Nr. 25/2005 vom 23.06.2005

Der Paradox

Der Nationalrat bricht ein Tabu und will die Präimplantationsdiagnostik zulassen. Einer, der zustimmte, war Luc Recordon. Er ist behindert.

Von Marc Badertscher

Wenn Nationalrat Luc Recordon vom Essen spricht, fährt seine Hand automatisch zu seinem wohl genährten Bauch. Es heisst, Recordon sei ein Bonvivant. Er lacht, und seine Hand beginnt um den Bauchnabel zu kreisen. Eine Hand mit fünf Fingern, statt eines Daumens sieht man einen zweiten Zeigefinger.

Recordon ist behindert. Die Hände sind das eine, die fehlenden Schienbeine, zwanzig Operationen und steife Beine das andere. Und noch etwas ganz anderes ist, was der grüne Politiker Recordon letzte Woche im Nationalrat gesagt hat. Man beriet eine Motion von FDP-Präventivmediziner Felix Gutzwiller, es ging um die Präimplantationsdiagnostik (PID). Zur Debatte stand, ob man künftig im Reagenzglas gezeugte Embryonen auf Erbkrankheiten testen darf, bevor man sie in die Gebärmutter einpflanzt. Recordon stand am Rednerpult, erzählte von seiner Behinderung und sagte zum Schluss: «Ich appelliere an Sie, im Namen dieser Kinder, die wie ich vorgezogen hätten, nicht geboren statt schwer behindert geboren worden zu sein: Stimmen Sie der Präimplantationsdiagnostik zu.» Im Saal gab es Applaus für das aussergewöhnliche Votum, für Worte, deren Kraft darin lag, eine schwere Geschichte gleichzeitig anzudeuten und zu verbergen.

Die Motion passierte den Nationalrat mit 92 zu 63 Stimmen, laut SP-Nationalrat Hans Widmer auch dank Recordon.

Ausserhalb des Bundeshauses wundern oder ärgern sich andere Menschen mit Behinderung über Recordons Auftritt, fürchten eine Stigmatisierung von behinderten Menschen oder fragen sich schlicht, wie ein Mensch sagen könne, für ihn wäre gut, wenn er gar nicht geboren worden wäre. Das sei eine seltsame Logik.

Recordon ist eine mächtige Figur. Einsneunzig gross, kräftig gebaut, kräftig hungrig. Wie Obelix. Vom Scheitel hängt wildes, schulterlanges, etwas ergrautes Haar herab. Der Kittel ist grün, Hemd und Hose: zweimal grau. Recordon sagt, er möchte die Welt verbessern – in jenem kleinen Teil, in dem er Einfluss hat.

Herr Recordon, wird die Welt eine bessere Welt, wenn wir fördern, dass Menschen nicht mehr behindert zur Welt kommen?

Ich denke nicht, dass man das fördern soll. Aber ich kann nicht akzeptieren, dass man die Wahl nicht hat, schwere, vererbbare Behinderungen auszuschliessen.

Wenn wir Gesetze erlassen, dann fördern wir doch eine bestimmte Richtung?

Nein, «nicht verbieten» bedeutet noch nicht «fördern». Ich bin sehr vom liberalen oder gar libertären Denken beeinflusst. In ethischen Fragen ist es für mich sehr schwer anzunehmen, dass die Gesellschaft dem Menschen die eigene Verantwortlichkeit entzieht.

Luc Recordon wurde vor fünfzig Jahren geboren. Sein Vater war liberaler Gemeindepolitiker, Bauingenieur und ETH-Professor, die Mutter Hausfrau, zuvor Bankangestellte, danach Sekretärin. Geschwister hat Recordon nicht. Die Eltern hätten gesagt, entweder sei ein zweites Kind auch behindert und könnte dann zu Recht fragen, warum es trotz des Wissens um die Möglichkeit einer Behinderung auf die Welt gestellt worden sei. Oder aber es wäre ohne Behinderung, und er – Luc Recordon – hätte vielleicht gefragt: Warum ich und nicht er oder sie?

Und so wuchs Luc Recordon im Quartier mit Kindern aus Nachbarsfamilien auf. Er, der den Sinn des Lebens darin sieht, zu kämpfen; er, der mit vier Jahren so richtig glücklich war, als er zum ersten Mal richtig Ski fahren konnte wie die anderen Kinder, die übrigens schnell gemerkt hätten, dass er sich gut verteidigen könne mit den Fäusten, ja die Fäuste, bevor er dann zum Wort gewechselt habe, zur Juristerei. Dem Waadtländer ist das Leben heute lebenswert, vor allem, wenn er mit andern Menschen zusammensitzen kann, und das tut er auch, so oft er kann, wenn nicht gerade das Parlament ruft, wo er konsequent links abstimmt, so radikal, dass laut Parlamentarier-Rating nur noch PdA-Mann Josef Zisyadis ihn links zu überholen vermag. Oder die Voten im Rat: Zwölf Mal hatte er sich in der letzten Nationalratssession zu Wort gemeldet, wogegen es Leutenegger-Maurer-Gutzwiller-Goll-Cina-Fasel-Schwaller nur auf durchschnittlich zweieinhalb Voten gebracht haben; er, Recordon, der Alleinwohnende, der fast immer um Lausanne herum gelebt und neben der Justiz die Ingenieurskunst studiert hat, Konstrukteur und Richter, ja, Richter sei auch eine Option gewesen, Konstruieren und Richten, die zwei Tätigkeiten, die jetzt bei der Präimplantationsdiagnostik so zentral geworden sind: Leben bauen und über Leben richten.

