Nr. 03/2015 vom 15.01.2015

Verunsicherte Fundamentalisten

Der Aufstieg des islamischen Terrorismus hat viel mit dem Verschwinden einer säkularen Linken in den islamischen Ländern zu tun – und mit einer liberalen Demokratie, die sich mit Despoten verbündet.

Von Slavoj Zizek

Nun, da wir alle noch unter Schock stehen nach dem Amoklauf in den Büros von «Charlie Hebdo», ist es der richtige Moment, Mut zu fassen und zu denken. Jetzt und nicht später, wenn sich alles wieder scheinbar beruhigt hat. Die Schwierigkeit besteht gerade darin, das momentane Aufgewühltsein und den Akt des Denkens zu kombinieren. Wenn sich die Lage abgekühlt hat, sind wir eher bereit, der schonungslosen Wahrheit aus dem Weg zu gehen.

Denken heisst, das Pathos der umfassenden Solidarität zu durchbrechen, das sich in den Tagen nach dem Ereignis explosionsartig ausbreitete und am vergangenen Sonntag im Spektakel der grossen politischen Figuren aus aller Welt gipfelte, die sich in Paris an den Händen hielten. Selbstverständlich müssen wir dabei die Morde eindeutig als Angriff auf die Substanz unserer Freiheiten verurteilen, und zwar ohne versteckte Vorbehalte.

Die Angst der Linksliberalen

Doch das alles genügt nicht – wir müssen weiter denken, und das hat nichts zu tun mit einer billigen Relativierung des Verbrechens (das Mantra im Sinn von «Wer sind wir im Westen, dass wir solche Taten verurteilen, schliesslich haben wir selber schreckliche Massaker in der Dritten Welt begangen»). Noch weniger hat es zu tun mit der pathologischen Angst vieler westlicher Linksliberaler, sie könnten sich der Islamophobie schuldig machen. Für diese falschen Linken ist jede Kritik am Islam Ausdruck einer westlichen Islamfeindlichkeit. Die Folge einer solchen Haltung ist genau das, was man in solchen Fällen erwarten kann: Je mehr die Linksliberalen im Westen ihre eigene Schuld untersuchen, desto mehr werden die MuslimInnen sie bezichtigen, sie seien bloss HeuchlerInnen, die ihren Hass auf den Islam zu verdecken versuchen. Diese Konstellation widerspiegelt genau das Paradox mit dem Über-Ich: Je mehr du tust, was der grosse Andere von dir verlangt, umso schuldiger bist du. Oder je mehr Toleranz du dem Islam entgegenbringst, desto grösser wird der Druck, den er auf dich ausübt.

Aus diesem Grund halte ich auch die Plädoyers für ungenügend, die jetzt zur Mässigung aufrufen und uns dazu anhalten, solche Ereignisse als Einzelfälle eines vorübergehenden Schreckens zu betrachten. Der Angriff auf «Charlie Hebdo» war nicht einfach eine vorübergehende Schreckenstat, sondern er folgte einer genauen religiösen und politischen Agenda und war als solcher klar Teil eines grösseren Musters. Selbstverständlich sollen wir nicht überreagieren, wenn damit gemeint ist, in blinde Islamfeindlichkeit zu verfallen – aber wir sollen dieses Muster schonungslos analysieren.

Nietzsche und der letzte Mensch

Viel notwendiger und wirkungsvoller, als die Terroristen als heroische selbstmörderische Fanatiker zu dämonisieren, ist es, diesen dämonischen Mythos aufzudecken. Vor langer Zeit erkannte Friedrich Nietzsche, dass sich die westliche Zivilisation auf den letzten Menschen hinbewegt: ein apathisches Geschöpf ohne grosse Leidenschaft oder Verpflichtung. Unfähig zu träumen, des Lebens müde, geht er keine Risiken ein, sucht nur Sicherheit und Bequemlichkeit, ein Ausdruck der gegenseitigen Toleranz: «Ein wenig Gift ab und zu: das macht angenehme Träume. Und viel Gift zuletzt, zu einem angenehmen Sterben. (…) Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht: aber man ehrt die Gesundheit. ‹Wir haben das Glück erfunden› – sagen die letzten Menschen und blinzeln.»

