Nr. 04/2012 vom 26.01.2012

Ein Idyll mit Zukunft

Im Nordwesten Ecuadors wehren sich die BewohnerInnen einer abgelegenen Bergregion gegen die rücksichtslose Ausbeutung der Natur durch internationale Minenkonzerne. Sie entwickeln alternative Wirtschaftskonzepte, die für eine nachhaltige Entwicklung sorgen.

Von Sonja Wenger, Íntag

Im Nordwesten von Ecuador, in der Bergregion von Íntag, leistet die Bevölkerung seit siebzehn Jahren erfolgreich Widerstand gegen internationale Minenkonzerne. Zwar ist in Lateinamerika diese Form des Kampfes David gegen Goliath nichts Ungewöhnliches. Auch in anderen Regionen Ecuadors, in Peru, Argentinien und Chile kämpfen indigene und ländliche Gemeinschaften gegen den zügellosen Abbau ihrer Rohstoffe. Dabei kommt es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen der betroffenen Bevölkerung und der Polizei oder dem Militär.

In Íntag gibt es jedoch Alternativen zum Wirtschaftsmodell des sogenannten Extraktivismus. Aus dem Widerstand gegen den Bergbau sind verschiedene lokale Organisationen und gewerbliche Zusammenschlüsse hervorgegangen; sie sollen der Region eine nachhaltige Zukunft geben, die nicht auf der grenzenlosen Ausbeutung der natürlichen Ressourcen basiert.

Dabei soll unter anderem ein Wasserkraftprojekt mit einem Budget von fast 180 Millionen US-Dollar verwirklicht werden. Es soll Íntag und seine über 13 000 EinwohnerInnen langfristig mit Strom versorgen und jährlich vier Millionen US-Dollar Gewinn einbringen. Diesen wollen die Gemeinden in ihre Region investieren.

Aber kann so etwas funktionieren? Wer steht hinter diesen Projekten? Und mit welchen Schwierigkeiten hat eine ländliche Region zu kämpfen, wenn sie sich gegen die staatliche Wirtschaftspolitik und transnationale Konzerne stellt? Ich beschliesse, nach Íntag zu reisen, um mir diese Projekte anzusehen.

Mit Heiligen durch den Nebel

Eine Reise nach Íntag ist zeitaufwendig und abenteuerlich. Bis vor dreissig Jahren sei die Region nur über Mauleselpfade erreichbar gewesen, wird man mir später erzählen. Heute gibt es zwar eine Strasse, die Íntag mit der Stadt Otavalo verbindet, doch der meist schmale Verkehrsweg ist über weite Teile ausgewaschen und wird kaum unterhalten. Bei viel Regen kann die Verbindung auch mal vollkommen unbenutzbar sein.

Von Otavalo aus geht die Fahrt in einem bunt bemalten und mit Heiligenfiguren behängten Bus über Schotterpisten und Bergzüge. Laute Latinomusik plärrt aus dem Lautsprecher. Kaum hat der Bus Otavalo verlassen und die ersten Höhenzüge erklommen, wird es kühl, feucht und streckenweise so neblig, dass man nur wenige Meter weit sieht.

Die Gebirgsregion Íntag liegt in der nordwestlichen Provinz Imbabura auf einer Höhe zwischen 500 und 2400 Metern über Meer an den Hängen der Westkordillere. Sie erstreckt sich auf einer Länge von 148 Kilometern und umfasst rund 1700 Quadratkilometer – ungefähr die Fläche des Kantons Zürich.

Ein Tal mündet in das nächste. Die Hügel sind von dichtem, üppig wachsenden Nebelwald überzogen. Das immerfeuchte, aber relativ milde Klima begünstigt eine grosse Artenvielfalt. Wo es die Topografie erlaubt, wird Landwirtschaft betrieben. In diesem sensiblen Nebelwaldsystem sind immer wieder auch Flächen zu sehen, die mit Feuer gerodet wurden. Als trotziger Widerspruch dazu steht hie und da ein Schild am Strassenrand, auf dem steht, dass an dieser Stelle wieder aufgeforstet werde.

