WOZ Nr. 01/2012 vom 05.01.2012

«Provokation ist nicht genug»

Das literarische Schreiben von Marlene Streeruwitz ist von ihrem politischen Denken nicht zu trennen. Ein Gespräch über Aufruhr, Terrorismus am Arbeitsplatz, den hegemonialen Mann und ihren neuen Roman «Die Schmerzmacherin».

Von Bettina Dyttrich (Interview)

«Viele Leute akzeptieren, dass gefoltert wird, wenn sie selber dafür Ruhe haben», sagt Marlene Streeruwitz. «Der Terrorverdacht ist eine Möglichkeit, die Grundrechte zu überspringen.» Alle Stühle sind besetzt an diesem Dezemberabend im Lesesaal des Zürcher Literaturhauses.

Die Themen, die zur Sprache kommen, passen ganz und gar nicht zu einem gemütlichen schöngeistigen Abend. Doch Marlene Streeruwitz kümmerts nicht. Die österreichische Schriftstellerin erzählt im Gespräch mit der Schriftstellerin Ulrike Ulrich von den Recherchen zu ihrem neuen Roman, «Die Schmerzmacherin». Sie spricht über die Privatisierung der Sicherheitsindustrie, über Folterwebsites und Klettverschlussfesseln: «Das sind die Fesseln, mit denen Sie vielleicht auch einmal von einer Demonstration abgeführt werden.» Streeruwitz ist öfter an Demonstrationen anzutreffen – warum soll sie es von ihrem Publikum anders erwarten?

Marlene Streeruwitz, 1950 in Baden bei Wien geboren, schreibt seit den neunziger Jahren Romane und Theaterstücke. Sie wurde mit diversen Preisen ausgezeichnet – den Kulturpreis ihrer Geburtsstadt hat sie 2004 allerdings verweigert, weil ihn die damalige österreichische Aussenministerin Benita Ferrero-Waldner überreichen sollte. Der Grund: Nach dem G8-Gipfel in Genua 2001 war die antirassistische Wiener Theatergruppe «Volxtheaterkarawane» drei Wochen lang in italienischen Gefängnissen festgehalten worden. Statt sich für die Freilassung der Theaterschaffenden einzusetzen, hatte sich Ferrero-Waldner abschätzig über sie geäussert.

Diese klare politische Haltung ist typisch für Marlene Streeruwitz. Es gehe ihr darum, «das kluge und gerechte Leben anzustreben», sagt sie an der Zürcher Lesung. Vor zehn Jahren beteiligte sie sich an den Wiener Wandertagen, den ausdauernden Donnerstagsdemos gegen die Koalitionsregierung der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) mit der rechtsextremen Freiheitlichen Partei (FPÖ) von Jörg Haider. Immer wieder mischt sie sich in aktuelle politische Debatten ein, solidarisiert sich mit Asylsuchenden oder protestierenden StudentInnen.

Die öffentlichen Auseinandersetzungen, die Streeruwitz führt, verlaufen teils heftig. Als sie im Sommer 2009 die Salzburger Festspiele als «elitäre, reaktionäre Einrichtung» kritisierte, die «etwas Faschistoides» habe, konterte der Intendant Jürgen Flimm im Deutschlandradio, Streeruwitz habe «nicht alle Tassen im Schrank»: «Sie ist eine verbitterte Frau, die keinen grossen Erfolg mehr hat als Schriftstellerin, und da muss sie sich so gerieren.»

Streeruwitz’ literarisches Schreiben ist von ihrem politischen Denken nicht zu trennen. Das gilt auch für das im Sommer 2011 veröffentlichte Manifest «Theorie der Romane» (vgl. Seite 16), das sich für den Aufruhr und gegen die Provokation ausspricht: Es ist ein Text über das Schreiben – aber nicht nur.