Es mag scheinen, dass die Spaltung zwischen der freizügigen Ersten Welt und der fundamentalistischen Reaktion dagegen mehr und mehr entlang dieses Gegensatzes verläuft: zwischen einem langen, erfüllten Leben voller materiellem und kulturellem Reichtum und jenen, die ihr Leben einer transzendenten Sache widmen. Ist das nicht genau der Antagonismus zwischen dem, was Nietzsche «passiven» und «aktiven» Nihilismus nannte? Wir im Westen sind die nietzscheanischen letzten Menschen, versunken in unsere blöden alltäglichen Lüstchen, während die radikalen MuslimInnen bereit sind, alles aufs Spiel zu setzen und ihren Kampf bis zur Selbstzerstörung zu führen. William Butler Yeats’ Gedicht «Second Coming» scheint unser gegenwärtiges Dilemma genau auf den Punkt zu bringen: «Die Besten sind des Zweifels voll, die Ärgsten / Sind von der Kraft der Leidenschaft erfüllt.» Das ist eine hervorragende Beschreibung der heutigen Spaltung zwischen blutleeren Liberalen und leidenschaftlichen Fundamentalisten. «Die Besten» sind nicht mehr fähig, sich voll einzusetzen, während «die Ärgsten» sich in rassistischem, religiösem, sexistischem Fanatismus ergehen.

Doch passt diese Beschreibung wirklich auf die fundamentalistischen Terroristen? Was ihnen offensichtlich fehlt, ist eine Eigenschaft, die man leicht an jedem authentischen Fundamentalisten erkennt, von den tibetischen BuddhistInnen bis zu den Amischen in den USA: die Abwesenheit von Neid und Missgunst, die tiefe Indifferenz gegenüber der Lebensweise der Ungläubigen. Wenn die sogenannten Fundamentalisten von heute wirklich glauben, dass sie zur Wahrheit gefunden haben, warum sollten sie sich von Ungläubigen bedroht fühlen, warum sollten sie diese beneiden? Wenn ein Buddhist eine westliche Hedonistin trifft, verurteilt er diese kaum. Er weist sie in seiner gutmütigen Art einfach darauf hin, dass die Hedonistin in ihrem Streben nach Glück sich selbst im Weg steht. Im Gegensatz zu echten Fundamentalisten sind die Terroristen in ihrem Pseudofundamentalismus zutiefst gepeinigt und fasziniert vom sündigen Leben der Ungläubigen. Man merkt, dass sie, wenn sie das sündige Andere bekämpfen, letztlich gegen ihre eigene Versuchung kämpfen.

Genau hier zeigt sich, dass Yeats’ Diagnose unserem heutigen Dilemma nicht gerecht wird: Die Kraft der Leidenschaft dieser Terroristen zeugt von einem Mangel an echter Überzeugung. Wie fragil muss der Glaube eines Muslims sein, wenn er sich von einer dummen Karikatur in einer satirischen Zeitschrift bedroht fühlt? Der fundamentalistische islamische Terror beruht nicht auf der Überzeugung der Terroristen, sie seien überlegen, und auch nicht auf ihrem Bedürfnis, ihre religiös-kulturelle Identität vor dem Ansturm der globalen Konsumgesellschaft zu schützen. Das Problem mit Fundamentalisten ist nicht, dass wir sie für unterlegen halten, sondern vielmehr, dass sie sich insgeheim selbst für unterlegen halten. Unsere herablassenden, politisch korrekten Versicherungen, dass wir uns ihnen gegenüber nicht überlegen fühlen, macht sie deshalb nur noch wütender und nährt ihr Ressentiment. Das Problem ist nicht kulturelle Differenz (ihre Bemühungen, ihre Identität zu wahren), sondern umgekehrt die Tatsache, dass die Fundamentalisten schon sind wie wir, dass sie unsere Standards insgeheim bereits verinnerlicht haben und sich an ihnen messen. Was den Fundamentalisten wirklich fehlt, ist paradoxerweise eine Dosis jener echt «rassistischen» Gewissheit ihrer eigenen Überlegenheit.