Zement und Kolibris

Nachdem meine Sitznachbarin Maria Tuguerres, eine Lehrerin aus Otavalo, erfahren hat, dass ich mich für die Problematik der Minen interessiere, weist sie auf der Fahrt auf verschiedene kahle Stellen an den bewaldeten Hängen hin. «Dort hat der französische Minenkonzern Lafarge nach Kalzium gesucht», sagt sie. Kalzium wird für die Zementherstellung benötigt. In Selva Alegre, weiter westlich im Tal, baut Lafarge seit über zwanzig Jahren dieses Erdkalimetall ab – mit gravierenden Folgen für die Umwelt und die Wasserqualität der Flüsse. Ob der Bergbau der Grund sei, dass in Íntag überhaupt eine Strasse gebaut wurde, frage ich Tuguerres. «Das weiss ich nicht. Aber dort, wo die Lastwagen der Firma fahren, ist die Strasse gut ausgebaut.»

Die dreieinhalb Stunden Fahrzeit ziehen sich hin. Endlich lässt mich der Busfahrer an der Haltestelle des Thermalbadhotels in Nangulví aussteigen. Hier werde Ökotourismus betrieben, steht auf dem grossen Schild am Eingang – eines der vielen Projekte in der Region Íntag. Eine Nacht in der Blockhütte kostet inklusive dreier Mahlzeiten und Eintritt ins Bad zwanzig US-Dollar. Ich bin der einzige Gast.

Das Zimmer hat weder Telefon noch Fernseher, dafür aber ein bequemes Bett. Die Dusche gibt relativ schnell den Geist auf, doch mit nur wenigen Schritten ist man im Thermalbad. Der Río Íntag braust lärmend hinter der Hütte vorbei. Frühmorgens kann man auf der Veranda Kolibris und Riesenschmetterlinge beobachten. Die Vielfalt der Pflanzen- und Vogelwelt in Íntag ist überwältigend – im Norden grenzt die Region an das Naturschutzreservat Cotacachi Cayapas. Das Frühstück im sympathisch eingerichteten Restaurant ist traditionell und gut: frittierte Bananenscheiben, Rührei, weisser Käse und ein Saft nach Wunsch. Am Abend gibt es Fisch aus der lokalen Zucht. In Nangulví kommen nur biologische Produkte aus dem Tal auf den Tisch.

Am nächsten Morgen geht es zum ersten Treffen mit den KoordinatorInnen der Íntag-Projekte in das einige Kilometer entfernte Dorf Apuela. Da die Dörfer hier nicht mit einem öffentlichem Verkehrssystem verbunden sind, heisst das für alle, die kein Auto oder Motorrad besitzen: laufen. Eine halbe Stunde würde ich nach Apuela brauchen, sagt man mir an der Rezeption. Dass diese Angabe nichts mit der Realität zu tun hat, merke ich schnell. Und da es in Íntag kaum Handyempfang gibt, kann ich niemandem Bescheid geben, dass ich mich verspäte.

Die Corporación Toisán ist der 2005 gegründete Dachverband von neun lokalen Organisationen und gewerblichen Verbänden (vgl. «Toisán – gemeinsam stark in Íntag»), die im Zuge des Widerstands gegen die Bergbaufirmen entstanden. Ihr Büro ist in einem hübschen Steinhaus untergebracht. Es herrscht lockere Geschäftigkeit. Der Direktor, José Cueva, bespricht sich gerade mit Robinson Guachagmira, dem Präsidenten des 2006 gegründeten Netzes Ökotourismus. Ebenfalls dabei sind Edmundo Varela und Johanna Carcelen, der Präsident respektive die technische Koordinatorin des Verbands der KaffeebäuerInnen im Tal.

Es geht um Strategieplanung: «Wir müssen herausfinden, wie man die jungen Leute des Tals motivieren kann, sich in den Projekten zu engagieren», sagt Carcelen. Varela fragt in die Runde, wie man ein touristisch interessantes Programm zusammenstellen könnte. Von einer Tour durch Kaffeeplantagen ist die Rede und wie das finanziert werden könne. Die Anwesenden stellen sich aber auch die Frage, wie man die Bevölkerung für die Bedürfnisse der TouristInnen sensibilisieren könne.