WOZ: Frau Streeruwitz, warum ist die Provokation kein Mittel mehr für Sie?
Marlene Streeruwitz: Sie war nie ein Mittel für mich. Sie ist im Grunde eine subversiv-terroristische Technik: eine Bombe zu werfen, davonzulaufen und den Kampf nicht aufzunehmen. Für mich war Christoph Schlingensief der deutlichste Beweis, dass die Provokation nicht funktioniert: Er machte eine Inszenierung, dann ging er weg und liess alle damit alleine. Das ist nicht genug, und vor allem ist es nicht politisch. Es ist ja dann nicht mehr in der Hand des Provokateurs, was daraus wird, und dann nimmt das System sich immer die Dinge und baut sie ein. Damit ist die Provokation letzten Endes Mitaufbauerin der Hegemonie.

Sie bekräftigt also die herrschenden Machtverhältnisse. So wie Schlingensiefs «Ausländer raus»-Container in Wien, wo das Publikum scheinbar abstimmen konnte, welche Asylsuchenden das Land verlassen müssen?
Genau. Diese Aktion ist für mich ein Beispiel, wie Provokation der Hegemonie zuspielt, aber viele Unbeteiligte verletzt. Seither ist «Ausländer raus» in Österreich ein Satz, der den Leuten leichter von der Zunge geht. Und das kann nicht der Sinn der Sache sein. Schlingensief hat die Sache befördert, statt sie zu bekämpfen.

Er hat den Faschismus aus den Leuten rausgekitzelt.
Er hat ihn offengelegt, das stimmt, aber er bleibt offen liegen. Es passiert gar nichts damit. Niemand bricht zusammen, sagt: «Um Gottes willen, ich bin ein Faschist», und findet eine Läuterung. Diese Form von Katharsis wird überschätzt. Es gibt da offenkundig die Hoffnung, dass durch die Selbsterkenntnis eine Änderung eintritt. Die tritt aber nicht ein.

Was ist denn nun der Aufruhr, wie definieren Sie ihn?
Aufruhr hat sehr verschiedene Formen, aber Aufruhr heisst immer, dass die Person auch mit ihrem Körper da ist, wenn der Aufruhr stattfindet. Deswegen liebe ich Bewegungen wie Occupy oder die Wiener Wandertage, weil es heute die deutlichste Möglichkeit ist, Position zu beziehen.

Unbewilligte Versammlungen im öffentlichen Raum sind Aufruhr, und ich finde es absolut in Ordnung, keine Gewalt anzuwenden, obwohl: Wenn es sein müsste, müsste es eben auch sein.

Meinen Sie Gewalt gegen Menschen oder gegen Dinge?
Gewalt gegen Umstände. Es ist ein Umstand, wenn Sie kein Essen mehr bekommen. Dann wird sich irgendwann jemand wehren. Was die Griechen machen, zum Beispiel, das ist schon Aufruhr.

Aber Aufruhr kann auch Unschuldige treffen. Das falsche Geschäft wird angegriffen oder eine zufällig anwesende Person verletzt …
Ja. Ich will jetzt auch nicht das «looting» von London verteidigen. Das ist ja das Bedrückende an diesen Krawallen: dass oft Arme gegen Arme toben. Aber ich glaube schon, dass es darum geht, da zu sein, in der Gewissheit, dass zum Beispiel eine Verhaftung möglich ist. Das ist mir auch schon ein paarmal passiert. Ich habe wenig Sorge für die Banken und Geschäfte, die werden schon die Rollläden herunterlassen. Ich bin durch die Wiener Wandertage wirklich demonstrationsgekräftigt.

Hat die Occupy-Bewegung auch in Wien ihre Zelte aufgestellt?
Es gab Demonstrationen, aber kein Zeltlager. Das ist die Tragödie in Österreich: Die Wohlmeinenden, die auf positive, einschliessende Veränderungen dringen, werden mundtot gemacht. Wir sind drei Jahre gewandert gegen die Rechten, jeden Donnerstag. Das war eine grossartige Zeit. Vielleicht brauchen wir jetzt gar kein Zeltlager, weil wir das damals schon erledigt haben. Denn es ging schon ums Gleiche: Die Regierungsbeteiligung der FPÖ war der Bruch ins total Neoliberale, Deregulierte, Privatisierte.

