Nr. 07/2008 vom 14.02.2008

Kaufe und schweige

Glencore International, der umsatzstärkste Konzern der Schweiz und eines der grössten Rohstoffunternehmen der Welt, hält sich gerne bedeckt.

Von Elvira Wiegers

Sich tot stellen ist nicht die gescheiteste aller Kommunikationsformen. Doch Ivan Glasenberg, CEO und Mitbesitzer von Glencore International, glaubt, sich genau dies leisten zu können. Gross geworden ist der Australier Glasenberg unter den Fittichen des einstigen Steuerflüchtlings und bekanntesten Rohstoffhändlers Marc Rich, ebenfalls kein Freund von Öffentlichkeit.

Bereits dreimal wollte die Erklärung von Bern Glasenberg den am Public-Eye-Forum, der Gegenveranstaltung zum Weltwirtschaftsforum, gesprochenen Negativpreis überreichen. Dreimal vergeblich, zuletzt am 11. Februar, als sich rund vierzig Personen inklusive Fernsehteams und JournalistInnen vor dem Hauptsitz des aus rund zwanzig Unternehmen bestehenden Firmenkonglomerates in Baar versammelt hatten. «Doch wir kommen wieder, mit noch mehr Leuten und noch mehr JournalistInnen», verspricht Rapper und WOZ-Kolumnist Greis, der den Schmähpreis überreichen sollte. «Und wir fordern eine öffentliche Debatte.» Nur ist der Chef nie da, dumm gelaufen. Auch die mangels Pressesprecher für Medien zuständige Personalverantwortliche Lotti Grenacher war bis Redaktionsschluss nicht erreichbar.

Glencore, das ehemalige Unternehmen des heutigen Immobilienhändlers und Opernhaussponsors Marc Rich, ist mit einem Umsatz von rund 140 Milliarden Franken (2006) das grösste der Schweiz - und eine Blackbox. Glencore International gehört dem Management und seinen HändlerInnen und ist nicht an der Börse kotiert. Deshalb muss die Firma gegenüber der Öffentlichkeit keine Rechenschaft ablegen und auch keine Zahlen veröffentlichen. Übrigens pflegt Glencore nicht nur das traditionelle Geschäft mit herkömmlichen Rohstoffen, sondern mischt mittlerweile auch fleissig bei der Produktion von Agrartreibstoffen mit.

Auf der Todesliste

Den Schmähpreis erhielt das Unternehmen wegen seines unsozialen und umweltschädigenden Verhaltens in Kolumbien, wo es Kohleminen betreibt, einen Hafen unterhält und an einer Erdölraffinerie beteiligt ist. Doch anders als die bolivianische Bevölkerung haben die KolumbianerInnen keinen Präsidenten, der ihre Interessen gegenüber einem Grosskonzern verteidigt. Die Folgen sind laut verschiedenen Menschenrechtsorganisationen miserable Arbeits- und Lebensbedingungen und langfristige Umweltschäden. Auch die Mitglieder der örtlichen Gewerkschaft Sintramienenergética haben beim Unternehmen einen schweren Stand - und ein gefährliches Leben, stehen sie doch häufig auf Todeslisten von Paramilitärs. So überlebte Gewerkschaftsvizepräsident Alberto Bautista im vergangenen Jahr drei Attentatsversuche. Armee und Polizei stellen sich ebenfalls auf die Seite des Multis, wie etwa 2007, als MinenarbeiterInnen gegen ihre Massenentlassung protestierten. Die Erklärung von Bern, Multiwatch und die Arbeitsgruppe Schweiz - Kolumbien fordern deshalb, Glencore solle die befristeten Anstellungsverhältnisse aufgeben und unbefristete Gesamtarbeitsverträge einführen, Gewerkschaften zulassen, Verantwortung gegenüber der Bevölkerung und der Umwelt wahrnehmen und die Vertreibung der Bevölkerung stoppen. Und das Unternehmen müsse die Zusammenarbeit mit den Paramilitärs aufgeben. Eines ihrer ranghöchsten Mitglieder hatte im Mai 2007 vor einem kolumbianischen Gericht ausgesagt, von Glencore beziehungsweise deren Tochterfirma bezahlt worden zu sein.

