Nr. 47/2005 vom 24.11.2005

Vom Weizen bis zur Banane

Der Basler Agrokonzern Syngenta ist dabei, sich grosse Teile des Erbgutes von Nutzpflanzen unter den Nagel zu reissen.

Von Heinz Roland

40 000 Bäume will der Basler Syngenta-Konzern aus Anlass seines fünfjährigen Bestehens rund um den Globus pflanzen – 20000 allein in Afrika. Mit der weltumspannenden Baumpflanzaktion wolle das Unternehmen, das aus dem Zusammenschluss der beiden Agrochemieabteilungen von Zeneca und Novartis hervorging, sein «Engagement für eine nachhaltige Landwirtschaft» demonstrieren, liess CEO Michael Pragnell letzte Woche verlauten.

Mit einem Jahresumsatz von fast zehn Milliarden Franken (im Jahre 2004) und weltweit mehr als 20 000 MitarbeiterInnen gilt Syngenta als grösster Agrochemiekonzern der Welt. Auf dem Feld der chemischen Pflanzenschutzmittel hat er seine beiden wichtigsten Konkurrenten, die US-Unternehmen Dupont-Pioneer und Monsanto, längst hinter sich gelassen. Und auch beim gentechnisch veränderten Saatgut – dem Megageschäft der Zukunft, wie viele glauben strebt Syngenta die globale Marktführerschaft an. Dabei geht es dem Unternehmen, wie es betont, um weit Höheres als den schnöden Profit. «Das Unternehmen nimmt nachdrücklich seine soziale Verantwortung wahr», wird CEO Pragnell in der Konzernverlautbarung zum Baumpflanzhappening zitiert. Das gelte «für die Bereiche Bodenerhaltung, Wasserqualität, Unterstützung der Mitarbeitenden und Engagement für das Gemeinwesen».

Humanitäre Mission

Als Beispiel für ihre humanitäre Mission verweist die Syngenta dabei gerne auf den Golden Rice, eine gentechnisch veränderte Reissorte, deren erhöhter Betakarotingehalt die Mangelernährung in den Ländern des Südens bekämpfen soll. Millionen von Kindern, die als Folge eines chronischen Vitamin-A-Mangels zu erblinden drohten, könne auf diese Weise geholfen werden, verspricht Syngenta und bekennt sich deshalb «vorbehaltlos zu den humanitären Zielen des Projekts». Den kleinen LandwirtInnen in den Entwicklungsländern werde der Golden Rice gratis abgegeben; und auch für die weitere Forschung an ihren Genkonstrukten in den Entwicklungsländern will Syngenta keine Lizenzgebühren erheben.

Wie lange dieses Angebot noch gilt, ist allerdings ungewiss. Denn, ungeachtet aller Beteuerungen, man verfolge mit dem Golden-Rice-Projekt keinerlei kommerzielle Absichten, hat Syngenta ihren gentechnisch angereicherten Vitaminreis inzwischen in über hundert Ländern zur Patentierung angemeldet. Ausser in Europa und den USA auch in Indien, China, den Philippinen, Vietnam sowie in sechzehn Staaten Afrikas.

Dabei fordert Syngenta für ihren Golden Rice nicht nur ein Monopol auf die gesamte Technologie; auch die Pflanze selbst und das entsprechende Saatgut sollen nach den Vorstellungen des Unternehmens unter strikten Patentschutz gestellt werden. Für Syngenta-Pressesprecher Guy Wolff steht dies keineswegs im Widerspruch zur humanitären Zielsetzung des Projektes: «Wir tun das nur, um unsere Erfindungen vor dem unberechtigten Zugriff der Konkurrenz zu schützen», beteuert er. «Wenn es aber um die kleinen Bauern in der Dritten Welt geht, die Subsistenzwirtschaft betreiben, bestehen wir natürlich nicht auf unseren Ansprüchen.» Das ändert freilich nichts daran, dass das Basler Unternehmen im Gefolge des Golden-Rice-Projektes immer weitergehende Monopolansprüche für seine genmanipulierten Pflanzen geltend macht. So hat Syngenta beim Europäischen Patentamt (Epa) und der Weltorganisation für geistiges Eigentum (Wipo) in Genf ein Gesuch eingereicht, das nichts Geringeres als ein «Mega-Gen-Patent» fordert.

Masslose Besitzansprüche

Konkret geht es dabei um rund 30 000 Gensequenzen aus dem Genom der Reispflanze, die von Syngenta entschlüsselt und damit zu ihrem geistigen Eigentum erklärt wurde. Wird das Patent erteilt, geht praktisch der gesamte genetische Bauplan der Reispflanze in den privaten Besitz der Syngenta über.

Darüber hinaus erhebt Syngenta Anspruch auf alle gentechnisch veränderten Pflanzenarten, die dadurch in die Welt gelangt sind, dass ihnen eines oder mehrere der Syngenta-eigenen Gensequenzen eingepflanzt wurden.

