Nr. 03/2012 vom 19.01.2012

Das Kino im Zeitalter des digitalen Dilemmas

Bald rattert kein Projektor mehr: Mit der digitalen Projektion kommen neue Herausforderungen auf Kinobetreiber, Filmverleiherinnen, Filmschaffende und Archivarinnen zu. Ein kleiner Einblick in den grossen Umbruch.

Von Silvia Süess

Zwei Kinder in Skihosen stehen am Kiosk, ein Mann spricht ins Handy, drei Erwachsene essen Cornets. Draussen schneit es, hier drinnen ist es warm. Es riecht nach Popcorn.

Pause im Kino in Gstaad. Der Vorhang zum Saal mit den violetten Sesseln ist offen – bald geht der Film weiter. Nichts deutet darauf hin, dass sich die Filmbranche in einem der grössten Umbrüche ihrer Geschichte befindet – ausser vielleicht die seltsamen Brillen, welche die Leute in der Hand oder auf ihrem Kopf tragen.

Die Digitalisierung hat die Kinos weltweit erfasst. Auch im Projektionssaal des Gstaader Kinos rattert kein 35-mm-Projektor. Stattdessen bläst die Lüftung einer digitalen Projektionsanlage. Hansjörg Beck, seit dreizehn Jahren Kinobesitzer und zuvor im Filmverleih tätig, hat sein Kino im Dezember 2010 umgerüstet. Zirka 200 000  Franken hat er in den Umbau investiert und in die neue digitale Anlage, mit der er die Filme in 3-D zeigen kann.

«Ich war am Anfang skeptisch, vor allem was die Projektion der 3-D-Filme angeht», sagt Beck, «doch der Umbau hat sich gelohnt.» 3-D-Filme machten 2011 einen grossen Teil der Kinoeintritte aus (vgl. «Digitales in Zahlen», Seite 6).

Zum grössten Vorteil der digitalen Projektion gehört für Beck, dass er die Filme nun zeitgleich mit den Stadtkinos starten kann. Früher wurden die 35-mm-Filmrollen zuerst an die Kinos in den Städten geschickt. Das Publikum auf dem Land konnte die Filme erst viel später sehen. «Heute wollen die Leute den Film sehen, wenn er in den Kinos startet, nicht erst Monate später», sagt Beck. Gerade deshalb sei es auf dem Land zwingend, zu digitalisieren.

Jetzt muss er nicht mehr auf Kopien warten: Er bekommt vom Verleih eine kleine externe Harddisc zugeschickt, ein Digital Cinema Package (DCP), und lädt die Daten auf seine Festplatte. Per Mail erhält er einen Code, der es ihm ermöglicht, den Film während eines fix definierten Zeitraums zu spielen. Danach kann der Projektor den Film nicht mehr entschlüsseln.

Zwang zur Digitalisierung

Allgemein sei das Handling mit den DCPs viel leichter, sagt Beck: «Die Kinos in den Skiferienorten teilten sich früher die Kopien. Nach zwei Tagen hier in Gstaad mussten wir die schweren Rollen nach St. Moritz oder Adelboden schicken und bekamen von dort neue.» Das war logistisch eine ziemliche Herausforderung und hatte den Nachteil, dass ein Film nicht länger programmiert werden konnte, auch wenn er gut lief. Das ist heute möglich. Beck macht deshalb jeweils nur noch ein Zweiwochenprogramm in Gstaad, um auf die Besucherzahlen reagieren zu können.

Bringt also die Digitalisierung der Kinos nur Sonnenschein in die Schweizer Kinolandschaft? Nicht ausschliesslich. Die Veränderung konfrontiert Kinobesitzer, Filmverleiherinnen, Filmschaffende und Archivarinnen mit vielen Problemen, Unklarheiten und Unsicherheiten.

Der Druck auf die Kinos, ihre Projektionskabinen umzubauen, ist gross, die Verleiher stellen immer weniger 35-mm-Rollen her. Für die Produktion von drei 35-mm-Kopien muss ein Verleiher mit zirka 6000 Franken rechnen, grosse Filme starteten mit bis zu 100 Kopien. Die Herstellung eines DCP kostet rund 200 Franken. Vom zweiten Teil von «Harry Potter 7», der 2011 in den Schweizer Kinos lief, gab es nur noch 32 analoge Kopien und 90 digitale Versionen (in 2-D und 3-D). Von «Harry Potter 1» im Jahr 2001 lieferte Warner Bros. noch 101 analoge Kopien.

Für Kinos, die nur 35-mm-Projektoren haben, wird es so immer schwieriger, bestimmte Filme zu zeigen. Dies bekam auch Hansjörg Beck zu spüren. Er besitzt in Wohlen im Aargau und in Liestal ebenfalls ein Kino, beide hat er bereits auf digitale Projektion umgestellt. Bis vor kurzem gehörte ihm auch im aargauischen Reinach ein weiteres Kino, doch sein «finanzieller Schnauf» reichte nicht für einen weiteren Umbau aus. Gerne hätte er dort den «Verdingbub» gezeigt, der in seinen umgebauten Kinos sehr gut lief. Doch da der Verleih nicht genügend 35-mm-Kopien hatte, hätte Beck erst lange nach dem Start des Films eine Kopie bekommen. Ende Jahr hat er das Kino aufgegeben, ein Verein wird es weitertragen.

