Nr. 34/2016 vom 25.08.2016

Die Dschihadisten von Bümpliz

Qaasim Illi ist der Anführer des Islamischen Zentralrats, einer Gruppe junger Männer und Frauen, die von Bern Bümpliz aus versuchen, die Schweiz in ein Kalifat zu verwandeln. Illi – früher ein Jesus Freak, dann Mitstreiter des heutigen Auns-Präsidenten Lukas Reimann – führt ein Leben als Dschihad-Jetsetter, wurde wochenlang in einem Keller des libanesischen Geheimdiensts festgehalten und behauptet heute, Prävention gegen den Islamischen Staat (IS) zu betreiben. Begegnungen mit einer Figur voller Widersprüche, auf der Suche nach Antworten auf die Frage, wie gefährlich Illi und der Zentralrat wirklich sind.

Von Daniel Ryser

Gerade waren in Paris über hundert Menschen von islamistischen Terroristen ermordet worden, und immer, wenn so etwas passierte, klingelte bei Qaasim Illi das Telefon, und die Journalistinnen und Journalisten fragten ihn, ob er sich von den Morden distanziere, und Illi fragte dann jeweils zurück, warum er sich distanzieren solle, er selbst habe ja nicht geschossen, und zur Gewalt aufgerufen habe er auch nicht.

Eines wurde immer wieder von neuem klar: dass es Qaasim Illi und dem kleinen Verein mit dem grossen Namen – Islamischer Zentralrat – gelang, mehr Medienaufmerksamkeit zu erhalten als alle anderen muslimischen Vereine zusammen. Gerade einmal 0,5 Prozent der rund 400 000 Schweizer MuslimInnen vertritt der Islamische Zentralrat (IZRS), dessen Sprecher Illi ist. Seine Mitglieder waren vom Genfer Islamwissenschaftler Tariq Ramadan als «Sektierer ohne Basis» bezeichnet worden. Und trotzdem: Im Rahmen des Abstimmungskampfs gegen die Minarettinitiative 2009 gegründet, verzeichnete der Zentralrat im Frühling 2016 in der Schweizer Mediendatenbank über 3300 Erwähnungen. Als Qaasim Illi nach dem Anschlag auf «Charlie Hebdo» im Januar 2015 in die «Arena» des Schweizer Fernsehens geladen worden war, nannte ihn die NZZ einen «talentierten Medienstrategen», der wegen der Angriffe von links und rechts «fast schon Mitleid weckte»: «Seit langem versuchen Journalisten, die IZRS-Vertreter aufs Glatteis zu locken und diese des Extremismus zu überführen. Es ist ihnen bisher nicht gelungen. Die IZRS-Leute steuern geschickt zwischen den Klippen hindurch. Sie distanzieren sich von Gewalt, reden gleichzeitig aber so, dass sie militantere Milieus nicht verschrecken.»

Wo steht Qaasim Illi, Sprecher des Islamischen Zentralrats, wirklich? Wie weit ist er bereit zu gehen für den Traum eines Kalifats, eines islamischen Herrschaftsreichs? Würde er Mördern mit Kalaschnikows den Weg weisen an jene Orte in Schweizer Städten, wo sich an einem Freitagabend die meisten Ungläubigen versammeln? Will er die Schweiz in ein Kalifat verwandeln? Wenige Tage nach den Anschlägen in Paris im November 2015 entschied ich mich, das herauszufinden. Ich schrieb ihm ein E-Mail. Er antwortete am selben Tag. Wir trafen uns.

Ein Schweizer Salafist im libanesischen Folterkeller    /    Bewunderung für einen syrischen Kriegsverbrecher   /    Der Dschihad und Kurt Imhof

Was ihm vermutlich das Leben rettete, stand im Widerspruch zu seinen politischen und religiösen Überzeugungen.  Als die Schweizer Stimmbevölkerung am 29. November 2009 die Minarettinitiative annahm, steckte Qaasim Illi in einem Foltergefängnis im Libanon.  Er berief sich angesichts seiner Lage auf seinen Schweizer Pass und die Europäische Menschenrechtskonvention, er berief sich auf ebendiese von Menschen verfassten Papiere, Grenzlinien und Paragrafen, die er verachtete und aufheben und durch die Scharia ersetzen wollte. Doch damals kamen sie ihm gelegen. Er sagte: «Ich bin Schweizer Bürger, und Sie verständigen sofort meine Botschaft!» Man sagte ihm, dies hier sei nicht Europa, dies sei der Libanon, und für einen wie ihn werde hier gar niemand verständigt.

Zwei Wochen zuvor war Qaasim Illi von Kairo, einer Stadt, die er gut kannte, weil er dort während seines Studiums der Islamwissenschaft 2006 ein Austauschjahr verbracht hatte, in den Libanon gereist. Um, wie er sagte, das Land in seinen Dimensionen zu erfassen und um ein palästinensisches Flüchtlingslager zu besuchen. Der Libanon aber war nicht der geeignete Ort, um in der für radikale Islamisten üblichen Kleidung an das Tor eines palästinensischen Flüchtlingslagers zu klopfen. Regelmässig kam es in den Lagern zu tödlichen Kämpfen zwischen islamistischen Gruppen und den Sicherheitskräften der Fatah sowie der libanesischen Armee. Die Auseinandersetzungen forderten Dutzende Tote, und immer wieder fand man Leichen von Islamisten in Strassengräben, die Körper übersät mit Brandwunden von Zigaretten. Aber genau das machte Illi: Er klopfte ans Tor des Flüchtlingslagers al-Beddawi. Ein Schweizer Salafist in Hisbollah-Land. Viel Glück damit.

«Ich weiss nicht mehr, was ich mir dabei dachte», sagte Illi, als er mir bei einem unserer Treffen das zehnseitige Gedankenprotokoll seiner Haft aushändigte, das er damals verfasst hatte. «Ich bin Islamwissenschaftler, ich wollte wahrscheinlich einfach einen Augenschein nehmen. Zudem fühlte ich mich schon immer den Palästinensern verbunden.»

Vielleicht hätte er noch umdrehen können, als man ihn ins Büro des Sicherheitschefs führte und er dort, auf dessen Bürotisch, ein Buch über die Kämpfe zwischen der libanesischen Armee und der sunnitischen radikalislamischen Untergrundorganisation Fatah al-Islam entdeckte, die zwei Jahre zuvor im nahe gelegenen Flüchtlingslager Nahr al-Bared stattgefunden hatten. Kämpfe, bei denen über 300 Menschen getötet worden waren und das Lager, in dem 30 000 Menschen lebten, komplett zerstört worden war. Doch wahrscheinlich war es zum Umdrehen längst zu spät. Denn die palästinensischen Sicherheitskräfte hielten Qaasim Illi, geboren 1982 in Schaffhausen als Patric Jerome Illi, Bürger von Bonstetten im Kanton Zürich, für einen Agenten von al-Kaida.

Als Qaasim Illi wieder wusste, wie ihm geschah, sass er gefesselt und mit verbundenen Augen in einem Militärjeep, der mit übersetzter Geschwindigkeit Richtung Beirut raste. Man brachte ihn in den Keller des Innenministeriums und warf ihn in eine Tag und Nacht hell erleuchtete Zelle. Dem ersten Verhör folgten Dutzende weitere. Im Gedankenprotokoll schrieb Illi: «Eine Stimme hinter mir schlug dem Untersuchungsbeamten vor, mich mit einer Peitsche gefügig zu machen. Eine dritte Stimme lehnte energisch ab mit Verweis auf meine Nationalität. Der Untersuchungsbeamte erklärte mir dann, dass ich hier keine Rechte hätte. Ich würde in europäischen Kategorien denken, davon müsse ich mich verabschieden. Ich sei äusserst verdächtig, und wenn ich hier jemals wieder rauskommen wolle, müsse ich kooperieren. Kein Mensch wisse, wo ich sei, dafür sei gesorgt. Die Schweizer Botschaft werde Wochen brauchen, mich zu finden.»

Er sass zehn Tage in Einzelhaft. Der Hofgang wurde ihm verweigert, zum Essen gab es verfaulte Kartoffeln. Tagsüber betete Illi, nachts hörte er Schreie aus dem Zellentrakt. Man sagte ihm, man habe auf seinem beschlagnahmten Laptop Fotos aus seinem alten Leben gefunden. Fotos von Partys mit Frauen und Alkohol. Er sei doch so ein hübscher Junge gewesen. Warum habe er das bloss alles weggeworfen?

Was ihn dann rettete, war nicht Allah. Was ihn rettete, war eine junge Frau aus England. Am 1. Dezember 2009 stand die Mitarbeiterin des Internationalen Roten Kreuzes frühmorgens in seiner Zelle. Hinter ihr bauten sich der Gefängnisdirektor und zwei Wachen auf. Illi flehte die Frau auf Englisch an: Er sei ein Schweizer Bürger, sie müsse umgehend seine Botschaft verständigen, er werde hier ohne Gerichtsbeschluss festgehalten. Doch die Frau ging nicht darauf ein. Zu tun, was er von ihr verlange, sei ihr nicht gestattet. Sie dürfe nur die Situation der Gefangenen protokollieren. Jetzt überfiel ihn Panik. Er sagte: «Was Sie dürfen und was nicht, das ist die eine Sache, was Sie tun, ist eine ganz andere. Sie sind Britin, und ich bin Schweizer, also machen Sie bitte, was ich Ihnen sage. Ich würde für Sie dasselbe tun.» Die junge Frau schien von der innereuropäischen Verbrüderung in diesem muslimischen Land nichts wissen zu wollen. Sie schüttelte schweigend den Kopf – und informierte später doch die Schweizer Botschaft. Eine Quelle im Aussenministerium in Bern bestätigt das: «Wir mussten Qaasim Illi damals in Beirut konsularischen Schutz gewähren.» Nachdem sich die Schweizer Botschaft eingeschaltet hatte, sprach ihn ein Richter vom Vorwurf der Spionage frei. Zwei Wochen später, am 19. Dezember 2009, sass Qaasim Illi an Bord einer Nachtmaschine der Middle East Airlines nach Genf.


In einem kleinen Büro in Bern Bümpliz, das nur per Fingerabdruckscan betreten werden kann, eine Etage über den Räumlichkeiten der Regionalen Arbeitsvermittlung, arbeiteten an einem grauen Nachmittag im Dezember 2015 junge Frauen und Männer daran, die Schweiz in ein Kalifat zu verwandeln. Draussen vor der Tür ein Autofriedhof, von der Sonne verblichene Fassaden von alten Bürogebäuden, kleine Industriebuden, die schon bessere Zeiten gesehen haben, Büros, die Teilzeitarbeit vermitteln, und ein Puff. Bümpliz ist nicht gerade das, was man sich unter einem Kalifat vorstellt.

Es war mein erstes Treffen mit Qaasim Illi. Im Eingangsbereich begrüsste mich eine junge Frau in einem schwarzen Kleid und mit Kopftuch. Sie stellte sich als Ferah Ulucay vor. Ulucay ist die Generalsekretärin des Vereins. Sie stammt aus einer kurdischen Familie. Ihre Mutter war als PKK-Kämpferin in die Schweiz geflüchtet. Es hiess, sie habe einen Herzinfarkt erlitten, nachdem ihre Teenagertochter wegen eines Mannes Salafistin geworden sei. Auf jeden Fall hatte ihr Vater ihr die Faust ins Gesicht geschlagen, nachdem sie ihm als Siebzehnjährige gebeichtet hatte, dass sie einen achtzehnjährigen Konvertiten nach islamischem Recht geheiratet hatte.

Kürzlich hatte Ulucay den Solothurner SVP-Nationalrat Walter Wobmann, der nach dem Erfolg mit dem Minarettverbot nun für ein Verschleierungsverbot kämpfte, in der «Aargauer Zeitung» mit dem IS verglichen: «Der Islamische Staat unterdrückt und diskriminiert in seiner Region die Minderheiten – so wie die Islamophobie-Personen rund um Walter Wobmann. Je mehr man die Bewegungsfreiheit der Muslime einengt, umso radikaler können sie werden und umso eher gehen sie zum Islamischen Staat.»

Ferah Ulucay bat mich freundlich, mein Smartphone in einen kleinen Stahlkoffer zu legen, der auf der Innenseite mit einer seltsamen goldig schimmernden Folie ausgekleidet war. Sie schloss den Deckel und erklärte, dass der Koffer strahlungssicher sei, um zu verhindern, dass irgendwer mein Smartphone in ein Abhörgerät verwandle. Weiter unten standen die Arbeitslosen vor dem Eingang und warteten auf ihren Termin bei der Arbeitsvermittlung.

Ulucay legte ihren Daumen auf den Scanner. Der begann grün zu leuchten, und die Glasschiebetür öffnete sich. Auf der Tür stand in weissen Buchstaben «Restricted Area», «Zutritt nur für Berechtigte». Qaasim Illi kam aus einem der vier Zimmer gesprungen, schüttelte mir freudig die Hand und sagte in grellem Schaffhauser Dialekt, dass es wunderbar sei, dass ich gekommen sei, und mir fiel nichts anderes ein, als zu sagen, dass auch ich es wunderbar finde, und wir lächelten uns an, und Ferah Ulucay brachte Tee und Kaffee.

«Sie wissen ja, wie das ist», entschuldigte sich Illi dafür, dass ich mein Smartphone hatte abgeben müssen. Ich wusste nicht, wie das ist, also erklärte er es mir: Immer wieder müsse er Dinge über sich in der Zeitung lesen, die nirgendwo in Ermittlungsakten auftauchten, und deshalb sei klar, dass der Zentralrat erstens vom Schweizerischen Nachrichtendienst des Bunds abgehört werde, und zweitens gebe der Dienst diese Informationen dann an die Presse weiter: «Vertrauliche Informationen aus der Verwaltung landen auf dem Tisch von gewissen Journalisten», sagte er und schüttelte fast ein bisschen traurig den Kopf, als wolle er damit sagen, dass es wirklich schade sei, wie die Welt und ihre Werte zugrunde gingen.

Während Illi redete, bestaunte ich seine imposante Bücherwand. Vom Boden bis zur Decke stapelten sich religiöse Schriften auf Deutsch und Arabisch, politische Werke zum Nahen Osten, zu Palästina und Israel, Arafat-Biografien, die gesammelten Strategiepapiere von al-Kaida, Franz Fanons «Die Verdammten dieser Erde», Amnon Rubinsteins «Geschichte des Zionismus», der Koran in mehreren Ausführungen sowie das Gesamtwerk des homosexuellen französischen Philosophen Michel Foucault.

Zwei Sonntagszeitungen lagen auf dem Tisch. Es waren aktuelle Ausgaben im Nachgang zu den Pariser Anschlägen. In beiden Zeitungen hatte es der Zentralrat auf die Frontseite geschafft: «Ist der Islamische Zentralrat eine Sex-Sekte?», fragte die «Schweiz am Sonntag». Als Zeugin trat im Artikel eine Frau auf, die «aus Angst vor Repressalien anonym bleiben will». Sie sagte: «Es gibt Frauen, die werden im Zentralrat nach islamischem Ritus von einem zum anderen weitergereicht. (…) Der Islam wird als Instrument benutzt, um wie in einer Sekte Frauen abhängig und gefügig zu machen.» Die «SonntagsZeitung» brauchte keine Fragezeichen mehr für ihre Schlagzeile: «Berner IZRS-Mann trifft Topterroristen in Syrien». Qaasim Illi betrachtete den Umgang mit Medien wie einen Judokampf: Je stärker die gesamte Medienlandschaft auf den Zentralrat einprügelte, desto stärker war in seinen Augen dessen Strahlkraft auf Jugendliche.  «Stellen Sie sich vor», sagte Illi, «die Presse würde schreiben, dass der Zentralrat wunderbare Integrationsarbeit leiste – unsere Mitglieder würden schreiend davonrennen.  Und sowieso: All die schlechten Schlagzeilen lassen mich kalt. Mich kümmern einzig die Worte Allahs.»

