Nr. 02/2012 vom 12.01.2012

Aufstand der frustrierten Freiwilligen

Bei Greenpeace Schweiz gibts Streit: Ein Teil der Basis macht mobil gegen die Geschäftsleitung und wirft ihr vor, das Marketing über die politische Arbeit zu stellen.

Von Jan Jirát

Die Vorwürfe an die Geschäftsleitung von Greenpeace Schweiz (GP) sind heftig. In einem internen Brief, der der WOZ exklusiv vorliegt, machen freie AktivistInnen, aber auch GönnerInnen ihrem Unmut Luft. Sie prangern die jüngste strukturelle und strategische Entwicklung von Greenpeace an und beklagen den aktuellen Kurs, der das Fundraising zunehmend ins Zentrum stelle.

«Die undemokratisch rigide Top-down-Führungskultur, die einseitige Konzeptverlagerung, der Umgang mit hauptamtlichen Aktivisten, die Missachtung der GP-Basis/Freiwilligenwelt ausserhalb des Büros entsprechen unserer Meinung nach weder dem Schweizer GP-Leitbild noch der internationalen GP-Kultur», heisst es gleich zu Beginn des Briefs, der im Dezember 2011 von rund sechzig Personen unterzeichnet wurde.

Neben einer Vernachlässigung der Freiwilligenarbeit steht vor allem die Prioritätensetzung in der Kritik: «Die einseitige Konzeptverlagerung auf Spenden und international bestimmte Medienarbeit entspricht nicht unserem Verständnis von Greenpeace.» Die Geschäftsleitung wird aufgefordert, in der Schweiz – einem Zentrum von höchst problematischem Rohstoffhandel – wieder aktiver zu werden. «Es ist nicht akzeptabel, mit dem Finger ins Ausland zu zeigen und die hiesigen Verursacher weltweiter Umweltverschmutzung friedlich walten zu lassen.»

Die Adressaten des Briefs sind in erster Linie Verena Mühlberger, die jahrelang für die WOZ tätig war, und Markus Allemann, der zuvor beim Bundesamt für Gesundheit die Antiraucherkampagne mitgestaltete. Gemeinsam bilden sie die Geschäftsleitung. «Wir können gewisse Anliegen der Absender verstehen», sagt Verena Mühlberger. Den Vorwurf der «undemokratischen rigiden Top-down-Führungskultur» hält sie aber für unhaltbar. «Unsere Strukturen sind zwar hierarchisch aufgebaut, aber die Hierarchien sind flach. Greenpeace lebt vom Einsatz seiner Freiwilligen und seiner ebenso engagierten Mitarbeiter. Da können und wollen wir nicht einfach Befehle erteilen.»

«Vernichtende Auswirkungen»

Der Ursprung des Konflikts zwischen der Geschäftsleitung und einem Teil der Basis, der sich nun zuspitzt, liegt in der Umstrukturierung der Umweltorganisation vor rund drei Jahren. In der alten Organisationsstruktur waren der Geschäftsleitung vier Abteilungen unterstellt: Administration, Medienarbeit, Marketing, Kampagnen. Der letztgenannte Bereich war wiederum unterteilt in die drei Teams «Klima und Energie», «Biodiversität und Gifte» sowie «Aktion, Bildung und Freiwilligenwelt» – kurz «Aktionsgruppe» genannt.

Während die Teams «Klima und Energie» und «Biodiversität und Gifte» die Umstrukturierung schadlos überstanden, wurde die Aktionsgruppe kurzerhand aufgelöst und in den neu entstandenen Bereich «Kommunikation und Fundraising» integriert. Doch diese Verlagerung eines Kampagnenteams in den Marketingbereich hat sich als wenig sinnvoll erwiesen. Die ehemaligen Aktionsgruppe-MitarbeiterInnen sind nun – sofern sie noch für Greenpeace Schweiz arbeiten – je zur Hälfte in den Teams «Klima und Energie» und «Biodiversität und Gifte» tätig. 

Die Auflösung der Aktionsgruppe hatte – so wird im Brief formuliert – «vernichtende Auswirkungen auf die Freiwilligenwelt». Die Unterzeichnenden fordern, die Aktionsgruppe «wieder als eigenständiges, ganzes Team wirken zu lassen, gleichwertig mit anderen Abteilungen direkt unterhalb der Geschäftsleitung».

