Nr. 25/2010 vom 24.06.2010

Masturbation mit Mausklick

Erotische und pornografische Bilder und Filme sind im Internet in beliebigen Mengen zu finden. Vor allem Männer konsumieren diese in teilweise exzessiver Weise. In Zürich hat sich letzte Woche eine Fachtagung mit einem Phänomen beschäftigt, das wissenschaftlich noch kaum erforscht ist.

Von Harry Rosenbaum

Seltsam, wenn plötzlich 250 Leute aus sozialarbeiterisch-psychologisch-medizinischen Berufen im Zürcher Volkshaus miteinander summen. Wie das tönt? Nicht ganz so perfekt wie bei einer Chorprobe, aber auch nicht so nervig wie die Vuvuzelas in Südafrikas WM-Stadien.

Die OrganisatorInnen der interdisziplinären Fachtagung «Online, Sex & Sucht» vom Fachverband Sucht haben niemanden in Verlegenheit bringen wollen. Denn zur Einstimmung auf die Tagung wurde gefragt: Wer von den Anwesenden hat schon im Internet Pornobilder angeschaut? Und wer hat sich dabei sogar stimulieren lassen? – Summen war anonymer als Handaufhalten, aber nicht minder aussagekräftig: An der Lautstärke war nämlich klar zu erkennen, dass es die meisten schon getan haben.

«Durch die Verbreitung des Internets sind audiovisuelle Darstellungen von Erotik, Sexualität und Pornografie einem breiten Publikum in noch nie da gewesenem Mass zugänglich geworden. Unauffällig, unbegrenzt und jederzeit ist Pornografie online konsumierbar. Sehr viele Männer – und auch manche Frauen – konsumieren Sexbilder, auf Fotos, Videos und live über Webcams. Ein Teil von ihnen tut dies in exzessiver, abhängiger Weise. Gesellschaftliche Tabuisierung, Grauzonen der Legalität und Angst vor Entdeckung schwingen mit. PraktikerInnen bezeichnen die Online-Sexsucht als die am stärksten verbreitete Form exzessiver Internetnutzung.» Das sind Sätze aus der Tagungsbroschüre.

Die VeranstalterInnen waren sich selbst nicht sicher, wie sie das Thema behandeln sollten. Sexsucht und Internet stünden heute in engem Zusammenhang, das sei eine Realität, sagte Markus Theunert, Generalsekretär beim Fachverband Sucht. Die Tagung wolle darüber aber kein moralisches Urteil abgeben, sondern fachliche Antworten finden und nach Wegen suchen, wie Betroffene unterstützt werden könnten. «Pornos sind ein akzeptabler Bestandteil der Sexualität», kam Theunert zum Schluss. «Wir haben in der Vorbereitung dieser Tagung viel diskutiert über Haltung und Kultur bei der Behandlung des Themas und festgestellt, dass der Spannungsbogen gross ist, sehr gross sogar.»

«Unten» und «oben»

Peter Gehrig, Facharzt FMH für Psychiatrie, Psychotherapie und Klinischer Sexologe in Zürich, hat sich in seinem Referat zuerst mit der geschlechtlichen Zuteilung des Themas auseinandergesetzt. Ist Online-Sex vor allem ein Männerproblem, fragte er. «Bei der Sexsucht gibt es deutliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Männer fühlen sich bei Erektionsproblemen schnell bedroht. Frauen hingegen denken: Ich bin, wenn ich begehrt werde. Nicht begehrt zu werden kann für sie eine existenzielle Bedrohung bedeuten», meinte Gehrig.