Also kümmerte Illi auch die Schlagzeile der «SonntagsZeitung» nicht, wonach sein Vorstandskollege, der 24-jährige Berner Naim Cherni, kürzlich nicht nur nach Syrien gereist war, um im Rahmen einer Wohltätigkeitsaktion des Zentralrats 237 Schafe kaufen, schlachten und an die Bevölkerung verteilen zu lassen, sondern auch, um einen Mann namens Abdullah al-Muhaysini zu treffen und über diesen einen Film zu drehen. Muhaysini war einer der Anführer der 10 000 Mann starken radikalislamischen Rebellengruppe Dschaisch al-Fatah, zu der auch die Al-Nusra-Front gehört, die laut dem Journalisten Seymour Hersh über das Nervengas Sarin verfügt. Die «SonntagsZeitung» hatte den Artikel mit einem Bild von Muhaysini geschmückt, das zeigt, wie er einen Selbstmordattentäter umarmt und küsst, bevor dieser loszieht, um sich in die Luft zu sprengen.

Inzwischen hatte sich in «20 Minuten» ein Strafrechtsprofessor zitieren lassen, der bereits Teile des Films gesehen hatte: Es handle sich wahrscheinlich um Terrorpropaganda. Darauf stehen in der Schweiz bis zu fünf Jahre Haft. Die Bundesanwaltschaft, sagte der Strafrechtsprofessor, müsse sich der Sache annehmen.

«Ich bin studierter Islamwissenschaftler», sagte Illi in seinem Büro knapp. «Es stand für mich aus wissenschaftlichen Gründen ausser Frage, dass Naim Cherni die Einladung anzunehmen hat, wenn sich die Möglichkeit bietet, eine aussergewöhnliche Persönlichkeit wie Abdullah al-Muhaysini zu treffen. Sie werden sehen: Der Film ist rein journalistischer Natur.»

Als wir in seinem Büro sassen, war Illi gerade dabei, ein Interview ins Netz zu stellen, das er produziert hatte. Es war ein Gespräch mit Nicolas Blancho, dem Präsidenten des Zentralrats. Blancho nannte darin den von Naim Cherni interviewten Rebellenführer Muhaysini einen «Brückenbauer zwischen den Rebellen», «den der IS unbedingt beseitigen will». Als der Interviewer, ebenfalls ein Mitglied des Zentralrats, einwarf, die Schweizer Presse werde Muhaysini ja sicherlich einfach einen Dschihadisten nennen, antwortete Blancho: «Wie dies schon der verstorbene Medienwissenschaftler Kurt Imhof wieder und wieder betonte: Vielen Journalisten fehlt heute das nötige religiöse Grundwissen im Allgemeinen und Wissen über den Islam im Besonderen.»


Kurt Imhof und der Dschihad. Abdullah al-Muhaysini, der Brückenbauer. Man brauchte kein Islamexperte zu sein, um zu wissen, dass sich Abdullah al-Muhaysini in Syrien wahrscheinlich schwerer Kriegsverbrechen schuldig gemacht hatte. Joshua Landis, Syrienexperte und Vorsteher des Zentrums für Islamwissenschaften an der Universität von Oklahoma, nannte ihn in seinem Blog «eine zentrale Figur im islamistischen Aufstand in Syrien, der in der dschihadistisch-salafistischen Landschaft sehr verehrt wird». Landis postete Fotos von Muhaysini, die ihn mit einer Kalaschnikow in der Hand neben einem gefangenen syrischen Piloten zeigten – vor einer Flagge der Al-Nusra-Front, auf der auch die Insignien von al-Kaida zu sehen waren. Auf einem weiteren Bild hielt Muhaysini eine Rede vor gefesselten Soldaten. Es waren Bilder vom syrischen Luftwaffenstützpunkt Abu-Duhur, der bekannt wurde, als Dschihadisten dort, nachdem sie den Stützpunkt am 9. September 2015 eingenommen hatten, 56 gefangene Soldaten der syrischen Armee hinrichteten. Offensichtlich stammten die Bilder Muhaysinis von jenem Tag. Joshua Landis dokumentierte, wie Muhaysini die Gefangenen als Ungläubige bezeichnete, als Unterstützer der verhassten Schiiten. «Kein Zweifel», sagte Muhaysini, «wer auch immer Blut vergiesst, dessen Blut wird ebenfalls vergossen.» Wenige Tage nach diesen Worten verbreitete Muhaysinis Gruppe auf sozialen Medien die Bilder der hingerichteten Soldaten.

Das alles sagte ich Illi, aber er schüttelte bloss den Kopf. «Sie haben nicht das Recht, als Nichtmuslim so über Muhaysini zu urteilen», sagte er.  «Glauben Sie, ein angepasster, verwestlichter Imam, von denen wir hier zur Genüge haben, kann Jugendliche davon abhalten, zum Islamischen Staat zu gehen?  Nein, das schafft nur einer mit der Glaubwürdigkeit eines Muhaysini. Männer wie er entscheiden den Kampf gegen den Islamischen Staat.» Wir schwiegen uns eine Weile an. Die unangenehme Stille wurde von Nicolas Blancho unterbrochen, der mit einem euphorischen «Guten Abend allerseits!» den Gang herabgestürzt kam.

Der Film von Naim Cherni trägt den Titel «Die wahrhaftige Morgendämmerung – Meine Reise an die Front gegen den IS». Die Premiere sollte in Winterthur stattfinden. «Und zwar schon übermorgen», sagte Illi mit dem Grinsen eines gerissenen Provokateurs, der genau wusste, was diese Ankündigung auslösen würde.

In den zwei Wochen vor meinem Besuch bei Illi hatten die «Weltwoche» und der «SonntagsBlick» im Nachgang zu den Anschlägen in Paris berichtet, dass es in Winterthur einen Ableger des Islamischen Staats gebe. Mehrere junge Menschen waren aus der einstigen Industriestadt nach Syrien in den Krieg gezogen, zwei von ihnen waren dabei getötet worden. Und in einer Winterthurer Moschee solle es einen geheimen Raum geben, wo Hass gepredigt werde, berichtete der freischaffende Kriegsreporter Kurt Pelda in der «Weltwoche». In Winterthur also wollte der Islamische Zentralrat die Premiere seiner Terrorpropaganda feiern. Ich konnte die kilometerhohen Schlagzeilen schon vor mir sehen: «Winterthur, Dschihad-City!»

Illi drückte mir die Einladung in die Hand. Darauf stand: «Der 24-jährige Berner Naim Cherni hat sich dorthin begeben, wo der IS keine Begeisterung mehr auszulösen vermag, sondern auf erbitterten Widerstand stösst. Widerstand nicht etwa vonseiten der USA oder Frankreichs, sondern von islamischen Rebellengruppen, die der Idee eines islamischen Staats ganz und gar nicht abgeneigt sind.» An der Premiere, so entnahm ich dem Flyer, sollte es zudem ein Gespräch mit Naim Cherni geben und einen Vortrag von Nicolas Blancho, dem selbsternannten Scheich aus Biel, sowie eine Spendengala für Syrien mit «Bruder Blerim» und ein Kuchenbuffet. Illi überreichte mir seine Visitenkarte: «Wir mussten die Sicherheitsvorkehrungen ein wenig verstärken. Wenn Sie am Eingang Probleme haben, zeigen Sie die, und sagen Sie den Leuten, sie sollen mich rufen.» Auf Illis Visitenkarte waren die Umrisse der Schweiz zu erkennen, auf grünem Grund, der Farbe des Propheten.

Ich fragte ihn, ob er eigentlich schon einmal in der Gegend gewesen sei, die der Islamische Staat als Kalifat bezeichnete. «Selbst wenn dem so wäre, würde ich Ihnen die Frage nicht beantworten», sagte Illi. Der Schweizer Nachrichtendienst wüsste das ja sowieso, antwortete ich. «Da wäre ich mir nicht so sicher», sagte er. «Überschätzen Sie den Schweizer Geheimdienst nicht. Die können nicht alles wissen, vor allem dann nicht, wenn man Hilfe vom türkischen Geheimdienst hat.» Er lächelte. Er schwieg. Er genoss meinen irritierten Blick.

Illi blickte auf die Uhr. Es war 17 Uhr und somit Zeit für das Gebet. Er sagte: «Wenn Sie über uns schreiben wollen, dann müssen Sie respektieren, dass es schwarze Löcher gibt.»

Drohungen des Islamischen Staats in Winterthur    /    Kritische Blicke des salafistischen Sicherheitsteams    /    Im Pick-up-Truck durch den Vielfrontenkrieg

Das Hotel Römertor in Oberwinterthur, ein Dreisternehotel mit dem einladenden Charme eines Atomschutzbunkers, hat seine besten Zeiten längst hinter sich. Hier fand zwei Tage nach meinem Besuch in Bern Bümpliz die Premiere von «Die wahrhaftige Morgendämmerung» statt. Am Mittag war an die Medien durchgesickert, dass die Veranstaltung irgendwo in Winterthur stattfinden würde, und die Empörung hatte nicht auf sich warten lassen. PolitikerInnen und MuslimInnen forderten einen Stopp der Veranstaltung. Winterthur dürfe nicht zum Zentrum der Dschihadistenszene werden.

Im Festsaal stellten Hotelangestellte Stühle für die 200 erwarteten Premierengäste auf und auf einen langen Tisch eine Reihe Evian-Flaschen. Auf der Bühne war bereits eine riesige Leinwand installiert. Qaasim Illi und eine komplett verhüllte Technikerin kämpften eine Stunde vor Premierenbeginn mit dem Macbook, mit dem der Film via Youtube gezeigt werden sollte. Die Verbindung zum Beamer wollte einfach nicht klappen. Eine andere Frau mit einem Nikab, einem Schleier, der nur die Augen frei lässt, sass neben ihnen, ein Baby auf dem Arm, und nippte an einer Cola Zero, und Nicolas Blancho erkundigte sich nach dem WLAN-Passwort.

Draussen, in fünfzig Metern Entfernung, standen zwei zivile Beamte der Stadtpolizei Winterthur und beobachteten den Eingang zum Festsaal. Als ich eine Runde ums Gebäude drehte, kontrollierten sie mich. «Sie sind Journalist? Und Sie können da einfach reingehen?», fragte einer der Beamten. Er schüttelte den Kopf und fragte gleich weiter: «Sympathisieren Sie denn mit den Ideen dieser Leute?» Der zweite Polizist gab mir meinen Ausweis zurück und fragte: «Bei diesem Anlass geht es in erster Linie um Dschihadrekrutierung, oder?»

«Ich denke, es geht in erster Linie darum, den Film zu zeigen», sagte ich. Ein Mann, der die Kontrolle von weitem beobachtet hatte, stiess zu unserer ziemlich ratlosen Versammlung und fragte, wo eigentlich die Antifa sei, wenn man sie einmal brauche. Die beiden Polizisten ignorierten das und blickten schweigend zu Boden. Ich ging zurück in den Festsaal.

Vor dem Saaleingang patrouillierten schwarz gekleidete bärtige Männer. Der Islamische Zentralrat verfügt über eigenes Sicherheitspersonal von einem Dutzend Leuten, die meisten aus kosovo-albanischen Familien, wo die muslimische Glaubenszugehörigkeit keine besonders grosse Rolle spielte. Der Kopf des salafistischen Sicherheitsteams arbeitet als Wirtschaftsprüfer bei Pricewaterhouse Coopers in Zürich. «Ich wuchs in einer muslimischen Familie auf», sagte er mir später. «Wie meine Eltern interessierte ich mich leider lange nicht für Religion. Das änderte sich, Allah sei Dank, vor ein paar Jahren.» Einer seiner Leute stoppte mich. Ich zeigte ihm Illis Visitenkarte, und er liess mich hinein.

Der Saal war inzwischen recht gut gefüllt. Er war in zwei Hälften geteilt: Rechts sassen die Frauen, links die Männer. Im hinteren Teil, auf einem ungeheuer langen Tisch, stand das Kuchenbuffet, daneben Küchengeräte und Stereoanlagen und Radiowecker für Bruder Blerims Versteigerung. Ich setzte mich zwischen ein paar albanische Jugendliche, die auf ihren Smartphones herumtippten und sich über Fitnessstudios unterhielten. Irgendwann erhoben sie sich, um mit den älteren männlichen Gästen in einer Ecke des Saals zu beten. Es sollte sich an anderen Treffen verdeutlichen: Die Bindungen, die der Zentralrat in der Schweiz aufgebaut hatte, bestanden vor allem zu Leuten jeden Alters aus dem Kosovo sowie aus Bosnien.

Das hat zum einen wohl demografische Gründe: Der grösste Teil der MuslimInnen in der Schweiz ist türkischer oder bosnischer Herkunft. Zum anderen hatte der Kosovokrieg 1999 in der Region zum Erstarken des Salafismus geführt. Wahhabiten und Salafisten aus Saudi-Arabien hatten das staatliche Vakuum der Nachkriegszeit genutzt, um im Kosovo Geld in Moscheen und in die Ausbildung von Imamen zu stecken und einen radikalen Islam zu verbreiten. Während in der Schweiz die grossen Muslimverbände und die Vorsteher der wichtigen Moscheen die Schweizer Rechtsordnung als höchstes Gut bezeichneten, hatten 2014 mehrere kosovarische Imame zur Teilnahme am Dschihad in Syrien aufgerufen, darunter auch der Imam der Grossmoschee von Pristina. In der arabisch sprechenden Community in der Westschweiz war es dem Zentralrat bisher nicht gelungen, Fuss zu fassen – zu stark waren dort die Muslimbrüder.

Ein Sicherheitsmann wies mich und andere BesucherInnen an, sich in die vorderen Reihen zu setzen, damit der Saal auf den Kameraaufnahmen schön voll wirke. Dann wurde es dunkel, und Qaasim Illi betrat im Scheinwerferlicht die riesige Bühne. Dabei wirkte er trotz seines feierlichen islamischen Gewands, das bis zu seinen Knien reichte, seines langen Barts und seiner Kopfbedeckung nicht wirklich wie ein Salafist, der den Dschihadismus einst als «anspruchsvollsten Gottesdienst» bezeichnet und gefallenen Kämpfern der Kassam-Brigaden den Eintritt in die «höchste Stufe des Paradieses» versprochen hatte, in «Gärten, in denen Milch und Honig fliesst».  Eigentlich erinnerte Qaasim Illi mit seinen auffälligen O-Beinen und den schnellen, kleinen Schritten eher an einen lustigen, freundlichen Pinguin. 