Ich habe immer den Eindruck, dass in Österreich die «Fronten» klarer sind: Man ist entweder Antifaschistin oder nicht. Oder täuscht das?
Nein, das stimmt schon. Weil die Kultur durch das Katholische so stark faschistisch durchdrungen ist. Und Faschismus ist nichts anderes, als die Berechtigtheit einer Person auf andere Kriterien zurückzuführen als auf rechtliche. Das heisst, ein Muslim wird über seine Religion beurteilt und nicht über sein Personsein und damit Grundrechtehaben. Und das ist für mich Faschismus. Ich finde, wir müssen in der Verwendung dieses Terminus nicht so zurückhaltend sein, denn Kapitalismus ist Faschismus: Er verteilt die Berechtigtheit auch nicht über Rechte, sondern über Geld. Es geht eigentlich ganz einfach um die Errungenschaften der Französischen Revolution und die Rückkehr zu den Grundrechten, also: Es gibt aus der Person heraus die Berechtigung, auf der Welt zu sein. Aber davon sind wir sehr weit entfernt.

«Die Schmerzmacherin» tut weh. Der Roman ist aus der Perspektive einer jungen Frau erzählt, Amy Schreiber, die eine Ausbildung bei einer internationalen Sicherheitsfirma beginnt. Nach einem abgebrochenen BWL-Studium landet sie fast zufällig im tschechischen Ausbildungszentrum der Firma Allsecura, dicht an der bayerischen Grenze. Dort, das wird bald klar, herrscht Psychoterror – der gleiche Psychoterror, wie er auch in ganz normalen Unternehmen vorkommt. Mit dem Unterschied, dass Foltern zu lernen hier ein Kerngeschäft ist.

Bald stossen Amy beunruhigende Dinge zu. Sie erwacht in ihrer Unterkunft, einem Hotel auf der deutschen Seite der Grenze, und hat die Erinnerung an die letzten 24 Stunden verloren. Ihr Kumpel und einziger Verbündeter Gino landet mit zerschlagenen Armen und Beinen im Spital. Später hat Amy eine Fehlgeburt – was irgendwie mit dem Filmriss im Hotel zu tun haben muss, denn an Sex erinnert sie sich nicht. Was im Innern der Allsecura eigentlich abläuft, wer wie viel Macht hat und warum draussen vor dem Trainingszentrum ein gefesselter Gefangener im Schnee liegt, weiss die Leserin genauso wenig wie die Protagonistin. «Amy geht es wie allen, die in einem grossen Betrieb arbeiten», sagt Streeruwitz. «Da hat auch niemand den Überblick.»

WOZ: Was in Ihrem Roman auffällt: Arbeit ist extrem sexualisiert. Amy erinnert sich an einen Job, wo sie angewiesen war, beim Empfangen von Gästen ihren Busen deutlich zu zeigen. Und auch in ihrer Ausbildung zur Sicherheitsfachfrau erlebt sie dauernd sexualisierte Situationen. Hat sich das verstärkt?
Marlene Streeruwitz: Ich glaube schon. Sexualisierung ist ein Mittel, mit dem ausgebeutet und unterdrückt wird, das ist eigentlich etwas Uraltes, es kommt heute nur etwas hübscher daher. Aber es entwertet Sexualität. Sie wird zu einer ganz normalen Waffe und hat nichts mehr mit der Erfüllung der Person in einer Form von Beziehung zu tun. Amy hat auch als erste meiner Romanfiguren keine Beziehung.

Aber sie hat ja Gino.
Sie hat eine freundliche Beziehung zu einem bisexuellen Freund. Das haben wir alle, das sind unsere Familien heute … Und vielleicht kommen die beiden ja zusammen, keine Ahnung, aber während des Romans ist es eine Kinderfreundschaft.

«Kinderfreundschaft» klingt fast abwertend – ich fand, dass ihre Beziehung etwas sehr Schönes ist, gerade am Schluss.
Ich finde Kinderfreundschaften eine besonders schöne Form von freundlicher Selbstverständlichkeit.

