Nr. 11/2011 vom 17.03.2011

Der Klub der Überlebenden

Letzte Woche ist die Entscheidung gefallen: Im US-Bundesstaat Illinois wird die Todesstrafe abgeschafft. Dass das Parlament und der Gouverneur des Staates schliesslich für die Abschaffung votierten, ist auch das Verdienst von Menschen, die ihr eigenes Todesurteil überlebt haben.

Von Lennart Laberenz, Chicago

«Osten ist rechts», hatte Delbert Tibbs am Telefon gesagt. «Rechts von der Autobahn, wenn du an der Haltestelle stehst.» Eine Viertelstunde sei es zu Fuss vom Ausgang der blauen Metrolinie. Auf der Brücke über dem achtspurigen Verkehr schieben Mädchen Kinderwagen. An den Griffen hängen schwere Plastiktüten. Junge Männer patrouillieren umher, Väter vielleicht. Um ihre Hälse hängen schwere Ketten. Ausser in Chinatown wohnen in den Vierteln südlich von Chicagos Innenstadt vor allem Schwarze. Die Novembersonne taucht die breiten Asphaltbänder in Brauntöne, es ist ungewöhnlich warm.

Delbert Tibbs: Unschuldig in der Todeszelle

Im Stadtteil Chatham liegen einstöckige, gleichförmige Häuser eng nebeneinander. «Shotgun houses» werden solche Bauten genannt. Es heisst, bei geöffneter Vorder- und Hintertüre könne ein Schuss durch sie hindurchgehen, ohne Schaden anzurichten. Mit jedem Block weiter nach Osten, von der Autobahn weg, werden die Gebäude stattlicher. Vor der Saint Mark’s United Methodist Church fragt ein Schild: «Was ist der Sinn deiner Tränen?»

Hinter der Kirche endet die Strasse an einem grauen Betonblock, einem Seniorenwohnheim. Die Concierge nickt, eine Klingel summt, vorbei geht es am Gemeinschaftsraum: Der 72-jährige Tibbs bewohnt zwei Zimmer im siebten Stock. Bilder zieren die Wände, Gemaltes von Freunden, ein Foto zeigt seine Mutter auf einer Demonstration. Tibbs wohnt hier seit acht ­Jahren. Doch er ist viel unterwegs. Immer wieder macht er sich auf, wenn es um Konferenzen, Treffen und Aktionen gegen die Todesstrafe geht. Denn Delbert Tibbs hat sein eigenes Todes­urteil überlebt.

In den letzten vierzig Jahren haben 139 Menschen in den USA unschuldig auf ihre Exekution gewartet und sind doch noch freigekommen. Tibbs war der Elfte: 1977 wurde er nach knapp drei Jahren Haft aus dem Hochsicherheitsgefängnis in Starke, Florida entlassen. Andere sassen über zwanzig Jahre in der Todeszelle. Die Todesstrafe kann in 35 US-Bundesstaaten sowie von Bundesgerichten und Militärtribunalen verhängt werden. Exekutiert wird in der letzten Zeit meist per Giftspritze. In Utah wählte der Todeskandidat Ronnie Lee Gardner vor einem Jahr ein Erschiessungskommando.

Die USA sind das Land mit den weltweit meisten Bürger­Innen in Haft. Im Januar 2010 zählte das Rechercheinstitut PEW Center 1 612 071 Häftlinge. Dazu kommen rund fünf Millionen, die in Untersuchungshaft, unter beaufsichtigtem Hausarrest, in Straflagern oder auf Freigang sind. 3261 Häftlinge sitzen in der Todeszelle. Wie viele unschuldig exekutiert wurden, ist nicht ­erhoben.

«Vor zwanzig, dreissig Jahren wurde Chatham als ein Viertel der schwarzen Bourgeoisie gesehen», sagt Tibbs schmunzelnd, die Stimme tief und rau geschmirgelt von Zigaretten. Tibbs lacht kurz: Einen «chuckle» nennen das die US-AmerikanerInnen, eine sich räuspernde Grundheiterkeit. Und Tibbs schmunzelt gern. Er lacht auch, weil ihn das Erzählen freut. Seine Sätze sind rund, elegant komponiert und nachdenklich: Sie verraten den Leser und Poeten. Tibbs, 1939 in Mississippi auf einer Plantage geboren, kam früh zum Lesen, weil die Welt nicht schön war, in der er lebte. «Ich hatte sehr viel Glück», sagt er.