Illi schnappte sich das Mikrofon, sprach zuerst einige Koranverse auf Arabisch, das er seit seinem Studium in Bern und Kairo fliessend spricht, dann begrüsste er fröhlich und mit einem Seufzer der Erleichterung «meine Geschwister im Islam», wofür er ein kollektives «Allahu akbar» erntete, um dann umgehend, den Blick auf zwei Teleprompter gerichtet, ziemlich emotionslos die Lage in Syrien zu schildern. Seine Worte kamen bei den 150 in Winterthur versammelten Männern und Frauen gut an – man bewunderte seine Rhetorik, man umarmte ihn, küsste ihn. Weil aber 150 Frauen und Männer und Kinder keine Volksbewegung ausmachen, schien der Weg ins Kalifat an diesem Nachmittag noch sehr weit. «Schuld daran sind auch die Medien», sagte Illi, «die immer alles hyperventilierend durcheinanderbringen.» Es folgte eine kurze, aber heftige Tirade gegen den «Medienmainstream», der nicht in der Lage sei, den Mehrwert «unseres sensationellen Dokumentarfilms» anzuerkennen, «den wir hier jetzt dann gleich zeigen werden». Die Leute im Saal nickten, und Illi schaltete via Skype zu «Bruder Naim irgendwo im Ausland».

Das IZRS-Vorstandsmitglied Naim Cherni wirkte via Videoschaltung – vor einem kargen Hintergrund, an einem Ort im Ausland, den Illi aus irgendwelchen Gründen nicht nennen wollte – fast ein bisschen so, als sei er gerade auf der Flucht. Ich war mir nicht sicher, ob dieser Effekt beabsichtigt war. «Bruder Naim» erklärte via Skype, dass er sich mit seiner «journalistischen Arbeit» zum Ziel gesetzt habe, «gegen die Propaganda beider Seiten» selbst die Kamera in die Hand zu nehmen. Der Film begann dann etwas überraschend vor der Kapellbrücke in Luzern. Hier, in dieser Idylle, teilte Naim dem Filmpublikum mit, habe er den Entschluss gefasst, nach Syrien zu reisen, zu seinen Brüdern, «Allahu akbar».

Der 24-jährige Berner erhielt direkten Zugang zu Kämpfern der radikalislamischen Militärallianz Dschaisch al-Fatah, zu Kämpfern von al-Kaida und zu saudischen Mudschaheddin, denen er im Film die Hände schüttelte, während sie ihn durch Frontstellungen führten und im Hintergrund Schüsse zu hören waren, und nach zwei Minuten sass der junge Berner mit Abdullah al-Muhaysini auf dem Rücksitz eines Toyota-Pick-ups.

Cherni präsentierte Abdullah al-Muhaysini als pragmatischen Führer, der seit der Einnahme der Stadt Idlib im Nordwesten Syriens durch seine Dschaisch al-Fatah mit «Augenmass und Weitsichtigkeit» per Scharia regierte. Der zwar den Alkohol verboten hatte, wie er im Film in einem zerstörten Alkoholgeschäft erklärte, aber die Zigaretten noch nicht, «weil man die Herzen der Menschen nur schrittweise gewinnen kann». Naim Cherni kaufte Muhaysini auf dem Markt eine Aprikose.

Der Film entpuppte sich schnell als Propaganda in einem Konflikt, bei dem es – neben dem Sturz des Assad-Regimes – offenbar in erster Linie um die Deutungshoheit zwischen verschiedenen bewaffneten Islamistengruppen im Irak und in Syrien ging, kurz: zwischen dem Islamischen Staat und allen anderen. Der IZRS stand dabei offensichtlich auf der Seite von allen anderen. «Die sind schlimmer als Assad», sagte irgendwann ein saudischer Mudschahed in die Kamera, während er per Funkgerät einige IS-Kämpfer davon zu überzeugen versuchte, dass sie mit ihrer apokalyptischen Massenmordstrategie den Islam verraten hätten.

Erst jetzt begann ich zu erahnen, dass ich im Hinblick auf die Filmpremiere womöglich etwas grundsätzlich falsch verstanden hatte: dass der Islamische Zentralrat gar nicht, wie das in den Medien umgehend vermutet wurde, Winterthur als Premierenort ausgesucht hatte, um mit jener Szene zu sympathisieren, die dem IS nahestand, sondern um der islamistischen Konkurrenz nicht kampflos das Feld zu überlassen. Plötzlich wunderte ich mich nicht mehr, warum der Zentralrat ein Aufgebot islamistischer Kampfsportler am Eingang postiert hatte, die stichfeste Westen trugen, Pfefferspray und Funkstecker im Ohr, und die jeden, der in den Saal wollte, mit einem Metalldetektor scannten. Ich wunderte mich nicht mehr über die Worte des Chefs des Polizeipostens Bahnhof Winterthur, der kurz vor Veranstaltungsbeginn am Eingang aufgetaucht war, um die Handynummer des IZRS-Sicherheitschefs in Erfahrung zu bringen, «damit wir wissen, an wen wir uns wenden müssen, wenn es eskaliert». Es erklärte, warum ich als Journalist überhaupt nicht kontrolliert wurde, während junge Muslime sehr gründlich durchsucht wurden, und warum ein muskelbepackter Mann den ganzen Abend lang Nicolas Blancho nicht von der Seite wich: Offenbar hatte dem Islamischen Staat der Film des Islamischen Zentralrats noch weniger gut gefallen als den JournalistInnen der «SonntagsZeitung». Qaasim Illi sagte zu Naim Cherni: «Wir haben wegen deines Films nicht nur Rückmeldung erhalten von Schweizer Medien, wir wurden auf unseren Kanälen von IS-Anhängern regelrecht überfahren, die uns Apostaten nennen, die man töten muss. Hast du jetzt Angst, Naim?»

Gehirnwäsche im evangelikalen Jugendcamp    /    Die Technoparty und das 100 000-Franken-Debakel    /    Mit Lukas Reimann und der Auns gegen die Uno    /    Hitlergruss und ein kleiner Amoklauf in einem Hotelzimmer in Dallas

Die religiöse Radikalisierung von Qaasim Illi begann, als er dreizehn Jahre alt war und noch Patric Illi hiess. Seine Eltern hatten sich scheiden lassen. Es ist ein Kapitel, über das er nicht gerne spricht. «Mein Vater war das schwarze Schaf der Familie», sagte er bei einem unserer Treffen. «Ich weiss nicht, ob ich ihn einmal nüchtern erlebt habe.» Die Mutter wanderte mit ihrem neuen Freund und Illis jüngerem Bruder von Schaffhausen auf die Philippinen aus, um dort ein Tauchresort aufzubauen. Der junge Patric wollte in der Schweiz bleiben, um die Sekundarschule abschliessen zu können. Er landete in einer Pflegefamilie in Schleitheim am äussersten Zipfel des Kantons Schaffhausen. Seine leiblichen Eltern waren AtheistInnen gewesen und hatten dem Sohn erklärt, Religion sei nur Opium für das Volk. Die Pflegeeltern aber waren Evangelikale, radikale ChristInnen, die sich als bibeltreu verstanden und den Säkularismus ablehnten – die der Kirche den Zehnten zahlten und die acht Kinder und den Pflegesohn jeden Sonntag mit in die Kirche schleppten. «Jetzt geht Ihnen ein Licht auf», sagte Illi zu mir. «Sie denken: ‹Daher hat Illi seinen Knacks!›»

Vor jedem Essen wurde gebetet, und den Sommer verbrachten die Kinder in einem evangelikalen Jugendcamp in Bischofszell im Kanton Thurgau. Dort erklärte ein Prediger im Sommer 1995 den über hundert Kindern und Jugendlichen, dass jeder, der Jesus nicht annehme, in ewiger Verdammnis leben werde. «Die Predigt war beeindruckend aufgebaut, fesselnd, zumindest für ein Kind, und sie erlöste mich von der Angst, in die Hölle zu kommen. Man könnte auch sagen: Die haben mir das Gehirn gewaschen.» Der junge Patric nahm Jesus an. «Es war ein befreiendes Erlebnis. Ich lernte glauben», sagte er. «Nach der Predigt ging ich zum Lagerleiter und sagte: ‹Ja, ich will bekehrt werden. Ich will mich reinigen. Ich will Jesus die Führung in meinem Leben und über die Welt zuerkennen und ihm als Jünger folgen.› Ich wurde ein Jesus Freak.» Der dreizehnjährige Patric Illi verteilte daraufhin mit einem Freund im aargauischen Bremgarten auf der Strasse Jesus-Traktate.

Die Sache mit der Religion vergass er nach dem Abschluss der Sekundarschule, als ihn seine leibliche Mutter auf die Philippinen holte. Illi verdiente sein Geld als Barkeeper, statt Jesus interessierten ihn Frauen, Partys und das Tauchen, und als er ein Jahr später in die Schweiz zurückkehrte, um eine Lehre als Informatiker zu absolvieren, träumte er von einer Karriere als Technopartyveranstalter. Es waren die späten neunziger Jahre. Techno war überall. Und Illi wurde ein lokaler Partykönig, und zwar unter dem Namen Hardbeat Records, zusammen mit einem Geschäftspartner namens Julien Bien. Bis zu jenem Abend im August 1999: Damals planten Illi und Bien auf dem Winterthurer Sulzer-Areal eine riesige Party namens «Troja 2», «dreizehn Stunden ultimatives Partyfeeling», hiess es auf den Flyern. Es wurden 6000 Leute erwartet. Es kamen 3000. In Schaffhausen nennen sie ihn seither «Schulden-Illi».

Die Lokalzeitung «Schaffhauser Bock» schrieb zwei Wochen später unter dem Titel «Kriminal-Tango statt Techno-Party»:

«Irgendwann im Verlauf des Abends wurde das Gerücht immer lauter, Illi habe mit 100 000 Franken im Sack das Weite gesucht. Julien Bien erlitt einen Nervenzusammenbruch. Ein Darlehensgeber, in Sorge um seinen 55 000-Franken-Einsatz, avisierte die Polizei. Ein Dummkopf verkündete das Gerücht über Lautsprecher mit dem Resultat, dass ein Elektriker Licht und Ton abdrehte. Jetzt brach die Hölle los. DJs und solche, die sich dafür ausgaben, bedienten sich grosszügig am Bargeldhaufen. Frustrierte Besucher liessen ihre Wut an Fensterscheiben und Autos aus. Im allgemeinen Durcheinander wurde, was nicht niet- und nagelfest war, geklaut. Kurz: Laut Illi beläuft sich der Geldschaden auf 200 000 Franken, der Gesamtschaden auf eine halbe Million. Illi übrigens schlief während dieser Zeit im benachbarten noblen Gartenhotel mit 400 Franken Bargeld im Sack sozusagen den Schlaf des Gerechten. Weil der Wecker versagte, erwachte er erst morgens nach 4 Uhr, als die Katastrophe perfekt war. (…) Unangenehm dürfte die ganze weitere Zukunft vor allem für jenen jungen Mann werden, der, weil bereits volljährig, anstelle der unmündigen Jugendlichen die Verträge unterzeichnet hat. Dazu Patric Illi cool: ‹Der ist arbeitslos. Bei dem ist eh nichts zu holen.›»

Am 19. September 1999 schrieb Illi auf der Hardbeat-Website: ‹Hiermit verabschiede ich mich definitiv von Hardbeat Rec./Promotion/Artist Management. Offensichtlich habe ich in dieser Szene versagt und somit eingesehen, dass dafür kein Platz vorhanden ist. Die Firma wird einer neuen, viel kompetenteren Führung unterworfen.»


Julien Bien, sein damaliger Partner bei Hardbeat Records und also ein Freund aus Zeiten, als Illi noch kein Islamist war, lebt inzwischen mit Frau und Kindern in Deutschland. Ich rief ihn an. Er sagte, er habe diese Zeit verdrängt. Er habe fast keine guten Erinnerungen an Illi. Dann sprudelte es aus ihm heraus. Bien schien noch immer verletzt zu sein, als wäre damals eine grosse Liebe in die Brüche gegangen.

Illi sei gerissen, mutig und ziemlich skrupellos gewesen, und er habe keinen Aufwand gescheut, um Geld zu sparen, sagte Bien. «Als Partyveranstalter gab er zudem seinen Angestellten ständig sinnlose Aufgaben, bloss um zu sehen, ob sie diese ausführten», sagte er. Für sein Technobusiness, die Produktion von Plakaten und Flyern, habe Illi einmal vor der Laderampe einer UBS-Filiale gewartet, als in neutralen Packungen Drucker und Druckerzubehör geliefert wurden. «Das staubte er ab», sagte Bien. Er habe eine Telefonzelle angezapft, um gratis telefonieren zu können. Und er habe, davon ist Bien nach wie vor überzeugt, mit ihm zusammen eine Technoparty organisiert, um 180 000 Franken abzustauben. «Im Zweifel für den Beschuldigten, das stimmt», sagte Bien. «Aber wer verlässt schon auf dem nächtlichen Höhepunkt seine eigene Party, und das kurz bevor bemerkt wird, dass Unmengen an Geld fehlen? Ich bin nach wie vor überzeugt, dass Illi das mit seiner damaligen Freundin so geplant hatte, und gegenseitig gaben sie sich ein Alibi.»

Als Bien das alles erzählte, klang er nicht verbittert, sondern eher bewundernd, fröhlich fast. Dann erzählte er eine Anekdote, die eine zweite Quelle, die damals mit dabei gewesen war, bestätigte: 1999 besuchten Illi und Julien Bien einen gemeinsamen Freund in den USA. Einerseits habe Illi ständig über die Schwarzen und die Latinos geflucht, andererseits habe er eine allgemeine Menschenverachtung offenbart: «Im 30. Stock des Marriot-Hotels in Dallas öffnete Illi das Fenster und begann, Münzen auf Passanten zu werfen», sagte Bien. «Immer wieder hätte er Leute fast getroffen. Er lachte dabei hämisch. Er hörte erst damit auf, als ich ihn vom Fenster wegzerrte und zu Boden warf.»

Patric Illi habe damals, als Teenager, Adolf Hitler bewundert. «Immer wieder zeigte er den Hitlergruss, fluchte über Juden und Moslems und Schwarze. Anfangs waren das Sprüche. Aber irgendwann wurde die Sache ernst. Er schien diese Menschen wirklich zu hassen», sagte Bien. «Wenn er von Deutschland sprach, sprach er bewundernd vom Reich, und sein Lieblingswort war ‹Goebbels›. Ich höre es noch heute. Er sagte es immer mit einem langen Zischen am Schluss: Goebbelssssssss …»

Nach der desaströsen Technoparty sei Illi mit seiner damaligen Freundin F. (Name der Redaktion bekannt) auf die Philippinen verreist, um dort Partys zu veranstalten, und als er zurückkehrte, seien dauernd Leute bei ihm aufgetaucht, denen er Geld geschuldet habe, sagte Bien. «Er mietete sich einen Rottweiler. Als ich an die Wohnungstür klopfte, bat er mich hinein. Er war ziemlich nervös. Ich setzte mich auf ein Sofa. Er nahm mir gegenüber auf einem Sessel Platz. Plötzlich sagte er zum Kampfhund: Fass! Der Hund sprang auf mich zu, stoppte im letzten Moment und leckte mein Gesicht. Ich kraulte seinen Bauch. Sie müssen wissen, ich kann es gut mit Hunden. Illi griff nach einem Baseballschläger. Er war wirklich komplett aus dem Häuschen. Ich rannte raus.»

Er halte Illi für einen unreligiösen Menschen, sagte Bien, und trotzdem sei die Verwandlung zum Islamisten nachvollziehbar: «Erstens hat er immer alles als Mission verstanden: Als Partyveranstalter wollte er grösser werden als die Energy, die grösste Technoparty der Schweiz. Mit dem Islam hat er einfach eine neue Mission gefunden. Zweitens war er nach dem Partydesaster ein geächteter Mann. Er hatte Stress, auch mit unangenehmen Leuten. Mit der Konversion konnte er für sich einen Schlussstrich ziehen: ‹Das war der alte Illi›, sagte er damals, ‹und das hier ist der neue, der geläuterte Illi.› Alles ist vergeben und vergessen.»