Sie wollen mit dem Wort nicht sagen, so etwas sei für Erwachsene nicht mehr möglich?
Es ist selten, aber deshalb ist es so schön, dass sie es haben. So meine ich das. Wir haben ja gelernt, unsere Beziehungen nicht auf die heterosexuelle Ebene zu beschränken, sondern wir bauen uns ein Beziehungsgeflecht, das ganz anders aufgebaut ist, als es noch die Ehe der fünfziger Jahre war. Heute muss es nicht mehr nur eine Person sein, die einen ergänzt, sondern es sind viele, in verschiedenen Formen. Das ist ein grosses Glück.

Etwas vom Brutalsten in Ihrem Roman ist der Zwang, dem die Auszubildenden ausgesetzt sind, auch die grössten Zumutungen nicht ernst zu nehmen. Das ist etwas sehr Postmodernes: «Es ist alles nur ein Witz.»
Genau. Und das Opfer ist gezwungen, selber darüber zu lachen. Das ist moralische Entwertung, letztlich Terrorismus. Und das finde ich so absurd am «Kampf gegen den Terrorismus»: Er ist die ausgelagerte Selbstbekämpfung. In Ausbeutungssituationen wird die Person heute vollkommen entwertet; man sagt nicht nur: «Wir brauchen dich nicht», sondern die Person wird gemobbt, bis sie zu jeder Prostitution bereit ist. Und mit diesen terroristischen Mitteln wird der Terrorismus bekämpft, ausgelagert in private Firmen. So kann sich die Gesellschaft die Reflexion über sich selbst sparen.

Lässt sich das bekämpfen?
Es braucht Kontrolle der Institutionen und demokratische Selbstbeobachtung. Also genau das, was in dieser militarisierten Hegemonie, die zu Guantánamo geführt hat, fehlt. Anders gehts nicht.

Amy entkommt, aber sie kann nicht verhindern, dass das Foltern weitergeht.
Nein. Alles andere wäre eine Lüge. Wenn Amy ihren Peiniger umbringen würde, das wäre Kitsch. So ist es nicht. Wir werden unseren Peinigern nicht gegenüberstehen.

Vor der «Schmerzmacherin» schrieb Marlene Streeruwitz das Buch «Das wird mir alles nicht passieren … Wie bleibe ich FeministIn». Es sind elf kurze Geschichten von neun Frauen und zwei Männern: von Auguste K., die nicht weiss, ob sie sich zur Ruhe setzen soll – oder zurückkehren an die Universität, wo gerade ihr Institut wegrationalisiert worden ist. Von der Fernsehmoderatorin Ulrike M., die einsehen muss, dass sie von ihrem Liebhaber ausgenutzt wurde. Von Yasemina G., deren Eltern aus Kurdistan geflüchtet sind, die gerne Jus studieren würde, aber zu wenig Geld hat. Ursprünglich sollte den Geschichten ein Essay folgen – zur grossen Frage «Wie bleibe ich FeministIn?». Doch Streeruwitz liess es bleiben, und es ist auch nicht nötig: Die Geschichten sprechen für sich selbst.

Es sind vertrackte Situationen, in denen die elf Menschen stecken. Die Macht ist nicht mehr so klar verteilt wie einst: Auguste K. hat ihr Institut verloren, weil ihre eigene ehemalige Doktorandin ihr eins auswischen wollte. Und Christian F., der Mann einer Botschafterin, hat seine Interessen jahrelang jenen seiner Frau untergeordnet und eine klassische Frauenrolle übernommen: «Er war dieser stille Mann, der das Baby zum Stillen in die Botschaft gebracht und das Kind dann wieder mitgenommen hatte. Alle fanden das grossartig.» Nun fragt er sich, ob er auf seine eigenen Bedürfnisse eingehen – und damit die Familie gefährden – darf. «Die Demokratisierung kann nur über Geschlechterdemokratie stattfinden», sagt Marlene Streeruwitz.