Fast zwei Meter misst Delbert Tibbs. Seine Haare und der Bart sind angegraut. Oft zieht er eine Weile an der Zigarette, bis er den nächsten Satz gefunden hat. Dann winkelt er das Bein an: Ihn schmerzen die Füsse. Seit Jahren schon.

Als er zwölf Jahre alt war, zog seine Familie aus Shelby, Mississippi, «dort, wo die Apartheid herrschte», hinauf nach Chicago. Die Mutter hoffte, einen etwas besseren Job zu finden, etwas bessere Schulen, etwas weniger Hass. Delbert fand das bessere Leben in den Bibliotheken, fand die Abenteuerromane, die Geschichten aus dem Wilden Westen. «Das war das Leben, das ich einmal führen wollte. Ein freies Leben.»

Er schaffte es durch die Schule, schaffte es ins sogenannte Corporate America – die Angestelltenwelt, die vielen Schwarzen verwehrt blieb. Im Anzug mit dem weissen Hemdkragen aber steckte Jähzorn: «Ich liess mir wenige Dinge gefallen, vielleicht ein Charakteristikum der Südstaaten in mir.» Im Süden wurden die Dinge mit der Faust ausgetragen und auch mit der Klinge. Zudem: «Ich wurde erwachsen in den sechziger Jahren, in Zeiten des Aufruhrs. Ich lebte zwischen jungen Schwarzen, die eine ­Revolution wollten.»

Tibbs begann Theologie zu studieren. Weniger um Pas­tor zu werden als vielmehr wegen der Forderungen, die der ­Bürgerrechler und Pastor Martin Luther King an die US-amerikanische Gesellschaft stellte; dass jeder Mensch gleich viel Wert sein soll und die gleichen Rechte haben muss. «Ich kannte als Kind die getrennten Trinkbrunnen für Schwarze und Weisse. Und ich wusste, wenn ein Schwarzer für seine Würde, oder eben mit Würde widersprach, wurde das als dreist verstanden. Und ein dreister Nigger wurde bestraft und manchmal auch gelyncht.» Dagegen stellte sich Kings Langmut, die entwaffnende Logik, die sogar seinen GegnerInnen einleuchten musste. «Er veränderte mein Leben. Vielleicht ist er sogar dafür verantwortlich, dass ich noch lebe, denn ich hatte ein Temperament, das mich Diskriminierungen nicht lange akzeptieren liess.»

Nach dem Studium streifte Tibbs durch die Staaten. Er lief, trampte, fuhr in Güterwagen. Von 1972 an orientierte er sich nach Florida, hin zur grünen Landschaft. Als er sich im Feb­ruar 1974 nach Norden, zurück zur Familie, aufmachte, kontrollierte ihn ein Polizist bei Ocala: Ein Mann würde gesucht, keine 1,70 Meter gross, mit einem grossen Afro. Delbert, grösser, mit hellerer Haut und ohne nennenswerten Afro sei wohl nicht der Gesuchte. Der Polizist macht Fotos, um sie zur Polizei in Fort ­Myers zu schicken. Und er schrieb für Tibbs einen Brief – für kommende Kontrollen.

Schliesslich aber, schon in Mississippi, drehte wieder ein Polizeiwagen auf der gegenüberliegenden Seite der Strasse um und stoppte ihn. Tibbs erzählt auch von dieser Begegnung mit entspannter Stimme: «Ich hatte nichts zu befürchten, und es war ja auch ein schöner Tag.» Doch der Polizist verhaftete ihn. Er würde im Süden gesucht. «Klar, hätte ich mich meiner Auslieferung nach Florida widersetzen können. Aber ich hatte – aus Mangel an besseren Worten, sag ich es mal so – eine «spirituelle Reife» erreicht, die mich von vielen Dingen befreite. Ich sah Weisse überhaupt nicht mehr als Feinde.» Die Verwechslung würde sich rasch klären, dachte Tibbs.

