Nr. 12/2011 vom 24.03.2011

Die Kernschmelze käme schneller

Auch Schweizer Reaktoren enthalten Plutoniumbrennstäbe. Die Umweltorganisationen wollten sie verhindern, dann schlief die Debatte ein. Gefährlich sind sie geblieben.

Von Susan Boos

In der Berichterstattung über Fukushima heisst es immer wieder, Block 3 sei besonders gefährlich, weil er Plutonium enthalte. Die Information ist ungenau: Jeder Reaktor enthält nach einigen Betriebsstunden Plutonium, denn es entsteht bei der Spaltung von Uran. Speziell ist, dass Block 3 im Gegensatz zu den anderen Fukushima-Meilern Brennelemente aus Mischoxid (Mox) enthält.

In der Schweiz kommt ebenfalls Mox zum Einsatz. In den neunziger Jahren opponierten verschiedene Umweltorganisationen intensiv dagegen, die Debatte schlief dann aber ein. Aktuell sind im AKW Gösgen 32 derartige Brennelemente im Einsatz (von insgesamt 177), in Block I von Beznau sind es 12 und in Block II 32 (von insgesamt je 121).

Problematisches «Recycling»

Laut dem Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) dürften die Reaktoren mit maximal vierzig Prozent Mox beladen werden. Das darin enthaltene Plutonium stammt aus der Wiederaufarbeitung: Lange Zeit schickten die Schweizer AKW-Betreiber ihren abgebrannten Brennstoff nach Sellafield (Britannien) oder La Hague (Frankreich), dort wurde er zerlegt und das Plutonium wie das verwendbare Uran abgetrennt. Die Betreiber glaubten, sie könnten den radioaktiven Abfall dort lassen, doch dann änderten die Gesetze, weshalb er heute zurückgenommen werden muss. Zurzeit wird kein Abfall zum Aufarbeiten geschickt: Das Kernenergiegesetz enthält ein Wiederaufarbeitungsmoratorium, das noch bis 2016 gilt.

Das Gesetz verpflichtet die Betreiber aber auch, abgetrenntes Plutonium wieder in den Reaktoren einzusetzen. Das angebliche Recycling birgt Risiken. Die grösste Gefahr: Bei einem schweren Unfall wird mehr Plutonium freigesetzt als bei reinen Uranbrennstäben. Plutonium gehört zu den tödlichsten Radionukliden, hat eine Halbwertszeit von 24 000 Jahren, und geringste Mengen können Lungenkrebs verursachen. Laut Ensi enthalten die Mox-Brennelemente, wenn sie frisch in den Reaktor kommen, zwischen fünf und sieben Prozent Plutonium. Wenn sie fünf Jahre später wieder herausgenommen werden, liegt der Plutoniumgehalt um etwa zwei Prozent höher.

Vor einigen Jahren haben Christian Küppers und Michael Sailer vom Öko-Institut Darmstadt eine umfassende Studie über Mox geschrieben. Laut Küppers ist sie immer noch aktuell. Die beiden Experten, die auch für die deutsche Regierung arbeiten, zählen detailliert die Probleme auf, die Mox verursacht:

  • Der Reaktor ist schwieriger zu steuern.
  • Der Brennstoff muss bis zu hundert Jahre zwischengelagert werden, weil er mehr Wärme entwickelt als Uranbrennstäbe (die «nur» dreissig bis vierzig Jahre zum Abkühlen brauchen).
  • Die Langzeitlagerung wird schwieriger, weil mit Mox mehr Neptunium-237 entsteht, das sehr mobil ist und eine Halbwertszeit von über zwei Millionen Jahren hat.

Tieferer Schmelzpunkt

Die Umweltorganisationen kritisierten auch, Mox schmelze schon bei etwa 700 bis 900 Grad, Uranbrennstäbe dagegen erst bei rund 1100 Grad – womit es mit Mox schneller zu einer Kernschmelze käme. Das Ensi bestreitet dies: «Die Schmelztemperatur von Uranoxid und Mox sinkt für beide Materialien mit steigendem Abbrand.» Bei gleichem Abbrand könne die Schmelztemperatur von Mox um «50 bis 200 Grad tiefer liegen». Der Abbrand der Brennstäbe wurde in den letzten Jahren in Schweizer AKWs erhöht – das heisst, die Stäbe sind länger in den Reaktoren als früher. Bei einem Unfall wie in Fukushima würden sie also auch schneller schmelzen. Und Mox schmilzt dann halt noch früher.

Ende der neunziger Jahre gab es einen Skandal, weil die Mox-Fabrik in Sellafield Dokumente gefälscht hatte. Japan schickte danach die Lieferung zurück. In Deutschland mussten die Betreiber die betroffenen Brennstäbe aus den Reaktoren nehmen. In der Schweiz ist nichts passiert, man liess sich von den Herstellern überzeugen, dass alles in Ordnung sei. Und für die Aufsicht ist die «jeweilige Landesbehörde zuständig», wie das Ensi mitteilt. Noch heute sind Sellafield-Brennstäbe im Einsatz.

 

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