Nr. 50/2006 vom 14.12.2006

Neuste Meldungen von der Klimafront

Noch wollen es einige nicht wahrhaben. Doch die Klimaerwärmungfindet längst statt. Und die Anpassung der Wirtschaft ist im Gange.

Von Marcel Hänggi

Es gibt sie noch: die «KlimaskeptikerInnen», die betonen, die menschengemachte Klimaerwärmung sei nicht bewiesen und es sei deshalb falsch, etwas dagegen zu unternehmen. Vor allem in den angelsächsischen Medien finden sie immer noch rege Beachtung. Und hierzulande treffen die PolitikerInnen Entscheide von unfassbarer Verantwortungslosigkeit: Die vorberatende Kommission des Ständerats will die CO2-Abgabe trotz gesetzlicher Verpflichtung vorerst nicht einführen; der Rat debattiert das Geschäft am 14. Dezember. Die vorberatende Kommission des Zürcher Kantonsrats will den Autoverkehr mit neuen Strassen für 24 Milliarden Franken und einer Lockerung der Parkplatzvorschriften fördern.

Unterdessen knospen Bäume und blühen Blumen wie im Frühling, und Meteo Schweiz teilt mit: «Noch nie wurden im Herbst derart hohe Durchschnittstemperaturen gemessen. Der bisherige Herbstrekord aus dem Jahr 1987 wurde um mehr als ein Grad übertroffen.» Und wir erinnern uns: Juni und Juli 2006 waren ebenfalls viel zu heiss. Meteo Schweiz schreibt weiter: «Klimamodelle lassen für die Zukunft eine weitere herbstliche Erwärmung erwarten.»

Der warme Herbst 2006 beweist allein noch gar nichts. Ebenso wenig wie der Hitzesommer 2003 - für sich genommen. Oder der Umstand, dass 2005 weltweit das wärmste Jahr seit Beginn der Messungen war. Doch unter ernst zu nehmenden KlimaforscherInnen herrscht heute Einigkeit: Die Frage lautet nicht mehr, ob es einen menschengemachten Klimawandel geben wird - wir sind mitten drin -, sondern wie stark er ausfallen wird. Und: Der Klimawandel kann selbst mit den strengsten Massnahmen nicht mehr rückgängig gemacht werden. Neben Massnahmen gegen eine weitere Erwärmung werden auch Anpassungen an dieselbe nötig sein.

Während das International Panel for Climate Change (IPCC) an seinem Bericht arbeitet, der im Januar 2007 erscheint und den aktuellen Wissensstand zum Thema darstellt, erscheinen laufend neue Studien und Meldungen. Ein paar davon, die alle unabhängig voneinander in den letzten paar Tagen auf der Redaktion der WOZ eingetroffen sind:

So warm wie nie seit 1300 Jahren

Eine Meldung der «Austria Presse- Agentur»: «Wir erleben gerade die wärmste Periode in den vergangenen 1300 Jahren»: So fasst der Klimatologe Reinhard Böhm die Resultate der von ihm geleiteten Studie Alp-Imp zusammen, die das Klima in den Bergregionen Mitteleuropas bis zurück ins 8. Jahrhundert rekonstruierte. An der Studie «Multi-centennial climate variability in the Alps based on Instrumental data, Model simulations and Proxy data» unter Federführung der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) in Wien beteiligten sich aus der Schweiz der Gletscher Monitoring Service der Universität Zürich und die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL. Das von der EU geförderte Projekt hat die Klimageschichte im Grossraum zwischen Nürnberg und der Toskana sowie zwischen dem Rhonetal und Budapest rekonstruiert.

Vor 1300 Jahren liess sich Karl der Grosse zum Kaiser krönen. Im 10. und 12. Jahrhundert habe es Phasen der Erwärmung gegeben, sagte Böhm. Ab etwa 1400 regierte bis ins 19. Jahrhundert die sogenannte kleine Eiszeit, also natürliches kaltes Klima. Um etwa 1850 erreichten die Gletscher der Alpen ihre grösste Ausdehnung in 8200 Jahren. Danach setzte eine nicht vom Menschen herbeigeführte Erwärmung ein, die bis etwa 1950 andauerte.

Mitte des 20. Jahrhunderts begann dann sprichwörtlich eine «dunkle Periode». Böhm: «Der menschliche Einfluss auf das Klima war stark, es wurden enorme Mengen Dreck in die Atmosphäre gejagt.» Dies führte dazu, dass nicht mehr so viel Sonnenstrahlen auf die Erde gelangen konnten und somit die Temperaturen purzelten. Bis Anfang der achtziger Jahre wurden Heizöl und Kohle ungeniert verbrannt, dann setzte sich allmählich der Umweltgedanke durch. So absurd es klingen mag, aber erst dieser Prozess hat die Klimaerwärmung angekurbelt, denn der Himmel wurde rein, klar - und lässt die Sonne ungehindert scheinen.

Resultat: Die seit den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts zu beobachtende Wärmeperiode führte zu noch höheren Temperaturen als damals im Hochmittelalter. Diese sind eindeutig auf Emissionen von Kohlendioxid, Methan und anderen Treibhausgasen namentlich aus Industrie und Verkehr zurückzuführen. «Die Modelle deuten daraufhin, dass es noch wärmer wird», prognostizierte Studienleiter Böhm.