Und schliesslich erstrecken sich die Patentansprüche der Syngenta auch auf Gensequenzen in andern Nahrungspflanzen, sofern diese eine ähnliche Struktur wie die des Reisgenoms aufweisen. Auf diese Weise könnte sich Syngenta auf einen Schlag die genetischen Rechte an mindestens vierzig weiteren Nahrungspflanzen sichern, die – vom Weizen bis zur Banane – von der Natur mit weitgehend identischen Genstrukturen ausgestattet wurden.

Die masslosen Besitzansprüche des Basler Gentech-Konzerns haben längst schon die Proteste zahlreicher Entwicklungsorganisationen und Aktionsgruppen provoziert. In der Schweiz haben Swissaid, Greenpeace, die Erklärung von Bern und die Aktion «Kein Patent auf Leben» die Syngenta wiederholt dazu aufgerufen, ihre ausufernden Patentanträge wieder zurückzuziehen.

Die Patentanmeldungen beruhten nicht auf Erfindungen, sondern «auf der blossen Beschreibung natürlich vorkommender Gene mit altbekannten Methoden», sagt etwa Gentech-Experte und Greenpeace-Aktivist Christoph Then. Für ihn sind die Patentanträge nichts anderes als «ein Trick» von Syngenta, um grosse Teile des Erbgutes von Nutzpflanzen in Besitz zu nehmen und wesentliche Kernbereiche der Nahrungsmittelproduktion weltweit für sich zu monopolisieren.

Immerhin: Nach der ersten Überprüfung der eingereichten Unterlagen hat das Europäische Patentamt (Epa) signalisiert, dass die Patentanträge wenig Chancen hätten, gutgeheissen zu werden. Dem Ratschlag des Epa folgend ist Syngenta deshalb jetzt daran gegangen, ihren «Mega-Gen-Patent»-Antrag (der in seiner kompletten Form mehr als 12 000 Seiten umfasst) zu überarbeiten und in kleinere Teilanträge zu zerlegen.

Ein Rückzug steht trotz aller Kritik nicht zur Debatte, wie Syngenta-Sprecher Guy Wolff betont: «Wir sind nun mal ein kommerzielles Unternehmen», sagt er. «Deshalb werden wir uns auch in Zukunft dagegen wehren, wenn sich ein Konkurrent an unseren Patenten vergreift.»

Tote Kühe

Eigentlich war der Bauer Gottfried Glöckner immer ein Anhänger der Gentechnologie. Als einer der Ersten in Deutschland begann er Anfang der neunziger Jahre, mit gentechnisch veränderten Pflanzen zu arbeiten. Sein Hof wurde denn auch wiederholt von militanten Gentech-GegnerInnen heimgesucht.

1995 begann Glöckner damit, Gentech-Mais der Firma Syngenta anzubauen – genauer die Sorte Bt176, die das Toxin des Bacillus thuringiensis produziert, das wiederum dem gefürchteten Schädling Maiszünsler den Garaus macht. Anfänglich war Glöckner über seinen Gentech-Mais hoch begeistert. Die Pflanzen schienen gesund, versprachen einen hohen Ertrag; und auch der Maiszünsler vermochte ihnen nichts mehr anzuhaben, erzählt Glöckner.

Als er jedoch dazu überging, den Gentech-Mais an seine Kühe zu verfüttern, schwand seine Begeisterung. Seine Tiere bekamen plötzlich Ödeme an den Eutern, in der Milch fand sich Blut, und immer öfter kamen auf Glöckners Hof auch missgebildete Kälber zur Welt. Schliesslich verendete ein Tier nach dem andern.

Ende 2004 musste Glöckner den Rest seiner Herde notschlachten: Alles in allem siebzig Tiere hat Glöckner verloren – vergiftet durch den gleichen Stoff, mit dem sich die veränderten Maispflanzen gegen den Maiszünsler wehren. Davon ist der Landwirt überzeugt. Syngenta lehnt hingegen jede Verantwortung für die Vorfälle ab, dies mit dem Hinweis auf eine Untersuchung des Robert-Koch-Instituts, die ebenfalls keinen Zusammenhang zwischen dem Gentech-Mais und dem Tod der Kühe habe feststellen können.

Dennoch hat Syngenta dem geschädigten Bauern inzwischen eine Entschädigung im Umfang von mehr als 84000 Euro angeboten – ein Trostpflaster, das Glöckner allerdings nicht einfach akzeptieren will. Er fordert vielmehr, dass die Vorfälle auf seinem Hof endlich ernsthaft untersucht würden – denn für Glöckner ist klar: «Der Bt176 gehört vom Markt!»

Seine Erfahrungen mit dem Bt176-Mais haben Gottfried Glöckner inzwischen zum Gentech-Gegner werden lassen. Als real Geschädigter reiste Glöckner in den letzten Wochen immer wieder in die Schweiz, um für ein Ja zur Moratoriumsabstimmung zu werben.

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