Nr. 03/2016 vom 21.01.2016

Geboren am Tag der Revolution

«Die Konstruktiven und Konkreten sind nicht gescheitert! Die Gesellschaft ist gescheitert!» – Eine persönliche Erinnerung an den Schweizer Künstler Gottfried Honegger, der am 17. Januar im Alter von 98 Jahren in Zürich verstarb.

Von Barbara Basting

Er gehörte zu denen, die Briefe schrieben. Persönliche Briefe an die Redaktionsadresse des «Tages-Anzeigers», auf dem Computer getippt, handschriftlich signiert mit dickem rotem Filzstift. «Verehrte Frau Basting», «Verehrte Frau Barbara», «Verehrte Freundin». Lange, seltener kurze Briefe, mal schmeichelnd, mal kritisch, mal kokett beleidigt, mal belehrend. Vor allem kritisch. Ausführliche Kommentare zu Artikeln, Pamphlete, Briefe mit Kopien von Nietzsches «Unzeitgemässen Betrachtungen», Kapitel «L’art pour l’art». Briefe, in denen Gottfried Honegger die Welt erklärte, wie er sie sah. Er argumentierte rhetorisch schwungvoll, ja leidenschaftlich. Aber differenziert. Und immer mit Stil.

Am meisten provozierten ihn Vorstellungen von engagierter Kunst, die von seinen abwichen. Kunst zur «Werbung von Ideen» zu verwenden, war für ihn Missbrauch. Der Disput entzündete sich 2007 an einem Artikel im «Tages-Anzeiger», in dem ich mich über «Kunst als Leitmedium» ausgelassen hatte. Zwar hatte ich Thomas Hirschhorn darin nicht erwähnt, aber Honegger wusste, dass ich ihn schätzte, und stellte mir gegenüber klar: «Ich glaube, dass er mit Ernst und Mut Dinge aufzeichnet, uns vorführt, die uns warnen sollten…… Aber das steht ja alles schon im ‹Tages-Anzeiger› und in allen hunderttausend Zeitungen der Welt und hat doch keine Wirkung. Hirschhorn ist heute ein bekannter, ein viel gesuchter, ein extrem teurer Künstler geworden. Ja, die Gesellschaft und besonders die Reichen, sie lieben Skandale, Proteste, das Ungeheuerliche. (Sie kaufen ja auch die kritischen Bilder von Picasso).»

Sein Gegenmodell zu solchen «hervorragenden Warnern» waren die Konstruktiven und Konkreten. «Die Gestalter von Farbe, Form, Material, von Mathematik und Geometrie haben die Welt auch nicht geändert, aber sie haben der Architektur, dem Design und vielen anderen Nebengebieten so etwas wie Hoffnung, Öffnung, Schönheit gegeben. Sie unterschätzen das Wort Schönheit.» Dass Honegger ein frühes Werk von Hirschhorn besass, zeugt von seiner Generosität.

Brennende Bären

In einer Redaktion ist der Umgang mit persönlichen Briefen so eine Sache. Der Dialog, den das Gegenüber anzettelt, ist zwar ein Zeichen der Aufmerksamkeit, und die Menschen, die einem Briefe dieses Kalibers schreiben, sind rar. Zugleich hegen sie meist Erwartungen, die man nicht erfüllen kann oder will. Natürlich tritt dabei ein strukturelles Problem des Journalismus sehr plastisch hervor, das Honegger ganz nebenbei offenlegte: Die Zeitung tut gegenüber ihrer Leserschaft gerne so, als ob sie für unendliche Diskussionen offen wäre. Doch meist kann sie den Ball nicht zurückspielen.

Zweimal habe ich es doch getan. Im Mai 2005 hatte er in einem Pamphlet seine Wut und Empörung über die bunt bemalten «Teddybären» formuliert, die die City-Vereinigung überall in der Stadt verteilt hatte. «In einer Welt, da alles im Umbruch ist. In einer Zeit, da Not und Unsicherheit herrscht. Ein Europa mit 18 Millionen Arbeitslosen. In einer Zeit der Globalisierung ist es nicht erlaubt, eine Stadt wie Zürich mit Kitsch zu verschmutzen. Die bemalten Teddybären sind ein Zeichen unseres gesellschaftlichen Infantilismus…ein Missbrauch der Künste für den Kommerz.» Beim zweiten Mal ging es um seine Idee für die Zürcher Kaserne als Kulturzentrum für ältere Menschen.