Das Konzept der Corporación Toisán beruht auf Information, Bildung, technischer Unterstützung und Hilfe zur Selbsthilfe. Immer wieder geht es im Gespräch deshalb um die Bewusstseinsbildung der Bevölkerung. So soll es sich beim Geld, das die BesitzerInnen einer Kaffeefinca beispielsweise für bauliche Anpassungen bekommen, um eine zweckgebundene Unterstützung handeln. «Und die Leute bekommen höchsten die Hälfte des benötigten Betrags», sagt Carcelen. So werde sichergestellt, dass die Leute auch selbst eine Leistung erbringen.

«Der Tourismus ist eine echte Alternative für die Menschen im Tal», sagt Guachagmira. Dennoch sei man sich durchaus bewusst, dass zu viel Tourismus auch Gefahren in sich berge. «Wenn der Besucherstrom eine gewisse Grösse annimmt, braucht es Regeln und Ordnung», sagt Varela. So weit ist es aber noch lange nicht: Derzeit kommen jährlich etwa 4000 TouristInnen in die Region.

Den eigenen Wald kaufen

In Apuela befindet sich auch das Büro der lokalen Zeitung «Periódico Íntag», eines wichtigen Instruments bei der Politisierung der Talbevölkerung. Sie wurde vor über zehn Jahren von einer US-Journalistin gegründet. «Wir machen Reportagen und schreiben über die lokalen Projekte», sagt Carolina Carrión, eine der Redaktorinnen. Die Zeitung bietet aber nicht nur Lokalnachrichten, sondern auch internationale Berichterstattung, etwa über den Arabischen Frühling, die Occupy-Bewegung oder den Kampf gegen Minenprojekte in anderen Gegenden Lateinamerikas. «Das sind Themen, die uns interessieren», sagt Carrión. «Periódico Íntag» hat eine gedruckte Auflage von rund 800 Exemplaren. Die Website ist dreisprachig: spanisch, englisch und deutsch.

Nach dem Treffen mit Carrión fährt mich Guachagmira mit dem Motorrad zurück nach Nangulví, wo das Netz Ökotourismus seinen Sitz hat. Das Büro fungiert gleichzeitig als Lokalmuseum und Lagerraum für Sportgeräte. Hier kann man sich tagsüber über die Projekte von Toisán informieren, Karten studieren und das Internet nutzen. Das Netz ist ein Zusammenschluss von vierzehn Gruppen, die den Ökotourismus auf Gemeindeebene aufbauen wollen und alles Mögliche anbieten: Pauschalreisen, Trekking und Sporttouren mit Kanus, Mountainbikes oder Pferden, Ausflüge in den Nebelwald, auf Kaffeeplantagen oder zu handwerklichen Betrieben. Guachagmira und seine MitarbeiterInnen sind ständig auf der Suche nach neuen Ideen.

Doch die Visionen der Leute von Toisán gehen weit über den Tourismus hinaus. Ihre Projekte sollen auf ein gemeinsames Wohl ausgerichtet sein und dabei gleichzeitig die natürlichen Ressourcen und die Umwelt schützen. Aufgrund dieses Anspruchs ist der Kampf gegen Minenkonzerne eines ihrer wichtigsten Anliegen. Bisher waren sie erfolgreich. So haben sie es geschafft, seit Mitte der neunziger Jahre 23 von der Regierung illegal – also ohne vorherige Konsultation der betroffenen Bevölkerung – vergebene Minenkonzessionen abzuwehren.

Die Bedrohung der Umwelt von Íntag durch den Bergbau ist real. Eine weitere grosse Mine im Tal hätte Entwaldung, Verwüstung und Wasserverschmutzung zur Folge. Eine Methode, mit der sich die Bevölkerung die Zukunft ihrer Wasserversorgung sichern will, ist der Kauf von Waldflächen und von Land in den Einzugsgebieten der 25 Flüsse in Íntag. Auf diese Weise hat Toisán bisher fast 5000 Hektaren unter Naturschutz stellen können. «Das Geld dafür kommt hauptsächlich von Spenden aus Deutschland und Britannien», sagt José Cueva, der Direktor von Toisán. Für hundert US-Dollar könne man hier einen Hektar Nebelwald kaufen.

