WOZ Nr. 41/2010 vom 14.10.2010

Das Dorf der Widerspenstigen

Wir befinden uns im Jahre 2010 nach Christus. Ganz China ist von Parteibonzinnen und Kapitalisten besetzt ... Ganz China? Nein! Ein von unbeugsamen Miao bevölkertes Dorf hört nicht auf, den Eindringlingen Widerstand zu leisten. Dieses Dorf gibt es wirklich. Es heisst Langde. Und man kann es besuchen.

Von Wolf Kantelhardt, Langde

Die Bushaltestellen entlang der neuen sechsspurigen Strasse, die von der Grossstadt Kaili im Südosten der südchinesischen Provinz Guizhou aufs Land führt, weisen «kulturelle Besonderheiten» auf, wie man das hier nennt. Ihre Dächer erinnern an die Wind-und-Regen-Brücken der Dong-Nationalität, die in dieser besonders armen Provinz stark vertreten ist. Oder die Säulen der Bushaltestellen ragen durch das Dach hindurch und gleichen am oberen Ende silbernen Wasserbüffelhörnern, dem traditionellen Kopfschmuck der Frauen der Miao-Nationalität.

Doch den mitreisenden, etwa fünfzig Jahre alten Bauern in seinem dünnen blauen Baumwollhemd interessiert das alles nicht. Als der Bus nach rechts auf eine nur noch zweispurige Strasse einbiegt, hört er endlich auf, in sein Mobiltelefon zu schreien. Er schaut jetzt mit sichtbarem Wohlwollen auf den kleinen, über dem Fahrer angebrachten Bildschirm. Zu russischer Discomusik laufen hier Poledance-Videos, in denen sich schlanke blonde Frauen um Stangen schlängeln, wenn auch anscheinend zu ursprünglich anderer Musik, denn sie sind völlig ausser Takt. Die grandiose Landschaft draussen – glasklare Gebirgsbäche, darüber terrassenartig angelegte Reisfelder in leuchtendem Grün, darüber bewaldete Berghänge oder steile Karstfelsen – kommt dagegen nicht an.

Der Teufelsmeister interpretiert neu

Der Bus biegt noch einmal nach rechts, und fährt nun auf einer einspurigen Strasse. Fast alle Fahrgäste sind inzwischen ausgestiegen. Jetzt ist es nicht mehr weit. Eineinhalb Kilometer das Tal hinauf, dann taucht hinter einer Biegung Langde auf. Wie alle Miao-Dörfer liegt es nicht unten im Tal. Um die wenigen guten, landwirtschaftlich nutzbaren Flächen nicht zu verschwenden, haben die Miao ihre Dörfer immer an Berghängen errichtet.

Die Fahrt hat mit allen Ein- und Aussteigestopps keine fünfzig Minuten gedauert, aber der Kontrast könnte nicht grösser sein: In der Grosstadt Kaili mit ihren über 300 000 EinwohnerInnen werden ganze Berge abgetragen, um Platz für noch mehr sechsspurige Asphaltstrassen und dreissigstöckige Büro- und Wohnhochhäuser zu schaffen. Hier in Langde führen nur ein paar schmale Fusswege über Bruchsteintreppen ins Dorf hinauf. Alle Häuser sind aus Holz. Und alle EinwohnerInnen heissen mit Nachnamen entweder Chen oder Wu – wobei die Familie Wu später hierhergezogen war und sich mit den Chens verbrüderte. Für die heute knapp 600 EinwohnerInnen Langdes ist es deshalb undenkbar, dass jemand hier eine Ehepartnerin oder den Partner aus dem Dorf wählt – man heiratet ja auch nicht seinen Bruder oder die Schwester. Das ganze Dorf empfindet sich als eine Familie.

Der Parteisekretär von Langde heisst Chen Zhengtao. Er ist ein kleiner Mann mit dunkelbrauner Haut und kurzgeschorenen weissen Haaren. Sein blaues Baumwollhemd ist hinten am Nacken durchgescheuert, das kommt von der Tragestange. Anders bekommt man schwere Lasten die Berge weder hinauf noch herunter. Reich ist er nicht, trotz seiner 41 Jahre als Parteisekretär des Ortes. Dennoch ist er zufrieden mit dem, was er hier aufzubauen geholfen hat – ein solidarisches System.

