Nr. 48/2008 vom 27.11.2008

Feiern und arbeiten

Und wenn alles bachab geht? Bauern, Köchinnen und Pfleger braucht es immer. Das Notwendige ist keine Last, weiss Soziologin Veronika Bennholdt-Thomsen.

Von Bettina Dyttrich

Plötzlich ist die alte Frage wieder da: Angenommen, die Krise wird richtig schlimm, auf dem Arbeitsmarkt kracht es, vielleicht bricht sogar der Zahlungsverkehr zusammen - was dann? Was braucht es wirklich zum Leben? Langsam schleicht sich diese lange verdrängte Frage in die Köpfe zurück. So schwierig zu beantworten ist sie gar nicht: Wir brauchen Wärme, Nahrung, Zuwendung; Pflege, wenn wir krank sind, Betreuung für unsere Kinder und Hilfe im Alter. Musik, Geschichten und hin und wieder ein Fest sollte es auch geben, damit das Leben Freude macht.

Mit den meisten dieser Arbeiten ist kaum Prestige verbunden. Und wenig oder gar kein Lohn (vgl. "Vom Dienen und Verdienen"). Denn hier, beim wirklich Nötigen, lässt sich keine Rendite abschöpfen. In den ökonomischen Theorien kommen diese Arbeiten kaum vor, statistisch erfasst wird nur der bezahlte Teil. Dabei könnte die Gesamtwirtschaft gar nicht funktionieren ohne sie. Deshalb verdienten sie viel mehr Beachtung, sagt Veronika Bennholdt-Thomsen.

Die Soziologin und Ethnologin leitet das Institut für Theorie und Praxis der Subsistenz in Bielefeld. Seit den siebziger Jahren arbeitet sie mit den Soziologinnen Maria Mies und Claudia von Werlhof zusammen. Sie nennen ihren Ansatz Subsistenzperspektive. Mies und Bennholdt-Thomsen verglichen das Wirtschaften einmal mit einem Eisberg: Die kapitalistische Lohnarbeit, also das, was «die Wirtschaft» genannt wird, ist nur die sichtbare Spitze. Unter dem Wasser liegt der ganze Rest: die Haus- und Heimarbeit, die informellen und illegalen Sektoren, die Selbstversorgung und die grosse Gratisarbeiterin Natur.

WOZ: Es gibt zwei linke Erklärungsmodelle zur Krise. Die einen, etwa die Gewerkschaften, sagen: Der Neoliberalismus ist schuld, wir müssen und können zurück zur sozialen Marktwirtschaft. Die anderen sagen: Nein, die Krise ist unausweichlich im Kapitalismus.

Veronika Bennholdt-Thomsen: Der Kapitalismus ist ein Krisenmodell, auch als soziale Marktwirtschaft. Ich halte die Gewerkschaften für ziemlich engstirnig. Sie können Arbeit nur als Lohnarbeit denken. Die Hausarbeit, die bäuerliche Wirtschaft, die Selbstversorgung, das Handwerk im kleinen Rahmen, das gehört nicht zu ihrer Vorstellung von Wirtschaft. Dort aber liegt der Weg aus dem Kapitalismus mitsamt seinen Krisen.

Aber die klassische Gewerkschaftspolitik, die Kämpfe um Löhne und Arbeitszeiten braucht es doch?

Ja, natürlich. Aber es ist eine Komplizenschaft. Sie sitzen ja im gleichen Boot, die Gewerkschaften sind genauso wie die Unternehmer darauf angewiesen, dass der Kapitalismus funktioniert. Die Gewerkschaften - zumindest in Deutschland - haben überhaupt keine Visionen mehr von unabhängigem Wirtschaften ausserhalb des Lohnarbeitsmodells. Wir reden dabei natürlich nicht neoliberalen Modellen und Ich-AGs das Wort, auch wenn uns das manchmal unterstellt wird.

Also im Sinne von: «Wenn sich alle selbst helfen, brauchts den Sozialstaat nicht mehr»?

Ja. Da sind wir dagegen. Wir leben weiterhin im Kapitalismus, und da hat der Staat die Aufgabe, zwischen Lohnarbeit und Kapital zu vermitteln. Aber davon hat er sich verabschiedet und einfach dem Kapital alle Rechte zugeschanzt. Heute wird so getan, als wäre jeder Hartz-IV-Empfänger ein selbstständiges Wirtschaftssubjekt, dem die Welt offensteht. Das ist eine Lüge. In der heutigen Wirtschaft braucht es den Staat, denn je grösser der Radius des Wirtschaftens ist, desto wichtiger sind Regeln. Allerdings läuft es umgekehrt: Den Grossen wird freie Hand gegeben, aber die kleinsten Wirtschaftskreisläufe werden wie blöde kontrolliert.

Zum Beispiel Bäuerinnen, die selbst Käse verkaufen.

Genau.

Sie und Ihre Mitstreiterinnen haben die Subsistenzperspektive immer als feministisch bezeichnet. Heute verstehen viele nicht mehr, was Subsistenz mit Feminismus zu tun hat. Wie erklären Sie den Zusammenhang?