Etwa zwei Drittel der Sexsüchtigen seien psychisch gesund, führte der Sexologe weiter aus und schematisierte das Phänomen. Es spiele sich auf vier Ebenen ab: Körper, Denken, Beziehung und Gefühle. Die Sexualität selber habe zwei Ebenen: die Genitalität, die sich «unten» befinde, und die Emotionalität, die «oben» angesiedelt sei. Disharmonie zwischen dem Oben und dem Unten führten zu Problemen respektive in die Sexsucht. Sexsüchtige Menschen seien meistens hyposexuell, hätten also ein schwach ausgeprägtes sexuelles Bedürfnis und empfänden grosse Lustlosigkeit. «Sie wichsen. Sitzen einfach vor dem Bildschirm ihres Computers und holen sich einen herunter, während sie gleichzeitig mit der Maus aktiv sind», sagte Gehrig. «Schätzungsweise sind das etwa sechzig Prozent der Sexsüchtigen, die das so machen. Sie versuchen verzweifelt eine Erektion herzustellen, um in ihrer Männlichkeit zu überleben.» Die Genitalität – das Unten in Gehrigs Schema – wird auf diese Weise verdrängt.

Im Internet könnten die Erregungsquellen ins Immense gesteigert werden, sagte der Sexologe weiter. Irgendwann aber entgleite die Kontrolle. Eine Entwicklung, die in einer Beziehung unweigerlich zu ernsthaften Problemen führe. Diese Menschen kommen in ihrer Verzweiflung in die Beratung oder machen eine Therapie, weil sie in der Beziehung funktionieren müssen. Die Aufhebung der Spaltung zwischen dem Unten und dem Oben könne schliesslich in Richtung einer Problemlösung führen.

Männer in der Mehrheit

Nicola Döring, Professorin für Medienkonzeption und Medienpsychologie an der Technischen Universität Ilmenau in Deutschland, deckte mit ihrem Referat den medialen Aspekt im Spannungsbogen ab. «Sexualität im Internet sollte nicht nur als Gefahr aufgefasst werden», meinte sie. «Ist Sex überhaupt der meistgesuchte Inhalt im Netz, wie allenthalben behauptet wird?» – «Eben nicht», heisst die Antwort der Medienfachfrau. Unter den zehn häufigsten Suchbegriffen bei Google lasse sich keiner finden, der sexbezogen sei. «Überhaupt, im Internet werden Wettervorhersagen häufiger aufgerufen als Sexinhalte.» Und weiter führte Döring aus, dass nach dem Alexa Ranking, einem Serverdienst, der Daten über Webseitenzugriffe sammelt, in der Schweiz bei den hundert beliebtesten Webseiten insgesamt nur sechs mit sexbezogenen Inhalten figurierten. Und das nicht in Spitzenpositionen, sondern auf den Plätzen 21, 30, 31, 45, 49 und 64.

Über die sexuelle Nutzung des Netzes könne nach heutigem Forschungsstand erst wenig ausgesagt werden, meinte Döring. Von den sechzehn- und siebzehnjährigen Jugendlichen hätten nach eigenen Aussagen die meisten schon Pornobilder gesehen, am häufigsten am Fernsehen und nicht im Internet. Am Fernsehen seien aber gar keine Pornoinhalte erlaubt. Die Angaben der Jugendlichen würden darauf schliessen lassen, dass diese einen sehr weit gefassten Pornobegriff hätten. Mit Bezug aufs Internet sei anzumerken, dass aufgrund von Untersuchungen etwa dreissig Prozent der Jugendlichen beim Surfen ungewollt mit Pornoinhalten konfrontiert würden. Männer sind im Internet eindeutig stärkere Pornokonsumenten als Frauen. Döring zitierte eine norwegische Studie, wonach 43 Prozent der Nutzer schon Pornos angeschaut haben, hingegen aber nur 16 Prozent der Nutzerinnen.

Andreas Hill, Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Forensische Psychiatrie in Hamburg, sprach beim Cybersex von «Chancen und Risiken». Als Chancen wertete er die niedrige Zugangsschwelle, die Mannigfaltigkeit des Angebots (Bilder, Filme, Texte, Messages, Chats), ständig neues Material, interaktive Kommunikation, Raum zum Experimentieren, erleichterte sexuelle Kontakte für Behinderte und den Abbau von Vorurteilen und Stereotypen. Als Risiken sieht er den suchtartigen Konsum, die Vermeidung realer Kontakte, Flucht in virtuelle Welten, Belastungen in der Partnerschaft und die hohe Anfälligkeit des Netzes für den Missbrauch.