Auch alte Filme – etwa Fritz Langs «Metropolis» (1926) – können häufig nicht mehr ab 35-mm-Kopie gezeigt werden, da diese entweder nicht mehr verfügbar oder in einem zu schlechten Zustand sind und die Restauration nur noch digital gemacht wird. Also muss auch ein Reprisenkino früher oder später zwingend umstellen.

Gefahr eines Einheitsbreis

Das Filmgeschäft ist sehr schnelllebig geworden, das Publikum will, dass jeder Film sofort zur Verfügung steht, ein Film, der nicht gut läuft, wird rasch aus dem Programm gekippt. Hinzu kommt, dass ein Film im digitalen Format theoretisch in allen entsprechenden Kinos gleichzeitig spielbar ist. In dieser absoluten Verfügbarkeit sieht Bea Cuttat das grösste Problem der Digitalisierung. Cuttat ist Geschäftsleiterin des Filmverleihs Look Now!, der anspruchsvolle Arthouse-Filme verleiht. Sie ist seit Jahrzehnten im Geschäft und sieht die Zukunft der Branche sehr düster: «Wenn ich ein kleines Kino hätte, und ich könnte gleichzeitig ‹Black Swan› mit Natalie Portman oder den rumänischen Film ‹Tuesday, after Christmas› zeigen, müsste ich wohl auch nicht lange überlegen», so Cuttat: «Verständlicherweise muss ein Kinobesitzer die Filme bevorzugen, die ein grosses Publikum anziehen, schliesslich muss ja auch er Geld verdienen. Wir zählen aber auf die Liebe zum anspruchsvollen Film und hoffen, dass die Kinobetreiber auch weiterhin der Angebotsvielfalt treu bleiben.»

Als der Filmmarkt noch allein mit 35-mm-Kopien funktionierte, wurden kleine Arthouse-Filme auf dem Land jeweils dann programmiert, wenn die Kinos auf die Kopien eines grossen Films warteten. So fand der eine oder andere kleine Film sein Publikum; mit der digitalen Projektion fällt diese Nischenprogrammation weg. Die Gefahr besteht, dass in den meisten Kinos dieselben Filme laufen werden: jene, die am meisten Publikum bringen.

Ein Kino auf digitale Projektion umzustellen, ist teuer, pro Saal muss mit bis zu 120 000 Franken gerechnet werden. Je nach Kino lässt sich das so schnell nicht wieder einspielen. Denn durch den Umbau steigen die Besucherzahlen nicht einfach rasant an. Woher also nehmen?

Hier gibt es verschiedene Finanzierungsmöglichkeiten (vgl. «Die Digitalisierung und das Geld»): Der Bund unterstützt seit 2011 mit seinem Förderprogramm «Angebotsvielfalt und digitales Kino 2011» die Umrüstung kleiner Kinos. Da die Verleiher finanziell am meisten von der Digitalisierung profitieren, gibt es zudem das Virtual-Print-Fee-Modell (Virtuelle Kopienentschädigung): Kinos schliessen Verträge mit Verleihern, die abhängig von der Zahl der Projektionen einen Teil der Einsparung an die Kinos weitergeben. Bei den grossen Verleihern funktioniert das Modell über einen Drittanbieter: Das Kino schliesst einen Vertrag mit einer Leasingfirma, die den Umbau vorfinanziert und an die das Kino das Geld in Raten zurückzahlt. Spielt das Kino Filme der Major-Verleihe, die ebenfalls bei der Leasingfirma unter Vertrag sind, reduziert sich die zurückzuzahlende Summe. Da jedoch die Drittanbieter mittlerweile zu viel am Geschäft verdienen, ist das Modell umstritten. Und auch, weil so indirekt die Programmation der Kinos beeinflusst wird: «Das System kann ich für meine Betriebe nicht gutheissen, da ich so die kleinen Verleiher ausschliesse», sagt Beck.

Eines der grössten Probleme ist die Archivierung. Wie archiviert man Filme, die nur noch in digitaler Form erschienen sind?

Beim Celluloid ist die Archivierung relativ günstig und simpel: Wenn das Filmmaterial kühl und trocken gelagert wird, ist es bis zu hundert Jahre haltbar. Die digitale Technologie hingegen ist äusserst kurzlebig: Die Geräte, die wir in zehn Jahren haben werden, werden die Formate, die wir heute brauchen, nicht mehr lesen können. Auch das physische Trägermaterial – Festplatte oder Magnetbänder – ist kurzlebig: Nach zehn Jahren ist nicht mehr klar, ob sie noch voll funktionsfähig sind. Das bedeutet, dass man alle fünf Jahre alle Daten auf einen neuen Träger und wohl auch in ein neues Format umspielen muss. Doch bei jedem Überspielen passieren Fehler, der Film entfernt sich so immer mehr vom Original. Ausserdem bringt das Prozedere auch einen grossen zeitlichen und finanziellen Aufwand mit sich.