Erst einmal Daten sammeln

José Cueva ist ein Mensch, der Enthusiasmus verbreitet. Besonders am Herzen liegt ihm die zukünftige Energieversorgung des Tals. Zusammen mit einem Kollegen initiierte er 2006 das Projekt Hidroíntag. In den nächsten Jahren sollen dabei zehn kleine Wasserkraftwerke in Íntag gebaut werden – mit einer Gesamtleistung von hundert Megawatt.

Einfach war es allerdings nicht, das Projekt zu entwickeln. «Als wir das erste Mal darüber nachdachten, merkten wir, dass es keinerlei Informationen über die Hydrologie, Meteorologie und Geologie des Tals gab», erzählt Cueva. «Wir mussten erst einmal Daten sammeln: über die Einzugsgebiete der Flüsse und die Qualität des Wassers, über die Fliessmengen und -geschwindigkeiten, über die Art der Sedimente in den Flüssen und so weiter.» Durch Zufall habe sich 2008 die Zusammenarbeit mit einem Team französischer WissenschaftlerInnen ergeben. Inzwischen wurde eine ausführliche Machbarkeitsstudie erstellt.

Die Wasserkraftwerke sollen aber nicht nur Íntag mit Strom versorgen, sondern so viel Überschuss produzieren, dass durch den Verkauf des Stroms jährlich pro Werk 400 000 US-Dollar Gewinn erzielt werden können. Dieses Geld werde dann von einem Treuhandfonds verwaltet und solle zur Finanzierung des Ausbaus der Infrastruktur verwendet werden. Íntag braucht bessere Strassen, mehr Schulen und Gesundheitszentren.

Laut José Cueva ist die Finanzierung des ersten Wasserkraftwerks in Nangulví durch eine alternative Bank gesichert, die bisher Entwicklungsprojekte in den USA, Costa Rica und Bolivien unterstützt. «Und im März sind die Studien so weit abgeschlossen, dass noch 2012 mit dem Bau begonnen werden kann.» Trotzdem ist es noch ein weiter Weg bis zu Íntags Energiesouveränität: Die Gesamtkosten des Projekts werden von den OrganisatorInnen auf fast 180 Millionen US-Dollar veranschlagt. In einem Strategiepapier von Toisán ist allerdings zu lesen, dass die Kosten für Klima- und Umweltschäden, den Verlust der Biodiversität, die Ausgaben für Treibstoffe, die beim klassischen System der Energieversorgung etwa mit Erdöl anfallen, diesen Betrag um ein Vielfaches übersteigen. Hinzu kommt, dass Hidroíntag für Hunderte von Menschen Arbeit schaffen würde.

Die ecuadorianische Regierung zeigt allerdings wenig Interesse am Projekt. Im Gegenteil. Gerade die Wirtschaftspolitik der linken Regierung von Präsident Rafael Correa könnte widersprüchlicher nicht sein. Einerseits hat die Regierung seit ihrem Amtsantritt 2007 eine Serie sozialer Programme wie etwa finanzielle Unterstützung der Ärmsten oder kostenlose Verteilung von Medikamenten gestartet. Andererseits setzt Correa zur Finanzierung der Sozialprogramme fast ganz auf intensive Ausbeutung der nicht erneuerbaren Ressourcen.

«Der einzige Unterschied zu früher ist, dass der Abbau nun unter staatlicher Kontrolle passiert», sagt Cueva. Zwar habe sich unter Correa die Situation in Ecuador allgemein betrachtet sicher verbessert. «Aber das System ist dasselbe geblieben. Und die Korruption ist sogar noch schlimmer geworden.» Der Staat legt den AktvistInnen von Íntag auch bewusst Hürden in den Weg. «Anfang 2010 wurden plötzlich sämtliche Konten, die unsere Organisationen bei staatlichen Banken hatten, aufgelöst – ohne dass wir dafür je eine Erklärung erhalten hätten», sagt Cueva.

Rindermist und Asche mischen

José Cueva lebt seit 1997 in Íntag. Der studierte Agronom ist kurz nach den ersten Protesten gegen internationale Minenkonzerne hierhergezogen. «Die Leute waren stolz darauf, dass die Regierung sie wegen ihres Widerstands als Terroristen bezeichnete», erzählt Cueva lachend. «Das hat mir imponiert.»