Langde war das erste Dorf in der Region, das auf Tourismus setzte. Das war 1986. «Zu jener Zeit wusste keiner von uns, was Reisen eigentlich bedeutet. Zuerst mussten wir die Wege bauen», erinnert sich Chen Zhengtao. Das ganze Dorf schleppte Steine vom Fluss herauf. Aber das war nicht das Schwierigste. Viel schwieriger war, dass bei den Miao zwischen Aussaat und Ernte nicht geflötet und getanzt werden darf. Die BewohnerInnen der umliegenden Dörfer fürchteten deswegen, dass der Tourismus in Langde Naturkatastrophen oder zumindest Missernten nach sich ziehen würde – und hatten Angst, mit hineingezogen zu werden. «Täglich kamen deren Teufelsmeister und haben bei uns vor dem Dorftor Hühner geopfert. Und das Dorf talaufwärts hat versucht, den Fluss zu stauen.» Chen Zhengtao konnte aber den Teufelsmeister von Langde überreden, für den Tourismus einzutreten. «Er hat die alten Vorschriften neu ausgelegt. Er hat gesagt: Das Verbot hatte den Zweck, dass die jungen Leute fleissig auf den Feldern arbeiten, für Kleidung und Nahrung sorgen. Der jetzige Tourismus ist auch Arbeit, der dient auch der Verbesserung der Lebensumstände.» Und so flöteten und tanzten die BewohnerInnen von Langde bald darauf für ihre ersten Gäste – RepräsentantInnen der Nationalen Kulturgüterausstellung in Peking.

In den ersten vier, fünf Jahren kamen hauptsächlich politische Delegationen – und die DorfbewohnerInnen hatten nur «die Ehre» und bekamen manchmal kleinere Geschenke. Damals hatten alle auf ihren Feldern zu tun, niemand wollte sich an den Vorführungen beteiligen. Deswegen führte Chen Zhengtao eine Methode ein, das an das Arbeitspunktesystem aus der Zeit der Volkskommunen erinnert und bis heute besteht: Alle, die bei den Vorführungen mitmachen, bekommen Arbeitspunkte. Diese sind je nach der Schwierigkeit des Beitrags und der Vollständigkeit des Festgewands gestaffelt. 75 Prozent der Einnahmen aus den Vorführungen werden entsprechend dieser Arbeitspunkte ausgezahlt, 25 Prozent für Instandhaltung und Verbesserung der Dorfinfrastruktur eingesetzt – der Basketballplatz unten am Fluss beispielsweise wurde davon bezahlt.

Punktabzug bei Unpünktlichkeit

Aus den Dorflautsprechern tönt eine Durchsage. «Um halb drei gibt es eine Vorführung», übersetzt Chen Zhengzhou, ein sechzig Jahre alter Bauer. Und, wird er auch hingehen? «Aus allen 140 Haushalten wird jemand hingehen», antwortet er. Wie zur Bestätigung kommt Yhengtao, Chens fünfzehnjährige Enkelin, aus einem der hinteren Zimmer und fängt an, sich die Haare zum traditionellen Knoten hochzukämmen.

Die einzigen Gäste bei der Vorführung sind zwei reiche Hongkonger. 600 Yuan, knapp neunzig Franken, mussten sie bezahlen. Dafür wurden sie unten am Dorftor abgeholt, bekamen auf dem Weg hinauf immer wieder von jungen Frauen Trinkschüsseln mit Reisschnaps hingestellt und sitzen nun bei der einstündige Tanz- und Gesangsvorführung in der ersten Reihe. Bei den sich im Takt zu Flöten- und Trommelmusik drehenden Miao-Frauen klimpert bei jedem Schritt der Schmuck, der an Festgewand und Kopfbedeckung befestigt ist. Die silbernen Wasserbüffelhörner funkeln in der Sonne.

Nachdem zum Schluss die DorfbewohnerInnen mehrmals im Kreis um die Bronzetrommel in der Mitte des Platzes gezogen sind, mischen sich plötzlich vier Männer mit langen blauen Gewändern unter sie. Wenn man es nicht wüsste, würde man es kaum bemerken – sie verteilen die Arbeitspunkte. Das geht rasend schnell. Die DorfbewohnerInnen zerstreuen sich. Manche Frauen schnappen sich ihre Körbe mit den Stickereien, die meisten verschwinden in einer engen Gasse.

