Nr. 30/2008 vom 24.07.2008

«Immer irgendwie daneben»

Die pensionierte Sozialarbeiterin kennt sich mit schwarzen Schafen aus. Dabei denkt sie nicht in erster Linie an ihren Bruder Christoph.

Von Esther Banz

WOZ: Judith Giovannelli-Blocher, Sie sind Buchautorin, Ihr Bruder Christoph ist einer der reichsten und mächtigsten Männer im Land, Ihr Ehemann ein Fabrikarbeiter aus Italien. Ein Kontrastprogramm.

Judith Giovannelli-Blocher: Ja, das ist es. Und ich kann Ihnen jede Schattierung nennen, wie Leute über meinen Mann Sergio und über uns als Paar denken. Ignoranz kann sehr subtil ausgedrückt werden. Jetzt wo Sergio auch ein Buch geschrieben hat, gehen die Leute plötzlich anders mit ihm um. Das beschäftigt uns sehr.

Sie hatten auch beruflich mit übersehenen Menschen zu tun.

Ja, als Sozialarbeiterin hatte ich permanent mit Ausgegrenzten zu tun. Schwarze Schafe sind mein Lebensthema, nicht zuletzt auch wegen meiner Ehe. Und weil ich selber immer das Gefühl hatte, ich passe nicht richtig.

Schon als Kind?

Ich bin das zweitälteste Kind der Familie. Der Älteste war sehr gut in der Schule. Ich hingegen brachte stets schlechte Noten nach Hause. Mein Vater sagte zwar immer: «Schulen sind reine Verdummungsanstalten», aber ich litt unter meinen schlechten Leistungen und betrachtete sie als Defizit.

Sie glaubten, Sie wären weniger intelligent?

Jein. Ich hörte immer: «Intelligent wäre sie ja schon ...» Also fragte ich mich: Weshalb kann ich nicht, was andere können? Das ging noch länger so, auch als ich Sozialarbeit lernte, den Abschluss schaffte ich nur knapp. Ich war einfach immer irgendwie daneben, andersartig.

Aber in Sozialarbeiterkreisen haben Sie einen guten Ruf ...

Ja, das ist lustig, man bezeichnet mich heute als Urgestein der Sozialarbeit, dabei wurde ich oft gerüffelt, als ich noch arbeitete, ich erhielt auch Verweise.

Was wurde Ihnen vorgeworfen?

Ein Beispiel: In den achtziger Jahren hatten die Politiker wegen der Jugendunruhen grosse Angst, sie wollten deshalb flächendeckend Jugendknäste einrichten. Dagegen lancierte ein junger Sozialpädagoge das Referendum. Ich unterstützte ihn aktiv dabei. Zuvor hatte ich in einer Jugendanwaltschaft gearbeitet und hautnah mit Inhaftierten zu tun gehabt. Ich konnte sehen, was es für Fünfzehnjährige bedeutet, wenn sie eingeschlossen sind. Wissen Sie, die haben zum Teil Heimweh und richtig Angst. Sie heulen wie Kinder. Also habe ich mich dafür eingesetzt, dass diese Knäste nicht kommen. Ich bin dann vor den Rektor der Schule für Soziale Arbeit in Bern zitiert worden. Er sagte: «Du bist wahnsinnig! Du kannst doch nicht als Kantonsangestellte dagegen politisieren, wo der Kanton doch grad einen Pilotversuch mit einer solchen Anstalt durchsetzen will!» Ich bin dann auch noch vor den Regierungsrat zitiert worden.

Was passierte mit dem Knastprojekt?

Das wurde ad acta gelegt, denn das Referendum war ein Erfolg. Ich musste einfach, quasi als Sühne, in eine Kommission, in der die Frage behandelt wurde, wie wir mit Jugendlichen umgehen, die tatsächlich festgehalten werden müssen. Denn die gibt es - manchmal rein zu ihrem eigenen Schutz. Wir haben vorgeschlagen, dass in einem Heim einzelne Zimmer fluchtsicher eingerichtet werden. Das hat sich bis heute bewährt.

Jugendgewalt ist wieder ein grosses Thema.

