Nr. 43/2009 vom 22.10.2009

Populärmusik

Von Fredi Bosshard

Der Roman «Populärmusik aus Vittula» von Mikael Niemi beginnt auf 5415 Metern über Meer. Es ist ein eiskalter Morgen auf dem Thorong-La-Pass im Annapurnamassiv. Ein Mann ist allein auf dem Gipfel und küsst eine Metallplatte mit eingravierten tibetanischen Schriftzeichen. Er friert mit den Lippen fest. Angeklebt auf über 5000 Metern bleibt ihm Zeit, sich an seine Jugend im schwedischen Norrland zu erinnern.

Anfang der sechziger Jahre beobachten zwei Jungs in Pajala, einer Kleinstadt, die nördlich des Polarkreises und an der Grenze zu Finnland liegt, wie der Fortschritt angekrochen kommt. Er tut dies in Form einer asphaltierten Strasse, die riesige Baumaschinen wie eine schwarz glänzende Spur hinter sich lassen. Es gibt noch weitere Anzeichen des Fortschritts: zum Beispiel den Plattenspieler der grossen Schwester.

Die Leute in Pajala sind während der Wirren des Zweiten Weltkriegs auf der falschen Seite gelandet. Sie sprechen Finnisch, sind deshalb in Schweden nicht besonders beliebt. Matti, der Erzähler, und sein schweigsamer Freund Niila, erleben eine bunte Jugendzeit in ihrem Viertel, das Vittula heisst.

Niemi erzählt in seinem Roman, wie die Beatles mit «Rock ’n’ Roll Music» den hohen Norden verzaubern. Auch dort holen die Jungs ihre Luftgitarren raus, üben vor dem Spiegel Rockstar und gründen später ihre eigene Band. Sie kommen in die Pubertät, lernen, wie man Konflikte nonverbal mit Fingerhakeln (Frauen) oder Armdrücken (Männer) lösen kann. Selbst das Ausharren in einer hochgeheizten Sauna kann einen Zwist zwischen zwei Familien entscheiden.

Gut ist Mikael Niemi in seinen Jugenderinnerungen auf einen Weg gestossen, seine Lippen von der Metallplatte zu lösen, sonst hätten wir diese Geschichten nie lesen können. 2004 ist «Populärmusik aus Vittula» auch verfilmt worden. Als Buch liegt jetzt eine Ausgabe vor, die ein wenig an ein Kirchengesangbuch erinnert. Ein Nebenaspekt davon: Das Buch hält einem in der Öffentlichkeit die Leute vom Leib, weil sie befürchten, man beginne gleich zu missionieren.

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