Als die Technoparty vorbei war, nahm Patric Illis Leben eine ziemlich dramatische Wendung: Zuerst trat der ehemalige Jesus Freak und Partymann mit knapp zwanzig Jahren der nationalistischen Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz (Auns) bei, 2002 gründete er einen Verein namens Pro-PLO Schweiz und nahm an Demonstrationen der Gesellschaft Schweiz–Palästina teil. «Ich erinnere mich an einen dünnen Jungen mit langen blonden Haaren, in Jeans und T-Shirt», sagte Saïda Keller-Messahli vom Forum für einen fortschrittlichen Islam, als wir uns in Zürich zum Kaffee trafen. Keller-Messahli war damals Vorstandsmitglied der Gesellschaft. «Er war unglaublich motiviert, in gewisser Weise militant. Er steckte eine Unmenge an Zeit in das Malen von Fahnen und Transparenten. Und kaum war er aufgetaucht, ging er zu uns auf Distanz. Wir waren ihm viel zu wenig explizit, nicht radikal genug», sagte sie.

Diese Radikalität habe sie unterschätzt, sagte Keller-Messahli. «Als im Nachgang zur Minarettabstimmung in der Schweiz und Deutschland zahlreiche salafistische Gruppen entstanden und der muslimische Konvertit in der Diskussion plötzlich einen neuen, quasi zentralen Status erhielt, haben wir sie nicht ernst genommen, weil sie so folkloristisch daherkamen», sagte sie. «Das waren Leute wie Illi, Blancho oder Pierre Vogel in Deutschland, die nicht in dieser Kultur aufgewachsen waren, die karikaturhaft den Islam übernahmen und sofort die Menschen einteilten in rein und unrein. Das war nicht nur menschenverachtend, es war auch eine unglaubliche Anmassung. Wir lachten über sie. Und das war ein Fehler. Denn die meinen es total ernst.»

Im Februar 2002 organisierte Illi in Schaffhausen eine Demonstration gegen den bevorstehenden Uno-Beitritt der Schweiz. Unterstützung erhielt er dabei von Lukas Reimann, der damals in St. Gallen gerade die kantonale Sektion der Jungen SVP gegründet hatte. Derselbe Reimann sollte sieben Jahre später als Teil des «Egerkinger Komitees» federführend im Kampf für ein Minarettverbot sein, in jenem Abstimmungskampf also, der Illi und Nicolas Blancho dazu bewog, den IZRS im Herbst 2009 überhaupt zu gründen – die Muslime, so die beiden Konvertiten, würden sich im Abstimmungskampf nicht äussern können oder auch nicht wollen. Sie bräuchten eine echte Stimme. 2015 war es Reimann, der ein Verbot des Islamischen Zentralrats forderte. Im Februar 2002 aber marschierten das damalige Auns-Mitglied Illi und der spätere Auns-Präsident Reimann Seite an Seite gegen die Uno. Die nächste Demonstration, die Illi organisieren wollte, wurde von den Behörden verboten, weil der veranstaltende Verein Pro-PLO Schweiz, wie es im folgenden Jahresbericht des Bundesamts für Polizei hiess, «einen starken Hass gegenüber Juden manifestiert». Stattdessen verteilte Illi an der Zürcher Bahnhofstrasse und am Limmatplatz Flugblätter, die zum Boykott gegen den «zionistischen Apartheid-Staat Israel» aufriefen. Dabei lernte er eine junge Punkerin kennen, der sein Engagement gefiel: Nora, die er 2003 in Jordanien heiraten sollte.

Die damals 28-jährige Nora Illi, Vorstandsmitglied des Islamischen Zentralrats, wurde 2012 in Deutschland schlagartig bekannt, als sie bis auf die Augen verschleiert in der Talkshow «Menschen bei Maischberger» neben TV-Moderator Frank Elstner und CDU-Politiker Norbert Blüm Platz nahm und sagte: «Der Schleier schützt mich davor, männlichen Mitbürgern falsche Signale auszusenden oder von ihnen falsch betrachtet zu werden. Er gibt mir ein Gefühl von Freiheit.»

Und beinahe hätte sie drei Jahre später noch eine grössere Bühne bekommen: Nach dem Anschlag auf «Charlie Hebdo» habe er einen Anruf von Günther Jauch erhalten, sagte Qaasim Illi. «Er wollte mit Nora eine Sondersendung machen. Nur sie und Günther. Was für eine Plattform das gewesen wäre! Doch Jauch bestand darauf, dass die Hälfte der Sendung aus einer Homestory hätte bestehen müssen: daheim bei den Illis und ihren Kindern. Das kam für uns nicht infrage. Zudem war es lächerlich, was die an Geld geboten haben. Nicht, dass das eine Rolle gespielt hätte. Aber 8000 Euro? Von Günther Jauch hätte ich wirklich mehr erwartet.»


Im November 2002 unterstützte Pro-PLO Schweiz noch eine GSoA-Demonstration «gegen die Angriffspläne der USA und Grossbritanniens auf den Irak», dann verliess Patric Illi, der nach abgeschlossener Informatikerlehre damals in Zürich Oerlikon auf dem zweiten Bildungsweg die Matura nachholte, das Land. Und als er das nächste Mal wieder auftauchte, berichtete nicht mehr die Lokalpresse, sondern der nationale Boulevard.

Illis Explosion und Konversion    /    Antisemitische Traktate im Internet    /    Das Gerücht vom geplanten Sprengstoffanschlag auf ein Schaffhauser Einkaufszentrum    /    Misstrauische Blicke am Schiessstand

Ende 2002 war Illi mit seiner damaligen Freundin F. nach Gaza-Stadt gereist, «um sich vor Ort ein Bild von der Situation zu machen». Er hatte, wie er sagte, damit gerechnet, sein damaliges Vorbild Jassir Arafat treffen zu können. Doch der wollte ihn nicht treffen, was Illi beleidigte, stattdessen traf er Scheich Jassin, den Gründer der Hamas. Und davon gab es ein Foto, das Illi auf die Website von Pro-PLO Schweiz stellte: Illi, knapp zwanzig, mit riesig wirkendem Palästinensertuch, blondem Seitenscheitel und einem T-Shirt mit Schweizer Kreuz, neben dem Hamas-Gründer im Rollstuhl. Sechs Monate später, im Sommer 2003, durchsuchten BundespolizistInnen seine Wohnung in Schaffhausen. Der Vorwurf lautete, Patric Illi, der sich neuerdings Abdel Azziz Qaasim Illi nannte, unterhalte enge Kontakte zum geistigen Führer der Hamas und sei dabei, eine Bombe zu bauen.

 «Der Herr Deppeler und der Herr Flückiger vom damaligen Dienst für Analyse und Prävention, heute Nachrichtendienst des Bundes, zuständig für Terrorismus und Sprengstoff, luden mich zum Kaffeekränzchen auf den Schaffhauser Polizeiposten»,  sagte Illi. «Sie sagten, das sei schon noch wahnsinnig, was ich auf meiner Homepage alles schreiben würde. Sie machten mir klar, dass sie ein Auge auf mich geworfen hätten.» Warum die Beamten auf die Idee gekommen seien, seine Wohnung zu durchsuchen, könne er sich jedoch nicht erklären, sagte mir Illi.

Ich hätte ihm womöglich auf die Sprünge helfen können: Julien Bien hatte es mir erzählt, sein ehemaliger Kumpel aus Technozeiten. «Ich sah Illi das letzte Mal im Frühsommer 2003 an einer Tankstelle in Schaffhausen. Er sagte zu mir: ‹Jetzt ist genug. Ich setze jetzt ein Zeichen gegen die Juden, gegen Israel. Ich habe mir Sprengstoff besorgt. Damit werde ich den Manor in die Luft sprengen.›» Was der Manor mit Juden und Israel zu tun habe, habe er nicht verstanden, sagte Bien. «Ich interessiere mich nicht für Politik», sagte er. Aber Illis Gerede habe ihm Angst gemacht.

Illi bestreitet diese Darstellung. «Wenn, dann hätte ich mir damals ein israelisches Ziel aussuchen müssen», sagte er, als ich ihn mit Biens Aussage konfrontierte (wobei der Manor als ursprünglich jüdisches Kaufhaus zumindest aus dieser Perspektive kein abwegiges Ziel gewesen wäre – so wie Kaufhäuser in den zwanziger und dreissiger Jahren ganz allgemein Ziel antisemitischer Hetze gewesen waren).


Kurz nach seiner Rückkehr aus Gaza-Stadt konvertierte Illi in einer kleinen Zürcher Moschee zum Islam. Er hatte zurück zum Glauben gefunden, und wie schon bei seinem Abstecher zum evangelikalen Christentum nahm er dabei die alten Schriften wörtlich. In jener Zeit entstand ein weiteres spektakuläres Foto von Qaasim Illi, das er mir bei einem unserer Treffen zeigte: Illi, kurz nach dem Angriff der USA auf den Irak, als Antikriegsdemonstrant mit Gasmaske und Pflasterstein in der Hand, an der Seite von Autonomen in Bern. «In Schaffhausen tauchte er zu jener Zeit an einer Demonstration der Juso auf», erinnert sich ein Schaffhauser. «Wir wunderten uns: Was macht der bloss hier? Er wurde in der Stadt als rechtsradikaler Provokateur wahrgenommen. Die Inszenierung war ihm schon damals wichtig: An der Schifflände sprang er auf ein Mäuerchen und verbrannte eine US-Flagge.»

«Die unfassbare Arroganz der Amerikaner hat auch in der Schweiz Zehntausende auf die Strasse getrieben. Ich habe selbst in Zürich eine Demonstration mitorganisiert», sagte Illi, als wir uns in einem Zürcher Schnellimbiss trafen. Es war ein Sonntag im April 2016, draussen regnete es in Strömen. Er trank Ayran und schien wie immer guter Laune zu sein. «Ich war frisch konvertiert und ohnmächtig, als ich sah, wie Bush seine Maschinerie in Gang setzte, wider internationales Recht.» Dann überzog ein Lächeln sein Gesicht, und er schien jetzt sehr ehrlich zu werden: «Jede Bombe, die dann im Irak explodiert ist und eine amerikanische Patrouille erwischt hat, hat grosse Freude bereitet. Je tiefer die Amerikaner in den Dreck geraten sind, umso mehr hat das Freude bereitet. Jeder tote US-Soldat war ein Fest für uns. Mit ‹uns› meine ich uns alle.»

Das Gespräch im Schnellimbiss endete, als Illis Bruder kam, Softwareingenieur und FDP-Mitglied. Er begrüsste Illi mit einem herzlichen «Salam aleikum», sie umarmten sich kurz, dann stellte der Bruder seine neue Freundin vor. Ein Familienausflug in Illis altem Mitsubishi nach Schaffhausen stand auf dem Programm. Ein Besuch bei der Mutter.

«Wir müssen noch schnell zu einem Tankstellenshop fahren und für Mutter eine Karte kaufen», sagte der Bruder.

«Wozu brauchen wir eine Karte?», fragte Qaasim Illi.

«Sie hatte gestern Geburtstag.»


Die strategische antiamerikanische Demoallianz mit der radikalen Linken zerbrach spätestens am 21. August 2003, als Israel in Gaza mit einer Rakete den Hamas-Mitgründer Ismail Abu Schanab tötete. Damals stellte Illi auf die Website von Pro-PLO Schweiz eine «Solidaritätsbekundung über den grausamen Mord»: «Es ist jetzt wichtig, dass die Pseudoverhandlungen der letzten Wochen durch eine Super-Intifada ersetzt werden und der islamische Widerstand wieder die Hauptrolle im Konflikt einnimmt.» Einen kurz zuvor verübten Mord an orthodoxen Juden in Hebron nannte Illi in dem Schreiben eine «Operation» und eine «legitime palästinensische Vergeltung». Israel gab es in dem Schreiben nur in Anführungszeichen.

Jemand kopierte den Eintrag, postete ihn auf der linken Internetseite Indymedia und kommentierte: «Und dieselben Leute nehmen an der 1.-Mai-Kundgebung in Zürich sowie an Friedensdemos teil und bezeichnen sich als Linke. Früher arbeiteten sie auch mit der Gesellschaft Schweiz–Palästina zusammen. Heute ist Pro-PLO wohl bestenfalls ein Fall für die Antifas oder gleich für psychologische Krisenintervention.» Ein paar Monate später tötete die israelische Armee in Gaza-Stadt mit drei Hellfire-Raketen Scheich Jassin, den Mann, der Illi zurück zum Glauben geholt hatte. Jassin war gerade in seinem Rollstuhl von einem Leibwächter aus einer Moschee geschoben worden, als die Raketen einschlugen. Qaasim Illi setzte sich in Schaffhausen an den Computer und schrieb einen Eintrag für die Vereinswebsite von Pro-PLO Schweiz: «Sheik Ahmad Yassin in Gaza City nach Fajr Gebet von Zionisten-Sauen ermordet». Dann zitierte er: «‹Damit haben die dreckigen Schweine eine neue Linie überschritten. Sie werden ihr widerliches Blut und ihre nach verbranntem Schweinefleisch stinkenden Hautfetzen überall auf der Welt zusammenkratzen können›, liess ein TV-Moderator der arabischen Welt wohl entsprechend der Gefühlshaltung aller Muslime verlauten.»

Es war der Auftakt zu einer Reihe von Tiraden auf der Pro-PLO-Website, in denen Illi, wenn Israelis getötet wurden, immer von «erlegt» oder «äusserst sauber erlegt» schrieb, ein Begriff, wie ein Gericht später festhalten sollte, «der im Normalgebrauch für das Töten von Tieren verwendet wird»: «Der Beschuldigte verletzt damit die Menschenwürde (…) und spricht den Juden das Recht auf Leben ab.» Illi schrieb damals zum Beispiel: «Zwei Linienbusse voll mit Zionisten-Besatzungs-Bastarden gesprengt. Die Brüder erlegten min. 16 Zionisten und mehr als 91 wurden verletzt.» Und nach Anschlägen auf israelische TouristInnen im ägyptischen Sinai im Oktober 2004: «Breaking News: Explosion in Taba, Hilton in die Luft gesprengt, viele Zionisten-Schweine in kleine, handliche Stücke zerlegt. Mind. 35 Tote, 250 Verletzte. In Gaza feiern die Massen. Allahu akbar!»

Warum man ihn des Antisemitismus bezichtigte, hatte Qaasim Illi noch immer nicht verstanden. «Ich bin ja wohl der Letzte, der ein Antisemit ist», sagte er mir. Er sei ein Antizionist, der von der Zweiten Intifada geprägt worden sei. «Damals war ich achtzehn, und die Medien waren voll davon. Als die Israelis den vom Deza finanzierten Flughafen von Rafah in Schutt und Asche legten, war ich als Schweizer Bürger empört: ‹Was passiert hier mit unseren Steuergeldern?› Aber niemand regte sich darüber auf! Die ganze Welt applaudierte dem Neokolonialismus. Die Zionisten dürfen machen, was sie wollen. Sie müssen verstehen, ich war schon immer ein politischer Mensch. Schon meine Eltern haben mit mir als Kind immer die ‹Arena› im Fernsehen geschaut und sich dabei wahnsinnig über Ursula Koch aufgeregt.»

Ursula Koch, die damalige Zürcher SP-Stadträtin.

Und Jüdin.

