüne Kraft in der japanischen Politik zu etablieren. Dabei sah auch Japan in den siebziger Jahren Anfänge einer ökologischen Bewegung. Der damalige Kampf gegen die schleichende Umweltzerstörung kulminierte im Protest gegen den Bau des Flughafens Tokio-Narita, der nach langem Streit erst 1978, zwölf Jahre nach Veröffentlichung der Baupläne, eröffnet werden konnte.

«Doch der Ökobewegung fehlte ein nationales Zentrum», sagt Akira Miyabe, altgedienter Bürgeraktivist und führendes Mitglied von Greens Japan. «Die japanische Linke hatte hingegen in den sechziger Jahren die mächtigen Gewerkschaften im Rücken.» Die lokalen Proteste, blieben deshalb lokal begrenzt, auch wenn sie zum Beispiel beim Gewässerschutz durchaus Wirkung zeigten. Doch eine Vision, sich zusammenzuschliessen und den Kampf auf nationaler Ebene auszutragen, fehlte. Zudem sind viele Regionen Japans von zentralstaatlich finanzierten Bauprojekten abhängig, die auch Arbeitsplätze schaffen. Die betroffene Bevölkerung beteiligt sich deshalb nur beschränkt an Ökoprotesten.

In der nationalen Politik blieben grüne Voten meist ungehört. «Die Atomkatastrophe hat aber klar gezeigt, dass die Ökologie auch auf nationaler Ebene diskutiert werden muss», sagt Miyabe. Er hofft, dass die Grünen bei den Parlamentswahlen 2013 den Sprung ins Oberhaus schaffen werden. Helfen könnte ihnen dabei das veränderte Wahlverhalten – die JapanerInnen folgen nämlich immer weniger den Empfehlungen etablierter Verbände – und die steigende Sensibilität vieler JapanerInnen in Energie- und Umweltfragen. Eine Beteiligung an eventuell vorgezogenen Unterhauswahlen wird noch geprüft.

Einen anderen Ansatz verfolgt Shinichi Nakazawa, ein bekannter Anthropologe und Philosoph. Er hat letzten Februar zusammen mit MitinitiatorInnen das parteipolitisch neutrale Ökonetzwerk Green Active ins Leben gerufen. Im Gespräch betont Nakazawa immer wieder, dass es in der japanischen Kultur – anders als etwa im Christentum – nie einen Gegensatz zwischen Mensch und Natur gegeben habe. Der Schintoismus, die einheimische Religion, die neben dem Buddhismus einen grossen Einfluss auf Japan ausübt, lehre vielmehr das harmonische Zusammenleben mit der Natur und ihren Göttern.

Starkes Naturbewusstsein

Doch um mit den westlichen Mächten mithalten zu können und einer drohenden Kolonialisierung zu entgehen, startete Japan eine unökologische wirtschaftliche Aufholjagd, die von der zweiten Hälfte des 19. bis weit ins 20. Jahrhundert dauerte. «Trotzdem ist der japanische Alltag stets von einem starken Natur- und Ökobewusstsein geprägt», sagt Nakazawa. Am besten verdeutlicht das oft zu hörende Wort «mottainai» den sparsamen und sorgfältigen Umgang vieler JapanerInnen mit Umwelt und Alltagsgegenständen.

Dieses Bewusstsein, das nach der Atomkatastrophe gewachsen sei, möchte das überparteiliche Netzwerk fördern und eine möglichst breite Bevölkerungsschicht ansprechen, von politisch Linken bis zu konservativen und nationalistischen Kreisen, die stark mit dem Schintoismus verbunden sind. Viel verspricht sich Nakazawa von einer stärkeren Vernetzung lokaler Gruppen. Green Active sucht zudem die Zusammenarbeit mit ökologisch eingestellten Unternehmerinnen und Parlamentariern aller Couleur und fördert junge AktivistInnen auf ihrem Weg in die Politik.

 

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