«Huh, ist das voll!» Chen Zhengzhou stürmt die Treppe zum Kulturgüter- und Tourismusbüro hinauf. Hier drängeln sich die DorfbewohnerInnen, teilweise noch im traditionellen Gewand, um ihre Punkte gutschreiben zu lassen. Es ist eng, und doch gibt es keine Streitereien; es fallen nicht einmal böse Worte.

«Doch, das kommt schon auch mal vor», sagt Chen Guangsheng. Der Dorfbuchhalter ist damit beschäftigt, die Arbeitspunkte in die kleinen Notizhefte einzutragen. «Wenn einer der Teilnehmer ein bisschen zu spät gekommen ist, aber wirklich nur ein bisschen, oder wenn das Kostüm nicht in Ordnung war, er die falschen Schuhe anhatte oder so – dann ziehen wir Arbeitspunkte ab. Das gibt hin und wieder böses Blut.»

«Das Dorf gehört allen»

Und wird auch über die Anzahl von Arbeitspunkten gestritten? «Nein», antwortet Chen Guangsheng. «Im Wesentlichen ist alles festgelegt. Aber Veränderungen gibt es schon.» Letztes Jahr zum Beispiel seien die Männer der Meinung gewesen, dass acht Punkte dafür, dass sie in traditionellem Gewand erscheinen, zu wenig seien. «Das haben wir durchgesprochen, und für den Fall, dass sie sich auch noch ein blaues Tuch um den Kopf binden, einen zusätzlichen Punkt eingeführt.» Wer ohne das Tuch erscheint, bekommt jetzt immer noch acht Arbeitspunkte, wer mit dem Tuch auftaucht neun.

Insgesamt 42 Arbeitspunkte hat die Familie von Chen Zhengzhou diesmal bekommen. Zufrieden streckt er sein Notizheft ein. Wie viel ist denn ein Arbeitspunkt wert, wenn am Monatsende abgerechnet wird? Das weiss Chen Zhengzhou nicht. Er wendet sich wieder an den Dorfbuchhalter, denn der ehemalige Lehrer, der wegen der Geburt eines zweiten Kindes aus dem Staatsdienst entlassen wurde, ist in Mathematik besser: «Am Anfang waren es acht Fen», umgerechnet ein Rappen. «Aber dann konnten wir die Preise für die Vorführungen etwas erhöhen und mehr ausbezahlen. Im Moment ist es etwa das Doppelte.»

Und wie viel ist es insgesamt? «2008 war ein gutes Jahr», sagt Chen Guangsheng, «da hat das Dorf etwa 1,6 Millionen Yuan verdient», rund 230 000 Franken. Für 140 Haushalte eine ganze Menge. «Aber 2009 wurde die Autobahn gebaut. Da war die Strasse die ganze Zeit gesperrt und es kam überhaupt niemand. Vom zweiten Halbjahr 2009 bis zum ersten Halbjahr 2010 ist unser Einkommen etwa auf ein Drittel gesunken.» Oh weh, hält das System einer solchen Erschütterung stand? Chen Guangsheng ist davon überzeugt: «Das System ist noch mindestens für zehn Jahre stabil. Es profitieren doch alle davon. Wenn zum Beispiel jemand alt ist und keine Schaffenskraft mehr hat, dann kann er allein dadurch, dass er zu den Vorführungen kommt, Arbeitspunkte bekommen. Und Kinder ab dem Schuleintrittsalter auch. Das ist gerecht so. Das Dorf und die Kultur gehören allen.»

Das Angebot der Regierung

Aber die jungen Menschen, sind die mit diesem System zufrieden? Die könnten doch alleine viel mehr Geld verdienen? «Ja, das Problem gibt es», sagt Chen Guangsheng. «Die besten Sängerinnen und Tänzerinnen können wir hier nicht halten. Die gehen mit irgendwelchen Unternehmern auf Tournee, arbeiten in Guangzhou oder Shanghai – aber wir hindern sie nicht daran.» Wer gehen will, dürfe gehen, «und wenn sie zurückkommen, können sie bei den Vorführungen wieder mitmachen, und wenn sie richtig angezogen waren, bekommen sie wie alle ihre Arbeitspunkte.»