Doch die Dinge verliefen anders. Als die Polizei in Florida eine Gegenüberstellung mit der Zeugin des Mordes veranlasste, hatten die lokalen Fernsehstationen und Zeitungen bereits Berichte mit Bildern von Tibbs aufgemacht, hatten die frohe Erwartung verkündet, dass nun ein Mörder seiner gerechten Strafe zugeführt werde. Als Tibbs mit anderen Gefangenen der Zeugin gegenübergestellt wurde, die angab, vergewaltigt worden zu sein, hörte er sie sagen: «Yeah, das ist der Wichser.»

Der Prozess und das Todesurteil gegen Delbert Tibbs erregten Aufmerksamkeit. Die gängige Praxis, nach der die Aussage einer weissen Frau über Leben und Tod eines schwarzen Mannes bestimmen konnte, wurde nicht mehr hingenommen: Die Bürgerrechtlerin Angela Davis machte das Urteil zur Cause célèbre, initiierte Demonstrationen. Auch die bekannte Liedermacherin Joan Baez besuchte Tibbs im Gefängnis, sammelte Geld für eine bessere Verteidigung im Berufungsverfahren. Folkmusiker Pete Seeger sang ein Gedicht von Tibbs: «Sagt, will denn niemand hören, wie ich verleumdet wurde? Weiss denn niemand, dass die Geschworenen alles Weisse waren? Weiss denn niemand, was da alles vertuscht worden ist?»

Trotz besserer Anwälte dauerte es drei Jahre, bis Tibbs freikam, und noch länger, bis auch der Staatsanwalt die Anklage ­fallen liess: Er wollte Tibbs trotz der zweifelhaften Zeugin und den entlastenden Beweisen verurteilen.

Rob Warden: Der Aufdecker

Chicago ist eine wichtige Basis der Bewegung gegen die Todesstrafe. Im November und im Dezember 2010 wird hier intensiv über eine Gesetzesvorlage zur Abschaffung der Todesstrafe diskutiert. Im Januar 2011 soll sie in den beiden Parlaments­kammern des Staates Illinois zur Abstimmung kommen. Die Finanzen sind dabei ein wichtiges Argument für den Vorschlag. Wegen aufwändiger Prozesskosten ist die Todesstrafe mit Abstand die teuerste Strafe, sie kostet im Schnitt mehr als doppelt so viel wie lebenslänglich. Einer Studie zufolge schlägt in Maryland eine einzige Exekution mit über 37 Millionen US-Dollar zu Buche.

«Die Frage ist nicht, ob wir die Todesstrafe abschaffen», sagt Rob Warden mit einem fröhlichen Lächeln, «sondern wann.» Warden war Journalist und Herausgeber des «Chicago Lawyer» und hatte dort in den achtziger Jahren eine Reihe von Reportagen über Fehlurteile im Bundesstaat Illinois veröffentlicht. Er ist einer der wichtigsten Figuren in der Bewegung gegen die Todesstrafe. Warden leitet das Fehlurteilszentrum an der ­juristischen Fakultät der Northwestern Universität. Das Zentrum hat sich zum Ziel gemacht, möglichst viele falsche Ver­urteilungen in Illinois aufzudecken.

Warden erzählt von einem Bezirksgericht nördlich der Stadt: «In Lake County wird die DNA-Analyse nur zugelassen, wenn sie den Angeklagten belastet. Als Entlastungszeugnis wird sie nicht berücksichtigt.» Er hat auch ein Buch über das Phänomen der plötzlich auftauchenden Zeugen aus den Gefängnissen geschrieben. Die Liste der Mithäftlinge, denen die Täter gestanden hätten, ist lang. Für ihren Verrat werden sie mit Haft­erleichterung belohnt. Viele revidierten ihre Aussagen später.

