Nr. 28/2005 vom 14.07.2005

Der Traum vom Bio-Taxi

Im sankt-gallischen Wil kurvt ein dreiplätziges Velo um die Häuser. Das Überbleibsel der Expo 02 gehört Pius Schwendimann, Taxiunternehmer und Visionär.

Von Nicole Ziegler

«Heute bin ich mit dem Velotaxi unterwegs, setzen Sie sich doch schon mal rein.» Pius Schwendimann steht in sportlich kurzer Hose und rotem T-Shirt vor seinem dreirädrigen Gefährt. Das bietet im hinteren Teil Platz für zwei Fahrgäste. Vorne, wo der Chauffeur sitzt, ist es deutlich enger. Die Sitze sind überdacht und so vor Sonne und leichten Schauern geschützt. «Ich wechsle nur noch schnell die Blume aus, dann gehts los», sagt Schwendimann, nimmt die Rose, die vorne am Velotaxi befestigt ist, aus der Halterung, geht in den Blumenladen nebenan und kommt mit einer frischen gelben Rose zurück. Für den Blumenladen macht er auf seinem Velotaxi Werbung und erledigt Auslieferungen.

Pius Schwendimann steigt ins Velotaxi, tritt in die Pedale und fährt in zügigem Tempo vom Bahnhof Wil Richtung Industriegebiet. Der Wind bläst ins Gefährt, eine angenehme Kühlung bei der sommerlichen Hitze. Viele Leute lachen und winken, wenn das luftige Taxi an ihnen vorbeifährt - Schwendimann fällt auf und seine Fahrgäste ebenfalls. «Manchmal denke ich, dass das einigen unangenehm ist und dass sie deswegen lieber ein normales Taxi nehmen», sagt Schwendimann. Denn das Geschäft läuft noch nicht gut - und das obwohl das Velotaxi innerhalb der Stadt gleich schnell ist und für den Gast die Fahrt bis zu einer Distanz von drei Kilometern sogar günstiger kommt als in einem mit Diesel betriebenen Taxi. Deshalb ist Schwendimann froh, dass ihn neben dem Blumenladen auch die Thurgau-Bodensee-Bahn Thurbo jährlich mit mehreren tausend Franken sponsert.

Pius Schwendimanns Velotaxi ist mit einem Hybridmotor ausgestattet: Muskelkraft und Elektrizität kombiniert verhelfen dem kleinen, 370 Kilogramm schweren Gefährt zu einer Geschwindigkeit von bis zu dreissig Kilometern in der Stunde und lassen den Fahrer auch steile Steigungen relativ mühelos überwinden. Velotaxi fährt Schwendimann seit 2002, als Einziger, denn von dem Gefährt gibt es in der ganzen Schweiz kein zweites mehr. «Für die Expo 02 hatte man aus Berlin eine grössere Anzahl in die Schweiz geholt. Doch nach der Landesausstellung blieb hierzulande nur meines.» Pius Schwendimann ist stolz auf diese Exklusivität und wünschte sich, die Stadt Wil wäre es auch. «Mir schwebt ein völlig neues Konzept für die Stadt vor: Ich will, dass der öffentliche Verkehr und die Taxis zugunsten der Umwelt eng zusammenarbeiten.»

Schwendimann träumt von einer Mobilitätszentrale, die jeden Kunden individuell berät, wie er in Wil und Umgebung von A nach B kommt. «Wenn Frau X mit dem Zug nach Wil kommt und an eine Sitzung nach Bronschhofen möchte, dann kann sie in der Mobilitätszentrale anrufen. Die stellt Frau X alle Möglichkeiten inklusive Preis vor: Bus, Bahn, Umwelttaxi oder Mobility. Frau X wählt ihre Lieblingsvariante aus, alles Weitere wird von der Zentrale organisiert.» Schwendimanns Ziel ist es, den Privatverkehr in der Stadt zu halbieren. Doch die Stadt Wil zeigt sich nicht sehr interessiert an seinen Ideen. «Bis jetzt konnte ich noch keinen Politiker zu einem Vorstoss für eine solche Zentrale bewegen.» Schwendimann ist ungeduldig. «Jeder Tag, an dem so viele Benzin- und Dieselautos rumfahren, ist einer zu viel», sagt er.