«Man muss die Ergebnisse sehr ernst nehmen. Sie liefern eine konkrete Aussage über die Situation im Alpenraum. Da ist etwas im Laufen, das es erst seit drei Jahrzehnten gibt», sagte Herbert Formayer, Klimaforscher an der Universität für Bodenkultur in Wien. «Die Resultate sind sehr gut. Die, die es bis jetzt nicht wahrhaben wollten, dass es Klimaveränderung gibt, haben es nun schwarz auf weiss.»

www.zamg.ac.at/alp-imp

Vom Sturme verweht

Am 2. Dezember publizierte die «Washington Post» einen langen Artikel unter dem Titel «A Dream Blown Away» (Ein Traum ist verweht). Gemeint ist der Traum der US-AmerikanerInnen, in der Nähe des Meeres zu wohnen. 54 Prozent aller EinwohnerInnen der USA leben weniger als achzig Kilometer von der Küste entfernt. Dieser Traum wird immer teurer. Der Grund: Immer mehr Versicherungsgesellschaften verzichten darauf, Gebäudeversicherungen in Gebieten abzuschliessen, die sie als heikel betrachten. Oder sie erhöhen die Prämien massiv. Ohne Gebäudeversicherung aber geben die Banken keine Baukredite. «Das Klima ändert sich», schreibt die «Washington Post», «Gott weiss, wie schnell. Aber das Geld bewegt sich ziemlich rassig.»

Der Grund für die Entwicklung ist der Klimawandel. Versicherungen haben grundsätzlich kein Problem mit Risiken: die sind ihr Geschäft. Doch die Risiken müssen berechenbar sein. Solche Berechnungen beruhen auf der Grundannahme, dass die Welt von gestern in etwa gleich war, wie es die Welt von morgen sein wird; Erkenntnisse über Risiken werden von der Vergangenheit in die Zukunft extrapoliert. Wenn die Zukunft aber anders aussehen wird als die Vergangenheit und niemand genau weiss, wie anders, dann wird das Geschäft mit dem Risiko zu riskant.

Nach dem Hurrikan Katrina, der New Orleans im Sommer 2005 verwüstete, hat die US-Katastrophenbehörde Fema die Flutrisikokarte neu gezeichnet. Nicht nur küstennahe Gebiete sind betroffen, auch Gebiete an grossen Flüssen. Danach verlangten die Banken Hochwasserversicherungen als Vorbedingungen für Hypotheken auch in Gegenden, wo dies bisher nicht nötig war.

In Delaware (Nordosten der USA) hat die Westfield Insurance alle Policen an der Küste gekündigt; andere Versicherungen planen dasselbe. Dies, obwohl es in Delaware nie Stürme von Hurrikanstärke gab, seit das Wetter aufgezeichnet wird. In Virginia Beach (Ostküste) hat State Farm, ebenfalls eine Versicherungsgesellschaft, beschlossen, innerhalb von 2500 Fuss (760 Meter) Abstand von der Küste keine neuen Policen mehr abzuschliessen. Vor wenigen Wochen hat Traveler's Insurance auf alle Gebäudeversicherungen einen Hurrikan-Selbstbehalt von drei Prozent eingeführt. Versicherungen gegen Wetterschäden in Nordamerika waren laut der «Washington Post» auch eines der meistdiskutierten Themen am jährlichen Treffen der grossen Rückversicherungsgesellschaften, das vergangenen September in Monte Carlo stattfand.

Der Pressesprecher von Allstate, einer der grössten Gebäudeversicherungs-Gesellschaften in den USA, sagte, man rechne für die Zukunft mit Schäden, die 100 Milliarden Dollar erreichen könnten. Weder Versicherungsgesellschaften noch Staaten hätten die Fähigkeit, mit solchen Beträgen umzugehen. Allstate schliesst keine neuen Versicherungen mehr ab für die New Yorker Stadtteile Manhattan, Brooklyn, Bronx, Queens und Staten Island.

Die Anpassung an die Klimaveränderung findet bereits statt.

Sonne: nicht schuldig

Das Klima ist eine komplexe Angelegenheit, und viele Faktoren tragen zu seinem Verlauf bei. Dazu gehört die Sonnenaktivität - sie ist das Lieblingskind jener KlimaskeptikerInnen, die eine Klimaerwärmung nicht rundweg leugnen, aber als natürliche Erscheinung sehen. Eine Studie zeigt nun, dass der Einfluss der Sonnenaktivität weit geringer ist als bisher angenommen.

Die Sonnenaktivität beeinflusst das Erdklima indirekt. Das Magnetfeld der Sonne, das kosmische Strahlung von ausserhalb unseres Sonnensystems abschirmt, ändert sich zyklisch. Dadurch ändert sich auch die Stärke der kosmischen Strahlung, die auf die Erde gelangt. Diese Strahlen führen in der Erd-atmosphäre zur Bildung von Ionen (geladenen Teilchen), die wiederum als Kondensationskeime für Aerosole dienen und letztlich die Wolkenbildung begünstigen. Weil Wolken mehr Sonnenlicht reflektieren als die Erdoberfläche, haben diese einen kühlenden Effekt. Mehr Sonnenmagnetismus bedeutet also weniger kosmische Strahlung, bedeutet weniger Wolken, bedeutet mehr Sonnenenergie, welche die Erde erwärmt.

Mittels Computermodellen hat Jan Kazil von der University of Colorado zusammen mit weiteren WissenschaftlerInnen berechnet, dass dieser Effekt mit maximal 0,22 Watt pro Quadratmeter bedeutend geringer ist als bisher angenommen. Fazit der Anfang Dezember publizierten Studie: Die Hoffnung, die gegenwärtige Klimaerwärmung sei durch natürliche Schwankungen bedingt und werde ebenso natürlich wieder zurückgehen, schwindet. Und: Es gibt eine Ausrede weniger.

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