WOZ: Heute heisst es oft, es brauche keinen Feminismus mehr. Ihr Buch «Das wird mir alles nicht passieren …» sagt etwas anderes …
Marlene Streeruwitz: Ich glaube, dass an uns heterosexuellen Frauen die Macht vorgeführt wird, auch wenn wir jetzt ein bisschen mehr Geld verdienen dürfen, uns selbst versorgen dürfen und unsere Kinder überhaupt allein erziehen dürfen – wir dürfen sehr viel machen, solange es die Männer nichts kostet. Der Ernst des Lebens bleibt bei den Frauen, und die Beweglichkeit – Freiheit ist das ja keine – bleibt bei den Männern, wenn sie nicht gerade von einer Frau die Kinder angehängt bekommen. In diesem Fall werden sie selber zu Frauen und merken, dass ihre Situation eine sehr beschränkte ist. Aber das reicht nicht aus, um eine Veränderung nach sich zu ziehen. Und da, glaube ich, sind wir bei Punkt null, nach wie vor.

Christian F. ist so ein Mann, der die Hausfrauenrolle übernimmt. Der könnte ja ein Verbündeter werden.
Ja, er wird sicher ein Verbündeter, aber solange die Hegemonie nicht entweder gestürzt wird oder selbst verschwindet, weil die hegemonialen Männer begreifen, dass sie Mitunterdrückte sind – so lange wirds nicht besser werden.

Aber Frauen haben doch viel erreicht.
Natürlich. Das denke ich alles mit. Aber es ist eben nicht die umfassende Freiheit, die uns zustünde.

Es ist nicht die Gegenhegemonie oder so.
Es geht nicht um Hegemonie, es geht um den Abbau der Hegemonie und um das Leben in Freiheit. Um den Sieg im Ausschalten der Möglichkeit von Sieg. Und das ist nicht gelungen.

Glauben Sie denn, dass es möglich ist, dieses Ausschalten der Möglichkeit von Sieg?
Das weiss ich. Natürlich geht das, selbstverständlich. Und wenn alle sich an alles halten würden, was schon jetzt Teil der Rechtlichkeit ist, würde das durchaus ausreichen. Es sind alle Gesetze da …

Aber die Wirtschaft?
Die Wirtschaft ist ein ausserrechtlicher Raum, der nach seiner eigenen Hausordnung lebt, und diese Hausordnung hält alle diese Hierarchien am Laufen.

An Ihrem Buch fällt allen zuerst auf, dass das I gross ist: «Wie bleibe ich FeministIn».
Ja. Ein Mann, der bewusst seine Geschlechterrolle überprüft und durcharbeitet, kommt zu anderen Ergebnissen als ein hegemonialer Mann – er ist damit aber auch ausgeschlossen. Er wird als Chef, als Befehlsgeber nicht mehr so gut funktionieren.

Das will er dann ja vielleicht auch nicht mehr.
Nein – und das ist noch ein Grund, warum er ausgeschlossen ist.

Aber warum befassen sich so wenige Männer mit ihrer Geschlechterrolle?
Warum sollen sie? Es gibt keinen Grund, im Interesse der meisten Männer ist zurzeit eher eine Verstärkung der Widersprüche, weil sie damit vortäuschen können, im Besitz der Mittel zu sein. Dabei sind sie längst von der Wirtschaft kastriert.

Glücklich werden sie so auch nicht.
Nein, aber es ist eine Technik, sich Teilhegemonien zu erhalten – wenigstens im Privaten.

Was heisst das für eine feministische Bewegung?
Wir müssen den Männern klarmachen, dass ihre Interessenlage das schöne Leben ist, das gute Leben und nicht die Dominanz im Beruf, die sowieso in ihr Elend führt. Zum guten Leben gehört es, die Person so zu entwickeln, dass sie in der Lage ist, Schicksalsschläge zu verarbeiten und nicht daran zugrunde zu gehen. Und darum gehts ja: darum, dass man oder frau in der Lage ist, nicht durch das Schicksal vollkommen deformiert zu werden.

Da muss der hegemoniale Mann scheitern.
Ja. Das ist ja auch der Grund, warum Männer Soldaten sind: Wenns im Leben nicht funktioniert, werden sie halt erschossen. Das ist das Kalkül des Krieges. Und das gilt heute, auf die Wirtschaft angewandt.