Mittlerweile sind wir vor dem Restaurant «Cross d'Or» angekommen, Schwendimann parkiert sein Velotaxi davor, die Wirtin grüsst ihn von Weitem. «Hallo, Herr Schwendimann, wie läufts heute?» Der Taxichauffeur winkt ab, bestellt einen Apfelsaft. Über der blau gestrichenen Theke hängt ein Artikel aus der Thurgauer Zeitung: «Umwelttaxi kämpft ums Überleben», steht da als Überschrift, daneben ein Bild von Pius Schwendimann neben seinem Kompogastaxi, dem zweiten Transportmittel seines Unternehmens. Steht es so schlecht um Schwendimanns Taxibetrieb? «Nein, nein, der Titel hat mich sehr geärgert», sagt Schwendimann. Aber dennoch: Unproblematisch ist es nicht, als Ehemann und mehrfacher Vater monatlich höchstens 3000 Franken heimzubringen: «Ich musste viel mit meiner Frau und unseren vier Töchtern diskutieren, aber ich war immer von meinem Konzept überzeugt. Schliesslich ging meine Frau auch wieder arbeiten - die Familie hat meinen Entscheid widerwillig akzeptiert.»

Pius Schwendimann ist gelernter Psychiatriepfleger und hat bis 1997 in diesem Beruf gearbeitet. «Ich weiss, dass man das nicht nachweisen kann, aber ich bin überzeugt davon, dass viele psychisch kranke Menschen extrem sensibel auf die Zerstörung der Umwelt und auf die Umweltverschmutzung reagieren», sagt er. Und das sei sicher mit ein Grund gewesen, dass er irgendwann beschloss, sich beruflich für den Umweltschutz einzusetzen. 1997 hat er dann mit einem Elektroauto seinen Umwelttaxibetrieb eröffnet, allein. Anfangs war es für Schwendimann schwierig, von den TaxikollegInnen akzeptiert zu werden. Zu gross ist die Konkurrenz in diesem Gewerbe, als dass ein Neuer mit offenen Armen empfangen würde, meint Schwendimann. Man warf ihm vor, dass er mit für die Umwelt unfreundlichem Atomstrom herumfahre. 1999 stellte Schwendimann dann auf das Erdgastaxi um.

Erdgasfahrzeuge geben 60 bis 95 Prozent weniger Schadstoffe an die Luft ab als Benzin- und Dieselfahrzeuge, und sie produzieren keine Russpartikel. Doch weil damals lediglich in der Nähe von Winterthur eine Erdgastankstelle existierte, musste Schwendimann immer mal wieder Benzin tanken. Das geht, weil alle Erdgasfahrzeuge zusätzlich mit einem kleinen Benzintank ausgestattet sind. Nachdem ihn ein Kollege dabei beobachtet hatte, meldete der das bei der Regionalpresse, und die schrieb über den «Etikettenschwindler» einen saftigen Artikel. «Ich hatte oft das Gefühl, Umwelttaxifahrer werden auf Herz und Nieren geprüft - doch mittlerweile habe ich einige Kollegen, mit denen ich mich gut verstehe», sagt Schwendimann.