Wenn künftig weniger Menschen mit Behinderung zur Welt kommen sollten, ist das gut oder schlecht für jene, die trotzdem behindert sind?

Das wird viele Leiden für viele Leute vermeiden, aber natürlich ist das Leid von Behinderten nicht das einzige Leid in der Gesellschaft. Für die Behinderten wird es vor allem schwieriger, weil das soziale Denken im Allgemeinen auf dem Rückzug ist. Da hat man viel zu befürchten. Und es ist wichtig, so oft wie möglich den Leuten bewusst zu machen, dass behindert sein ein grosses Leid ist.

Es gibt aber viele Behinderte, die sich dagegen verwahren, sich als Unglück zu begreifen ...

Ich bin heute auch sehr froh, auf der Welt zu sein. Aber ich bin überzeugt, dass es das Beste gewesen wäre, wenn mich meine Eltern nicht gemacht hätten. Das ist kein Widerspruch, das ist nur ein Paradox, ein Scheinwiderspruch.

Das müssen Sie erklären.

Niemand hat sich logischerweise je beklagt, nicht geboren worden zu sein.

Und warum ist Ihnen diese Art Logik so wichtig?

Vielleicht, weil ich nie wirklich gedacht habe, mein Leben sei nötig. Aber ich denke generell, kein Leben ist nötig. Nicht geboren worden zu sein, ist kein Problem. Wäre ich nicht geboren worden, hätte ich nie gefragt, warum bin ich nicht nicht geboren? Sterben oder schwer leben, das bringt Schaden. Aber wenn das Kind da ist, soll man alles tun, um ihm die besten Chancen, die maximale Liebe zu geben. Besonders, wenn das Kind behindert ist, das ist sehr wichtig. Ich hatte dieses Glück.

Recordon sitzt ziemlich ruhig im Sessel, nur seine Hände reden mit und manchmal auch sein Schnauz. Den trägt er seit seinem 21. Lebensjahr. Damals sei er nach Kanada gefahren, um sich die Olympischen Spiele anzuschauen, mit einem grossen Rucksack, in dem allerdings nicht genug Platz für alles Wünschenswerte war. Das Unnötige musste zurückbleiben, dazu gehörte das Rasiermesser. Sechs Jahre später war der Bart zwanzig Zentimeter lang und musste weg. Der Schnauz blieb. Recordon weiss noch heute, dass der Kubaner Alberto Juantorena damals, 1976 in Montreal, sowohl 400 wie 800 Meter Sprint gewonnen hatte.

«Er ist intellektuell brillant», sagt Christoph Tafelmacher, Anwalt in Lausanne. Sie kennen sich vom Mieterverein, den Recordon einmal präsidiert hatte, und von den Progressiven Juristen. Ein ziemlich fröhlicher, oft lachender, offener Mensch sei Recordon. Einer, der Energie habe, der immer etwas verändern wolle. «Ein sehr angenehmer Mensch», heisst es auch bei Gisèle Ory von Pro Infirmis Neuenburg. Und die grüne Nationalrätin Anne-Catherine Ménétrey-Savary nennt ihn warmherzig, sehr offen den Menschen gegenüber und generös. Er sei einer, der das Lachen liebe, manchmal cholerisch sei, oft aber humorvoll.

Alle drei sagen, sie hätten ihn noch nie so über seine Behinderung reden hören wie letzte Woche im Parlament. (Obschon zum Beispiel Ménétrey-Savary politisch schon zwanzig Jahre mit ihm zusammengearbeitet hat.)

Recordon ist Mitglied der Grünen Partei, hat früher während Jahren Beschwerdeschreiben für Sans-Papiers verfasst, setzt sich als Anwalt für ArbeitnehmerInnen ein (zu seiner Klientel gehören auch kommerzielle Kunden aus dem Banken- und Geschäftssektor), er kennt das Umweltrecht – kurz, meistens setzt er sich für bessere gesellschaftliche Verhältnisse ein, für das, was der Mensch ändern kann.

Wie hätte die Gesellschaft aussehen müssen, damit Sie sich als Kind nicht manchmal gewünscht hätten, nicht geboren worden zu sein?

Das Unglück hängt nicht von der Gesellschaft ab. Ich habe niemanden zu tadeln. Ich habe viele Leute im Gegenteil zu loben. Eltern, Familie, Freunde, Ärzte.

Vielleicht glaubt man in zehn Jahren zu wissen, dass bestimmte Gene für eine Veranlagung zu Depressionen verantwortlich sind. Depressionen verursachen oft auch grosses Unglück. Sind Sie dafür, Embryonen auch darauf pränatal abzuchecken?

Ich kann nicht ausschliessen, dass in einigen Fällen diese Diagnostik angewendet und als ethisch akzeptabel angeschaut wird. Aber man sollte vorsichtig sein. Depressionen sind auch etwas Normales. Für mich ist die Frage immer die gleiche: Wie gross ist das Leid? Kann man dieses Leiden aller Voraussicht nach überwinden oder nicht. Das Zentrum meines Erlebens ist: Es gibt Leiden, die man auch mit grossem Mut nicht überwinden kann. Wenn eine diagnostizierbare Depression mit grosser Wahrscheinlichkeit sehr harte Leiden verursachen wird, dann sage ich Ja zur PID.

Es ist 14 Uhr, Recordon muss zur nächsten Sitzung. Er streicht sich wieder über den Bauch. Ohne Mittagessen.

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