Die Sache mit den Bären interessierte mich, doch wir wollten in der Redaktion Honeggers Pamphlet nicht einfach so abdrucken, sondern ein Interview mit ihm machen. Wir trafen uns in seinem Atelier im Zürcher Hochhaus Lochergut. Als grosser Charmeur, der er war, belustigte er mich mit einem Kompliment für meine gelben Bergschuh-Schnürsenkel, mit denen ich meine weisse Hose fürs Fahrrad zusammengebunden hatte. Folgte seine deftige Tirade gegen die Bären: «Die Bären sollen auf den Sechseläutenplatz gebracht und angezündet werden. Das fände ich wunderbar. Eine grosse Manifestation gegen den Sauglattismus.» Meine polemische Frage, ob nicht gerade die Konstruktiven und Konkreten mit ihrer gemessen am hehren Anspruch doch oft harmlos dekorativen Kunst gescheitert seien, brachte ihn in Rage: «Sie sind nicht gescheitert! Die Gesellschaft ist gescheitert!» Gemildert wurden solche auch ein wenig verzweifelten Verdikte nur durch Honeggers nie nachlassende Zuversicht, dass man die Welt vielleicht doch noch verbessern könne. Und zwar durch Kunst. Genauer, durch ästhetische Erziehung.

Seinem Engagement für diese verdanke ich meine erste Begegnung mit ihm im Frühjahr 2004. Eingefädelt hatte sie Nico, der Karikaturist des «Tages-Anzeigers», der in Cannes im selben ehemaligen Grandhotel wie Honegger wohnte. Mit Meerblick wie auf Bildern von Henri Matisse. Die Eröffnung des von den Zürcher ArchitektInnen Gigon/Guyer entworfenen Neubaus für den «Espace de l’art concret» im benachbarten Mouans-Sartoux mit der Sammlung Albers-Honegger stand bevor, viele Werke hingen schon. Zürich war diese Sammlung wegen unterschiedlicher Vorstellungen bei der Gründung der Stiftung für konstruktive und konkrete Kunst, die Honegger mitinitiiert hatte, entgangen. Der französische Kulturminister Jack Lang hatte Honegger, der wesentliche Teile seiner künstlerischen Karriere in Paris gemacht hatte und dort hohes Ansehen genoss, schon in den neunziger Jahren das Schloss von Mouans-Sartoux dafür zur Verfügung gestellt.

Ich nahm meinen damals neunjährigen Sohn als Testperson mit. Gottfried Honegger zeigte uns unter anderem die kunstpädagogischen Materialkästen, die er entwickelt hatte. Mein Sohn war begeistert und fand, ich müsse unbedingt darüber berichten: «Denn Gottfried Honegger macht so tolle Sachen für Kinder. Und ausserdem erklärt er alles gut», zitierte ich ihn in meinem Bericht.

Prinzipientreu – und humorvoll

Honegger schickte nicht nur Briefe, sondern auch seine Bücher mit Widmungen wie: «Kunst soll Leben werden.» Ein Sammelband mit französischen Gelegenheitstexten, «Homo Scriptor», enthält neben etlichen Nachrufen für geschätzte Vorbilder und Weggefährten von Johannes Itten über Richard Paul Lohse bis zu Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt eine biografische Skizze, verfasst in der dritten Person.

«Le garçon est né en 1917 à Zurich, le jour de la Révolution russe.» Der Knabe ist 1917 am Tag der Russischen Revolution geboren: Das Jahr stimmt, der Tag, der 12. Juni, nicht. Aber die kleine schlitzohrige Geschichtsfälschung, die Fiktion der Geburt am Tag der Revolution, verrät etwas vom ganz grossen Traum Gottfried Honeggers: die Welt zu verändern. Mit Kunst. Und mit Worten.

Gottfried Honegger war prinzipientreu, aber er hatte auch Humor. Vor allem war er nicht kleinlich. Vielleicht würde er mir daher verzeihen, dass ich jetzt nichts über seine sehr lange, erfolgreiche Laufbahn als Gestalter, Werbegrafiker und später als Künstler aus existierenden Lexikoneinträgen abgeschrieben habe. «Zürich, 5. April 2006 – Verehrte Frau Barbara – Am 22. Juni ehrt mich das Kulturministerium von Frankreich mit einer Ausstellung von 16 Skulpturen in dem wunderbaren Park mitten in Paris genannt Palais Royal. Da ich wirklich nicht verwöhnt werde in der Schweiz, wäre es schön…auch wenn Sie die konkrete Kunst nicht sehr lieben…wenn Sie über dieses für mich einmalige Ereignis etwas schreiben würden. Sie sind die Einzige, die ich, deren Text ich gerne lesen würde.» Wäre es zu dem Text gekommen, ich hätte Gründe anzunehmen, dass Gottfried Honegger mir einen weiteren Brief hätte schreiben müssen.

Barbara Basting war von 2001 bis 2008 Kulturredaktorin des «Tages-Anzeigers» und leitet heute das Ressort Bildende Kunst in der Kulturabteilung der Stadt Zürich.

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