Die Opfer der Fehlurteile ähneln sich: Sie sind nicht wohlhabend, nicht gebildet – und schwarz. Loïc Wacquant, Soziologe an der Universität Berkeley, schreibt dazu: «Dem gezielt herbeigeführten Schwund des Sozialstaats entspricht das zunehmende Engagement des strafenden Staats. Elend und Verfall des Ersteren hat unmittelbar Grösse und Blüte des Letzteren zur Folge.»

Warden, ein rundlicher, kleiner Mann, fasst sich an die Hosenträger und verweist auf ein Grundmuster der Strafpolitik in den USA: «Unglücklicherweise ist die Ausgestaltung der Strafjustiz sehr abhängig von einzelnen Ereignissen. Wenn furchtbare Verbrechen geschehen, können politische Reformen zur Abschaffung der Todesstrafe auf ewig verzögert werden.»

In Illinois passierte das Gegenteil: Im Januar 2000 hatte Georg Ryan, der damalige Gouverneur von Illinois, in Bezug auf die Todesstrafe ein Moratorium angeordnet. Seit der Wiedereinführung der Todesstrafe in Illinois im November 1978 waren zwölf verurteilte Todeskandidaten hingerichtet worden. Dreizehn Verurteilte wurden lange nach ihrem Todesurteil für unschuldig befunden und wieder freigelassen. Die Entscheidung von Ryan wirkt nach: Er wandelte alle Todesurteile in lebenslängliche Haft um und musste zugeben, dass in den USA Unschuldige hingerichtet worden waren. Das waren völlig neue Töne in einem Land, in dem der staatlich verordnete Tod gerne patriotisch verbrämt oder mit der Bibel begründet wird.

Witness to Innocence: Die Kämpfer

In der Wohnung von Delbert Tibbs klingelt es. Er ist bereits ausgehfertig. Tibbs ist einer der Sprecher von Witness to Innocence, einer Organisation, die Überlebende aus der Todeszelle durchs das Land schickt, ihnen in Schulen und Universitäten ein Publikum organisiert. Heute geht es zum Jahrestreffen des Vereins. Über Chicago versinkt farbenfroh die Sonne, und Tibbs bläst ­Zigarettenrauch aus dem Autofenster. Nach einer Weile dreht er sich um: «Es gibt Leute, die sagen, ich sei der Auslöser für die Bewegung gegen die Todesstrafe in Illinois gewesen. Das ist übertrieben. Doch möglicherweise haben sich viele Amerikaner erst aufgrund meines Falls mit der Todesstrafe auseinandergesetzt.» Wir verfahren uns auf dem Weg zum Hotel, wo die Zusammenkunft stattfinden soll.

Als wir es endlich finden, ist es längst dunkel. Vor dem Eingang steht eine grössere Gruppe rauchender Männer. Schwere Hände heben sich zum Gruss, Schultern schlagen gegeneinander. Tibbs rollt mit tiefer Stimme: «He! Ihr seht aus wie ein Trupp ehemaliger Häftlinge.» Die Männer lachen, die Atmosphäre gleicht einem Klassentreffen. «Wir sind eine Familie. Eine Bruderschaft», sagen sie.

Die Männer im Konferenzraum des Hotels bringen es zusammen auf über 200 Jahre Todeszelle. Zum Teil wurden sie von angeblichen ZeugInnen verraten, von Spitzeln ausgeliefert, von Polizisten gefoltert. Einige wurden verurteilt, weil Staatsanwälte und Richter Täter und Todeskandidaten brauchten, um Stimmen für die nächste Wiederwahl zu sammeln. Einer war von Richter Thomas Maloney verurteilt worden, der mit Vorliebe Schwarze in die Todeszellen schickte, ihnen jedoch zuvor Tausende Dollar Schmiergeld abnahm – für nichts. In den meisten Fällen wurden falsche ZeugInnen bezahlt, Entlastungsbeweise von der Staatsanwaltschaft unterschlagen, nicht zugelassen oder gar vernichtet.

