Nr. 43/2011 vom 27.10.2011

Aufruf zur intellektuellen Selbstverteidigung

Über das, was im Land tatsächlich passiert und was die US-Aussenpolitik in der Welt anrichtet, informieren in den USA vor allem Alternativmedien. Davon gibt es eine Menge. Und die meisten von ihnen sind – wie die WOZ – auf die Solidarität ihrer LeserInnen angewiesen.

Von Lotta Suter

Für die Mainstream-Medien war es ein chaotischer Haufen kopfloser AktivistInnen, der da vor ein paar Wochen an der Wall Street in New York seine Zelte aufschlug. Im Unterschied zu den Tea-Party-Events, über die laufend berichtet wird, ignorierten sie lange die Bewegung Occupy Wall Street. Auch im staatlich subventionierten Public Radio herrschte neun Tage lang eine erstaunliche Funkstille. Erst die gewalttätige Auseinandersetzung, die die Polizei am ersten Wochenende provozierte, brachte die Besetzung des Finanzplatzes in die Schlagzeilen, in zumeist negative natürlich.

Als «Fabrikation des Konsenses» bezeichnet der US-amerikanische Linguist und Gesellschaftskritiker Noam Chomsky diese Meinungssteuerung durch eine Handvoll profitorientierter Medienkonzerne (und in diesem Fall auch durch ein konfliktscheues Radio). Chomskys zeitlose Analyse hat aber noch einen zweiten Teil: Gegen diese Denkkontrolle helfe nur die hartnäckige und koordinierte Gegenstrategie der «intellektuellen Selbstverteidigung», schreibt der unermüdliche Aktivist. Das gilt auch für die neue soziale Bewegung: Wer sich zuverlässig über die Besetzung der Wall Street informieren will, ist in den USA auf andere Nachrichtenquellen angewiesen: auf SMS-Meldungen und Youtube-Filme von Privatpersonen, auf Blogs von Politkundigen, auf alte und neue Alternativmedien in jeder Form. Denn nur wer auch aus ihnen Informationen bezieht, erfährt zum Beispiel, dass sich die «Bewegung der 99 Prozent», wie sich die VerliererInnen der gegenwärtigen Wirtschaftspolitik nennen, auf Dutzende von Städten und Staaten der USA und darüber hinaus ausgeweitet hat.

Knochenarbeit

Die Knochenarbeit der intellektuellen Selbstverteidigung hat in den USA eine lebendige Alternativmedienszene hervorgebracht. Das zeigt etwa ein Blick auf die Website des Alternative Press Center, einer nichtstaatlichen Organisation (NGO), die seit 1969 die vom Mainstream weitgehend ignorierte Gegenöffentlichkeit beobachtet und begleitet.

Eindrücklich ist nicht bloss die Vielfalt, sondern auch die lange Geschichte der Alternativmedien in den USA. Im Vergleich zum Flaggschiff der US-Linken etwa, zur Wochenzeitschrift «The Nation», ist die dreissigjährige WOZ noch grün hinter den Ohren. «The Nation» wurde 1865 von Gegnern der Sklaverei gegründet und versprach gleich im ersten Werbeprospekt: «Wir werden Krieg führen gegen die Sünden der Gewalt, der Übertreibung und der Irreführung, die der politischen Berichterstattung von heute so sehr schaden.» Das tut «The Nation» immer noch, beharrlich, fast schon stur. Doch mittlerweile gibt es neben dem gedruckten Heft (Auflage: 160 000 ) auch eine Website. Die digitale «Nation» (angereichert mit Bildern, aktuellen Nachrichten, Blogs und Diskussionsforen) ist um einiges attraktiver als die spröde aufgemachte Zeitschrift – aber natürlich finanziell nicht selbsttragend. Die «Nation» hat ihre Geldprobleme quasi nach dem Vorbild der WOZ gelöst: Inserate finanzieren bloss zehn Prozent des Aufwands; sechzig Prozent steuern die LeserInnen bei; die restlichen dreissig Prozent kommen von den Nation Associates, einem ProWOZ-ähnlichen Verein.

