Nr. 08/2006 vom 23.02.2006

Sensationen des Alltags

Es ist die «Rhythmusstörung», die den in Berlin lebenden Schweizer Schriftsteller interessiert - sein neuer Roman, «Maurice mit Huhn», ist ein Protokoll der Ereignislosigkeit

Von Ulrike Baureithel

Man müsse das Buch auf jeder Seite aufschlagen und lesen können, wünscht sich Matthias Zschokke. «Jeder Teil steht für sich, doch die Gesamtkomposition ergibt einen erkennbaren Rhythmus.» Ich mache also den Versuch und schlage Zschokke auf, Seite 73. «Dass sich gehenlässt, wer sich geliebt weiss», heisst es da. Der vierzehnzeilige Abschnitt handelt vom nachlässigen Aufzug angejahrter Liebender («zerbeulte Hosen», «zerdätschte Frisuren»), die wissen, dass sie nicht mehr gefallen müssen, weil sich der liebende Partner daran erinnert, dass man ihm einmal gefallen hat. Ein weiteres Mal zu gefallen, hiesse, «in die Abgründe einer neuen Leidenschaft gerissen zu werden». Von dieser Furcht zurückgehalten, «vergisst man oft, liebenswürdig zu sein». - Eine der vielen kleinen philosophischen Betrachtungen, die Zschokkes neues Buch, «Maurice mit Huhn», bereithält; und man sollte den Abschnitt nicht missverstehen: Der Autor dieser wohl gefeilten, wenn auch nicht wohlfeilen Stücke will gefallen, auch wenn er keine Lust hat, die obligatorischen Schubladen zu bedienen.

Sein «Roman» genanntes Buch hebt damit an, dass Maurice lieber in seinem Büro sitzen bliebe und vor sich hinstarrte, als das Hemd zu wechseln, sich zu rasieren, um seinen Schauspielerfreund Flavian zu treffen, mit dem er nichts auszutauschen hat. Denn was gäbe es schon zu erzählen von Maurices Existenz im Berliner Nordosten, wo die Blumen welk in den Läden hängen, die Ärzte und Apotheker blass aussehen und selbst das Café Solitaire um die Ecke, wo Maurice «seine Zeit absitzt» und tätige Müssiggänger beobachtet, in Agonie fällt. «Wer es nicht schafft, rechtzeitig wegzuziehen», so das vernichtende Urteil über die Gegend, «versickert und verendet hier.»

Welke Blumen, blasse Ärzte

Mit Maurice teilt Matthias Zschokke die Vorliebe für Café-Häuser, und als wir uns, nicht im Berliner Nordosten, sondern im alten Westen in einem traditionsreichen Literaturcafé treffen, kommt der winterblasse Mann gerade aus dem entgegengesetzten Ende der Republik zurück. Einfacher, erzählt er, sei dort das Leben gegenüber dem anstrengenden in Berlin, wo es im Winter besonders dunkel ist (was offenbar immer nur SchweizerInnen aufzufallen scheint, die Stadt nimmts gelassen). Seit 1980 sitzt der 1954 in Bern geborene und im Aargau aufgewachsene Autor und Filmemacher nun seine Zeit ab in dieser Stadt, in die es ihn verschlagen hat, weil es eben eine Grossstadt hatte sein sollen, Berlin damals billig war und Schweizer Markenware gefragt. Mittlerweile, findet er, sei die Schweizer Literatur hier allerdings wie überhaupt in Deutschland randständig geworden. Vielleicht ist auch das ein Grund dafür, dass die zschokkeschen Dichterexistenzen, von denen er erzählt, seit Jahren eher an der Peripherie als im Zentrum angesiedelt sind.

Billig ist Berlin inzwischen nämlich nur noch in den Randbezirken, in Wedding zum Beispiel, wo Maurice sein «Kommunikationsbüro» unterhält, weil er sich eine bessere Adresse nicht leisten kann und hier die legasthenische Kundschaft lebt, die seine Dienstleistungen nachfragt. Wenn er nicht gerade im «Solitaire» sitzt oder heimlich den baren Fussabdrücken einer jungen Frau folgt, die am Spreeufer spaziert, verschanzt sich Maurice in seinem heruntergekommenen Hinterhofbüro und lauscht den Tönen eines unsichtbaren Cellos, das auf den folgenden 250 Seiten das Leitmotiv liefert. In Zschokkes vor vier Jahren erschienenem Erzählband «Der neue Nachbar» hatte das Cello schon einmal für kurze Zeit die erzählerische Führung übernommen, war auf dem Höhepunkt allerdings einfach abgebrochen, mit der vom Publikum nicht sehr ernst genommenen Ankündigung: «Fortsetzung folgt.»