Keine konstruktiven Gespräche

Der Konflikt zwischen Geschäftsleitung und einem Teil der Basis gärt schon länger. Die Forderungen und Kritikpunkte sind jedenfalls nicht neu. Seit dem letzten Frühjahr haben die KritikerInnen zweimal das Gespräch mit der Geschäftsleitung gesucht – offenbar ohne Erfolg. Der Frust über diese Entwicklung sowie das Ausbleiben von konstruktiven Gesprächen haben schliesslich zum aktuellen Brief geführt.

Verena Mühlberger bestätigt, dass im Bereich der Freiwilligenarbeit zuletzt nicht alles gut funktioniert habe. «Bereits im Herbst haben wir einen internen Evaluations- und Strategieprozess aufgegleist. Es finden momentan Gespräche mit unseren Freiwilligen statt, um herauszufinden, wie wir künftig strukturell bestmöglich aufgestellt sind.» Es sei also ein Prozess am Laufen. Eine Wiedergeburt der Aktionsgruppe in der alten Form sei aber wahrscheinlich nicht die beste Lösung, denn «unsere Organisationsstruktur hat sich inzwischen weiterentwickelt», sagt Mühlberger.

Zwei Kulturen prallen aufeinander

Der interne Konflikt bei Greenpeace ist nicht zuletzt auch Ausdruck von unterschiedlichen Mentalitäten und Ausrichtungen. Laut einem Mitarbeiter existiert ein tendenziell «lebendiger, aktionistischer und bewegungsorientierter Flügel». Dazu zählen die professionellen AktivistInnen der ehemaligen Aktionsgruppe, die früher explizit für die Koordination mit den Freiwilligen zuständig waren. Diese Gruppe entspricht wohl am ehesten dem Klischeebild von Greenpeace-AktivistInnen, die sich an Bahngleise ketten oder auf Kühltürme klettern. Demgegenüber stehe ein eher «institutionell ausgerichteter Flügel».

Die im Brief formulierte Kritik ist auch vor diesem Hintergrund zu sehen: Die Unterzeichnenden monieren, dass zunehmend ökonomische und nicht mehr politische Belange im Fokus stehen, sprich: Werbung, Marketing und Fundraising. Dazu passt, dass Greenpeace Schweiz seit Oktober 2011 Kundin der Werbeagentur Draftfcb ist. Zu deren Kundenstamm zählen etwa die «Weltwoche», das Pharmaunternehmen Johnson & Johnson oder der Autokonzern BMW. 

«Ein Lösungsprozess ist im Gang»

«Wir sind Bestandteil eines internationalen Gefüges. In diesem Kontext sieht die Strategie der Gesamtorganisation vor, künftig eher noch mehr Mittel in Kampagnen im Süden einzusetzen. Die Schweiz ist mittlerweile das drittwichtigste Spenderland für Greenpeace. Die Ansprüche an uns sind in diesem Bereich gestiegen», sagt Verena Mühlberger. Das heisse aber nicht, dass in der Schweiz in Zukunft keine starken Kampagnen mehr stattfinden sollen. «Es bleibt ein Spannungsfeld, das wir permanent aushandeln müssen.»

Den Brief hat nicht nur die Geschäftsleitung, sondern auch der siebenköpfige Stiftungsrat erhalten – das Aufsichtsorgan von Greenpeace Schweiz. Stiftungsratspräsidentin Cécile Bühlmann sagt dazu: «Es gab in der Vergangenheit Lücken und Kommunikationsdefizite. Die Geschäftsleitung und der Stiftungsrat haben diese Probleme zur Kenntnis genommen und reagiert. Ein Lösungsprozess ist im Gang. Insofern bietet der Brief keine neuen Impulse.»

Am 5. Februar trifft sich die Geschäftsleitung mit Greenpeace-Freiwilligen. Einerseits werden die Ergebnisse des internen Evaluations- und Strategieprozesses besprochen und ausgewertet, andererseits soll die Freiwilligenarbeit wieder besser verankert werden. Ob die Wogen wirklich geglättet werden können, wird sich zeigen. Die Verantwortlichen für den offenen Brief möchten sich momentan gegenüber der WOZ nicht äussern, um den weiteren Prozess nicht zu gefährden. Verena Mühlberger ist vorerst «vorsichtig zuversichtlich».

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