Wegen des Erfolgs, erzählt Chen Guangsheng, habe die Regierung hier sechzig Millionen Yuan investieren wollen. «Aber wenn die was macht, dann macht sie es immer gross. Und sie will alles so machen, wie sie will, und nicht, wie wir wollen.» Die Regierung wollte einen grossen Parkplatz bauen, ein Eingangstor, Eintrittskarten verkaufen und das Punktesystem abschaffen. «Aber das würde so viel von den Feldern zerstören. Und bei uns wohnt ein Blinder, woher sollte der dann noch ein Gehalt bekommen? Derzeit verdient er immerhin noch ein paar Tausend im Jahr: Das ist nicht viel, aber auf dem Land ist das trotzdem sehr gut.»

Aber gibt es denn gar keine jungen Leute, die grosse Augen bekommen, wenn sie die Zahl sechzig Millionen hören? Oder auch nur einen, der schwach wird, wenn ihm ein Chinese von ausserhalb so viel für die Miete seines Hauses bietet, dass er sich davon ein Motorrad kaufen kann? Chen Guangsheng schüttelt den Kopf. «Es ist besser, wenn man in seinem Haus der Herr bleibt. Das verstehen alle.»

Regulierter Markt

Um einen Termin bei Chen Shengren zu bekommen, dem Leiter des zwanzigköpfigen Tourismuskomitees, muss man warten, bis er von seinem Feld oben am Berg zurückgekommen ist. Er wischt sich den Schweiss von der Stirn.

Beklagt sich denn niemand, dass das System zu sehr in die wirtschaftliche Freiheit der Einzelnen eingreift? «Im Moment betreiben hier fünfzehn Haushalte ein Nongjiale», eine Art Landgasthaus, antwortet Chen Shengren, «das beschränken wir nicht. Wir sehen nur nach, ob zum Beispiel die Treppen sicher und die Küchen sauber genug sind. Wer in seinem eigenen Haus einen kleinen Laden eröffnen will, der kann das gerne tun. Aber er muss neben der Tür einen Mülleimer aufstellen.» Während der Tanzvorführungen dürfen beispielsweise keine Stickereien verkauft werden. «Und nach der Vorführung muss jede der Verkäuferinnen einen ihr vorher zugelosten Ort einnehmen – damit es kein Gedränge und keine Streitereien gibt.» Das seien Eingriffe, die dem Gemeinwohl dienen.

«Im letzten Jahr waren einige grosse Unternehmer hier. Die wollten das ganze Dorf mieten und den Tourismus dann in die eigene Hand nehmen. Die bieten dir tausend Yuan pro Mu», das sind 660 Quadratmeter. In Guizhou hat jede Bauernfamilie durchschnittlich zwei Mu grosse Reisfelder. «Aber dann lassen sie die Felder brach liegen oder bauen darauf. Und wenn dann keine Touristen mehr kommen? Deswegen sagen wir hier, dass alle ihre Felder behalten und selbst bestellen sollen.» Auch wenn das für Chen Shengren bedeutet, dass er zur Erntezeit grosse Probleme hat, genügend Sängerinnen und Tänzer zusammenzubekommen und deshalb – wenn auch nur selten – Vorführungen absagen musste.

Dass die Dorfbevölkerung an der Landwirtschaft festhält, sorgt immer wieder für Konflikte mit den Behörden. «Die Regierung wollte, dass wir keine Tiere mehr halten – keine Wasserbüffel und keine Schweine», berichtet der Tourismusverantwortliche. «Ihr seid ein Tourismusdorf, haben die gesagt. Aber zuerst einmal sind wir ein Dorf. Und in ein Dorf gehören Tiere.» Dann habe ihnen die Regierung verboten, dass die Wasserbüffel im Fluss baden. Das sei unhygienisch. «Aber wenn es heiss ist, müssen die Wasserbüffel im Fluss baden. Das war schon immer so. Dass dieses Jahr weniger Touristen kommen, hat doch mit den Wasserbüffeln nichts zu tun.»

Die Regierung werfe dem Dorf zudem vor, dass es ihre Arbeit nicht unterstütze. «Deswegen ist sie jetzt wütend auf uns.» Und hat in Xijiang investiert, ein näher an Kaili gelegenes Miao-Dorf, zu dem auch die sechsspurige Strasse führt. «Alle politischen Delegationen und staatlichen Reisen gehen jetzt dort hin.» Trotzdem sieht Chen Shengren das System nicht gefährdet. «Für uns ist es längst Teil unserer Kultur geworden.»