Rätselhaftes Cello

Nun hat Zschokke die Fortsetzung also tatsächlich nachgereicht, auch wenn dabei, wie er versichert, ein neuer Grundton das Motiv dominiert und eine neue Melodie entstanden ist. Um dieses Cello und ihre Töne erzeugende Urheberin kreisen Maurices Fantasien: Handelt es sich um einen Mann, eine Frau? Um ein unentdecktes Talent, ein Genie gar? Ist es, wenn es schweigt, endgültig verstummt, gestorben oder nur ins wohlhabende Zehlendorf gezogen? Warum ertönt plötzlich ein Klavier, dann wieder ein Fagott? Maurice führt lange Monologe mit dem Cellisten, treibts mit der Cellistin auf dem Balkon, unternimmt aber keinen wirklichen Versuch, dem geheimnisvollen Spiel auf die Spur zu kommen. «Maurice träumt von der Sensation», erklärt Zschokke, «und hat deshalb Angst, das Rätsel zu lösen.»

Dafür beobachtet Maurice seine Umgebung, registriert jedes kleinste Zeichen des Verfalls in der stehen gebliebenen Zeit, abseits des Metropolenaktionismus. Den Berliner Durchsteckschlössern wird dabei die gleiche erzählerische Aufmerksamkeit zuteil wie dem Abstieg des Buchdruckers Doberan, den Maurice in Briefen an den fernen Freund Hamid protokolliert, wobei er sich als Ich-Figur endlich ins Spiel bringen darf. Je weniger passiert, desto dringlicher fordert die Ereignislosigkeit, dieses «müde Trotten durch ödes Einerlei», Rechenschaft. Selbst wenn Maurice Reisen unternimmt, zum Beispiel an die Kindheitsstätten in der Schweiz, handeln sie vom Stillstand in der Zeit - der Titel des Romans, «Maurice mit Huhn», ist einem Genregemälde von Albert Anker entlehnt.

Am Genre kaut Zschokke denn auch heftig herum: Ihn langweilten die gut gebauten, fertigen Geschichten mit Anfang, Höhepunkt und Ende, diese Stückware, die in den Leipziger oder Oldenburger Schreibwerkstätten hergestellt wird. Nicht die Sensation «ist das Grandiose», sondern «die Rhythmusstörung, der Aussetzer» und das am Rande Aufgesammelte, Belanglose, in dem sich das Ganze verbirgt. Zschokke plädiert für eine «philosophische, essayistische» Romanform, die Einsprengsel, Abschweifung, Mehrstimmigkeit, Perspektiv- und Zeitenwechsel und das lange Verweilen im Augenblick erlaubt. Die barocke Erzähltradition wird dabei ebenso geplündert und in den Roman geschmuggelt wie das Theaterfach, aus dem der gelernte Schauspieler Zschokke ursprünglich stammt. Wenn er seitenweise von den schmerzenden Füssen der Besitzlosen berichtet, die die falschen Schuhe tragen, dann meint er das Leben in den falschen Schuhen ebenso wie die falsche «passende» literarische Form. Wie Hühner, die absichtslos picken, oder Töne, wenn sie ohne Zuhörer gespielt werden und nicht gefallen wollen, muss also Literatur im besten Sinne zweck- und absichtslos sein, nicht erziehen wollen oder nur unterhalten.

Dafür allerdings sind Zschokkes Sätze zu massgeschneidert und seine Beobachtungen viel zu wahrnehmungsbesoffen und hintersinnig. Absichtslos wird hier kein Wort gesetzt, «jeder Satz», beharrt der Autor, «gehört genau so, wie er da steht». Das macht das Lesen mitunter auch zur Anstrengung. Gerade weil der Text so unstrukturiert und absichtslos dahinzufliessen scheint, wird der Leser in ständige Alarmbereitschaft versetzt. Schwächer ist der Roman - wie schon die Erzählungen - dort, wo es um Politik geht. Vielleicht haben politische Ereignisse - der Krieg in Jugoslawien ebenso wie die Entschlüsselung des Genoms - eine kurze Halbwertszeit, und vielleicht sind ja wirklich alle Theater mittlerweile «von Händlern» besetzt: Doch dass deshalb Maurices Meinung über Fahrräder die Wichtigkeitsskala umkrempeln könnte, wäre noch zu beweisen.

Das allerdings sollte kein ernst gemeinter Einwand gegen die Lektüre sein. Wer sich auf Zschokke einlässt, sollte sich nicht auf eine «runde Geschichte» freuen, dafür auf eine melancholisch gestimmte, wahrnehmungsintensive Entdeckungsreise machen, auf der Unscheinbares attraktiv, Belangloses sensationell und Abseitiges bedeutungsvoll wird und die viel Lebensklugheit bereithält.

 

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