In einem Interview wurden Sie einmal gefragt, ob Sie Männer hassen. Sie antworteten, Sie würden Strukturen kritisieren und nicht Personen. Aber die konkreten Konflikte laufen ja mit Personen ab.
Und die sind manchmal richtig hassenswert, ja. Es ist der Konflikt der heterosexuellen Frau, dass sie da Entscheidungen treffen muss, und ich würde aus eigener Erfahrung sagen, dass diese sehr radikal zu sein haben. Es ist sinnlos, sich mit einem hegemonialen Mann zusammenzutun.

Und wenn man zusammen arbeiten muss?
Dann gibt es nur die Auseinandersetzung. Meine Protesthaltung führt immer dazu, dass die Hegemonie sich klar äussert, und dann wissen wir wieder, dass sie da ist. Eine Äusserung, wie sie der Intendant der Salzburger Festspiele gemacht hat, beschreibt ihn, nicht mich.

Sie haben Benita Ferrero-Waldner kritisiert, die sich «zuallererst als Mensch und erst dann als Frau» versteht. Aber das ist ja der Traum von vielen Feministinnen: dass es nicht mehr auf das Geschlecht ankommt.
Ja, aber dieser Traum kann nicht gelebt werden. Es gibt keine Menschen, es gibt Geschlechter. Es müssen alle Dinge aufgezählt werden: Ich habe das Recht, da zu sein, weil es keine Rolle spielt, welches Geschlecht, welche Herkunft, welche Hautfarbe, welche sexuelle Orientierung und so weiter ich habe. Das ist im Wort «Mensch» nicht zusammengefasst. Wir sollten das Wort «Person» brauchen. Und auch da fehlt es – in der Französischen Revolution ist eben nicht Geschwisterlichkeit eingeführt worden, sondern Brüderlichkeit, und an diesem Widerspruch knabbern wir immer noch. Es ist die Französische Revolution selbst, die uns den Hauch von Befreiung gebracht und gleichzeitig die Freiheit gekostet hat. Da werden wir weiterarbeiten.

Sie fordern Quoten. Erwarten Sie denn etwas von Frauen an der Macht?
Ich glaube, dass die Wege vielgestaltig sind und dass einer davon ist, die Sichtbarkeit zu verstärken. Dass es zumindest … nein, «zumindest» ist falsch. Selbstverständlich erwarte ich mir etwas: eine Wahrheit, wie immer die dann aussieht. Aber es ist dann eine Wahrheit und nicht mehr eine Hypothese. Wir reden immer darüber, was sein wird, wenn Frauen mit an der Macht sind. Jetzt möchte ichs mal sehen. Über Frauen wird immer im Konjunktiv gesprochen und über Männer immer im Indikativ. Es ist über alle indikativisch zu sprechen. Das heisst aber auch, dass es eine Wirklichkeit geben muss, die im Indikativ beschrieben werden kann.

Angela Merkel hat doch Macht, zum Beispiel …
Natürlich hat Frau Merkel Macht, aber das ist eine Einzelne. Du lieber Himmel. Wir wollen viele, viele Frauen in vielen, vielen Positionen sehen und schauen, wie sich das auswirkt. Wir müssen kämpfen, dass das Experiment weitergeht, und irgendwann wird es sich in eine Normalität auflösen. Aber das Experiment muss beginnen – es hat nicht begonnen! Das Experiment «Frau in der Gesellschaft» hat – noch – nicht begonnen!

Wann würde es denn beginnen?
Wenn es halb-halb wäre. Auf der Repräsentationsebene.