Noch umweltfreundlicher wurde Schwendimanns Taxibetrieb, als die Stadt Wil Anfang 2004 eine Kompogas-Erdgas-Tankstelle in Betrieb nahm: Wer mit Kompogas fährt, fährt CO2-neutral, weil das Gas bei der Vergärung von Küchen- und Gartenabfällen gewonnen wird, also so oder so entsteht. In der Schweiz gibt es erst wenige dieser Kompogasanlagen. Durch den Anschluss der Stadt Wil ans Kompogas-Erdgas-Netz kostet das Erdgas, das Schwendimann tankt, rund dreissig Prozent weniger als Diesel, weil es von der Mineralölsteuer befreit ist. «Eigentlich müssten allein aus diesem Grund alle Taxifahrer mit Erdgas fahren: Günstiger geht es für ein Auto wirklich nicht mehr.» Warum sie es nicht tun, versteht Schwendimann nicht.

Dass sich die meisten nur wenig Gedanken zur Umwelt machen, stellt er selber jeden Tag bei seiner Arbeit fest. «Es gibt selten jemanden, der zu mir ins Taxi steigt, weil Umwelttaxi draufsteht. Das passiert eher zufällig.» Nicht, dass es die KundInnen dann störe, wenn er sie darauf aufmerksam mache, aber besonders interessieren tue es die wenigsten. Selbst seine beiden ältesten Töchter, die gerade die Autoprüfung gemacht haben, hat er in langen Diskussionen davon überzeugen müssen, dass sie sich kein Auto kaufen sollen. Stattdessen sind sie jetzt Mobility-Mitglieder. «Wie ich selber auch. Privat habe ich kein Auto.»

«Wem gehört der Hasenstall da draussen?» Ein Mann mit luftigem Hawaiihemd und Schnauz schaut herausfordernd in die kleine Runde der «Cross d'Or»-Gäste und stemmt die Hände in die Hüfte. «Mir», sagt Schwendimann, «wieso?» Der neue Gast kommt auf Schwendimann zu. «Wie funktioniert das? Wie schnell fährt man da? Kannst du mich mal eine Runde fahren?» Er scheint interessiert. Pius Schwendimann erklärt höflich, aber mit wenig Inbrunst. Irgendwann sagt er: «Entschuldigung, aber ich bin in einem Gespräch und erkläre gerne sonst einmal weiter.» Das sei häufig so, sagt Schwendimann, dass die Leute sich über ihn lustig machten, obwohl sie eigentlich interessiert seien. «Das nervt mich oft, und manchmal habe ich einfach keine Lust, mit diesen Leuten zu reden.»

Der Apfelsaft ist getrunken, der Himmel bedrohlich mit schwarzen Wolken zugezogen. «Wir machen noch eine Runde zur Kompogastankstelle, und dann zeige ich Ihnen mein Erdgasauto», sagt Schwendimann und tritt schon wieder in die Pedale. Der Wind bläst noch stärker als vorher, irgendwann klatscht der Regen auf die sommerlich heisse Strasse - das Velotaxi zeigt sich von seiner eher unpraktischen Seite. «Trinken Sie hier einen Tee, ich hol schnell das andere Fahrzeug», sagt Schwendimann und hält die Tür zum Tankstellencafé auf.

Zehn Minuten später ist er wieder da: Das Kompogastaxi ist ein Fiat Multipla mit sechs Sitzplätzen. «Ideal für ein Taxi. Wer kann schon fünf Fahrgäste transportieren?» Und schon gerät Schwendimann wieder ins Schwärmen, spricht von Fahrgästen, die sich zu Taxifahrgemeinschaften zusammenschliessen könnten. Davon, dass die Mobilitätszentrale dafür sorgen müsste, dass es keine Taxileerfahrten gäbe. Davon, dass die Stadt Wil im Bereich umweltbewusste Mobilität eine Vorreiterrolle einnehmen könnte. Am Bahnhof zeigt Schwendimann auf die Büros im ersten Stock. «Hier könnte man eine solche Zentrale einrichten», sagt er. Das könnte man. Ob das kleine Städtchen mit der Wakkerpreis-prämierten Altstadt am Rande des Kantons St. Gallen irgendwann für solche Visionen offen ist?

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