Freddy Lee Pitts war einer der moralischen Stützen aus dem Hochsicherheitsgefängnis von Starke. Obwohl wenige ­Woche nach seiner Verurteilung ein Weisser die Tat gestand, blieb er in der Todeszelle. Der 1963 in seinem Fall ermittelnde Sheriff sagte: «Ich habe schon diese zwei Nigger, die für den Mord auf den Stuhl warten.» Der Spassvogel Juan Melendez, der bei seiner Verurteilung kaum einen Satz Englisch verstand, steht neben Shabaka WaQlimi – dieser hatte Melendez im Gefängnis Lesen, Englisch und Geduld beigebracht. WaQlimi konnte für sich selbst dreimal nur Stunden vor seiner Exekution einen Aufschub erreichen. Melendez, der gern von den Kakerlaken und Ratten in seiner Zelle erzählt, hatte siebzehneinhalb Jahre auf seine Freilassung warten müssen. Wie die anderen hat er nie eine Entschuldigung gehört, geschweige denn eine Entschädigung ­bekommen.

Drei Tage werden sie hier zusammen weinen, lachen, trinken, Geschichten erzählen, sich über Eier mit Speck zum Frühstück freuen, Strategien für den Kampf um Entschädigungen entwerfen. Ein paar Ticks sind ihnen aus der Zeit in der Todeszelle geblieben: Manche können nur Wasser trinken, nachdem sie selbst die Flasche öffneten, andere vergewissern sich stets, dass die Türen unverschlossen sind. Eine bittere Ironie ist ihnen allen bewusst: Wären sie zu lebenslänglich verurteilt worden, sässen sie alle noch im Gefängnis. Ihre Fälle hätte niemand überprüft, und für die draussen wären sie ohne Interesse.

Randy Steidl: Besuch beim Senator

Gordon Steidl wird von allen nur Randy genannt. Aufgewachsen in einer weissen katholischen Bauersfamilie im ländlichen Illinois geriet er ins Fadenkreuz von Mafiosi, korrupten Staatsanwälten und tief in die Kriminalität verstrickten Politikern. Steidl hatte die Bundespolizei FBI auf einen Drogenring aufmerksam gemacht. Kurz darauf wurde ihm ein Doppelmord angehängt. Sein Alibi wurde von zwei Augenzeugen der Tat aufgehoben – «dem Dorfalkoholiker und einer psychisch labilen Frau», sagt Steidl. Jahre später, bei der Revision seines Falls, fand ein unabhängiger Polizeiermittler eine Quittung über 25 000 Dollar, die die Zeugin und der Zeuge für ihre Aussagen von der Polizei erhalten hatten. Gordon Steidl sass fast achtzehn Jahre in der Todeszelle.

Steidl erzählt seine Geschichte, während wir durch einen Aussenbezirk von Chicago fahren. An den Rändern der Autobahn leckt bereits das Präriegras, die Topografie der Vororte wechselt rasch von Industrievierteln zu Quartieren mit vielen stattlichen Villen. Am Steuer sitzt Liz Moran, eine Organisatorin der Illinois Coalition against Death Penalty. Sie hat Tausende Kilometer mit Randy Steidl abgerissen, hat ihn zu Schulen, Universitäten und Versammlungen begleitet. Sie hat aber auch die PolitikerInnen des Bundesstaats besucht, um sie vom Gesetzesvorschlag der DemokratInnen gegen die Todesstrafe zu überzeugen. Kaum ein Gesetz in den USA tritt ohne Aktivisten und Lobbyistinnen in Kraft. «Ich habe in der Schule einem Vortrag von Delbert Tibbs zugehört. Seitdem engagiere ich mich gegen die Todesstrafe», sagt Moran.

Sie parkt hinter dem Gesundheitszentrum von Burbank. Der Parkplatz ist frisch geteert, auch an der Fassade wird gewerkelt. Louis Viverito, Senator im Bundesstaat Illinois, hat im ersten Stock sein Büro. Er hat ein Kinn wie ein Ziegelstein, die grauen Haare sind nach hinten gekämmt. Über dem ausladenden Oberkörper trägt er ein gestreiftes Hemd. Er lächelt breit – ein amerikanischer Bilderbuchpolitiker. Ein konservativer Demokrat, dessen Einflussgebiet jenseits der Stadtgrenzen von Chicago wichtig für den Prozess der Gesetzgebung ist.