Und umgekehrt auch? Wenn auch die Hälfte der Pflegerinnen Männer sind?
Das ist so ein dummes Argument. Ich möchte vielleicht einfach lieber Frauen in der Pflege, so wie ich auch zu einer Gynäkologin gehe. Das hat nichts mit Chancen zu tun …

Ich wollte nicht sagen, die Männer seien da benachteiligt. Ich meine vielmehr, dass wir die ganze harte Arbeit, die die Frauen zum Beispiel im Pflegebereich leisten, auch fair verteilen müssten wie die Macht.
Ich glaube, dass das zwei verschiedene Ebenen sind: Es gibt die Ebene der Macht, da ist Gleichstellung zu erzwingen. Und es gibt die Ebene des Lebens, dazu gehört die Berufswahl, und da würde ich keine Quoten einführen. Wenn sich keine Männer finden, die Pfleger werden wollen: Bitte lieber nicht. Denn Zwangspfleger will ich nicht. Natürlich sollten wir die Frage von Berufswahl und Geschlecht thematisieren, und es gibt ja auch diese wunderbaren Frauengruppen, die zum Beispiel Häuser renovieren. Aber ich würde die Leute nicht zwingen, etwas zu sein, das sie nicht wollen. Wir haben im Realsozialismus gesehen, wie das läuft, und die Ergebnisse waren nicht sehr gut. Ich werfe der Linken immer noch vor, dass sie gescheitert ist. Und das hatte auch mit dem Männlichkeitsbild zu tun. Der sozialistische Mann hat den Sozialismus umgebracht. Auch diese Utopie ist daran gescheitert, dass die Frauen strukturell nicht eingebaut wurden.

Glauben Sie, es würden sich genug Frauen finden, die an die Macht wollen?
Selbstverständlich.

Theorie der Romane.

13. Mach Aufruhr. *
12. Vergiss Provokation und Revolution. Mach Aufruhr.
11. Mach Aufruhr und halt es aus.
10. Es wird dich niemand hören. Es wird dich niemand sehen. Es wird dich kaum jemand lesen. Wenn du Aufruhr machst, musst du alle sein, aber nicht wollen. Halt das aus.
9. Wenn du Aufruhr machst, wird dir Anerkennung entzogen werden. Schick Anerkennung zum Teufel und tu weiter.
8. Aufruhr gehört dir nicht allein. Du musst teilen, sonst gibt es den Aufruhr nicht. Lern das.
7. Aufruhr muss in einer je eigenen Sprache zur Mitteilung kommen. Wenn du das Stil nennst. Oder Werk. Oder Literatur. Dann schlägst du selber den Aufruhr nieder. Das ist Selbstzerstörung. Vermeide das.
6. Aufruhr ist anstrengend. Anstrengung kann auch eine normale Beschäftigung werden. Sei der Normalität einen Schritt voraus.
5. Der Aufruhr findet in deinen Texten statt. Der Kampf darum in deiner Person. Ertrag das.
4. Aufruhr ist an einem Ort. Den Ort dafür findest du im Kampf zwischen deinem Ich und deinem Selbst. An diesem Ort bau deine Texte. So beschreibt sich Einsamkeit. Übe das.
3. Aufruhr ist eine Leistung. Wenn diese Leistung zu lesen ist, dann bist du im Sport gelandet.
2. Aufruhr heisst nichts anderes, als mit den Splittern der Freiheit zu jonglieren. Die Splitter der Freiheit zu jeder Zeit im Kreisen zu halten und so die Spiegelungen der Freiheit in jedem Augenblick je anders und doch immer ganz aufblitzen zu lassen. Dessen darfst du nicht müde werden.
1. Nicht die Person ist zersplittert. Die Freiheit ist das. In den Splittern der Freiheit ist die Sprache zerstoben, in der du sie dir selber erzählen hättest können. Nimm die Wut über diese Beraubung. Nimm die Trauer über die Mühsal des Findens. Deine Wut und deine Trauer werden dich den Aufruhr sprechen lassen.
0. Die Splitter der Freiheit haben scharfe Ränder und werden als Waffen benutzt. Mach dich schutzlos.
0. Mach Aufruhr.
0. Alles andere als Aufruhr ist Kapitulation. Und wer wollte Unterhaltung geschrieben gewollt haben wollen.

* Aufruhr: «Empörung. Tumult. Erhebung.»
(Duden, Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache, 1989)
Frei nach Walter Benjamin, «Ankleben verboten», in:
«Einbahnstrasse», Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main.
Marlene Streeruwitz, 2011