Jaja, das kommt immer wieder. Ich sage Ihnen als Dozentin für Sozialgeschichte: Die Themen wiederholen sich permanent, die Schlötterlig, die man sich gegenseitig anhängt, ebenfalls.

Reine Hysterie also?

Nein, die Gewalttätigkeit in der Gesellschaft nimmt zu, ganz klar. Aber überall, auch im Arbeitsleben. Es ist grauenhaft, wie vielerorts mit den Leuten umgegangen wird. Wenn einer - sei es ein einfacher Arbeiter oder ein Chef - von heute auf morgen gefeuert wird, rechtfertigt man das heute damit, dass es halt nicht anders gehe. Das war vor nicht allzu langer Zeit undenkbar. Man hätte gesagt: «Wir sind doch keine Monster.»

Woher kommt diese Entwicklung?

Es ist der Zwang zur steten Beschleunigung der Produktivität und zur Gewinnmaximierung. In dieser Maschinerie ist es fast zwangsläufig so, dass man für langsame Menschen oder solche mit individuellen Störungen zu wenig Geduld hat. Dass man in der Gewaltdiskussion so auf die Jugendlichen fokussiert, ist meiner Meinung nach eine Abwehrreaktion der Erwachsenen. Es gäbe haufenweise Beispiele aus dem Arbeitsleben, den Spitälern, den sozialen Einrichtungen. Auf der anderen Seite haben wir natürlich die Weichwelle: Die Sensibilität gegenüber Unrecht und fehlender Gleichheit oder auch betreffend die Schäden der Umwelt nimmt stetig zu. Manchmal führt das dann auch zu grotesken Initiativen, zum Beispiel zur Rettung einer Wiese.

Sie gebrauchen den Begriff «Weichwelle». Sind Leute, die für eine Wiese kämpfen, Weichlinge - oder Gutmenschen?

Nein, halt! Der Begriff Gutmensch ist etwas ganz Schlimmes. Damit diskreditiert man pauschal soziale Arbeit, Mitgefühl, Solidarität. Früher war es undenkbar, für soziale Arbeit ausgelacht zu werden.

Und dann gibt es ja noch den Ausdruck «Die Linken und die Netten».

Ja genau, «nett» ist inzwischen auch negativ besetzt. Aber beides hat natürlich einen wahren Kern.

Kommt jetzt Selbstkritik?

Ja. In der Sozialarbeit haben wir die Hilfsbedürftigen und die vermeintlichen schwarzen Schafe ständig pauschal verteidigt. Das war sicher nicht die richtige Strategie.

Weshalb nicht?

Weil das nicht der Realität entspricht. Die Klienten werden von der Sozialarbeit nicht einfach verwöhnt und gehätschelt. Aber das nehmen die Leute nicht wahr, wenn wir Sozialarbeiter unsere Schäfchen gegen aussen ständig pauschal verteidigen. Handkehrum ist es verständlich, dass man Kritik reflexartig ablehnt, denn die Angriffe sind ja auch pauschal und ausserdem oft blödsinnig. Der Marxist Konrad Farner, mein ehemaliger Freund, sagte einmal: «Man wird einem Gegner nur dann gerecht, wenn man auch für ihn argumentiert.» Er meinte damit, dass gegnerische Angriffe meistens nicht zu hundert Prozent falsch sind. Das trifft auch auf die Gutmensch-Kritik zu. Historisch betrachtet: Nach dem Krieg war jeder ein Milieuopfer und in den Achtundsechzigern galt die Gesellschaft als Verursacherin von Randständigkeit. Das sind alles gute und wichtige Erkenntnisse, aber sie stimmen nicht hundertprozentig.

Inwiefern?

Der Mensch hat ja auch eine Eigenverantwortung. Es ist sogar sehr wichtig, dass man den Menschen innerhalb dieser gesellschaftlichen Zwänge auf seine Eigenverantwortung und seinen Spielraum aufmerksam macht.

Jetzt klingen Sie fast wie Ihr Bruder Christoph. Auf Eigenverantwortung pochen die Bürgerlichen immer, die SVP erst recht.