«Nein, nein, nein», rief Illi aus. «Mit diesem Schubladendenken kommen Sie bei mir nicht weiter! Diese Internettraktate waren natürlich furchtbar, sie entsprachen meinem damaligen beschränkten Vokabular. Ich war hilflos, emotional, und ich explodierte, weil die Israelis diesen armen Mann im Rollstuhl einfach in die Luft sprengten. Den Mann, den ich getroffen hatte, der mich so inspiriert hatte. Aber ich habe nie Traktate gegen Juden geschrieben.»

Das Gericht in Schaffhausen sah das anders: «In den Texten ist von ‹Zionisten-Staat› und ‹Judenstaat› die Rede, womit offensichtlich Israel gemeint ist. Der Angeschuldigte spricht abwechselnd von Zionisten, Israel und Juden. Für den Leser entsteht dadurch der Eindruck, dass diese Begriffe als Synonyme verwendet werden.» Weder Zionismus als politische Bewegung noch Israel als Staat seien durch die Antirassismusstrafnorm geschützt, schrieb das Gericht. «Bei der Gruppe der Juden handelt es sich jedoch um eine religiöse Gruppe, welche vom Schutzbereich des Artikels 261 des Strafgesetzbuchs erfasst ist.» Indem der Angeschuldigte mehrfach im Zusammenhang mit Juden von «Sauen», «Schweinen» und «erlegen» gesprochen habe, habe er Juden mehrfach mit Tieren gleichgesetzt und sie in ihrer Menschenwürde verletzt. «Das Verschulden des Angeschuldigten wiegt nicht leicht», hielt das Gericht fest, «zeugen doch seine Berichte auf der Webseite der Pro-PLO Schweiz von Hass, Fanatismus sowie mangelndem Respekt vor Angehörigen des Judentums.» Am 7. Dezember 2005 wurde Qaasim Illi vom Untersuchungsrichteramt Schaffhausen zu einer einmonatigen bedingten Gefängnisstrafe und 200 Franken Busse verurteilt: wegen mehrfacher Rassendiskriminierung, eines Vergehens gegen das Waffengesetz und wegen Pornografie.

Die letzten beiden Anklagepunkte machte im April 2016 ein anonymer Beitrag auf dem rechtskonservativen Blog «etwasanderekritik» publik. Die «Weltwoche» griff die Sache auf und titelte: «Qaasim Illis verbotene Pornos». Obwohl die Tat längst verjährt war, stellte sich die «Weltwoche» auf den Standpunkt, dass es von öffentlichem Interesse sei, dass Illi als Teenager harte Pornos konsumiert habe. Zudem seien die Bilder nach seiner Konversion beschlagnahmt worden. Das pornografische Material, insgesamt über 100 000 Bilder, hatten die Polizisten 2003 gefunden, als sie Illis Wohnung nach dessen Besuch bei Scheich Jassin durchsucht hatten, weil sie meinten, Illi bastle daheim an einer Bombe.

Das Verfahren wegen der mutmasslichen Bombe wurde eingestellt. Doch von den gefundenen Pornobildern erfüllten über tausend den Straftatbestand des Besitzes harter Pornografie, in diesem Fall sexualisierter Gewalt mit erwachsenen DarstellerInnen und damals noch verbotene sexualisierte Darstellungen menschlicher Ausscheidungen. Illi gestand, verwies jedoch darauf, dass es sich um eine Sammlung handle, die er vor seiner Konversion zwischen 1998 und 2002 zusammen mit Freunden angelegt habe. Er sagte: «Das war zu einer Zeit, als ich noch mit einer Freundin zusammenlebte. Und einem Hund! Unfassbar. Ich war kein Engel, glauben Sie mir. Ich habe abstruse Dinge getan in meinem Leben. Die Begegnung mit Scheich Jassin in Gaza-Stadt war für mich der Wendepunkt. Jassin sagte damals zu mir: ‹Der Westen ist degeneriert, und er ertrinkt in Heuchelei, in Perversion.› Mir wurde klar: Er hatte so recht! Und er meinte auch mich!»

Was in der Berichterstattung vor lauter Pornografie unterging, war der Umstand, dass die Polizisten bei Qaasim Illi damals auch eine Pistole gefunden hatten, die ihm nicht gehörte. Die 9-Millimeter-Pistole hatte Illi von seinem Grossvater geschenkt bekommen, aber nie angemeldet. Die Presse machte sich wegen der Pornos über Illi lustig. Ich fragte mich, warum niemand nach der Pistole fragte. Immerhin war die Frage nach Illis Verhältnis zu Gewalt und zum islamistischen Terror in den letzten Jahren regelmässig gestellt worden. Warum brauchte jemand, der sein Engagement trotz der Bewunderung für einen syrischen Kriegsverbrecher wiederholt als eines für Frieden und Religionsfreiheit bezeichnete, eine Pistole? Eine, von der ausser seinem Grossvater womöglich niemand wusste?

Wegen der Pistole verwies Illi auf seine damalige Mitgliedschaft beim Pistolenschützenverein Neuhausen am Rheinfall. «Schiessen war damals mein Hobby», sagte er. «Heute würde ich dafür wahrscheinlich am nächsten Baum aufgehängt werden.»


Ich besuchte den Vereinspräsidenten Walter Fischer in seinem Haus in Hallau. «Ich kann mich an Illi erinnern», sagte Fischer, während er Kaffee servierte. «Er trug ein Abzeichen der PLO und behauptete, Kontakte zu Arafats Leibwache zu haben. Auf jeden Fall schoss er nicht schlecht. Es war klar: Der macht das nicht zum ersten Mal. Und F. erst, seine Begleitung! Die war ein echtes Talent: Sie hat sogar einen Kranz geschossen.» Fischer führte Buch, und in seinen Unterlagen war vermerkt, dass Illi 2003 viermal zum Schiessen gekommen war, F. wiederum habe, das sei aussergewöhnlich, alle 28 Übungen jenes Jahres besucht.

Bald aber machten Gerüchte die Runde, Illi sei ins Visier der Bundespolizei geraten. Und eines der Mitglieder des Vereins sagte zu Fischer, Illi habe seltsame Fragen zum Umgang mit Waffen gestellt. «Als sei er nicht bloss hier, um aus sportlichen Gründen das Schiessen zu lernen», sagte Fischer. Bald habe man die beiden nicht mehr gesehen.

F.: Dieser Vorname fiel immer wieder an entscheidenden Bruchstellen in Qaasim Illis Leben: als potenzielle Komplizin beim grossen Technopartydiebstahl (den Illi bestreitet) und als Besucherin bei Scheich Jassin, der Illi erleuchtete und radikalisierte – sowie als Schiesstalent im Pistolenklub Neuhausen. Wer war diese Frau? Was war aus ihr geworden? Illi wollte sich zu F. nicht weiter äussern. «Ich habe sie seit fast fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen», sagte er bloss knapp. Doch Walter Fischer fand in seinen Unterlagen ihren ganzen Namen.

Ich traf sie im Café Vordergasse in Schaffhausen. Sie bestand darauf, dass ihr Name nicht im Text erwähnt wird. Sie lebe mittlerweile ein völlig anderes Leben mit einem Mann und Kindern, die Geschichte sei fast zwanzig Jahre her. Sie wolle sich auch nicht mehr gross zu dieser Zeit äussern.

Wenn sie von Illi sprach, nannte sie ihn konsequent Patric. «Ich habe ihn nicht anders gekannt», sagte sie. «Wir waren während dreier Jahre ein Paar. Er hatte mich fasziniert, er war klug und witzig, und wir reisten viel herum: im Oktober 1999 nach Venezuela, im Jahr darauf nach Hongkong, auf die Philippinen, nach Malaysia. Wir reisten nach Dubai, Australien, in die Dominikanische Republik und schliesslich, im Dezember 2002, nach Ägypten und Palästina», sagte sie. «Diese Trips entstanden alle spontan, wie auch die Idee, nach Palästina zu reisen: Was als Nächstes? Dahin! Es war eine verrückte Zeit. Das Treffen mit Scheich Jassin war gar nicht geplant. Wir düsten quasi als Schutzschilder in Krankenwagen herum. Wenn wir an den Checkpoints unsere Schweizer Pässe zeigten, wurden die Ambulanzen problemlos durchgelassen. Wir waren Touristen und Aktivisten zugleich. Und so wurden wir nach einigen Tagen vor Ort spontan zu Jassin eingeladen. Wir wussten noch nicht einmal genau, wen wir da vor uns hatten.»

Nach dem Besuch bei Jassin habe sich Illi verändert, sagte sie. «Er drehte ab, wurde immer radikaler. Wollte handeln, wie auch immer. Als er schliesslich beim Versuch, Magnesium zu erhitzen, ein Loch in die Küchenanrichte brannte, zog ich aus der gemeinsamen Schaffhauser Wohnung aus und beendete die Beziehung», sagte sie.

Ich fragte sie, warum Patric Illi mit Magnesium ein Loch in die Anrichte gebrannt habe. Sie sagte: «Das müssen Sie ihn wirklich selber fragen.» Dann blickte sie in ihre Kaffeetasse und schwieg.

Sie machte Schluss, und ein paar Monate später habe sie einen Brief vom Bundesamt für Polizei erhalten (wo man diese grundsätzliche Informationspraxis mit Verweis auf die Gesetzgebung bestätigt): Man habe in Zusammenhang mit den Ermittlungen gegen Patric Illi wegen mutmasslicher Sprengstoffdelikte F.s Telefon überwacht. Die Akte gegen sie werde nun geschlossen. Und so, sagte F., wolle sie es auch mit dieser Geschichte halten: Akte geschlossen.

Sie erhielt damals noch weitere Post. Es war ein E-Mail von Nora, der zukünftigen Frau von Illi. «Sie mailte, dass sie das Gefühl habe, dauernd mit mir verglichen zu werden», sagte F. «Sie hat mich um Rat gefragt. Das fand ich ziemlich schräg, dass sie sich dafür ausgerechnet an mich wandte. Ich bin eher der Typ, der sagt, was er denkt. Der auch mal Teller schmeisst. Sie wirkte auf mich völlig verunsichert. So bin ich auch zur Überzeugung gelangt, dass sie mit dem Schleier, den sie sich bald darauf zulegte, ein perfektes Versteck für ihre Unsicherheit gefunden hat», sagte F.

Und, ach ja, die Geschichte mit dem gestohlenen Geld, sagte F., die selbst in jener Nacht Patrics Alibi war und er ihres. «Diese Vorwürfe stimmen nicht», sagte sie und lächelte. Dann schwieg sie wieder.

Als wir uns verabschiedeten, sagte sie: «Wenn es Ihnen egal ist, dass er plötzlich nicht mehr mit Ihnen reden könnte, fragen Sie ihn mal genauer nach seinem Vater. Man konnte mit ihm immer über alles reden, nur nicht darüber. Wenn seine Mutter mir bei Besuchen Rotwein anbot, wurde er wütend. Alkohol, das verband er mit dem Vater. Und es waren keine guten Erinnerungen. Es erinnerte ihn daran, dass der Vater nie da war.»

Racletteabend mit dem texanischen Salafistenscheich    /    Neo-Orientalismus, Karl-May-Islam und Segregation    /    ExStudentInnen erinnern sich

An einem Abend Ende April fuhren Illi und ich in seinem alten Mazda zu einem Racletteessen mit einem salafistischen Scheich aus Texas im Schloss Köniz. Illi hatte Yusuf Estes, der vor dreissig Jahren vom Evangelikalismus zum Islam konvertiert war, für eine Friedenskonferenz eingeladen, die eine Demonstration gegen den Islamischen Staat werden sollte. «Wir werden auf dem Bundesplatz Hunderte rote Karten verteilen, und dann werden wir dem IS die Rote Karte zeigen», hatte mir Illi erzählt. Doch dann verboten die Berner Behörden die Veranstaltung. Jetzt sollte die Demonstration in einem privaten Kulturlokal in der Gemeinde Kehrsatz stattfinden. Davor sollte es im kleinen Rahmen auf Schloss Köniz das Racletteessen geben. Illi plante, das Essen live auf der Facebook-Seite des Islamischen Zentralrats zu streamen, sodass AnruferInnen dem Scheich Fragen stellen konnten.

Als ich den Raum betrat, sassen die Frauen in der einen Ecke des Saals, die Männer beteten beim Eingang. Dazwischen rannten schreiende Kinder herum.

«Bist du Muslim?», fragte mich ein Achtjähriger.

«Ähm, nein», sagte ich.

«Ich schon», sagte das Kind.

Ferah Ulucay, die 23-jährige Generalsekretärin des Zentralrats, begrüsste mich freundlich und duzte mich. Ich fragte sie, wie sie eigentlich zum Zentralrat gekommen sei. «Ich stamme aus einer kurdischen Familie», sagte sie. «Ich bin in Bern aufgewachsen, völlig frei. Aber etwas stimmte für mich nicht. Alkohol trinken, Partys, Männer, das alles erschien mir als falsch. So fand ich zur Religion. Der Zentralrat war die einzige Anlaufstelle, als ich Hilfe suchte, nachdem es wegen der Konversion zum Islam zum kurzzeitigen Konflikt mit meinen Eltern kam.»

Ich fragte sie, warum sie sich ausgerechnet für eine derart radikale, ultrakonservative Auslegung der Religion entschieden habe.

«Du verstehst das nicht», sagte sie. «Das ist nicht irgendeine Strömung. Das ist der wahre Islam.»

Ich sagte, die meisten Muslime würden ihr widersprechen.

«Du bist kein Muslim, du kannst das schlecht beurteilen», sagte sie.

So hatte auch Qaasim Illi schon ein Gespräch zwischen uns ins Leere laufen lassen: Sobald man ihn oder seine Leute zu sehr kritisierte, sprachen sie einem als Nichtmuslim jegliche Diskussionsberechtigung generell ab.

Dann wurde Ferah Ulucay plötzlich wütend. «Ich finde es okay, dass du bei deiner Geschichte auf Qaasim Illi fokussierst, aber du sollst nicht vergessen, dass die Frauen im Zentralrat eine wichtige Rolle spielen. Es kotzt mich an, dass mich die Leute, allen voran Alice Schwarzer, als Opfer sehen: ‹Die trägt ein Kopftuch: Das kann doch nicht freiwillig sein!› Es ist in unserer Gesellschaft okay, wenn Frauen halb nackt herumlaufen, aber wenn ich mich für das Gegenteil entscheide, bin ich ein Opfer.»

Ich teilte ihre Meinung. Sie schaute mich erstaunt an. Dann legte sie nach: «Das Fahrverbot für Frauen in SaudiArabien oder der Umstand, dass Frauen zu Hause bleiben müssten, während der Mann arbeitet – das ist mit der islamischen Lehre nicht vereinbar. Diese Dinge sind kulturell bedingt, nicht religiös. Genauso wie der Umstand, dass Muslime in der Schweiz unterdrückt werden. Und gegen diese Unterdrückung engagiere ich mich.»

Muslime würden in der Schweiz nicht unterdrückt, antwortete ich.

«Natürlich», sagte sie. «Was glaubst du, wie häufig man mit Kopftuch auf der Strasse angemacht wird? Angespuckt wird?»

Das seien rassistische Angriffe, sagte ich, die jedes Gericht bestrafen würde: Das Gegenteil von systematischer Unterdrückung.

Sie funkelte mich an. Sie hob den Kopf, kniff die Augen zusammen und sagte mit einem angriffigen Lächeln: «Auf meinem Schreibtisch liegt gerade ein Dossier einer Frau, die ihren Job verloren hat wegen ihres Kopftuchs.»