Neben seiner Arbeit als Koordinator für Toisán bewirtschaftet Cueva mit seiner Frau Sonja und ihren zwei Kindern seit 2001 eine kleine biologische Kaffeeplantage. Ihr Haus hat er nach eigenen Plänen gebaut: rund, bunt und ausschliesslich mit natürlichen Materialien wie Bambusholz und Ton. «Im Winter ist es warm und im Sommer kühl», erzählt Cueva. Auch seinen Dünger mache er selber, sagt er und zeigt auf dem Rundgang gleich, wie das geht. In Plastiktonnen mischt er frischen Rindermist, Wasser, Milch, Melasse, Asche, Phosphor und verschiedene Mineralien zusammen, je nach gewünschtem Zweck des Düngers.

Seine Finca umfasst fünf Hektaren. Das sei eher klein, sagt Cueva. Das Wissen darüber, wie man Kaffee biologisch und mit guten Erträgen anbaut, habe er sich über die Jahre hinweg aneignen müssen: Wie viel Abstand die Sträucher brauchen; welche Pflanzen und Bäume dazwischen wachsen sollen, damit der Boden nicht auslaugt; wie oft und wann und vor allem wie die Sträucher geschnitten werden müssen – das alles sei eine Wissenschaft für sich. Aber es lohne sich. «Unser Kaffee erzielt auf der Qualitätsskala zwischen 86 und 90 Punkten – das ist etwas vom Höchsten, was es gibt.»

Kürbis und Schnaps

Nach dem Besuch der Kaffeefinca ist eine Fahrt durchs Tal angesagt. Dabei merkt man schnell, wieso der Widerstand gegen den Bergbau gute Gründe hat. So wird in der Zone von Manduriacos im westlichen Teil von Íntag, und dort besonders auf Höhe der Zementfabrik in Selva Alegre, die Strasse breiter und staubiger. Die Vegetation erstickt unter dem Staub. Und der Fluss Guayllabamba, der weiter Richtung Quito fliesst, ist an einigen Stellen eine stinkende braune Brühe.

Entsprechend ist der Kampf gegen die Minenfirmen auch in den Werkstätten von Gran Valle de Manduriacos in Magdalena Bajo ein Thema. Hier verarbeiten vor allem Frauen landwirtschaftliche Produkte. «Wir wollen keine Mine in unserem Tal», sagt Carmen Rodriguez, und alle Frauen um sie herum nicken. «Es geht um die Zukunft unserer Kinder.» Rodriguez leitet die Werkstatt für Kunsthandwerk, in der das getrocknete, grobfaserige Gewebe der Luffapflanze, eines Schwammkürbisgewächses, zu Dekorationsfiguren, Modeartikeln oder Waschutensilien verarbeitet wird.

In einem anderen Gebäude wird Licor de la Peña hergestellt, ein Schnaps, der auf biologisch angebautem Zuckerrohrsaft basiert. Er wird hier destilliert und mit verschiedenen Aromen angereichert. Gleich nebenan werden Bohnen aus lokalem Anbau in Handarbeit aussortiert und abgepackt. Eine Palette ist voller italienisch angeschriebener Packungen für den Export nach Europa. Andere hier verarbeitete Produkte sind Erdnüsse sowie Barsche aus der lokalen Fischzucht.

Die Werkstätten wurden 1998 gegründet und haben in den Gemeinschaften viel verändert. «Vorher gab es für Frauen kaum eine andere Arbeit als auf dem Feld», erzählt Rodriguez. «Nun sind sie unabhängiger und selbstbewusster geworden.» Dies führe zwar manchmal zu Konflikten in den Familien, denn nicht alle Männer könnten damit umgehen. Aber es habe eine spürbare Veränderung in der Mentalität stattgefunden. «Über 160 Familien profitieren direkt oder indirekt von unserer Arbeit», fügt Alex Ayála hinzu, technischer Berater der Werkstätten und einer der wenigen Männer, die hier arbeiten. «Besonders auch in den leitenden Funktionen sind viele Frauen.»