Wie geht der Bund mit diesem Problem um? Schliesslich finanziert er Filme, die man im schlimmsten Fall schon nach zehn Jahren nicht mehr schauen kann. «Wir sind von der Entwicklung überrollt worden, und es ist tatsächlich eine grosse Frage, wie wir mit diesem Problem umgehen», sagt Ivo Kummer, Leiter der Sektion Film im Bundesamt für Kultur. Hauptstrategie des Bundes sei es, Partner zusammenzubringen, die in diesem Bereich kompetent sind: Die Cinemathek in Lausanne, in der die Filme archiviert werden, die Zürcher Hochschule der Künste sowie weitere Hochschulen. Auch eine internationale Vernetzung sei wichtig. Viele offene Fragen gibt es bei der Finanzierung, die pro Jahr im Millionenbereich liegen wird. Kummer: «Woher nehmen wir die Gelder? Aus dem Filmkredit? Lagern wir die Gelder der Herstellung um? Gibt es einen Spezialkredit, oder müssen wir allenfalls eine Private Public Partnership anstreben?»

Offen ist auch eine weitere Frage: Wie macht man alte Filme, die es nur auf 35 mm gibt, digital zugänglich? Die Bestände sind gross und die Finanzen klein. Noch gibt es keine festgelegten Kriterien, nach denen der Bund Filme digitalisieren lässt. «Es ist klar, dass das wichtige Schweizer Filmerbe – wie zum Beispiel Werke von Alain Tanner oder Daniel Schmid – digitalisiert wird», sagt Kummer. «Unklar ist jedoch auch hier: Wer bezahlt das?»

Die Glocke klingelt, in Hansjörg Becks Kino in Gstaad ist die Pause vorbei. Die Menschen schlendern in den Saal, lassen sich in den Sesseln nieder und setzen sich die Brillen auf. Der Film geht weiter: «Die Abenteuer von Tim und Struppi: Das Geheimnis der Einhorn» in 3-D. Auch wenn sich hinter den Kulissen so einiges tut, für das Publikum ist ein Kinonachmittag im Grunde dasselbe wie vor zwanzig Jahren: in die grosse Leinwand eintauchen und die Welt rundherum vergessen. Nur steht heute in der Kabine eine schnaufende Lüftung anstelle eines ratternden Projektors – und immer häufiger gehört eine Brille dazu.

An den Filmtagen findet eine Podiumsdiskussion zum Thema «Neue Kriterien im digitalen Raum» statt in: Solothurn, Kino 
im Uferbau, Mi, 25. Januar, 13.30 Uhr.

Die Digitalisierung und das Geld: Wer bezahlt den Umbau?

Der Bund bezahlt mit dem Förderprogramm «Angebotsvielfalt und digitales Kino 2011», das den Umbau kleiner Kinos mitfinanziert, pro Saal und Jahr bis zu 12 000 Franken an die digitalen Geräte – während höchstens fünf Jahren und maximal bis zur Hälfte der Anschaffungskosten. Nur ein Kino, das die vom Bund definierte Angebotsvielfalt bei der Programmation erfüllt, erhält Subventionen. Das Programm sei eine Mogelpackung, monieren einzelne KinobesitzerInnen: Früher bekamen sie jährlich bis zu 6000 Franken Subventionen für eine vielfältige Programmation, diese «Vielfaltsförderung» wurde nun in die digitale Förderung umgelagert. «Ich verstehe, wenn einige von Mogelpackung reden», sagt Laurent Steiert von der Sektion Film des Bundesamts für Kultur. Fakt sei aber trotzdem, dass sie alles in allem mehr Geld als zuvor erhalten würden.

Kinos können auch finanzielle Unterstützung von den unabhängigen Verleihern erhalten. Kinobesitzer Hansjörg Beck kritisiert jedoch die Bedingungen, die kleine Landkinos davon ausschliessen: «Um von einem Verleih 600 Franken zu bekommen – das Maximum pro Film –, muss ich den Film in den ersten drei Wochen 63-mal spielen. Das geht zum Beispiel nicht in meinem Kino in Gstaad, mit dem ich eine ganze Region abdecke. Hier muss ich jeden Tag andere Filme zeigen.» Und Bea Cuttat vom Filmverleih Look Now! sagt: «Nur die Verleiher, die kommerziell vielversprechende Filme mit vielen Kopien gleichzeitig rausbringen können, profitieren wirklich von der digitalen Umrüstung. Für uns als kleinen Verleih, der pro Film etwa drei bis sechs Kopien hat, ist die Digitalisierung ein absolutes Nullsummenspiel.» Die Pressearbeit, die Plakate drucken, die Übersetzung der Filme, die Untertitel setzen – das alles bleibe für sie gleich teuer, werde aufgrund der neuen Technik zum Teil sogar teurer.

Silvia Süess

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