Der neue Trick der Behörden

Wer über Nacht bleibt, merkt schnell, dass es noch Spielraum für professionelleres Management gäbe: Die einzige Einrichtung der Zimmer besteht aus zwei Betten. Kein Tisch, kein Stuhl, gar nichts. Die Betten haben keine Matratzen – unter der Decke spürt man die Bretter. Es klopft an der Tür. Chen Zhengzhou bringt eine angezündete Rauchspirale gegen Moskitos herein; am Fenster gibt es kein Mückengitter. Die Toilette ist draussen in einem kleinen Häuschen, das Chen verbotenerweise aus Beton gebaut und dann verschämt mit Holzbrettern verkleidet hat. Toilettenpapier sollte besser selbst mitbringen, wer es mit einer Zeitung nicht kann.

Andererseits kostet die Übernachtung – wie überall im Dorf – nur 15 Yuan, etwas über zwei Franken. Alle Mahlzeiten (es gibt keine Speisekarte, gegessen wird, was die Familie isst) bestehen aus einer grossen Schüssel Suppe und Reis und kosten ebenfalls 15 Yuan. Abends gibt es in Langde nicht viel zu tun. Aber man darf bei der Gastfamilie fernsehen.

Li Pengfen, die aus einem anderen Dorf eingeheiratete Frau des dritten Sohns von Chen Zhengzhou, wohnt mit ihrem zweijährigen Buben hier bei ihren Schwiegereltern und erläutert, warum sie ihrem Mann, der als Wanderarbeiter in Guangdong ist, nicht in die Küstenprovinz gefolgt ist: «Wenn ich mit dem Kind auf Wanderarbeit gehe, dann sind die Lebenshaltungskosten noch viel höher», sagt sie. Hier hat sie ihre Schwiegereltern, die ihr helfen. Und hier kann sie zu den Vorführungen ihren Sohn mitnehmen und noch etwas verdienen.

Und dann erzählt Li Pengfen, dass in Langde jetzt nicht mehr alle für die Reinigung eines bestimmten Wegabschnitts zuständig sind. Früher wurden Arbeitspunkte abgezogen, wenn jemand diese Aufgabe vernachlässigte. «Die Regierung meinte, wir müssten das ändern. Was gab das für Diskussionen im Dorf!» Seit Herbst 2009 werden für die Wegreinigung drei oder vier DorfbewohnerInnen bezahlt. «Vielen war gar nicht wohl dabei, weil sie eine Aufweichung des Kollektivsystems befürchteten.» Und als die Parteileitung des Dorfs den von den Behörden gewünschten Hotelbau ablehnte, «sind die in jedes Haus gekommen. Um ‹ideologische Arbeit› zu machen. Wir sollten unterschreiben, dass wir für den Hotelbau sind», sagt Li Pengfen. «Aber kein Einziger aus dem ganzen Dorf hat unterschrieben. Seitdem sagt die Regierung, wir seien die Widerspenstigsten von allen.»

Inzwischen hat sich die Regierung wieder etwas Neues einfallen lassen. Das eigentliche Langde, in das bisher die TouristInnen kamen, soll mit dem flussabwärts gelegenen Langde Unterdorf administrativ zusammengelegt werden. Im «Oberdorf» soll laut den Plänen der Behörden weiter getanzt werden, im Unterdorf sollen Hotels entstehen und Geld verdient werden. «Sie sagen, dass sie uns etwas von ihren Vorteilen abgeben wollen», sagt Li Pengfen. «Aber was ist daran vorteilhaft?» Wenn erst einmal unterschiedliche Interessen im Spiel sind und an der Dorfversammlung Menschen mitentscheiden, die mit der Gemeinschaft bisher nichts zu tun hatten – wird es dann nicht leichter sein, einen Keil zwischen sie zu treiben? «Ob wir dieser Prüfung standhalten können», sagt Li Pengfen, «ist nicht sicher.» Sie wollen aber so lange wie möglich an ihrem solidarischen Modell festhalten.