Eben, der Begriff ist geradezu besetzt. Das ist eine Folge der ständig zunehmenden Polarisierung zwischen links und rechts, als deren Konsequenz Grundwerte von Parteien vereinnahmt werden. In der Sozialarbeit war immer klar: Aufgabe und Sinn der Arbeit ist Hilfe zur eigenverantwortlichen Selbsthilfe. Aber heute versteht man unter Selbsthilfe immer nur das, was gewisse neoliberale Rechtskreise damit meinen: Dass jeder Mensch allein verantwortlich ist für sich selbst - und die Unterstützung durch die Gesellschaft und die sozialen Einrichtungen überflüssig sind.

Das ist die Politik Ihres Bruders.

Ja klar! Heute ist er ein Exponent davon. Nur ist er nicht nur das. Er hat tatsächlich auch eine soziale Seite, auch wenn man seit Längerem wenig davon erfährt. Wenn er politisiert, vertritt er - jetzt mehr denn je - die Meinung: Ein Grossteil der Menschen, denen es schlecht geht, sind faule Siechen.

War das schon immer seine Meinung oder wurde er von anderen beeinflusst?

Sicher wurde er beeinflusst, jeder Mensch ist beeinflussbar. Vor allem durch Erfolg. Und Erfolg ist DIE Leitlinie des Neoliberalismus. Christoph ist stark von seiner eigenen Aufsteigerkarriere beeinflusst. Ihm ist ja nichts geschenkt worden. Als Bauer war er ein Aussenseiter, ein dünner Sprienzel. Später bei den Ems-Werken musste er sich erst mal verschulden. Die ganze Familie hat wahnsinnig gespart, er selber arbeitete vierzehn Stunden am Tag. Da kann man nachher natürlich schon sagen: Es geht doch! Das setzt sich dann wahrscheinlich in einem fest, man verallgemeinert, meint, jeder könne und sollte es genauso machen.

Sie gingen einen anderen Weg. Erfuhren Sie zu Hause eine andere Prägung?

Es hat sicher mit dem Geschlecht zu tun: Wie ich haben alle meine Schwestern einen sozialen Beruf gelernt. Die Brüder indes gingen studieren - ausser Christoph, der wollte das damals noch nicht. Dem war das alles viel zu abstrakt.

Insofern ist er am ehesten das schwarze Schaf der Familie, oder?

Ja, in gewisser Weise (lacht). Macht und Geld hat unsere Eltern nie interessiert, sie drängten ihn nicht zu seiner Karriere. Aber Christoph sieht sich natürlich nicht als schwarzes Schaf. Was auch normal ist: Keiner sieht sich selber als schwarzes Schaf.

Und Ihr Bruder Gerhard, der neuerdings mit kontroversen Medienauftritten auf sich aufmerksam macht? Ist er das neue schwarze Schaf der Familie?

Ich möchte nicht über ihn sprechen.

Innerhalb einer Familie ist meist ein Kind ein schwarzes Schaf - kaum je ein Elternteil.

Ja, stimmt. Und noch etwas ist spannend: In der Regel gibt es ein schwarzes Schaf meistens in einer Familie, in der die Kinder grundsätzlich gut geraten und Karriere machen. Für diejenigen, die einen anderen Weg gehen, schämt man sich. Der Begriff der Schande und Scham ist in diesem Zusammenhang ganz wichtig.

Hat das etwas mit Religion zu tun?

Keine Ahnung. Aber immer, wenn man von schwarzen Schafen spricht, bedeutet das gleichzeitig ein Reinwaschen von sich selber. Denken Sie mal an ganz tolerante, lustige Familien - denen käme es gar nicht in den Sinn, dass eines ihrer Kinder ein schwarzes Schaf sein könnte. Es kommt ganz darauf an, was man in der Familie für ein Wertesystem hat.

Wertesysteme wandeln sich ständig. Ist die Schweiz heute offener, toleranter, weniger karriereorientiert als in den fünfziger Jahren?

Man würde meinen, dass die Gesellschaft heute offener sei. Aber der Anpassungsdruck nimmt ständig zu. Ein Unterschied ist, dass früher die Wirtschaft boomte wie verrückt, da konnte man sich bei der Arbeit allerlei leisten. Heute hingegen kann man sich fast nichts mehr erlauben - sonst fällt man sofort raus. Das sind schlechte Bedingungen für Einzelgänger, die in den Augen der andern ja oft schwarze Schafe sind.

 

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