Zeugnis einer gescheiterten Revolution

Die jüngsten Wechselfälle des islamischen Fundamentalismus bestätigen Walter Benjamins alte Erkenntnis, dass jeder Aufstieg des Faschismus von einer gescheiterten Revolution zeuge: Der Aufstieg des Faschismus ist das Scheitern der Linken, aber gleichzeitig auch ein Beweis dafür, dass es ein revolutionäres Potenzial gegeben hat, eine Unzufriedenheit, die die Linke nicht zu mobilisieren vermochte. Gilt das nicht auch für den sogenannten Islamofaschismus von heute? Korreliert der Aufstieg des radikalen Islamismus nicht genau mit dem Verschwinden der säkularen Linken in muslimischen Ländern? Im Frühling 2009, als die Taliban das Swat-Tal in Pakistan einnahmen, berichtete die «New York Times», dass diese einen Klassenaufstand organisiert hätten, «der tiefe Gräben zwischen einer kleinen Gruppe reicher Landbesitzer und ihren landlosen Pächtern ausnutzte». Wenn aber die Machtergreifung der Taliban die Risiken im weitgehend feudalen Pakistan sichtbar machte, was hindert die liberalen DemokratInnen in Pakistan wie auch die USA daran, diese Missstände auf ähnliche Weise auszunutzen, indem sie den landlosen BäuerInnen zu helfen versuchen? Die traurige Tatsache ist, dass die feudalen Kräfte in Pakistan eben die «natürlichen Alliierten» der liberalen Demokratie sind.

Helft dem Liberalismus!

Wie steht es also um die zentralen Werte des Liberalismus wie Freiheit und Gleichheit? Das Paradox ist, dass der Liberalismus allein nicht stark genug ist, um diese Werte gegen den fundamentalistischen Ansturm zu sichern. Fundamentalismus ist eine Reaktion – eine fehlgeleitete, mystifizierende natürlich – gegen einen echten Makel des Liberalismus. Und deshalb erzeugt der Liberalismus immer wieder neuen Fundamentalismus. Um seine zentralen Werte zu retten, braucht der Liberalismus darum die brüderliche Hilfe der radikalen Linken. Dies ist der einzige Weg, um den Fundamentalismus zu bezwingen, indem er ihm den Boden entzieht.

Über die Morde in Paris nachzudenken, heisst also, die blasierte Selbstgefälligkeit des toleranten Liberalen fallen zu lassen und zu akzeptieren, dass der Konflikt zwischen liberaler Freizügigkeit und Fundamentalismus letztlich ein falscher Konflikt ist – ein Teufelskreis zweier Pole, die sich gegenseitig hervorbringen und bedingen. Was Max Horkheimer schon in den dreissiger Jahren über Faschismus und Kapitalismus sagte («Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen»), sollte man auch auf den Fundamentalismus von heute anwenden: Wer nicht kritisch über die liberale Demokratie reden will, sollte auch vom religiösen Fundamentalismus schweigen.

Aus dem Englischen von Florian Keller.

Vom slowenischen Philosophen und Kulturtheoretiker Slavoj Zizek (65) sind zuletzt erschienen: 
«Weniger als nichts. Hegel und der Schatten des dialektischen Materialismus» (Suhrkamp) und «Absolute Recoil: Towards a New Foundation of Dialectical Materialism» (Verso).

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