Ich wunderte mich, dass sie so schwach argumentierte. Ich konnte zwar nachvollziehen, dass es schrecklich ist, wenn man, wie sie es geschildert hatte, mit einem Kinderwagen unterwegs ist und einem Männer wegen des Kopftuchs den Weg versperren und einen beschimpfen, man gehöre hier nicht hin. Und trotzdem: Derartiger Rassismus ist vielleicht am Stammtisch von konservativen Quartierkneipen mehrheitsfähig. Gesetzlich gestützt aber, das ist er auf keinen Fall. Und immerhin ist in unserem Strafgesetzbuch die Rassismusstrafnorm verankert.

«Und was», sagte sie dann, «ist mit dem Bauverbot für Minarette?»

Ich schwieg. Und sie sagte triumphierend: «Es ist vielleicht nicht so wichtig und nicht so dramatisch in der Wirkung für einzelne Menschen, aber das Minarettverbot ist ein gutes Beispiel dafür, dass Muslime in der Schweiz systematisch diskriminiert werden. Und das angestrebte Burkaverbot ist der nächste Schritt. Was wäre in diesem Land los, wenn man anderen Religionen ihre Kleidung verbieten würde?»

Da stand ich nun, umgeben von Racletteöfen in einem Keller des Schlosses Köniz, mit einer 23-jährigen Berner Salafistin, und die SVP, dachte ich, verschaffte dieser radikalen jungen Frau und ihren Mitstreiterinnen Argumentationsfutter für die eigene kollektive Identität. Mit ihren Kampagnen bewirkte die SVP offensichtlich das Gegenteil von dem, was sie zu bezwecken vorgab.

Für Qaasim Illi verlief die Racletteaktion unbefriedigend. Er hatte den Scheich in einem alten Weinkeller des Schlosses zusammen mit Nicolas Blancho auf eine Art Empore gesetzt, hatte extra mehrere Scheinwerfer aufstellen lassen und einen riesigen Käse organisiert. Es gab lauwarmes Mineralwasser und lauwarmes Fanta. Aber die Übertragung funktionierte nicht richtig, und als der erste Anrufer dann endlich in der Leitung war, sagte der Scheich: «Es tut mir leid, ich verstehe Ihre Frage nicht. Zudem esse ich gerade.» Dann legte er auf und machte Witze über den Käse, der gar keine Löcher habe, keine «holes», also gar nicht «holy» (heilig) sei, und sein Assistent krümmte sich vor Lachen, und Nicolas Blancho lächelte verlegen mit. Und nach nur einem weiteren Anrufer, bei dem der Ton für die Übertragung nicht funktionierte, erklärte Scheich Estes die Fragerunde für beendet, und statt AnhängerInnen füllten vor allem MuslimInnen aus dem arabischen Raum die Facebook-Kommentarspalten des Zentralrats: «Bevor ihr den Islam reinigt, reinigt besser mal euren Geist», schrieb einer. Illi fuhr mich, begleitet von seinem Sicherheitschef, ziemlich unzufrieden zurück zum Bahnhof Bern.

Ich gewann den Eindruck, dass Qaasim Illi den Islamischen Zentralrat aus der zweiten Reihe heraus und intellektuell führte, ohne dabei den Anspruch auf Führung erheben zu wollen. Dabei wurde er getrieben von einem Privileg, das in unseren Diskussionen nicht verhandelbar war: dass er als Muslim für den Vollzug der göttlichen Wahrheit verantwortlich sei.

Eine Person aus dem Umfeld des Zentralrats hatte mir am Racletteabend erzählt, dass der selbsternannte Mufti Nicolas Blancho in diesem Konstrukt vor allem für die Finanzierung zuständig sei, weil er gute Kontakte nach Kuwait, Katar und in den Jemen unterhalte. Dort gebe es Spendenpools, wo fromme Leute ihr Geld einzahlten, ohne zu wissen, an wen das Geld ausgezahlt werde. «Das stimmt schon, aber wir erhalten auch andere Zuwendungen», sagte Illi, während wir im Auto sassen. «Aber ja, wenn der Zentralrat in Katar bei einem dieser Fonds ein gutes Dossier vorlegt, kommt er so zu Geld. Die Zahlen schwanken zwischen 1000 und 10 000 Dollar, meistens sind das einmalige Zahlungen.»


Tags darauf traf ich an der Universität Bern eine ehemalige Mitstudentin von Blancho und Illi. «Es war während des Studiums sehr unterhaltsam», sagte die Islamwissenschaftlerin. «Die beiden meldeten sich in Vorlesungen dauernd zu Wort und versuchten unseren damaligen Professor, den Islamwissenschaftler Reinhard Schulze, über den Islam zu belehren. Aber er nahm sie mit ein paar wenigen Sätzen auseinander, und dann war Ruhe. Mit uns Frauen redeten sie zwar, aber sie mieden dabei jeglichen Augenkontakt.»

Illi und Blancho agierten an der Universität, sagte ein damaliger Mitstudent, anders als früher zum Beispiel marxistische Gruppen nicht als Kämpfer für die Wahrheit. «Sie traten stattdessen in Debatten zurück. Die Universität war für sie ein Ort des Unglaubens. Es lohnte sich nicht, mit Ungläubigen zu diskutieren. Entscheidend war für sie immer die islamische Binnenmission, also die Abgrenzung von den Nichtmuslimen beziehungsweise allen Ungläubigen.» Das unterscheide den Zentralrat zum Beispiel von den Muslimbrüdern, die einen eher integrativen Kurs fahren würden. Umso wichtiger sei für den Zentralrat die Segregation: «Nur in der Bestätigung der klaren Trennung können sie sich unterscheiden von der grossen Mehrheit der Moscheegemeinden, die Integrationspolitik betreiben. Der Zentralrat betreibt eigentliche Desintegrationspolitik.»

Zu dieser angestrebten Segregation passe das, was eine andere Person, die die beiden aus jener Zeit kannte, «Neo-Orientalismus» nannte: «Blancho und Illi betreiben einen eigentlichen Karl-May-Islam: Man konvertiert gar nicht so sehr in den Islam, man konvertiert in eine orientalische Vorstellungswelt. Bei ihrer Inszenierung als Muslime setzen sie sich merkwürdige libanesische Trophäen auf den Kopf, kombiniert mit Kleidung aus dem Libanon, Ägypten und Saudi-Arabien, ein totales Durcheinander, eine Fantasiekleidung, dazu lassen sie sich den Bart wachsen – wie man sich einen strenggläubigen Muslim im späten 20. Jahrhundert halt so vorstellt.» Diese Orientalisierung, die in Kuwait und Katar sehr gepflegt werde, habe die symbolische Segregation zum Ziel. «Diese richtet sich auch gegen den bürgerlichen Islam, die Muslimbrüder zum Beispiel, in Anzug und Krawatte.»

Später an jenem Tag traf ich Reinhard Schulze, den renommierten Islamwissenschaftler, der in Bern Blanchos und Illis Professor war. Wegen des Vertrauensverhältnisses gegenüber seinen Studenten wollte er sich nicht zu persönlichen Belangen seiner beiden berühmten Exstudenten äussern, sondern nur über den Zentralrat als Institution.

Man könne den Zentralrat durchaus banalisieren, sagte Schulze, aber im Kontext einer kaum bestehenden islamischen Öffentlichkeit in der Schweiz spiele er eine wichtige Rolle. «Dieser Kontext ist entscheidend. Die grossen Moscheegemeinden haben erhebliche Mühe, sich der Informationsübermacht des Zentralrats zu erwehren», sagte er.

Tatsächlich hatte Muhammad Hanel, Sprecher der Vereinigung der Islamischen Organisation in Zürich (Vioz) – des grössten muslimischen Dachverbands in der Schweiz – gereizt und aggressiv reagiert, als ich ihn angefragt hatte, warum es den muslimischen Verbänden nicht gelinge, den Zentralrat medial in die Schranken zu weisen. Per Mail antwortete er: «Da haben Sie sich ja einer besonderen Aufgabe gestellt, die ja implizit schon eine Ihrer Fragen nach den Gründen der grossen Resonanz beantworten sollte. Es liegt also nun an mir, diese Frage an Sie zu stellen, denn auch mich interessieren die Gründe dazu, WARUM SIE dem IZRS und Herrn Illi eine derartig hohe Resonanz geben. Und diese Frage wäre auch an Ihre Kollegen bei den Medien viel passender zu stellen, denn DIESE sind es ja, welche diese grosse Resonanz befördern. Es ist also das mir bislang nicht einsichtig gemachte Interesse der Medien, warum sie dem IZRS eine grössere mediale Plattform geben als allen anderen Muslimen zusammen. Wirklich wäre ich auf eine diesbezügliche Antwort gespannt.»

Reinhard Schulze sagte, für den Zentralrat sei es überlebenswichtig, medial präsent zu bleiben, denn er existiere praktisch nur über Medialität. Deswegen sei er auch so aktiv. «Er hat zwar kleine soziale Bindungen und Zirkel aufbauen können, aber er hat bis heute keinen sozialen Ort, wie zum Beispiel eine Moschee», sagte der Islamwissenschaftler.  «Der Zentralrat ist ein reines Informationsnetzwerk, und in dem Sinn sind alle Formen der medialen Aufmerksamkeit, egal wie negativ sie auch sind, eine Blutzufuhr.» 

Das Projektionsfeld des Zentralrats für ihre innerislamische Debatte sei Saudi-Arabien, sagte Schulze. «Am ehesten identifizieren sie sich dabei mit der Tradition eines syrischen Gelehrten, der in Medina gelebt hatte und 1999 starb, Muhammad al-Albani. Die Albani-Tradition, die eine sehr puritanische Interpretation der Tradition der Wahhabiten darstellt, ist für sie der relevante Aspekt – ohne dass sie das publik machen würden.» Schulze erklärte, man könne das mit den Calvinisten des 16. Jahrhunderts vergleichen: «Radikale Puritaner, die meinen, die Religion vollzieht sich nur in einer puritanischen Gesellschaft, nicht in einer einzelnen Person.» Diese Regeln würden aus der unmittelbaren Tradition des Propheten Mohammed abgeleitet.

In Saudi-Arabien sei die Herrschaft heute getrennt: Die Könige regierten, die wahhabitischen Gelehrten führten die soziale Kontrolle durch. «Es gibt immer mehr Leute, die diese Dichotomie und damit das saudische Regime angreifen, das als Kolonie der USA betrachtet wird, und die für die puritanische Ordnung den Herrschaftsanspruch einfordern. Mit dieser neuen, nichtdualistischen Wahhabia identifiziert sich der Islamische Zentralrat», sagte Schulze.

Auf der amerikanischen No-Fly-Liste, auf der Fahndungsliste der Ägypter    /    Polizeikontrollen am Flughafen, in der S-Bahn, an Tankstellen    /    Illis Besuche bei einem jüdischen Psychologen

Kaum hatte Qaasim Illi, ausgerüstet mit einem Rollkoffer und einer Aldi-Tüte, im April 2016 den Zürcher Flughafen betreten, war er von zwei Kantonspolizisten kontrolliert worden. «Daran habe ich mich längst gewöhnt», sagte er mir später. «Ich fühle mich wie unter Joseph McCarthy im Kalten Krieg: Man geht gegen uns vor, als wären wir die fünfte Kolonne der Sowjetunion. Ich würde eigentlich ganz gerne meinen Job als Sprecher des Zentralrats abgeben und mich noch stärker der Lehre widmen. Aber ich finde keinen Nachfolger. Denn das kann nur eine Person sein, die bereit ist, alles aufzugeben. Mit dieser Position verlieren Sie sofort Ihren Job. Und nicht nur das. Wir haben jede Woche mehrere Leute, die sich bei uns melden, weil die Polizei bei ihnen vor der Haustür steht.»

Da er mir diese Leute «aus Diskretionsgründen», wie er sagte, nicht vermitteln wollte, konnte ich seine Aussage nicht überprüfen. Tatsache ist, dass Illi eine jener weltweit rund 50 000 Personen ist, die auf der No-Fly-Liste der USA stehen. Er darf kein Flugzeug in die USA besteigen, nicht mal eines, das den US-Luftraum nur durchquert. Nach Kanada darf er auch nicht mehr reisen. 2013 war er auf dem Weg zu einer islamischen Konferenz am Flughafen von Vancouver festgenommen und zwölf Stunden lang verhört worden, bevor er mit einem Einreiseverbot belegt und zurück in die Schweiz geschickt wurde. Und was er über seine Frau Nora sagte, klang auch nicht besonders erfreulich: «Nora wird in Ägypten per Haftbefehl gesucht wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung.»

Als im Januar 2011 auf dem Tahrirplatz die Revolution losging, seien er und Nora dabei gewesen. «Schnell waren wir auf dem ganzen Platz bekannt als die beiden Schweizer», sagte Illi. Als im Nachgang zur Revolution die Muslimbrüder wieder vom Militär weggeputscht wurden, sei ihm die Einreise verweigert worden. Einen Monat später, im Oktober 2013, sei ein Bekannter in Kairo zwei Wochen im Gefängnis gelandet. «Die Polizisten prügelten ihn fast zu Tode», sagte er. «Die wollten wissen, wo Nora ist.»

Ich sagte, er habe ganz schön Glück gehabt, dass man ihm damals bloss die Einreise verweigert habe, statt ihn umgehend in Haft zu stecken. Er sagte: «Sie nennen es Glück. Ich nenne es Allahs Wille.» So redete Qaasim Illi ständig. Allah über alles.


Warum sie in Ägypten genau gesucht werde, darüber hatte Nora Illi mit mir nicht sprechen wollen. Wir hatten an einem regnerischen Donnerstagnachmittag im Büro des Zentralrats gesessen, auf dem Tisch war ihre jüngste Tochter herumgekrochen, und sie hatte mir aufgezählt, welche Medien ihr – neben dem Günther-Jauch-Talk – schon Geld für eine Homestory geboten hätten. Nora Illi, die als Teenager mit den trinkfreudigen Punks vom Bahnhof Zürich Stadelhofen herumgehangen hatte, sass mir dabei komplett verhüllt gegenüber und sagte, so fühle sie sich frei. «Es hat mich in der Schweiz immer gestört, wie despektierlich man den Frauen begegnet», sagte sie. «In einem islamischen Land ist es unvorstellbar, dass ich meine Einkaufstüten selbst nach Hause tragen muss. Sofort kommt ein kleiner Helfer angerannt. Aber in der Schweiz? Ich gehe in die Migros und schleppe selbst. Das gehört sich einfach nicht für eine Frau.»

Ich dachte an die Worte von F., die hinter Noras Verschleierung vor allem Unsicherheit vermutete. Und an die Worte von Ferah Ulucay, die gesagt hatte, Nora Illi sei nicht gerade die sozialste Person. Das Gespräch mit der völlig verschleierten Frau verlief harzig. Sie war dabei ziemlich das Gegenteil von ihrem Mann. Auf Fragen hatte sie zwei Antworten parat: «Warum wollen Sie das wissen?» Und: «Woher haben Sie diese Informationen?» Nach einer knappen Stunde sassen wir uns schweigend gegenüber. Ich verabschiedete mich.