Der unerwünschte Medienrummel in Baar zwang dem Unternehmen immerhin einen klitzekleinen Kompromiss ab: Um möglichst schnell wieder aus dem öffentlichen Gedächtnis zu verschwinden, gestand Glencore einem Gewerkschaftsvertreter und einem Mitglied der Arbeitsgruppe Schweiz - Kolumbien eine geführte Tour in der kolumbianischen Mine La Jagua zu.

Gesuchte Stoffe

Sie liegen tief im Boden, und jedes Auto, jedes Handy, jede Maschine, jedes Haus ist auf sie angewiesen. Und ihre Menge ist beschränkt. Besonders der Wirtschaftsboom in den sogenannten Bric-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China) hat die Nachfrage nach den weltweit verfügbaren Rohstoffen massiv gesteigert. Auf der Angebotsseite dreht sich das Fusionskarussell immer schneller. Für rund hundert Milliarden Franken wäre Glencore International zu einem Verkauf des Minenunternehmens Xstrata bereit, an dem sie mit 35 Prozent beteiligt ist (CEO Ivan Glasenberg sitzt im Verwaltungsrat von Xstrata). Einer der Bieter ist der brasilianische halbstaatliche Rohstoffkonzern Vale, der bisher etwas über achtzig Milliarden Franken geboten haben soll. Mit der Verschmelzung dieser zwei Firmen würde das weltgrösste Minenunternehmen entstehen. Gleichzeitig soll Glencore geheime Verhandlungen mit der staatlichen China Development Bank geführt haben.

Die aktuellen Spekulationen in der Rohstoffbranche stellen den letztes Jahr gestarteten Übernahmeversuch von Rio Tinto durch die BHP Billiton in den Schatten. Noch im gleichen Jahr hatte Rio Tinto den kanadischen Aluminiumproduzenten Alcan, der 2000 die Alusuisse übernommen hatte, gekauft. Ebenfalls 2007 entstand der weltgrösste Aluminiumproduzent, die russische Rusal, wo Glasenberg im Verwaltungsrat sitzt. Damals schlossen sich Wiktor Wekselbergs Sual, die Rusal und Glencore zusammen.

Wo das grosse Geschäft gemacht wird, sind auch die Banken nicht fern. So ging etwa die Credit Suisse Group im Jahr 2006 eine nach eigenen Angaben wichtige strategische Zusammenarbeit mit Glencore ein zur Schaffung einer Handelsplattform für Metall- und Ölderivate. Credit Suisse fungiert als eine der wichtigsten KreditgeberInnen für Rohstoffunternehmen.

Die Machtkonzentration im Rohstoffsektor könnte extremer nicht sein, denn wer die Macht hat, bestimmt über die Verteilung der Rohstoffe, über die Löhne, Arbeitsbedingungen und auch über die Preise. Die US-amerikanische Bank Merrill Lynch hält in einer Studie etwa fest, dass die Rohstoffkonzerne in den Preisverhandlungen für dieses Jahr vierzig Prozent höhere Preise durchsetzen konnten. Leider schlägt sich dies nicht in Lohnerhöhungen für die in Gruben, Stollen und Schächten schuftenden ArbeiterInnen nieder.

Ebenfalls auf der Strecke bleibt der im kapitalistischen System so gepriesene Wettbewerb, der uns Innovation und tiefe Preise bescheren soll. Nur: Wer soll diese Machtkonzentration einklagen? Und wo kann man mit seiner Beschwerde hingehen? Die Wahrheit ist: Eine solche internationale Institution ist gar noch nicht geboren. Zwar ist die Welthandelsorganisation WTO im Falle von Wettbewerbsverzerrungen zuständig, doch im Falle von komplett wegfallendem Wettbewerb dann nicht mehr.

Etwa gleich aussichtslos sind die Chancen der ausgebeuteten Bergbau- und MinenarbeiterInnen auf bessere Arbeits- und Lebensbedingungen. Institutionen wie die Internationale Arbeitsorganisation haben zwar schöne Kodizes gegen diverse Missbräuche in der Arbeitswelt auf den Weg gebracht, doch zu melden hat die Uno nichts. So bleibt die einzige Hoffnung der betroffenen ArbeiterInnen und ihrer Familien das internationale Zusammenstehen von Gewerkschaften und NGOs - und die Solidarität der Schweizer Bevölkerung.

 

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