Verlust der Kontrolle

«Befreien die Lustbilder aus dem Internet? Inspirieren sie zu einer freieren Sexualität? Sind sie ganz einfach Junkfood für die Sinne oder künstliche Paradiese?» Diese Fragen stellte Redaktor Ivo Knill im Editorial der «Männerzeitung», die in Zusammenarbeit mit den TagungsorganisatorInnen ihre Juni-Ausgabe dem Cybersex gewidmet hat. Und weiter: «Der Feminismus der achtziger Jahre verurteilte Pornografie als Akt der patriarchalen Unterdrückung und postulierte ganz nebenbei, dass nur die männliche Lust auf Abwege geraten kann. Heute entdecken auch Frauen die Paradoxien der sexuellen Lust, die zum Beispiel Unterwerfung als einen Akt der Befreiung erlebbar machen. Mir stellt sich eher die Frage: Verlieren wir Männer uns beim ständigen Gaffsex hoffnungslos im weiblichen Feuchtgebiet?»

Redaktor Ivo Knill sagte an der Tagung im Gespräch: «Ich bin kein Sexologe, befasse mich also nicht wissenschaftlich mit der Sexsucht. Ich habe mich aber eingehend im Zuge der Recherchen zur aktuellen Nummer über Online-Pornografie mit Männern unterhalten, die nach ihrer eigenen Sicht von der Sexsucht betroffen sind und diese unter anderem online befriedigen. Ich habe in diesen Gesprächen sehr viel gelernt: Um über Sexsucht und damit verbundene Probleme zu reden, fehlt uns einigermassen ‹normalen› Männern oft die Sprache. Von den Gesprächen mit Sexsüchtigen habe ich stark profitiert. Sie konnten ihr Betroffensein sehr offen formulieren. Das war für mich eine wirkliche Bereicherung.»

Der Leidensdruck, der bei exzessivem Gebrauch von Online-Sex entstehe, komme durch verschiedene Faktoren zustande, sagte Knill weiter. Durch den Verlust der Kontrolle über das eigene Sexleben, die Auszehrung der Kräfte, wenn man stunden- und nächtelang vor dem PC sitze, ständiges Suchen nach dem nächsten Kick, die Steigerung und Aufrechterhaltung der Lust, das häufige Masturbieren bis zur Schmerzgrenze und weit darüber hinaus. Das zehre aus. Zudem wachse die Schwierigkeit, ein normales Sexleben mit der Partnerin zu führen, wenn man eine habe. Es könnten aber auch Einschränkungen bei der Arbeit oder gar der Verlust des Arbeitsplatzes mit der Sexsucht verbunden sein.

«Jeder Mensch möchte als sexuelles Wesen bejaht werden, möchte begehrt sein und Begehren auslösen. Ich glaube, kaum ein Wunsch ist tiefer in uns verankert. Online-Sex kann diesen Wunsch kaum befriedigen – aber er kann ein Mittel und ein Weg sein, sich mit seiner Sexualität zu befassen», sagt der Redaktor der Männerzeitung Ivo Knill. «Vielleicht ist das Bejahen eine mögliche Strategie gegen exzessive Online-Sexualität.»

Schlimm für die Betroffenen sei die Stigmatisierung, sagte Knill zur gesellschaftlichen Situation der Sexsüchtigen. In einer Zeit, wo Pornografie Mainstream sei, sei einer, der als Süchtiger darunter leide, ein Störenfried. «Wir wollen an einer Party fröhliche Leute – das Gesicht eines Alkis stört den fröhlichen Rausch. Die Nutzung von Sexangeboten ist heute offen und befreit. Wer jedoch Probleme damit kriegt, fühlt sich schnell allein gelassen und an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Denn es ist alles andere als salonfähig, in der Öffentlichkeit zu gestehen, dass man sexsüchtig ist.»

 

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