Nachdem ihn die Flughafenpolizisten an jenem Morgen im April kontrolliert hatten, kaufte Qaasim Illi in der Migros Schokolade für die Teilnehmer einer Konferenz in Doha – seinem Reiseziel – zum Thema «Gebetszeiten – nach welchen wissenschaftlichen Methoden sollen sie berechnet werden?». Schweizer Schokolade, sagte er, sei an solchen islamischen Konferenzen immer ein begehrtes Mitbringsel. Er wollte mir nicht genau sagen, wie häufig er verreist und wohin, aber ich vermutete, dass das ziemlich häufig der Fall war, denn einen Termin mit ihm zu finden, war schwer. Manchmal sagte er nebenbei, er sei gerade aus Berlin zurückgekehrt, oder nächste Woche sei er an einem Kongress in Istanbul und dazwischen auf den Philippinen – und irgendwann, gegen Ende meiner Recherche, war er für mich einfach nicht mehr erreichbar. Er hatte die Schweiz für drei Monate verlassen, wie er mir am Telefon mitteilte, um auf der Arabischen Halbinsel «den Ramadan zu geniessen». Und als wir zusammen an den Business-Class-Schalter der Qatar Airways traten, sagte der Angestellte: «Herr Illi! Sie schon wieder! Willkommen! Letzte Woche Kuwait – wo geht es heute hin?»

Das war Qaasim Illis Leben: Er arbeitete zwanzig Prozent als IT-Supporter, er fuhr einen alten Mazda, lebte mit sechs Kindern und seiner Frau Nora in Bern (laut seinem Wikipedia-Eintrag lebte er dort noch mit einer zweiten Frau, was sowohl er wie auch Nora bestritten, wenn auch beide die «Vielehe» befürworteten). Er lebte von «Zuwendungen», privaten Spenden, und reiste im Namen des Islam durch die Welt. «Dschihad-Jetset», sagte ich zu ihm, nachdem er für die Business Class eingecheckt hatte. Es war offensichtlich kein guter Witz. Statt zu lachen, blickte er nervös um sich, obwohl weit und breit niemand zu sehen war. Aber vielleicht hatte er recht, wir befanden uns immerhin an einem Flughafen. Er sagte: «Der sogenannte kleine Dschihad, auf den Sie wohl ansprechen, der Dschihad an der Waffe, ist der wesentliche Teil des islamischen Kriegsgerichts. Er kann nur dann Anwendung finden, wenn ein Sultan offiziell einen Krieg erklärt, ein Individuum kann das nicht, ich kann das nicht, das ist mein erklärter Glaube. Ich bin in meiner Situation nicht berechtigt, einen Dschihad zu führen.»

Ich sagte, ich würde ihn gerne auf einer seiner Reisen begleiten. Er antwortete, das würde sehr schlecht ankommen: «Sehen Sie, das sind Kongresse, an denen die Zukunft des Islam diskutiert wird. Es geht um Fachfragen. Ein Journalist ist da völlig fehl am Platz.» Aber wenn er von der Organisation für Islamische Zusammenarbeit den eingereichten Projektierungskredit von 70 000 Franken erhalte, könne ich ihn auf einer Forschungsreise an islamische Universitäten begleiten. Die Reise sollte die Grundlage legen für Illis Traum von einer theologischen islamischen Universität im deutschsprachigen Raum, einem staatlich unterstützten 300-Millionen-Projekt, «eine eigenständige islamische Universität, die nicht vom europäischen Denken verwässert ist und ohne Lehrstühle, die nur ein westlich diskursiver Versuch sind, über den Islam eine eigene autoritäre Hoheit zu erlangen».

Er sagte, die «Herausforderung Säkularismus» greife auch in den islamischen Ländern um sich. «Diese Frage treibt mich an: Wie kann man ihr entgegenwirken?» Dann sagte er: «Der Punkt, warum sich viele Leute einem radikalen Islam zuwenden, ist der:  Der Westen bietet keine Gemeinschaft. Alles ist auf das Individuum ausgelegt. Und in diese Bresche springen wir, und zwar gekonnt und ausgeklügelt. Das sage ich ganz offen.  Wir sind kein Dachverband, der sich dafür entschuldigt, dass wir Muslime sind.»

Offensichtlich passte ihm mein Gesichtsausdruck nicht. Ziemlich gereizt sagte er: «Ich stelle immer wieder fest, dass es unter Journalisten in Bezug auf die Vernetzung und die Relevanz des Zentralrats eine naive Wahrnehmung gibt. Die einen überhöhen uns, die anderen stellen uns als Dorfverein dar. Die Realität ist die: Wir sind international und national relativ stark vernetzt. Moscheen wollen oder können sich zum Beispiel nicht mit Fällen junger Leute beschäftigen, die sich radikalisieren. Also delegieren sie diese Fälle an uns. Wir sind die einzige Anlaufstelle.» Deshalb kämen die Leute auch zum IZRS, wenn sie Rat bräuchten, weil sie gegenüber einer Lehrerin den Handschlag verweigern wollten. Oder wenn, wie laut Illi kürzlich geschehen, die Tochter eines Schweizer Polizisten plötzlich vom IS schwärme (der Polizist habe mit ihm Kontakt aufgenommen, nachdem Illi im März dem Schweizer Polizeimagazin «Police» ein längeres Interview gegeben hatte). «Der IS versucht, sie von mir fernzuhalten, weil ich für ihn als Apostat gelte. Weil ich den IS nicht unterstütze, weil ich ihn nicht anerkenne», sagte Illi. Die Indoktrination geschehe über Facebook. «Der IS ist sehr aktiv, er fischt, er angelt. Und als Erstes sagt er: ‹Es werden Leute auf dich zukommen, die werden dies und das erzählen, und das sind alles Lügner. Die sitzen in der Schweiz und reden lieber mit einem Journalisten, statt dass sie in Syrien für das Kalifat kämpfen und sich für ihre Brüder in die Luft sprengen.› Und wenn wir auf die Leute zugehen, läuft sofort dieses Programm ab. Wir legen in den Diskussionen die geringe Autorität, die wir haben, in die Waagschale. Die Idee einer Rückkehr einer islamischen Staatlichkeit unterstützen auch wir. Aber nicht auf diese Art und Weise. Wir sagen: ‹Deine Absicht ist richtig, aber Methode und Praxis sind falsch.›»

Wenn Qaasim Illi vom IS redete, dann klang das genau so, wie wenn die grosse Mehrheit der Muslime vom Islamischen Zentralrat redete, von Illi, dem Rattenfänger, und ich überlegte mir, ihn darauf hinzuweisen, liess es dann aber bleiben.

Er stehe gerade mit fünf jungen Schweizerinnen in Kontakt, die er davon abzuhalten versuche, sich dem Islamischen Staat anzuschliessen. «Eine junge Schweizerin befindet sich in diesem Moment in einem Hotel in Istanbul», sagte Illi. «Vor zwei Tagen ist sie dorthin geflogen und wartet nun auf den Übertritt nach Syrien. Ich versuche, das mit allen Mitteln zu verhindern. Ich habe vor Ort Leute mobilisiert, die versuchen werden, sie zurückzubringen.» Er sagte, diese jungen Frauen glaubten, in Syrien erwarte sie eine Utopie und in der Schweiz gebe es niemanden, der sich damit beschäftigen wolle.

Diese jungen Leute, sagte Illi, seien in einem irrsinnig schnellen Prozess radikalisiert worden. Häufig seien sie bis vor kurzem noch gar keine Muslime gewesen, hätten überhaupt keinen kulturellen Bezug, oder sie waren vielleicht schon Muslime, aber sie praktizierten den Glauben nicht. «Gestern Disco, heute Kalifat», sagte Illi. «Diese Leute haben vielleicht einen Bezug zur islamischen Tradition, vielleicht durch die Familie. Doch den inneren Diskurs in der islamischen Bewegung, der sich zu 99 Prozent gegen den IS richtet, kennen sie gar nicht. Gestern rief mich eine Bekannte an: ‹Ich bin gerade am Theoriekurs für die Fahrprüfung, und hier hat es eine Muslimin, Bosnierin, sie trägt noch nicht einmal ein Kopftuch, aber sie schwärmt vom Islamischen Staat. Sie will so schnell wie möglich dorthin.›» Ich frage Illi, wie viele Schweizerinnen und Schweizer er davon abgehalten habe, in den Dschihad zu ziehen. Er sagte: «Zwischen zwanzig und dreissig.»

Ich hatte Zweifel an diesen Zahlen. Dagegen sprach – wie eine gut informierte Quelle wusste –, dass bei der sogenannten Hotline, die der IZRS medienwirksam für Radikalisierungsfälle eingerichtet hatte, praktisch niemand angerufen hatte, sodass die Linie nach kurzer Zeit wieder abgeschaltet wurde. Ich sagte, dass ich mit solchen Leuten reden wollte. Er sagte, das sei unmöglich. Stattdessen bot er mir an, dass ich einen Chat lesen könne. Einen Whatsapp-Chat zwischen Illi und einem jungen Schweizer namens Ferhat, der sich dem Islamischen Staat angeschlossen hatte. «Ferhat war kurzzeitig Mitglied des Zentralrats gewesen. Als ich erfuhr, dass er nach Syrien gereist war, kontaktierte ich ihn. Das Gespräch war brutal. Er sagte: ‹Qaasim, wenn du in der Schweiz stirbst, dann stirbst du als Ungläubiger.›» Einen Monat später, sagte Illi, war Ferhat tot.


Ich fragte mich nicht zum ersten Mal, warum Illi mir das alles erzählte. Ich rief den Psychologen Samuel Althof an, der in Basel die Fachstelle Extremismus und Gewaltprävention leitet, und von dem ich wusste, dass er Illi seit über zehn Jahren beobachtete, seit dessen Besuch bei Scheich Jassin, und mit ihm im Gespräch stand. Althof hatte sich damals bei Illi gemeldet. Illi hatte ihn inzwischen bereits mehrere Male besucht. «Dass ich ihm meine jüdische Figur entgegensetzte, war für ihn nie ein Thema», sagte Althof. «Er wirkte auf mich immer, als wäre er sehr darum bemüht, kein Antisemit mehr zu sein. Als würde sein früherer Antisemitismus in Konflikt stehen mit den theologischen Erkenntnissen aus seinem Studium, wonach man im Islam ja durchaus mit den Juden friedlich leben kann.»

Wir kamen auf den Hauptgrund meines Anrufs zu sprechen. Und es stellte sich heraus, dass ich mit meiner Frage nicht allein war: «Auch ich habe mich schon öfter gefragt: Warum erzählt er mir das jetzt so unbefangen, freundlich und offen?», sagte Althof. Der Psychologe schien darauf auch eine Antwort zu haben. Illi wirke auf ihn wie ein verletztes Kind, dem das Urvertrauen fehle; er habe sich deshalb in ein abgeschlossenes Weltbild geflüchtet, das ihn wie eine Krücke stütze: «Wenn man ihn als Menschen ernst nimmt, wenn er merkt, dass man trotz der wahnsinnig aufgeladenen Geschichte ein ganz normales Gespräch führen kann, kommuniziert er plötzlich ganz nahe, wirkt regelrecht erleichtert, als würde er sich einem auf den Schoss setzen. Diese Bedürftigkeit lässt ihn erzählen, und das führt Illi in schwierige und widersprüchliche Situationen», sagte Althof.

«Diese Verletzung hat viel mit seinem Vater zu tun, von dem er sagt, dass er ein Alkoholkranker gewesen sei, dass er nie da war», sagte Althof. «Illi verhält sich wie ein Ko-Alkoholiker: Er hängt an der Religionsspritze. Diese gibt ihm eine scheinbar existenzielle Struktur. Gleichzeitig vernachlässigt er dadurch seine Familie – wie schon sein Vater. Er ist ja immer unterwegs. Das Vatersein hat er nicht drauf. Als er vor einem Jahr erneut Vater wurde, gratulierte ich ihm, von Vater zu Vater. Er konnte damit nichts anfangen.»

Die Paranoianummer im IZRS-Büro mit Fingerabdruckscan und mit den Sicherheitsleuten an den Veranstaltungen halte er deshalb auch gar nicht für eine Show. «Als Psychologe könnte ich sagen: Ein Kind, das sich in der Familie nicht willkommen fühlt, nimmt die Schuld dafür auf sich und entwickelt früh von tiefer Angst erfüllte Bilder. Illi hat mir gegenüber schon mehrmals von Situationen berichtet, in denen er verfolgt worden sei. Und man muss sich nichts vormachen: Der IZRS wird massiv überwacht, und in den Medien wird er als riesige Gefahr dargestellt. Das spielt dann zusammen: War diese seltsame Polizeikontrolle in Südfrankreich, von der er mir kürzlich erzählte, nur ein reiner Zufall, oder sind sie wirklich hinter ihm her?»

Diese Paranoia, die Illi umgab, hatte inzwischen auch ein bisschen auf mich abgefärbt: Nachdem wir uns am Zürcher Flughafen getroffen hatten, war ich durch den ganzen Flughafenkomplex gelaufen, vom Gateeingang, wo wir uns verabschiedet hatten, die Rolltreppen hinunter bis zum unterirdischen Bahnhof. Ich stand schon in der S-Bahn, als mich plötzlich zwei junge Männer in Zivilkleidung bedrängten. Um ihre Hälse hingen an silbernen Ketten Ausweise, auf denen «Police» stand. «Kantonspolizei, Personenkontrolle», sagte der eine. «Routinekontrolle», sagte der andere.

«Ich halte Qaasim Illi im Moment nicht für staatsgefährdend», sagte Samuel Althof bei unserem Telefonat. «Er fühlt sich zwar verpflichtet, aus einer äusserst konservativen Perspektive heraus den Islam zu verbreiten, und der Zentralrat ist dabei sein Kampfkonstrukt. Aber was ihn interessiert, ist die theologische Ausrichtung, nicht die Gewalt. Er sucht dabei die Auseinandersetzung, die Reibung. Entdeckt er Unsicherheiten in muslimischen Familien oder deren Umfeld, zum Beispiel bei der Frage, ob man einer Lehrerin die Hand zu geben habe oder nicht, dann hängt er sich voll rein, auch juristisch. So versucht er, Boden zu gewinnen.»

Was meinte Althof, wenn er sagte, er halte Illi «im Moment» nicht für gefährlich? «Diesen Zusatz halte ich für wichtig», sagte er. «Der Islam gibt Illi eine klare Struktur, die ihn davor bewahrt, auszuscheren. Stellen Sie sich einen Lastwagen mit einem grossen Anhänger auf der Autobahn vor. Wenn man seine Vergangenheit betrachtet, wird deutlich, dass er keine hundertprozentig gefestigte Person ist, und er hat auch eine Affinität zu Gewalt, wie sein Besuch bei Scheich Jassin gezeigt hat. Wenn der Islam in seinem Leben relativiert würde, wenn zum Beispiel seine Frau Nora plötzlich ihren Schleier ablegen und davonlaufen würde, könnte ich mir gut vorstellen, dass er zu anderen Mitteln greift, dass der Anhänger des Lastwagens ausbricht.»

Das geschwärzte Chat-Protokoll mit einem Schweizer IS-Kämpfer    /    Massenmörder Deso Dogg und die Rettung aus der «Sünde des Rap»    /    Das Kalifat im Herzen

Zwei Wochen nach unserem Treffen am Flughafen sass ich im Büro in Bern Bümpliz vor Illis Bücherwand. Er hatte den Whatsapp-Chat mit Ferhat ausgedruckt, dem jungen Schweizer, der ausgezogen war, um für den Islamischen Staat zu kämpfen, und dabei gestorben war. Der Chat war eine Art Interview. Gewisse Stellen seiner Fragepassagen hatte Illi geschwärzt. Dass er Passagen schwärzte, hielt ich für ein nicht so gutes Zeichen. Was sollte ich nicht wissen? Er sagte: «Wenn diese Passagen ohne Kontext im ‹Blick› publiziert werden, dann ist hier die Hölle los. Ich musste ihm ein wenig schmeicheln, wissen Sie. Ich wollte mit ihm ins Gespräch kommen.» Weiter wollte er sich dazu nicht äussern.