«Wir wollten über die Zustände im Strafsystem sprechen», beginnt Liz Moran. Bevor sie auf die Todesstrafe zu sprechen kommen kann, unterbricht Viverito: Er habe die Hoch­sicherheitsgefängnisse besucht und sich über Verschiedenes gewundert: Was trieben die Männer den ganzen Tag? Laut Gerüchten gebe es da doch viel fleischliche Nähe – so etwas müsse sofort unterbunden werden. Ausserdem seien ihm viele Beschwerden über die Steaks aus der Gefängnisküche zu ­Ohren gekommen – ein Unding. Immerhin habe er im Koreakrieg mehrfach Auszeichnungen erhalten und sich damals von Dosenfleisch er­nähren müssen. Allgemein habe er nicht den Eindruck, dass es in den Gefängnissen so schlimm zugehe. Da herrschen doch bloss einfache Verhältnisse. Und in denen kenne er sich aus: «Wir lebten früher zu viert in einem Zimmer!»

Steidl hat sich die Schilderung stumm angehört. Doch jetzt zuckt er nach vorn. «In welchem Gefängnis waren Sie denn?», fragt er den Senator. Tatsächlich hatte Viverito die zweitälteste Strafanstalt des Staates besucht, das Menard Correctional Center, Steidls Gefängnis für mehr als fünfzehn Jahre. Er erzählt ihm, dass er dort unschuldig untergebracht war. Knapp achtzehn Jahre habe er insgesamt für seine Freilassung kämpfen müssen. Steidl sagt, dass er nun seit sechs Jahren vor Gericht um eine Entschädigung kämpft, Viverito schnappt nach Luft, und es wird still im Raum. Irgendwann spürt der Senator die Notwendigkeit etwas zu sagen: «Wir dürfen nicht vergessen: Wir haben das beste Strafsystem der Welt, und dies ist auch das beste Land der Welt. Aber natürlich werde ich den Gesetzes­vorschlag unterstützen.»

Epilog: Illinois schafft die Todesstrafe ab

Aus dem warmen Herbst ist ein kalter Winter geworden. Springfield liegt unter einer Schneedecke, die SenatorInnen in der Hauptstadt von Illinois tragen dunkle Wintermäntel für den kurzen Weg von ihren Limousinen zum eindrucksvollen Kuppelbau mit dem silbrig glänzenden Zinkdach. Über zwei Stunden wogt die Debatte. Die Abgeordneten ziehen an diesem Tag nochmals alle Register des Für und Wider: Ein Parforceritt durch Jahrzehnte des politischen Kulturkampfs. Und doch: Die Bemühungen der TodesstrafebefürworterInnen wirken matt. Im Repräsentantenhaus des Staates, der ersten Parlaments­kammer, ist der Gesetzesvorschlag bereits angenommen worden. Auf der Galerie des Senats sitzen Randy Steidl und Liz Moran. Als das Abstimmungsresultat bekanntgegeben wird, jubelt die Aktivistin: Illinois steht kurz davor, die Todesstrafe abzuschaffen. Der Senat überweist das Gesetz zur Unterzeichnung an Gouverneur Patrick Quinn, einem konservativen Demokraten. Dieser hat bislang die Todesstrafe befürwortet. Er hätte seine Unterschrift verweigern können. Doch nach längerem Zögern, nach Gesprächen mit Befürworterinnen und Gegnern unterzeichnet er am 9. März das Gesetz, dass am 1. Juli offi­ziell in Kraft tritt. Gleichzeitig wandelt er die Todesstrafe für die fünfzehn Häftlinge, die noch in den Todeszellen des Staates sitzen, in lebenslänglichen Gefängnisaufenthalt um. Quinn sagt später an einer Pressekonferenz, es sei sein bisher schwierigster Entscheid als Gouverneur gewesen. Doch letztlich habe die Einsicht überwogen, dass es keine absolute Sicherheit geben könne, ob jemand wirklich zu Recht zum Tode verurteilt worden ist. Quinn verwies dabei auf zwanzig Todeskandidaten, die allein in Illinois aus dem Gefängnis entlassen wurden, weil ihre ­Unschuld bewiesen werden konnte.

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