Die Miao-Rebellion

Verhungern oder Widerstand

Der Aufstand der Miao, auch bekannt unter dem Namen Xian-Tong Rebellion (1854–1872), war nur eine der vielen Rebellionen in der Mitte des 19. Jahrhunderts, die sich gegen die Herrschaft der Mandschuren richteten. In den verkarsteten Bergregionen von Guizhou reichte die Ernte auch in guten Jahren nur knapp fürs Überleben. Wenn ihnen Land geraubt wurde, was durchaus vorkam, oder die Regierung ihnen noch mehr Geld abpresste, blieb den indigenen Völkern nur die Wahl zwischen langsamem Verhungern oder bewaffnetem Widerstand. Die manchmal gemeinsam mit anderen indigenen Völkern wie den Dong oder Buyi, manchmal sogar mit Angehörigen der dominanten Bevölkerungsgruppe der Han-ChinesInnen geführten Kämpfe erstreckten sich über einen Zeitraum von achtzehn Jahren und eine Fläche etwa fünf mal so gross wie die Schweiz. Zweimal – 1860 und 1863 – gelang es den Aufständischen, die Provinzhauptstadt Guiyang einzukreisen, aber einnehmen konnten sie die Stadt beide Male nicht.

Langde war der Heimatort des Aufständischenführers Chen Lalüe. Und Langde war auch das letzte Dorf, das den mandschurischen Truppen noch Widerstand leistete. Auf dem letzten Bergkamm vor Langde, bevor es durch die an den steilsten Stellen gepflanzten Maisfelder und die an flacheren Stellen terrassenartig angelegten Reisfelder hinab ins Dorf geht, verläuft ein nur noch siebzig Zentimeter hoher Erdwall. Er zeugt von der letzten Verteidigungslinie in einer offenbar verzweifelten Schlacht. Die anschliessende Brandschatzung des gesamten Dorfs überlebten nur fünfzehn EinwohnerInnen.

Der Aufstand kostete nach heutigen Schätzungen knapp fünf der damals rund sieben Millionen Angehörigen der Miao das Leben.

Chinas Binnentourismus

Ein Plus von 27 Prozent

Viel Ferien haben die erwachsenen ChinesInnen nicht: den 1. Januar, drei Tage zum traditionellen Frühlingsfest, den Tag der Arbeit, jeweils einen Tag am Totengedenkfest, am Drachenbootfest und am Mondfest sowie drei Arbeitstage zum Staatsgründungsjubiläum am 1. Oktober. Macht zusammen elf Tage Urlaub im Jahr.

In der Goldenen Woche, der arbeitsfreien Zeit vom 1. bis zum 7. Oktober (für die ein Wochenende zusätzlich gearbeitet werden musste), verreisten dieses Jahr über 250 Millionen ChinesInnen; im Vergleich zum Vorjahr war das eine Steigerung um 27 Prozent. Sie gaben dabei insgesamt 116 Milliarden Yuan aus – im Schnitt 460 Yuan pro Kopf, umgerechnet 66 Franken.

Die organisierten Ausflüge an den gesetzlichen Feiertagen machen neben den Reisen von Regierungs- und Unternehmensdelegationen das Gros des innerchinesischen Tourismus aus; wirklich erholen können sich die UrlauberInnen jedoch selten. Vor den Sehenswürdigkeiten der wichtigsten Destinationen stehen Schlangen bis zum Parkplatz, drinnen herrscht fürchterliches Gedränge. Deshalb weichen viele Angehörige der städtischen Mittelschicht, die in ihren Arbeitsverträgen fünf bis maximal zehn zusätzliche Urlaubstage durchsetzen konnten, auf andere Termine aus.

Und sie suchen andere Ziele. Immer mehr junge ChinesInnen zieht es besonders in die noch nicht modernisierten Gebiete in der südwestchinesischen Provinz Yunnan, die von «idyllischen» Minderheiten bewohnt werden: nach Dali (Bai-Nationalität), nach Lijiang (Naxi-Nationalität) und nach Zhongdian (dem offiziellen Shangri-la), das früher hauptsächlich von TibeterInnen bewohnt wurde.

Da diese Orte inzwischen aber ebenfalls durchkommerzialisiert sind (und alle über einen eigenen Flughafen verfügen), suchen chinesische Individualreisende (aber auch Reiseveranstalter) vermehrt nach noch «unverfälschten» Reisezielen. Die in abgelegenen Regionen Südwestchinas lebenden Angehörigen der Minderheiten sehen in dieser Entwicklung eine Chance – auch wenn das tägliche Leben dadurch zum kulturellen Kunstprodukt wird.