Dann sagte Illi, ich dürfe die Unterlagen auf keinen Fall mit meinem Smartphone fotografieren oder sonst wie kopieren. (Die Tür, die bei meinem ersten Besuch nur mit einem Fingerabdruckscan zu öffnen war, hatte bei diesem Besuch nun weit offen gestanden, und auch der strahlensichere Stahlkoffer war verschwunden, in den mein Smartphone bei meinem ersten Besuch verschwunden war.) Dann verliess Illi für zehn Minuten den Raum. War das ein Test? Oder eine Aufforderung? Manipulierte er mich? Hatte er bloss sein Gewissen reinigen wollen, und war es ihm letztlich ziemlich egal, ob ich den Chat kopieren würde? Als er zurückkam, wartete er, bis ich fertig gelesen hatte, dann sammelte er die Papiere ein und liess sie durch einen Aktenvernichter.


«Aasalaamu alayka ya Ferhat, in sha’ Allah erreicht dich diese Nachricht bei bester Gesundheit», begann der Whatsapp-Chat zwischen Qaasim Illi und seinem ehemaligen Mitstreiter. «Der Grund, warum ich mit dir Kontakt aufnehme, ist, dass ich die Medienberichte über dich als störend oberflächlich empfinde», schrieb Illi.

Ferhat antwortete, er könne Illi durchaus Einblick in das Leben im Kalifat geben, wies aber anfänglich mehrfach darauf hin, dass Illi kein echter Muslim sei, solange er ausserhalb des Kalifats lebe, «erniedrigt, in Angst», und dass es der Opferbereitschaft von Männern wie Usama Bin Laden und Abu Bakr al-Baghdadi zu verdanken sei, dass die «Kuffar», die Ungläubigen, nun auch in Angst lebten. Illi lebe in «diesem dreckigen Land», wo er vom Übel umzingelt sei: «Dort in der Schweiz wirst du nie den Islam richtig praktizieren können, da du unter der Herrschaft von Satan bist … ausser du machst deine Ablehnung gegenüber allem, was Allah nicht verehrt, und deine Feindschaft gegenüber ihnen öffentlich. Es ist nicht möglich für einen Muslim, ein Zusammenleben mit den Feinden Allahs.»

Die beiden schrieben in einer Sprache, die aus der Zeit gefallen schien. Illi erklärte Ferhat auf dessen Angriff, warum er ein Leben in der Schweiz einem Leben im Kalifat vorziehe: «Wenn du sagst, dass das Leben als Muslim im Dar al-kufr, [im nicht muslimisch-beherrschten Haus des Krieges], an sich problematisch ist, geben dir wohl alle klassischen Gelehrten recht. (…) Heute aber sagen viele, dass es genau umgekehrt sei. Wer die Rückkehr, die Auswanderung zum Beispiel in den Islamischen Staat vollziehe, setze sich und seine Familie einer Gefahr für Leib und Leben aus. Die Chance, verletzt, getötet oder gefangen genommen zu werden, ist dort im Moment um ein Vielfaches höher als etwa in der Schweiz. Dies mag für all jene keine Rolle spielen, die ohnehin als Mudschaheddin den Märtyrertod suchen. Doch was ist mit Frauen und Kindern?» Zudem gebe es Gerüchte, dass der IS die eigenen Leute unter Druck setze. «Es gibt auch Gerüchte, die besagten, dass gewisse Muhaajiruun mit viel Misstrauen empfangen worden seien und ungemütlichen Verhören unterzogen wurden. Sodann wird behauptet, dass eigene Leute aussergerichtlich umgebracht wurden.» Diese Gerüchte, führte Illi aus, gebe es in Bezug auf einen Schweizer Gymnasiasten aus Biel, der in den Dschihad gezogen sei. Zudem gebe es Gerüchte, wonach der Winterthurer Thaiboxer Valdet Gashi, der sich ebenfalls dem IS angeschlossen hatte, «nicht bei einem Luftangriff umgekommen sei, sondern intern liquidiert worden sei». Ferhat antwortete zweideutig. «Wenn du deine Informationen von den Kuffar nimmst, so wirst du noch viel Falsches hören Qaasim (…) aber wegen dem Töten eigener Leute … ehmm, das Kalifat alhamdulillah geht streng gegen diejenigen vor, die die Anzeichen der Abtrünnigkeit haben.»

Illi schrieb: «Ich weiss ja nicht, wie oder weshalb du zu praktizieren begonnen hattest, jedoch ist es doch so, dass seit der Etablierung einiger du’at im deutschsprachigen Raum, allen voran Pierre Vogel, etwas in Gang gekommen ist. Der Ruf zum Islam hat Tausende vom Atheismus zum Tawhid, zum Glauben an den einzigen Gott, geführt und noch mehr aus der Sünde des Alkohols, der Drogen, des Rap etc. gerettet. Ein bekanntes Beispiel ist ja Deso Dogg.» Der nun folgende Abschnitt war geschwärzt. Ich sollte nicht erfahren, wie sich Illi weiter über Deso Dogg äusserte, den ehemaligen Rapper aus Berlin, der ein Anführer des Islamischen Staats geworden war.

Dass Illi und der im Chat erwähnte Pierre Vogel befreundet waren, war kein Geheimnis. 2009 hatte Illi den deutschen Konvertiten in die Schweiz eingeladen, die Behörden erliessen aber ein Einreiseverbot gegen Vogel. Später hatte Vogel im Internet Opfer von Morden und Vergewaltigungen des Islamischen Staats verhöhnt, in dem er eine «Jesiden-Hotline» einrichtete, «unter der ihr gerne anrufen und zum Islam übertreten könnt, um vor der Hölle gerettet zu werden (…) werdet noch heute Anhänger der einzig wahren Religion». Inzwischen, im April 2016, war Vogel selbst vom Islamischen Staat in dessen Monatsmagazin «Dabiq» zur Tötung freigegeben worden, weil er lieber in Köln lebte als im Kalifat.

Es war aber vor allem Illis Bewunderung für die «Rettung» Deso Doggs, die mit seinem öffentlichen Pochen auf Frieden und Religionsfreiheit komplett unvereinbar schien. Öffentlich twitterte Illi zum Beispiel nach einem Bombenanschlag des IS im pakistanischen Lahore: «Was beweist den Bankrott einer Ideologie besser, als das Tor zu einem Park voller Frauen und Kinder in die Luft zu jagen?» Deso Dogg wiederum war der Inbegriff dessen, was Illi öffentlich kritisierte. Im privaten Chat bezeichnete Illi den Weg von Deso Dogg zum Islamischen Staat aber als «aus der Sünde des Rap gerettet». Der «Spiegel» nannte das in denselben Monaten «Vom Rapper zum Mörder». Zu jener Zeit im Frühsommer 2015, als Illi diese Zeilen schrieb, war Deso Dogg alias Denis Cuspert längst ein weltweit gesuchter Kriegsverbrecher, einer der führenden Köpfe des Islamischen Staats. Im November 2014 hatte er mit dem abgetrennten Kopf eines Kämpfers gegen den IS posiert und die Enthauptung gerechtfertigt.

Illi gab seinem Chatpartner Ferhat den Rat, bei der digitalen Kommunikation vorsichtig zu sein, da die USA (der anschliessende, wahrscheinlich ausfällige Zusatz war geschwärzt) so dessen Standort orten könnten. Zudem kritisierte er, dass es sehr schwer sei, mit höheren Kadern des IS persönlich zu sprechen: «Ich habe mit einem mittleren Kader im Osten gesprochen vor einigen Wochen und ihn gefragt, ob er jemals mit einem der beiden Führer direkt gegessen und geredet habe. Er lachte und sagte, dies sei ein Traum. Dies finde ich fragwürdig, Sicherheitsmassnahmen hin oder her, wie du ja auch immer wieder betonst, erreicht uns kein Unheil, es sei denn, Allah hat es für uns vorgesehen.»

Irgendwann schrieb Illi: «Du musst mich entschuldigen für diese vielen Fragen, aber ich bin ein skeptischer Mensch.» Im ganzen Chatverlauf stellte er in der Tat derart viele Fragen, dass ich mich irgendwann fragte, ob Illi womöglich ein Spion war. Andererseits war ich überzeugt, dass Illi für einen Spion zu viel redete.

Im weiteren Verlauf des Chats nannte Illi die Kämpfe in Syrien einen «islamischen Befreiungskampf», der aber von «einzelnen Elementen» mit Angriffen gegen die Türkei gefährdet werde: «Aber es ist genau, wo meine Kritik am IS eben ansetzt. Ich verstehe, dass man als loyaler Anhänger des Wahhabismus, der sich nur mit seinesgleichen abgibt, als Anhänger des Glaubens an die Einzigartigkeit Gottes, am liebsten alles, was die Scharia nicht umsetzt, auf einmal bekämpfen will. Doch ist das realistisch? Kann das wirklich funktionieren? War das Vorgehen des Propheten so? Ging er gegen Mekka, Persien und Konstantinopel zur gleichen Zeit? Jeder Muslim muss in seinem Herzen die Rückkehr des Kalifats, des Islamischen Staats, der Scharia als Ziel im Diesseits haben, genauso wie es ihn mit Blick auf das Jenseits nach dem Jannat al-Firdaws, der höchsten Stufe des Paradieses, dürstet. Aber ich sehe einfach nicht, wie dieser Krieg gegen alle auf einmal zu gewinnen sein soll. Darüber hinaus macht mir das Vorgehen gegen Muslime Sorgen. Ich habe für mich einfach die Prämisse gesetzt, dass ich lieber getötet werde, als dass ich einen Muslim töten muss.» Die folgenden Abschnitte waren geschwärzt.

Die Rückkehr des Kalifats, die Scharia im Herzen, für dieses Ziel aber nicht gegen alle auf einmal kämpfen, und vor allem nicht gegen Muslime: Was Qaasim Illi hier schrieb, klang nicht nur kriegerisch, es klang vor allem wie eine Zusammenfassung der Predigten von Aiman al-Sawahiri, dem Gründer von al-Kaida, der mit dem Islamischen Staat mit ebendieser Argumentation gebrochen hatte: Kampf für das Kalifat mit allen Mitteln, aber nicht gegen Muslime.

Eines war während der Recherche klar geworden: Qaasim Illi stand nicht auf der Seite jener Islamisten, die im Namen des Islamischen Staats in Paris, Brüssel, Nizza, Ansbach (aber auch in Kabul, Bagdad, Lahore) Zivilisten nach dem Leben trachteten. Diese Leute sahen Menschen wie ihn ebenfalls als Apostaten an, die es umzubringen galt.

Vor allem aber hatte sich eine merkwürdige Spannung im Gefüge herauskristallisiert. Eine Spannung, die häufig keinen Sinn ergab: Wenn in Saudi-Arabien Schiiten hingerichtet wurden, stellte sich der Zentralrat öffentlich gegen antischiitische Tendenzen. Gleichzeitig verherrlichte und romantisierte er Muhaysini, den Kriegsfürsten mit der Kalaschnikow, der als sunnitischer Terrorist alle Schiiten sofort an die Wand stellen würde. Illi verurteilte auf seinem Twitter-Account regelmässig Gewalt – auch wenn sie wie in Lahore Christen betraf. Um dann wiederum, in einem Chat, den islamistischen Massenmörder Deso Dogg dafür zu loben, dass er sich von der «Sünde des Rap» losgesagt habe (seine wenig überzeugende Rechtfertigung dafür war, dass er sich der Taten von Deso Dogg nicht bewusst gewesen sei). Er orientierte sich am Wahhabismus, der einen Machtanspruch stellte. Wenn man Illi aber darauf festnagelte, sagte er, für die Schweiz sei das nicht so wichtig. Er sagte dann: «Mein Wunsch in Bezug auf die Schweiz wäre es, wenn Muslime möglichst frei von Zwängen ihren Platz in der Gesellschaft erhalten würden.»  Statt dass sich die Dinge klärten, wurden sie immer verworrener – je länger ich mit Qaasim Illi Zeit verbrachte. 

Als ich ihn einmal fragte, wie er es mit den vielen Widersprüchen in der Schweiz überhaupt aushalte, sagte er: «Ein Kalifat ist in der Schweiz keine Option. Das Leben im Hier und Jetzt ist systemtheoretisch zu begreifen: Die Scharia kann im Westen nicht umgesetzt werden. Es ergibt auch keinen Sinn, wenn die Mehrheit der Bevölkerung das nicht will.» Er liebe die Schweiz. Sie sei trotz Minarettverbot und womöglich bald national geltenden Verhüllungsverbots seine Heimat, in der er unermüdlich für die Rechte der Muslime kämpfen werde. Doch dann fuhr er plötzlich aus der Haut: «Ich bin hier als Röstifresser geboren. Was soll ich denn tun? Und deswegen bin ich mit Widersprüchen konfrontiert, für die es keine einfachen Antworten gibt.»

Saïda Keller-Messahli hatte mir bei unserem Treffen gesagt, das Durcheinander, die Verworrenheit, entstünden, weil Qaasim Illi mit den Mitteln der Demokratie versuche, diese auszuhebeln und sich dabei, als Wolf im Schafspelz, ständig in Widersprüche verstricke. Vielleicht war das wahr. Manche Gesprächspartner vermuteten auch, dass Qaasim Illi gemerkt hatte, dass es nicht so einfach war, für eine Vielzahl von Muslimen zu sprechen, und dass er deshalb besser schwammig blieb, um nicht noch mehr Leute abzuschrecken.

Vielleicht aber war die Wahrheit auch weit weniger spektakulär. Als ich mit seinem ehemaligen Professor Reinhard Schulze über all die Widersprüche geredet und ihn gefragt hatte, wo Illi eigentlich stehe, hatte Schulze die Hände verworfen und gesagt, wenn Qaasim Illi doch selbst bloss wüsste, wo er eigentlich stehe. Und vielleicht war viel mehr das der Punkt. Vielleicht war Illi gar nicht der Manipulator und grosse Kommunikator, der unser aller Empörung gezielt als Werbung für seinen radikalen und ultrakonservativen Zentralrat nutzte, um letztlich das System zu stürzen und die Schweiz in einen islamischen Gottesstaat zu verwandeln. Womöglich war Qaasim Illi in erster Linie einfach verwirrt, pendelnd zwischen der eher unspektakulären Rolle eines getriebenen Islamwissenschaftlers mit grossem theologischem Interesse und jener des radikalen Predigers und Bewunderers von Terroristen, die bereit sind, im Dschihad zu sterben. Ein Mann womöglich auch, der irgendwann Angst vor seinem eigenen Extremismus und den damit verbundenen Konsequenzen bekommen hat. Ein Mann mit einem bemerkenswerten Weg: in kurzer Zeit vom evangelikalen Jesus Freak zum Veranstalter von grossen Technopartys zum Auns-Mitglied zum fliessend arabisch sprechenden Gründer des Islamischen Zentralrats zum umtriebigen Vielflieger in Sachen Islamismus und, wie er stets betonte, zum Verfechter von Religionsfreiheit und Frieden. Ich konnte mir Qaasim Illi durchaus gut vorstellen, wie er in ein paar Jahren, vom Glauben abgekehrt, eine völlig andere Mission verfolgen würde – wie er zum Beispiel als bekehrter Atheist leidenschaftlich vor dem Islam warnte.

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