Naturkosmetik und Fisch

Ein kleineres Projekt, aber ebenfalls mit grossem Einfluss auf die Gemeinde, ist die Werkstatt El Rosal im gleichnamigen Bergdorf oberhalb von García Moreno. Seit 2002 produzieren in dem Ort, in dem 72 Personen leben, vier Frauen Seifen, Crèmes und Shampoos – aus den Extrakten der lokal wachsenden Aloepflanze, aus Brennnesseln, Zitronensträuchern, Drachenbäumen und Papayagewächsen.

Am Anfang sei es schwer gewesen, die Produkte auf den Markt zu bringen, erzählt Germania Haro, die Leiterin der Werkstatt. «Alles mussten wir erst lernen: Wie man einen Betrieb führt oder was Buchhaltung ist und wie man den Vertrieb organisiert.» Ausserdem habe keine der Frauen eine chemische Ausbildung, sagt Haro. «Die Formel für unsere Produkte haben wir durch Ausprobieren selber entwickelt.»

Zwischen Januar und Oktober letzten Jahres haben die Frauen in Handarbeit über 15 000 Seifen hergestellt. Ihre Produkte werden in die USA, nach Spanien, Frankreich und in die Schweiz exportiert – und finden sich natürlich auch in den Hotels von Íntag. In El Rosal wird aber nicht nur Kosmetik hergestellt, hier können TouristInnen auch bei Familien wohnen. Von El Rosal aus werden Touren organisiert. Und auf mehreren Terrassenstufen wird eine Fischzucht betrieben.

In allen Betrieben, die ich besucht habe, fällt auf, dass die Beteiligten über einen hohen Organisationsgrad, ein starkes politisches Bewusstsein und einen ausgeprägten Sinn für die Gemeinschaft verfügen. Für Robinson Guachagmira, Carmen Rodriguez und Germania Haro geht es bei ihrer Arbeit um mehr als darum, «wirtschaftliche Impulse» zu wecken. Sie haben die Erfahrung gemacht, etwas bewirken zu können. «Und das kann uns niemand mehr wegnehmen», sagt Guachagmira.

Neue Bedrohung

Doch trotz der vielen funktionierenden Projekte ist die Bedrohung von Íntag noch lange nicht ausgestanden. Das zeigte sich am 12. Januar, als in Paraíso drei Lastwagen mit Arbeitern auftauchten, die für den chilenischen Minenkonzern Codelco Bohrungen ausführen sollten. Codelco will bei Paraíso Kupfer im Tagebau fördern. Die Firma ist berüchtigt für ihre umweltzerstörende Abbautechnik und steht besonders für die Mine im chilenischen Atacama in der Kritik. Zwar hat das ecuadorianische Umweltministerium letzten September eine Umweltverträglichkeitsstudie des Konzerns zurückgewiesen. Dennoch unterzeichnete Codelco im Dezember mit dem staatlichen Minenkonzern Enami einen Vertrag und verkündete, sie rechne damit, dass ihre Studie bald angenommen werde.

Die lokale Umweltschutzorganisation Decoins hat auf ihrer Website inzwischen ein Protestschreiben publiziert. Sie wirft der Regierung vor, den Minensektor nicht kontrollieren zu können – und das auch nicht zu wollen. Besonders schwer wiegt dabei die Tatsache, dass in ihrem Verwaltungsdistrikt bereits seit 2000 ein Verbot für Minen im Tagebau existiert.

Noch ist unklar, wie die Bevölkerung auf die neuste Entwicklung reagieren wird. «Die Menschen sind sehr beunruhigt», sagt José Cueva auf Nachfrage der WOZ. Besonders, nachdem sich Mitte Oktober zwanzig Soldaten ohne plausible Erklärung während einer Woche im Gebiet aufgehalten hatten. Und obwohl die Stimmung der Bevölkerung allgemein von Optimismus dominiert wird, ist unterschwellig stets spürbar, dass viele bereit sind, für das Erreichte zu kämpfen – mit allen Mitteln. «Die Menschen in Íntag wissen genau, was sie zu verlieren haben, wenn hier eine Mine hinkommt.»

Der Film «Under Rich Earth – Bajo suelos ricos» des 
kanadischen Regisseurs Malcom Rogge von 2009 dokumentiert 
den Widerstand in Íntag.

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