«The Nation» ist nicht das einzige linke Medium in den USA, das für sein finanzielles Überleben auf private Spenden und/oder einen Förderverein setzt. Dasselbe Modell wählt auch das kleine Monatsmagazin «The Progressive» (Auflage: 65 000 ), das 1909 von einem fortschrittlichen Senator gegründet wurde und bis heute besticht durch seinen konsequenten Pazifismus (auch in Bezug auf den Irak und Afghanistan) und dem Einsatz für soziale Gerechtigkeit (auch für ImmigrantInnen).

Das 1976 gegründete US-Monatsmagazin «Mother Jones» (MJ) hat sich finanziell von Anfang an auf seinen Herausgeber, die Foundation for National Progress, stützen können. Das ermöglichte der MJ-Redaktion, beharrlich am seriösen Recherchierjournalismus festzuhalten, der in den Mainstreammedien schrumpft und schrumpft. 1993 ging MJ als erstes politisches US-Magazin online. Heute betreibt «Mother Jones» zwei gleichberechtigte Plattformen: das zweimonatliche Magazin (Auflage: 240 000 ) und eine laufend aktualisierte Website (mit über einer Million Hits pro Monat). MJ stellt den ganzen Inhalt bedingungslos ins Netz, bittet aber um Spenden. Die gedruckte MJ-Ausgabe wird mit drei Gründen angepriesen: für ausführliches Lesen, wegen der Aufmachung und Bilder und zur finanziellen Unterstützung des Projekts (die natürlich auch bei purer Internetnutzung erfolgen kann).

Aus diesen drei Gründen habe ich mir während meines US-Aufenthalts abwechselnd das eine oder andere Presseprodukt auf Papier zuschicken lassen. Gearbeitet habe ich aber zunehmend mit Onlinematerial. Und die Generation meiner Kinder liest eh alles auf Laptop, iPad, Smartphone oder Kindle. Mehrere neue US-Alternativmedien haben sich von Anfang an auf diese Art der Nutzung eingestellt, darunter «Politico», «Common Dreams», «The Huffington Post» und «Salon.com». Auch für die Chomsky-nahe Mediengruppe ZCommunications ist die Website ZNet das massgebliche Produkt.

Private Spenden

Am regelmässigsten besuche ich selbst aber wie 1,5 Millionen weitere InternetleserInnen die Seite von Alternet.org. Die 1998 eröffnete Website präsentiert guten Journalismus, eine übersichtliche und bildreiche Aufmachung, ein weites Themenspektrum und ein sympathisches Credo: «Wir glauben, Medien müssen die Leute nicht bloss informieren. Wir bestehen darauf, die Energie unseres Publikums auf gesellschaftliche Veränderung zu fokussieren.» Politisch neutraler definiert sich Pro Publica, eine Vereinigung von rund drei Dutzend JournalistInnen, die es sich zum Ziel gemacht haben, Qualitätsjournalismus «im Interesse der Öffentlichkeit» zu machen und gratis zu vertreiben, auch an Mainstreammedien. Pro Publica finanziert sich, wie die andern E-Medien, aus privaten Spenden und Stiftungsbeiträgen.

Das Internet erlaubt einen diversifizierten, mobilen und auch vergleichenden Blick auf verschiedenste Informationsquellen. Man kann via Bildschirm nicht bloss Texte und Bilder konsumieren, sondern bekommt auch Einsicht in das Material von Bibliotheken, Archiven und linken NGOs. In den USA sind das zum Beispiel das National Security Archive, das deklassifizierte Regierungsdokumente zur US-Aussenpolitik sammelt und sortiert. Oder das Southern Poverty Law Center, das den Rassismus und die Rechtsszene in den USA dokumentiert und sich vorab mit Bürgerrechten und Immigrationsfragen beschäftigt.

Diese und weitere «intellektuelle Selbstverteidiger» können heutzutage ihren Beitrag zur Herstellung von Gegenöffentlichkeit leisten. Vorausgesetzt, die NutzerInnen erinnern sich daran, dass gute Information nicht gratis zu haben ist. Das traditionelle Zeitungsabo ist in den USA bereits ein Auslaufmodell. Doch auch virtuelle Medien sind auf die reale Unterstützung ihres Publikums angewiesen.

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