Das, was wirklich notwendig ist für das Leben, wird in unserer Gesellschaft gering geschätzt: das Sichkümmern um den Leib, die Kinder, die Alten und das Sorgen für Essen, Trinken, Hausen. Das sind lauter typische Frauenarbeiten, und die Verachtung dieser Tätigkeiten ist ein sehr altes Element der abendländischen Kultur. Als gutes Leben gilt, wenn man mit diesen Arbeiten möglichst nichts zu tun hat, sie werden mit «Müh und Plag» in Verbindung gebracht. Sobald man aber mit Maschinen arbeitet, ist es etwas Besseres. Das war auch ein Motor der Industrialisierung.

Viele dieser Arbeiten sind tatsächlich mühsam.

Ja, aber bestimmter notwendiger Dinge kann man sich einfach nicht entledigen. Und da sind die Frauen näher dran als die Männer. Das Kinderkriegen, die Kultur des Sorgens, die Produktion des Essens sind Bereiche von Frauen, Bauern und Bäuerinnen, und auf sie wird runtergeschaut. Die Subsistenzperspektive dreht diese Bewertung um: Dieser Bereich ist keine Last, sondern ein Bereich der Freiheit. Die Freiheit liegt nicht jenseits der Notwendigkeit. Zudem gibt es andere Techniken als nur die industrielle.

Im Moment passiert aber das Gegenteil: Die Frauen wollen da raus.

Ich weiss nicht, ob sie wollen: Viele sind dazu gezwungen, zusätzlich zur Hausarbeit noch schlecht bezahlte Minijobs anzunehmen. Uns geht es überhaupt nicht darum, das Hausfrauenleben zu propagieren. Welche Frau will schon in dieser untergeordneten Position Hausfrau sein? Subsistenzorientierung macht aber Schluss mit der Geringschätzung der Arbeit für die Lebensgrundlagen.

Trotzdem ist der Vorstellung, dass das gute Leben nur über Konsum möglich sei, fast nicht beizukommen.

Ohne Konsumismus wäre der Kapitalismus ja gar nicht möglich. Das begann mit dem «Modell T» von Ford, dem ersten Auto, das auch Arbeiter kaufen konnten. Das war ein klarer Einschnitt: Zuvor wurden Autos für die Reichen produziert, dann wurden sie zum Massenkonsummittel. Der Widersinn dieser Entwicklung wird immer klarer, etwa wenn man schaut, was die Leute essen. Heutzutage heisst es ja, gute, regionale, biologische Lebensmittel könne sich keiner mehr leisten. Dabei war das früher das Armeleuteessen: das Lokale, Selbstgemachte. Man wollte unbedingt das haben, was «die da oben» angeblich Wunderbares hatten. Aber die Butter vom eigenen Hof galt als schlecht. Jetzt können alle alles kaufen, täglich Fleisch, Bananen und Lachs. Aber die Qualität wird immer miserabler, Massenware eben.

Merken die Leute erst, was notwendig ist, wenn sie in der Not sind?

Ja. Aber wir leben in Europa vom Erbe der Kolonialherrschaft. Diese unglaubliche Anhäufung von Reichtum hat mit dem Nord-Süd-Verhältnis zu tun. Es ist kein Zufall, dass eine Milliarde Leute hungern. Das scheint so weit weg. Aber es kommt immer näher.

Was sollen die Menschen denn tun? Es können ja nicht alle wieder ins Dorf.

Es gibt auch Möglichkeiten der Subsistenz in der Stadt. Ein gutes Beispiel sind die interkulturellen Gärten. Migrantinnen, die keine Arbeitsbewilligung haben und zum Teil nur Bezugsgutscheine von Aldi bekommen, schliessen sich zusammen und legen Gärten an. Ein anderes Projekt, das mich derzeit beschäftigt, ist die Idee der «Gift Economy», der Ökonomie des Gebens. Wegkommen vom Tauschmodell, nicht immer nach einer Gegenleistung fragen.

Apropos Dorf: So romantisch war es dort auch nicht immer.

Nein. Ganz bestimmt nicht. Der Patriarchalismus war in den europäischen Bauernkulturen verbreitet. Aber man kann nicht sagen, dass Landwirtschaft grundsätzlich eine patriarchale Sache ist.

Wie es die zapatistischen Frauen in Chiapas sagen: Schlechte Traditionen abschaffen, gute übernehmen und etwas Neues daraus machen?

Ja, genau.

Wer mit Menschen spricht, die beruflich mit Grundbedürfnissen zu tun haben, hört immer wieder dasselbe: «Die Arbeit würde mir schon gefallen, aber ...» Unerträglich ist nicht das Pflegen von kranken Menschen, sondern dass die Pflegearbeit mit Effizienzmassstäben gemessen wird, die ihr nicht entsprechen. Die meisten Bäuerinnen und Bauern mögen ihre Arbeit, aber dauernd sollen ihre Höfe noch grösser, noch rationeller und gleichzeitig ökologischer werden. Schön wäre auch die Arbeit mit Kindern, wenn die Zeit da wäre, sie wirklich zu begleiten statt «frühzufördern».

Ein «subsistenzielleres» Leben könnte eine Antwort auf die Finanzmarktkrise sein. Eine Antwort, die überall und jederzeit beginnen kann. Ein Stück Unabhängigkeit von der Lohnarbeit gibt nicht nur ein gutes Gefühl, sondern ist angesichts der drohenden Rezession auch eine schlaue Strategie. Im Bereich der Grundbedürfnisse gibt es genug Arbeit für alle, und zwar vielfältige, sinnvolle Arbeit. Und hin und wieder ein Fest.

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